Irlands Co-Trainer Liam Brady im Interview

»Ich verstehe Henry«

Irlands Co-Trainer Liam Brady hat selbst 72 Länderspiele bestritten, eine Szene wie Henrys Handspiel am Mittwoch aber hat er noch nie erlebt. Hier fordert Brady im ein Wiederholungsspiel und klagt die FIFA an. Irlands Co-Trainer Liam Brady im Interview

Liam Brady, Sie waren 17 Jahre lang Profi und haben mehr als 500 Spiele bestritten. Haben Sie so etwas wie am Mittwochabend gegen Frankreich schon einmal erlebt?

Nein, etwas so offensichtlich Falsches noch nicht. Ich war schon wie jeder Fußballer in Situationen, in denen man denkt, dass man einen Elfmeter zugesprochen bekommen sollte oder in denen ein Tor nicht anerkannt wird. Aber nichts, was so klar wäre wie die Szene vom Mittwoch.

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Was ging Ihnen durch den Kopf, als der Ausgleich für Frankreich fiel?

Von der Bank aus, wo ich mit Giovanni Trapattoni saß, konnte man nicht eindeutig sehen, was los war. Anhand der Reaktionen unserer Spieler konnte ich schließen, dass etwas nicht stimmte. Als unser Torhüter Shay Given zum Schiedsrichter rannte und Handspiel reklamierte, war mir klar, dass etwas passiert war. Shay macht so etwas nicht einfach so.

Wann kam die Gewissheit, dass es ein Handspiel war?

Sehr schnell erfuhren wir von den Leuten, die Fernsehmonitore an der Außenlinie zur Verfügung hatten, dass das es vor dem Tor erstens Abseits und zweitens ein Handspiel gegeben hatte. Abseits ist manchmal wirklich schwer zu erkennen – so ein Handspiel aber nicht.

Hätten der Schiedsrichter oder sein Assistent das Vergehen erkennen müssen?


Kurz vor dieser Szene gab das Gespann einen Elfmeter für Anelka nicht, der im Strafraum hinfiel, obwohl er von Shay Given nicht berührt wurde. Ein paar Minuten später stand Govou im Abseits, als er den Ball bekam – sein Tor zählte richtigerweise nicht. Vielleicht - das ist nur meine Vermutung - war der Druck der 80.000 in der entscheidenden Situation dann zu groß und die Offiziellen trauten sich nicht mehr, gegen Frankreich zu entscheiden.

Hätte Thierry Henry das Handspiel gegenüber dem Schiedsrichter zugeben müssen?


Das hätten wohl nur die allerwenigsten gemacht. Ein solches Handspiel passiert manchmal instinktiv. Wenn der Spieler den Ball nicht mit dem Bein oder der Brust kontrollieren kann, fährt er die Hand aus. Ich verstehe Henry vollkommen. Ich beschuldige Thierry Henry nicht.

Die Diskussion über den Videobeweis wird wohl jetzt wieder aufflammen. Wie stehen Sie dazu?

Ich war immer dagegen. Denn die Frage ist: Wo fängt man an, wo hört man auf? Bei einem solch kontroversen Tor sollte es aber ein Replay geben. Das dauert nur zehn bis zwanzig Sekunden. Der vierte Offizielle schaut sich die Szene auf dem Monitor an und erkennt: Henry hat den Ball mit der Hand gespielt. Freistoß für Irland. Ende der Diskussion.

Würde die Attraktivität des Sports nicht darunter leiden?

Im Rugby und Cricket gibt es den Videobeweis schon. Dort werden die Spiele kurz unterbrochen und schnelle Entscheidungen gefällt.

Könnten auch die Schiedsrichter vom Videobeweis profitieren?

Der Schiedsrichter vom Mittwoch tut mir wirklich leid. Ich habe gehört, dass er nach dem Spiel in seiner Kabine geweint hat. Er war sehr, sehr bestürzt. Ich habe ihn schon in der Champions League gesehen, ein sehr guter Schiedsrichter. Warum setzt man ihn so einem Druck aus?

