Investigativjournalist Jens Weinreich im Interview

»Diese FIFA erinnert an die Mafia«

Jens Weinreich verfolgt seit über 20 Jahren die Ungereimtheiten in der Führungsriege der Fifa. Derzeit ist er in Zürich vor Ort. Wir sprachen mit ihm über Blickkontakt mit Blatter, Parallelen zur Mafia und die letzte Hoffnung des Weltverbandes. Best of 2011: Investigativjournalist Jens Weinreich im Interview

Das Interview wurde am 1. Juni 2011 geführt. Anlass war der 61. Fifa-Kongress in Zürich, bei dem Sepp Blatter in seinem Amt als Fifa-Präsident für eine vierte Amtszeit bis 2015 bestätigt wurde.

Jens Weinreich, Sie beobachten und dokumentieren seit knapp zwei Jahrzehnten die Machenschaften der FIFA. Haben Sie eine solche Unruhe wie in diesen Tagen von Zürich schon einmal erlebt?


Jens Weinreich: Es ist eine Extremsituation, doch die FIFA hat da Erfahrung. Denken wir nur an die Pleite des Vermarktungskonzerns ISL im Jahr 2001. Der Konzern hatte über Jahrzehnte hinweg mit mindestens 141 Millionen Schweizer Franken hochrangige Sportfunktionäre geschmiert. Noch 2010 hat die FIFA 5,5 Millionen Schweigegeld an die Schweizer Justizkasse bezahlt, um die Namen von bestochenen Exekutivmitgliedern zu verheimlichen. Das Neue ist jetzt, dass die Vorwürfe aus dem Inner Circle der Macht kommen, und wie im Falle der Bestechung in der karibischen Konföderation ja auch bestens belegt sind.  

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Sie sind vor Ort und begleiten das FIFA-Desaster aus nächster Nähe. Sind die Funktionäre immer noch so unangreifbar wie sonst oder spürt man, dass ihr Fell dünner wird?

Jens Weinreich: Da gibt es Unterschiede. Ein Mann wie Julio Grondona (1. Vizepräsident und Chef der FIFA-Finanzkomission;Anm. d. Red.), den man gemeinhin »Don Julio« nennt, lässt sich nichts anmerken. Im Gegenteil, sein Fell wird immer dicker, sein Bauch wächst genau wie sein Konto mit und sein Lebensmotto trägt er auf einem Siegelring zur Schau. Darauf steht: »Todo pasa – Alles geht vorbei.« Der sitzt auf seinem Posten und wenn nichts schief läuft, sitzt er da auch noch bis er vom Stuhl fällt. Gerade hat er auf dem Kongress gesagt: »Lügenjournalismus stört die FIFA-Familie.« Es gab viel Beifall. Nur der englische Verband FA hat Stellung bezogen, deren Boss David Bernstein wollte die so genannte Wahl verlegen. Der Antrag wurde von den Claqueuren abgeschmettert. Die Engländer wurden böse attackiert. Und die DFB-Opportunisten um den Totaldemokraten Theo Zwanziger haben geschwiegen. Ich sage: Wer auf so einem Kongress zu diesen Themen schweigt, der macht sich mitschuldig! 

Und wie reagiert Sepp Blatter?

Jens Weinreich: Bei ihm merkt man immer sofort, wenn etwas schief läuft. Allein die Pressekonferenz, die er zuletzt vorzeitig beendete, sagt viel über seinen Zustand aus. Ich habe lange überlegt, wann ich ihn zuletzt so dünnhäutig erlebt habe und musste da schon rund zehn Jahre zurückgehen, ins Frühjahr 2002.

Sie schauen Sepp Blatter schon lange auf die Finger. Erkennt er Sie eigentlich?

Jens Weinreich: Klar. Wir haben schon privat Bier miteinander getrunken, als es nicht ganz so stürmisch war. Aber ich habe ihm auch da gesagt: »So nett die Unterhaltung jetzt ist, Sie wissen genau, wenn ich etwas finde, sind Sie dran, keine Frage.« Ich setze mich bei Pressekonferenzen immer weit nach vorne und suche seinen Blick. Er arbeitet viel über den Blickkontakt zu seinen Gegnern. Er hat ein enormes Charmepotenzial und ist ein Menschenfänger. Das versucht er in Extremsituationen wie diesen auszuspielen. Aber er will nicht nur die Macht und das Geld, er will auch noch geliebt werden. Und so blöd es auch klingen mag, dieser erfahrene Mann wird immer ganz nervös, wenn man ihm einen bösen Blick zuwirft. 

