Island-Experte Fritz Kissing im Interview

»Es war so kalt«

Heute empfängt Island die Superstars aus Portugal in der EM-Qualifikation. Trainer Fritz Kissing war in den achtziger Jahren einer der ersten Deutschen, die in Island arbeiteten. Wir sprachen mit ihm über Kälte und Wirtschaftskrise. Island-Experte Fritz Kissing im Interview

Fritz Kissing, Sie waren in den achtziger Jahren in Island als Trainer tätig. Wie kamen sie in das Land?

Ich kannte den Berater vom Borussen Atli Eðvaldsson, Willi Reinke. Der hat dann den Kontakt nach Island hergestellt. Eines Tages rief mich zu Hause der Präsident von Breiðablik UBK an. Natürlich im gebrochenen Deutsch. Ich dachte erst, einer von meinen Kollegen will mich veräppeln. Der fragte mich dann, ob ich neuer Trainer bei seinem Verein werden will. Ich musste erstmal auf der Karte nachschauen, wo Island überhaupt liegt. Als ich das Ok meiner Familie bekommen hatte, sagte ich schließlich zu.

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Wo haben Sie vorher gearbeitet?

Ich war Trainer bei TuRa Bergkamen in der Kreisliga.

Von der Kreisliga in Islands Eliteliga?

So ungefähr, ich habe aber vorher in Deutschland schon höherklassig gespielt, war unter anderem mit dem Königsborner SV in der damaligen dritten Liga (der Verbandsliga, d. Red.)

Der Umzug nach Island muss eine große Umstellung gewesen sein.

Das kann man sich gar nicht vorstellen. Eigentlich wollte ich mit meinen 33 Jahren noch den Spielertrainer machen. Aber schon als ich aus dem Flugzeug ausgestieg, habe ich mich von der Idee ganz schnell verabschiedet. Es war einfach unglaublich kalt. Die Trainingsbedingungen waren damals auch noch nicht so exzellent wie heute, wir mussten teilweise noch auf Asche trainieren.

Wie lief es sportlich für sie?

Besser als erwartet. Die Mannschaft hatte Potential. In der ersten Saison sind wir nur knapp mit einem Tor an der Qualifikation zum UEFA-Cup gescheitert. Im zweiten Jahr sind wir nur noch Fünfter geworden. Anschließend habe ich den Zweitligisten KA Akureyri trainiert und bin mit der Mannschaft auch direkt aufgestiegen.

Wenn es so gut lief: Warum sind Sie wieder zurück nach Deutschland?

Ganz einfach: Meine Kinder standen vor der Einschulung. In Island betrugen die Schulgebühren damals umgerechnet 1 500 DM pro Kind, das konnten wir uns nicht leisten. Ich hatte anschließend noch das Angebot als Co-Trainer bei Fortuna Düsseldorf einzusteigen, das klappte aber zeitlich nicht. Später habe ich erst meine Fußballlehrerlizenz abgelegt und zuletzt Westfalia Herne in der Oberliga trainiert.

Heute empfängt Island den großen Favoriten aus Portugal. Wie ist eigentlich das Niveau in der isländischen Liga?

Die Spitzenspiele der ersten Liga sind vergleichbar mit Zweitligapartien in Deutschland. Aber insgesamt betrachtet ist das Niveau kaum höher als in den deutschen Regionalligen, es sind ja bis auf wenige Ausnahmen nur Halbprofis beschäftigt. Im Schnitt hatten wir damals 900 Zuschauer, heute kommen immerhin 1 500. Die Spitzenclubs haben manchmal bis zu 4.000 Besucher. Es hat sich doch einiges getan.

Was kennzeichnet die isländische Fankultur?

Die war damals ähnlich wie in Deutschland. Mit einer Ausnahme: Es gab keine Schlägereien oder sonstige Auseinandersetzungen. Das muss wohl daran liegen, dass in Island jeder jeden kennt.

Für die Europa League qualifizieren sich auch oft Teams aus kleinen Nationen. Warum ist in dieser Saison kein Klub aus Island dabei?

Die besten Isländer spielen nun einmal im Ausland. Sobald es ein Angebot aus einem anderen Land gibt, sind die Jungs auf und davon.



Die Wirtschaftskrise hat Island enorm getroffen. Spürte man die Auswirkungen auch im Fußball?

Die waren im ganzen Land spürbar, nicht nur im Fußball. Vorher gab es keine Armut, heute schon. Selbst der ehemalige Ministerpräsident steht ja vor Gericht. Das wäre hier unvorstellbar. Nach dem Zusammenbruch der Banken haben fast alle ausländischen Profis Island verlassen müssen. Das wirkt sich natürlich unweigerlich auf die Qualität der Liga aus. Aber mittlerweile geht es langsam wieder aufwärts.

In den letzten Jahren haben die so genannten kleinen Länder einen großen Schritt nach vorne gemacht. Wann qualifiziert sich Island mal für ein internationales Turnier?

Dann, wenn Island einen international erfahrenen Trainer bekommt.  Das ist das entscheidende Problem. Das Potential ist auf jeden Fall da, wenn man bedenkt, dass immer mehr Isländer in ganz Europa spielen. Das kann für die Nationalelf nur positiv sein.

Bei der U-21-Qualifikation wurde Island Zweiter, vor der deutschen Auswahl. Wächst da eine »Goldene Generation« heran?

Da bin ich ganz zuversichtlich. Hoffenheim hat sich ja Gylfi Sigurdsson vom FC Reading geholt. Für fünf Millionen Euro. Das ist ein ganz starker Spieler. Der wäre 2005 übrigens fast in Dortmund gelandet. Aber damals fehlte dem BVB schlicht die Kohle.

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