Der irische Fußballverband FAI fordert eine Wiederholung des Rückspiels. Sind Sie der gleichen Meinung?

Ja, der Appell sollte jedoch nicht von der FAI kommen, denn dann sagt jeder, dass wir Iren alleine deswegen eine Wiederholung wollen, weil wir ausgeschieden sind. Nein, die französischen Fans müssen ihren Verband davon überzeugen, dass das Spiel wiederholt werden muss. Sie müssen klar machen, dass sie in Südafrika nicht von einer Mannschaft vertreten werden wollen, die sich auf diese Weise qualifiziert.

Glauben Sie, dass die FIFA sich solch einem Volksbegehren beugen würde?

Wenn der französische Fußballverband der FIFA die öffentliche Meinung aus Frankreich überbringt und darum bittet, dass das Spiel zum Wohle des Fußballs wiederholt wird, dann wird die FIFA darauf hören müssen.

Ist dieses Szenario realistisch?

Meine feste Überzeugung ist: Die Fans wollen, dass der Fußball zu ihnen zurückkehrt. Sie wollen nicht, dass Bürokraten und das große Geld über den Fußball bestimmen. Man sollte sich klar dazu bekennen, den Fußball wieder zu einem Volkssport zu machen. Wir wollen Spiele sehen, in denen der Kleine den Großen schlagen kann. Sonst hat der Fußball keine Zukunft.

Sie denken, dass die FIFA das nicht will?

Die FIFA hat uns Iren oder auch den Bosniern, Ukrainern oder Slowenen nie erklärt, warum es diese Setzliste für die Playoffs gab. Haben Sie eine Erklärung?

Die Paarungen wurden anhand der FIFA-Weltrangliste bestimmt.

Aber man stellt die Regeln doch auf, bevor ein Wettbewerb losgeht – man erfindet keine neuen Klauseln, während er schon läuft! Deutschland wäre bei einer Niederlage in Russland Zweiter geworden, genauso Portugal und Frankreich, die mit großem Abstand auf dem zweiten Platz landeten. Vielleicht war das ja der Grund für die FIFA, diese Setzliste einzuführen? Warum haben wir von der FIFA nie eine Erklärung bekommen?

Geht es Ihnen um mehr Transparenz?

Die Fans machen den Fußball aus. 85.000 Menschen waren am Mittwoch im Stade France, und 73.000 am Samstag in Dublin. Die Fans wollen gleiche Chancen für alle. Die FIFA hat diesen schönen Slogan: »Fairplay für alle«. Der scheint mir derzeit ziemlich leer zu sein.

Das Scheitern ist für Irland eine riesige Enttäuschung. Wie gehen die Iren damit um?

Unsere Fans waren zunächst geschockt und sind nun wütend. Ich will aber nicht, dass sie Wut verspüren. Ich will rational argumentieren, warum das Spiel wiederholt werden muss – ohne Schuldzuweisungen gegenüber Thierry Henry oder dem Schiedsrichter. Es muss sich die Erkenntnis durchsetzen, dass die Franzosen keine Sympathien bekommen werden, wenn sie so zur WM fahren, selbst von ihren eigenen Fans nicht.

Letzte Frage: Welchen Stellenwert hat der Fußball auf der grünen Insel?

Es ist das Spiel der Welt, das Spiel aller. 2002 haben wir bei der WM gegen Deutschland gespielt und ein Unentschieden erreicht. Fußball ist ein Sport, in dem eine Nation von nur vier Millionen Menschen, getragen von großem Stolz und großer Entschlossenheit, sich mit Ländern wie Deutschland messen kann. In anderen Sportarten gibt es diese Möglichkeit nicht. Genau dieses Gleichgewicht will Michel Platini ja auch wieder einführen. Es dreht sich nicht alles um die Großen!

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