Gestern gab es großes Aufsehen um eine kurzfristig abgesagte Pressekonferenz, die als FIFA-Tsunami angekündigt wurde.

Jens Weinreich: So etwas erlebt man im Zusammenhang mit dem Weltverband doch andauernd. Bei diesem Termin hatte man vielmehr das Gefühl, dass der Initiator kalte Füße bekommen hat. Einerseits wurde die PK als große Enthüllungszeremonie angekündigt, andererseits hat sich dieser gewisse »Mr. Petersen« vorab unglaubwürdig gemacht. Plötzlich kam eine Email in Umlauf, mit der ihm angeblich das Schweizer Bundesamt für Justiz eine Unterlassung der Pressekonferenz mitteilte. Diese Mail war eine plumpe Fälschung. Da stellt sich die grundsätzliche Frage: Was kann man so einem Typen noch glauben?

Auf einer Skala von eins bis zehn, wobei zehn schon extrem tief wäre: Wie tief steckt die FIFA derzeit wirklich im Dreck?

Jens Weinreich: Ganz klar eine zehn. Auf Grundlage meiner Recherchen aus dem letzten halben Jahr sollte das, was bei der WM-Vergabe von Russland und Katar passiert sein könnte, Dimensionen erreichen, die es in keinem anderen Korruptionsfall zuvor gab. Das weiß man in der Branche und deshalb ist der ganze Laden in Aufruhr.  

Seit wann ahnte Blatter, dass sein alter Freund Mohamed bin Hammam ihm eines Tages als Konkurrent bei der Präsidentschaftswahl der FIFA gegenüberstehen würde?

Jens Weinreich: Ein absurdes Theater. Bin Hammam hat Sepp Blatter zweimal zur Wahl verholfen. Dank des Geldes und des Flugzeugs des katarschen Emirs konnte Bin Hammam in Afrika und Asien vor allem auf Stimmenfang gehen. Im Gegenzug hat Blatter ihm angeboten, ihn eines Tages zu seinem Nachfolger zu machen. Aber Blatter hat nie ernsthaft daran gedacht. 

Bin Hammam kam ihm auf die Schliche.

Jens Weinreich: Das war nicht schwer, denn plötzlich hat Blatter versucht, Bin Hammam als Chef der asiatischen Konföderation zu kippen, indem er Scheich Salman aus dem Bahrain offen unterstützt hat. Das war der Bruch zwischen den beiden. Dummerweise konnte Bin Hammam im Mai 2009 knapp seine Macht in Asien sichern. Im Dezember 2009 hat Bin Hammam gemeinsam mit Afrikas Fußballchef Issa Hayatou auf einer Exekutivsitzung auf Robben Island Blatters wichtigsten Mann abgesägt: den Franzosen Jerome Champagne. Seither taumelt Blatter schlecht beraten durch die Manege. Jerome war »The Brain«. Er fehlt Sepp extrem. 

Wie hat Blatter reagiert?

Jens Weinreich: Die Wahl in Asien war ausgerechnet an Bin Hammams Geburtstag, doch Blatter war das egal. Auf dem Bankett ergriff er auf nie dagewesene Weise Partei für Scheich Salman. Ein absoluter Affront, der die Fronten endgültig verhärtete. 

Wie ging es weiter?

Jens Weinreich: Blatter reiste im April 2010 nach Doha, um dem Emir von Katar klar zu machen: Die WM bei euch kann klappen, aber halt mir Bin Hammam vom Hals. Das hat gut funktioniert, aber bereits beim Asien-Cup im Januar 2010 war zu spüren, dass Bin Hammam zum großen Schlag ausholt. Ich traf ihn ihm Aufzug und fragte, ob er wirklich plane, gegen Blatter anzutreten. Bin Hammam war ganz entspannt und bejahte. Er wollte alles und es war klar, dass das schmutzig werden würde. 

Und Blatter konnte nicht mehr gegensteuern?

Jens Weinreich: Bin Hammam ist ein kluger Mann, der seinen Feldzug lange geplant hat. Die Attacke gegen Champagne war ja eine gegen Blatter. Seit dessen Rauswurf irrlichtert Blatter durch die Welt. Ihm fehlt seitdem seine erstklassige Beratung. 

