Ist Datensammeln im Fußball sinnlos?

»Wir wollen eine Revolution«

Sorry Nerds, aber die Euphorie um Fußballdaten ist verflogen! DFB-Chefanalyst Christofer Clemens erklärt, wie er dennoch einen Neuanfang starten will.

imago
Heft: #
160

Christofer Clemens, im Film »Die Mannschaft« sieht man die Nationalspieler im Campo Bahia ständig mit Smartphones in der Hand. Waren sie die ganze Zeit mit der internen App der Nationalmannschaft beschäftigt?
Wohl eher nicht, aber sie war bei der Kommunikation und der Vorbereitung auf die Spiele schon wichtig.

Wie muss man sich das vorstellen?
Einerseits wie ein Mikro-Facebook für alle im Camp. Darüber wurden Erinnerungen verschickt, dass der Bus zum Training fährt oder Gegner an der Tischtennisplatte gesucht werden. Und als ich zwischendurch nach Rio musste und beim Anflug das Maracanã-Stadion fotografiert und dann gepostet habe, kam von fast allen Spielern eine Antwort darauf. Aber wir haben ihnen auf der App auch Szenen über ihre nächsten Gegenspieler hinterlegt. Sie konnten aber auch auf Grundsatzinformationen über unsere Spielidee mit Beispielvideos zugreifen.

Interessierte die Profis das denn?
Oh ja. Wir waren überrascht davon, wie intensiv sich diese Generation von Spielern damit beschäftigt. In unserem Analyseraum stand ein großer Touchscreen, wo sie alle interessanten Szenen finden konnten. Als wir etwa gegen Ghana einige Schwierigkeiten in der Spieleröffnung hatten, haben wir die entsprechenden Beispiele aufbereitet. Dann standen da Philipp Lahm, Mats Hummels oder andere und konnten intuitiv mit wenigen Klicks die entsprechenden Situation herausfiltern. Die haben sie diskutiert und dann gesagt: »Das ist genau das, was wir auch im Gefühl hatten, was wir besser machen müssen.« Am Ende konnten sie Szenen auch noch abspeichern und auf die App schicken. Im Grunde sind sie dadurch zu Spielanalysten geworden.

War das so geplant?
Eigenverantwortung war generell ein großes Thema bei der WM. Der Rahmen, wie wir spielen wollten, den hat der Trainerstab vorher im Trainingslager sehr klar bestimmt. Beim Turnier ging es dann nur noch um Feinjustierungen, und an der Lösung von Problemen auf dem Platz sollten die Spieler aktiv mitarbeiten. Auch das hat übrigens zum großartigen Teamgeist mit beigetragen.

Gehörte zur aktiven Mitarbeit der Spieler auch, sich durch endlos lange Listen von Daten zu pflügen?
Nein. Zumal selbst wir Spielanalysten all das während der WM ziemlich außer Acht gelassen haben, worauf wir in den Jahren geschaut haben, seien es Ballkontaktzeiten oder die Zahl vertikaler Pässe und dergleichen.

Warum?
Wir haben zunehmend den Eindruck, dass Daten fehlen, die einem wirklich Auskunft darüber geben, wie man im Fußball erfolgreich ist. 

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!