Ist Deutschland arrogant, Lutz Pfannenstiel?

»Wir sind wie Uhren«

In Teil 2 des Interviews mit Lutz Pfannenstiel spricht der Mann, der bei 30 Vereinen die Torwarthandschuhe überzog, über brasilianische Torhüter, 25 Purzelbäume und chinesisch/indisch Inkompetenzen im Torwarttraining. Ist Deutschland arrogant, Lutz Pfannenstiel?

Lutz Pfannenstiel, ist der deutsche Fußball ignorant?

Nicht der deutsche Fußball an sich. Die deutschen Fans sind interessiert. Dann sieht man ja auch an eurem Magazin. Die Leser interessieren sich für Geschichten über Island, die Färöer oder Tuvalu. Aber die Vereinsbosse und Leute aus den Vorständen, die schauen auf solche Sachen negativ herab. Das ist Ignoranz und Arroganz. Ein bisschen Weltoffenheit würde denen doch keinen Zacken aus der Krone brechen.

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Kommen wir zurück zu unserer Weltreise aus Torhüter-Sicht. Uns fehlt noch Südamerika.

Bezüglich Südamerika war ich immer skeptisch. In Brasilien habe ich es dann auf die harte Tour gelernt. »Torwart in Brasilien«, dachte ich mir, »das ist für dich doch nun kein Problem.« Aber die haben dort einen sehr hohen Level bei ihren Torhütern. Das Torwarttraining dort war das Beste, was ich je erlebt habe. Meine brasilianischen Torwartkollegen waren überragend mit dem Fuß, und hatten auch insgesamt eine hohe Qualität. Mein Torwarttrainer hat mich erst spielen lassen, als ich den seitlichen Abschlag beherrschte. Und nie im Leben habe ich mich wieder so intensiv und lange dehnen müssen! Mein Gott, war ich elastisch...  

Zusätzlich haben Sie mir Ihrem Engagement in Brasilien bei CA Hermann Aichinger einen Weltrekord gebrochen...

Ich war jetzt in jedem der sechs Kontinentalverbände als Spieler aktiv. Und noch was: ich bin der erste deutsche Profi, der je in der brasilianischen Liga tätig war. Das war eine Ehre, vielleicht sogar der Höhepunkt meiner Karriere. Dass ich, als ganz normaler  Spieler, dort einen guten Vertrag bei einem guten Verein bekommen habe, war eine Meisterleistung von meinem Agenten dort. Eigentlich ist Brasilien ja ein Fußball-Exportland. Aber als einer der wenigen Europäer in Brasilien spielen zu dürfen, war eine besondere Ehre.

Brasilianische Fußballer haben in Deutschland einen ganz bestimmten Ruf. Wie ist das bei Deutschen in Brasilien?

Die denken, wir wären wie Schweizer Uhren oder Computer. »Ihr macht keine Fehler, bringt eure Leistung, eiskalt durchgeplant, aber ohne Spaß und Lebensfreude«, ist wohl das gängigste Klischee. Andererseits sind sie aber genau von dieser Art, auch der Gründlichkeit, beeindruckt. Letzten Endes haben sie etwas von mir gelernt und ich etwas von ihnen. Einmal hat es geregnet, unser Trainingsplatz war gesperrt und wir mussten zu einem fünf Kilometer entfernten Trainingsplatz fahren. Meine Teamkollegen hatten in Windeseile eine kleine Kapelle zusammen, mit Trommeln, Rasseln und einer Gitarre aus Flaschen und Steinen. Die zehn Minuten Busfahrt wurde nur gesungen und getanzt. Brasilianer sind einfach immer glücklich.  

Die »deutschen Tugenden«, die Sie angesprochen haben, haben Sie die in all den Jahren eigentlich beibehalten?  

Eigentlich schon. Natürlich muss man sich anpassen. Wenn mich in Brasilien jemand zu spät abholt, dann bin ich nicht böse. Dafür bin ich aber immer noch auf die Minute pünktlich.  

Wir sprachen über die Trainingsbedingungen in Brasilien. Sind Ihnen im Laufe der Jahre besondere Übungseinheiten hängen geblieben?

Meinem ersten Trainer in Singapur hätte ich am liebsten den Kragen umgedreht. Das war ein Inder, ein Sikh, der meinte er wäre der beste Torwarttrainer, obwohl er keine Ahnung hatte (er hat in seinem leben selbst wohl nicht mal eine schmetterling gefangen). Als Qualifikation hatte er lediglich einen Crash-Kurs als Torwarttrainer vorzuweisen, gleichzeitig war er noch Physiotherapeut im Verein. Der hat uns auch mal 25 Rollen vorwärts hintereinander machen lassen. Eigentlich hätte ich ihm nach zwei Einheiten schon raten sollen, dass er seine Handschuhe wegschmeißt. Aber ich hab versucht mich professionell zu verhalten. Nach zwei Monaten habe ich dann um einen anderen Trainer gebeten, ich hatte schon blaue Flecken vom Purzelbaumschlagen. Er war dann also nur noch Physiotherapeut. Drei Wochen später habe ich mir in einem Spiel den Arm gebrochen, das ganze Stadion hat es gesehen. Mein Unterarm stand völlig abnorm ab. Der Typ kommt, und fragt, was denn los mit mir sei. Ich zeige ihm meinen Arm, der nun wirklich nicht mehr gut aussah, und er sagt nur »Komm, packen wir ein bisschen Eis drauf, dann geht es weiter.« Da habe ich ihn gefragt, ob er nicht sehen würde, dass mein Arm um 45 Grad verdreht ist. »Oh«, das hätte er nicht gesehen. Danach wurde er endgültig gefeuert. In China hatte ich mal einen Trainer, der uns so lange hat über den Platz rennen lassen, bis wir alle am kotzen waren. Das war Training wie in der Hölle.

