02.12.2013

Ist die deutsche Fankultur bedroht, Hansi Küpper?

»Pyros sind Symbol eines Stellvertreterkrieges«

Hansi Küpper ist einer der wenigen prominenten Fußball-Kommentatoren, die in den vergangenen Jahren offen Partei für die aktive deutsche Fanszene ergriffen und gleichzeitig Politiker und Sicherheitsbehören kritisiert haben. Ein Interview über heraufbeschworene Bürgerkriege und »Nazi-Schweine«.

Interview: Alex Raack Bild: Imago

Hansi Küpper, Sie haben in Kommentaren für die Dortmunder Fan-Seite »schwatzgelb.de« und in verschiedenen medialen Auftritten klar Stellung zu den Fan- und Sicherheitsdiskussionen der vergangenen Monate bezogen. Und zwar zu Gunsten der Anhänger in den Kurven. Sind Sie mit dieser Einstellung unter deutschen Fußball-Kommentatoren eigentlich allein?
Vermutlich denken viele meiner Kollegen ähnlich, nur halten sich die meisten aus dieser Debatte heraus. Sie erfüllen ihre Aufgabe – nämlich ein Spiel zu kommentieren und zusammenzufassen – aber von allem, was darüber hinausgeht, lassen sie lieber die Finger.

Warum ist das so?
Ich kann nicht für die Kollegen sprechen. Ich interessiere mich schon deshalb für solche Themen wie 50+1, die Sicherheitsdebatte, Pyro und so weiter, weil es mich als Privatperson betrifft. Ich gehe zum Fußball, seit ich geradeaus gucken kann und als regelmäßiger Zuschauer kommt man um diese Dinge eben nicht herum.

Wird denn heute noch verhältnismäßig über Vorfälle auf den Tribünen berichtet?
Nein, und das ist ein Vorwurf, den man uns, den Medien, machen muss. Wenn heute irgendwo eine Pyrofackel abgebrannt wird, geht am nächsten Tag die Gewaltdebatte in die nächste Runde. Nicht falsch verstehen: Ich bin strikt gegen Pyro, und wer die Gesundheit anderer gefährdet, verdient null Toleranz – aber lediglich eine Fackel abzubrennen hat doch nichts mit Gewalt zu tun.

Sie sind seit 1989 Kommentator und zuvor schon jahrelang als Fan in den Stadien unterwegs gewesen. Was hat sich seitdem an der medialen Wahrnehmung der Fankultur geändert?
Sie und ich haben von dem unglaublichen Hype profitiert, der den Fußball inzwischen zu einem scheinbar unverzichtbaren Teil unserer Gesellschaft gemacht hat. Fußball ist unglaublich groß und wichtig geworden. Dementsprechend riesig ist die Zahl derer, die darüber berichten, sprechen und denken. In den siebziger Jahren war die Gewalt in der Bundesliga zuweilen exzessiv, nur hat das damals niemand mitbekommen. In den frühen Neunzigern hatten wir teilweise bürgerkriegsähnliche Zustände, aber gesamtgesellschaftlich war der Fußball nicht relevant, deshalb hat sich dafür keiner interessiert.

Und heute?
Heute haben wir meiner Meinung nach einen historischen Zustand erreicht: Noch nie haben sich mehr Menschen für Fußball interessiert, noch nie war es sicherer in den Stadien. Und trotzdem führen wir seit einer halben Ewigkeit hitzige Debatten darüber, wie gefährlich der Besuch eines Fußballspiels ist. Das finde ich paradox.

Als bestes Beispiel dafür haben Sie bereits mehrfach die Vorkommnisse beim Relegations-Rückspiel 2012 zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC aufgeführt.
Das war das Groteskeste, was ich je beim Fußball erlebt habe: Dass eine Aufstiegsparty zu einem Bürgerkrieg umgedeutet wurde, obwohl tausende Fans und selbst die Polizei vor Ort es als genau das empfunden haben, was es war: eine Party. Pure Freude, Emotionen, das Glück von Fußball-Fans. Vielleicht etwas verfrüht, aber das war es dann schon. Über einen ausgerupften Elfmeterpunkt hätten wir uns alle zehn Jahre zuvor köstlich amüsiert – jetzt wurde das selbst von seriösen Medien als Auslöser für kriegsähnliche Zustände gewertet und monatelang breit getreten, bis endlich auf die Bremse getreten wurde. Unfassbar.

Was macht der deutsche Journalismus konkret falsch?
Er verliert häufig den Blick fürs Wesentliche. Merkwürdigerweise vor allem beim Fußball. Wir haben überall in unserer Gesellschaft Probleme, aber wenn beim Fußball etwas aus dem Ruder läuft, setzt ein erstaunlicher Herdentrieb, ja, eine wahre Hysterie ein, die viele Kollegen mitreißt und eine angemessene Berichterstattung verhindert. Wenn dann einer vom anderen abschreibt, konterkariert das die unglaubliche mediale Vielfalt, auf die wir ja eigentlich stolz sein können.

Welchen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung schreiben Sie den Medien zu?
Einen sehr großen. Wenn pro Saison zwei Millionen Menschen in die Bundesliga-Stadien gehen – und dort die Chance haben, sich selbst ein Bild von der Situation zu machen, dann waren 80 Millionen nicht beim Fußball. Dieser Verantwortung muss man sich bewusst sein, wenn man wegen zwei abgebrannten Pyrofackeln oder einem Platzsturm das Ende der zivilisierten Welt prophezeit.

Wie beurteilen Sie die ständige Diskussion um das Pro und Contra von Pyrotechnik?
Ich erinnere mich an das Uefa-Cup-Finalhinspiel 1993 zwischen Borussia Dortmund und Juventus Turin. Da gab es im Stadionheft eine Seite zum Ausklappen: Die Südtribüne in rotes Pyrofeuer eingetaucht und die Worte: »Benvenuto, Juve!«. Pyro war damals der Inbegriff der guten Stimmung im Stadion. Dann wurde es verboten, und dafür gab es ja auch gute Gründe, ich erinnere nur an den Vorfall beim Spiel Bochum gegen Nürnberg, als plötzlich zwei Fans quasi in Flammen standen. Inzwischen ist die Pyrofackel für mich nur noch das Symbol eines leidigen Stellvertreterkrieges.

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