page]Wie kann man sich als Ausländer korrekt verhalten, wenn ganz offensichtlich etwas falsch läuft?

Am Anfang hast du da wenig Einfluss, vielleicht kannst du es salomonisch beilegen. Gerade die Asiaten sind sehr hart. Da wird hart trainiert, da gibt es auch mal eine Ohrfeige, wenn etwas nicht klappt und dann ist gut. Mir hat keiner eine gegeben, aber die Koreaner hauen sich schon mal aufs Maul. Selbst in der Halbzeit bei Champions-League-Spielen. Ich sitze daneben und denke mir, das geht nun wirklich nicht. Aber okay... das ist Asien. In England haben die Trainer zwar keine Kellen verteilt, dafür ist das Training allerdings ebenfalls sehr anders, als in Deutschland. Man macht kaum Sprung-, Dehn-, und Technikübungen, dafür enorm viel Handling und Footwork. Du fängst und fängst und fängst. Schauen sie mal genau hin: englische Torhüter boxen nie!  

Womit wir das Geheimnis von Andreas Köpcke bei der EM 1996 gelüftet hätten – der hat ja nun alles weggeboxt, was nicht bei drei auf dem Baum war...

Ja, das mögen die Engländer gar nicht. In England boxen sie sich höchstens mal in der Kabine (lacht).

Anderes Thema: Aktuell sind Sie auch im Auftrag Ihres Projekts »Global Goal« unterwegs. Worum geht es da?

Die Grundidee ist, dass Fußball die globalste Sportart der Welt ist. Fußball ist das schönste Spiel der Welt. Es ist das ideale Mittel, um auf das größte Problem der Welt hinzuweisen, die Erderwärmung. In Europa wissen die Leute schon ganz gut Bescheid. Aber auch hier ist es leichter mit einem Lothar Matthäus Menschen in Rostock oder Wuppertal über die Erderwärmung aufzuklären, als mit irgendeinem Politiker oder Naturschützer. Mit Spielen an Orten wie der Antarktis, Nepal, dem Amazonasgebiet oder Tansania wollen wir auf Plätze in der Welt hinweisen, die schon jetzt vom Klimawandel betroffen sind. Mit den Spielen kann man Presse und Sponsoren aufmerksam machen und das Geld schlau investieren.  

Sie sammeln bei diesen Showspielen also Geld und Aufmerksamkeit?

Genau, es sind aber auch anderen Aktionen geplant. Einer von uns wird zum Beispiel den Kilimandscharo besteigen, um so auf die akuten Probleme hinzuweisen. Das wird vermutlich nicht ein Romario oder Maradona machen, die sind dafür zu gemächlich. Aber dass ich einen Dan Petrescu dazubekomme, ist schon recht wahrscheinlich. Unsere Auswahl an Spieler ist ja auch relativ groß, bislang wurden 168 Fußballer für den Global United FC verpflichtet. Das Geld wird dann gezielt in Projekte gesteckt, wie zum Beispiel Trinkwasser-Brunnen In Äthiopien.

In einem 11FREUNDE-Bericht ist zu lesen, dass Sie dieses Sendebewusstsein erst nach der Zeit im Knast von Singapur erlangt haben.

Ich war bis dahin der typische Fußballer: Dicke Karre, Frauen, Geld, Playstation. Aber das Gefängnis und das Erlebnis in Bradford, als ich schon klinisch tot war, das hat mich verändert. Das waren Augenöffner. Da kam meine soziale Ader durch und das Wissen, dass es wichtigere Dinge gibt. Ich habe im Gefängnis von Singapur so sehr gelitten, danach war mir klar, dass ich entweder was mit Menschenrechten oder Umwelt machen werde. Weil ich in der Welt schon so viele wunderschöne Orte gesehen habe, fiel meine Wahl schließlich auf das Umweltprojekt.  Auch weil ich aus dem bayerischen Wald stamme und daher schon immer der Natur sehr verbunden war.

Welche Träume und Pläne hat Lutz Pfannenstiel eigentlich für Zukunft?


Das klingt jetzt vielleicht recht merkwürdig für jemanden, der als seinen aktuellen Wohnsitz Windhoek, Namibia angibt, aber meine Vision ist es, irgendwann mal einen deutschen Klub in der Regionalliga zu übernehmen und diesen dann in den bezahlten Fussball zu führen.

Im ersten Teil des 11FREUNDE-Interviews spricht Lutz Pfannenstiel über Thomas Nkono und Pflaumen aus dem Mutterland.

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