Hätte Bin Hammam überhaupt eine Chance bei der Wahl gehabt?

Jens Weinreich: In den ersten Wochen dachte ich, er könnte es mit Hilfe des Emirs von Katar schaffen. Nicht umsonst nennt man seine Gehilfen »ATM«, automated teller machines, also Geldautomaten. Aber Blatter ist eben wesentlich besser vernetzt. Zudem missbraucht er die Kriegskasse der FIFA für seine Zwecke. Jetzt hat er bewiesen, dass er am längeren Hebel sitzt. 

Der gleichzeitig suspendierte Jack Warner, Chef der nordamerikanischen Konföderation, ist ebenfalls kein Kind von Traurigkeit.

Jens Weinreich: Ganz im Gegenteil. Er ist einer der Korruptesten. Was mich nur wundert, ist, mit welch primitiven, fast schon mittelalterlichen Methoden bei ihm noch heute geschmiert wird. 

Was meinen Sie damit?

Jens Weinreich: Warner kassiert in großem Stil ab. Das detailliert zu erläutern würde ganze Bände füllen. Nur ein Beispiel aus den Unterlagen zu den Vorfällen jüngst in Port of Spain, als die Mitglieder der karibischen CFU bestochen wurden: Bin Hammam überweist 360.000 Dollar an Warners Reiseagentur. Warner zweigt davon gleich mal 100.000 Dollar ab und verpflichtet zeitgleich CFU-Mitglieder, über seine Agentur Reisen zu buchen, weil sie die Kosten sonst nicht erstattet bekommen. Er schafft es also, vom Bestechungsgeld auch noch Bestechungsgeld abzuzweigen. 

Warner scheint zudem sehr wankelmütig zu sein. An einem Tag will er Blatter auffliegen lassen, am nächsten Tag wirbt er für dessen Wahl.

Jens Weinreich: Hier gilt eine alte Weisheit: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.   


Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, den Weltverband neu aufzustellen?

Jens Weinreich: Was will man denn da neu aufstellen? Da hilft nur noch zerschlagen, sonst geht es immer so weiter. Die Männer, die an der Spitze sitzen, sind im Schnitt seit mehr als zwanzig Jahren im Amt. Blatter ist seit 1975 bei der FIFA und führt seit 1981 die Geschäfte, erst als Generalsekretär, dann als Präsident. Das ist ein System der Familie wie in der Mafia. Kennen Sie den Film »Der Pate«? 

Natürlich.

Jens Weinreich: So läuft das auch bei der FIFA. Sie benutzen das selbe Vokabular, die selben Methoden, es ist ein hochkorruptes System, das nach Fäulnis riecht, nach reichlich Leichen im Keller. Der Kollege Thomas Kistner von der Süddeutschen Zeitung hat einmal gesagt: Diese FIFA hat die Blattern. Eine schöne Formulierung. Nur ist die FIFA-Krankheit noch schlimmer.

Zuletzt äußerten sich auch erstmals die Großsponsoren besorgt über den Zustand der FIFA. Kann der Druck der Geldgeber den Verband am Ende zu einem Sinneswandel bewegen?

Jens Weinreich: Ich halte die Aussagen der Sponsoren für reine Lippenbekenntnisse. Schon vor einigen Jahren, als die FIFA widerrechtlich trotz bestehender Verträge mit Mastercard in Verhandlungen mit dem Konkurrenten Visa eintrat, hat niemand etwas unternommen.  Das Lügengebilde der FIFA und des heutigen Generalsekretärs Jerome Valcke wurde vor einem New Yorker Distriktgericht seziert. Unfassbar. Lesen Sie das nach! Per Email schrieb Valcke damals, wie könne man es nur so aussehen lassen, als habe die FIFA noch einen Funken Geschäftsethik. Sie haben natürlich keine Ethik. Sie sind Wahrheitsallergiker, Serienlügner. Und die Sponsoren spielen mit. Diese Konzerne wollen auf dieser Riesenparty bleiben, weil hier das große Geld winkt. Und dass Adidas sich gegen Blatter wendet, ist sowieso ausgeschlossen. 

Wie kommen Sie darauf?

Jens Weinreich: Als Sepp Blatter 1975 bei der FIFA angefangen hat, war er ein dicker Kumpel des damaligen Adidas-Chefs Horst Dassler. Und Blatter hatte sein erstes Büro als Technischer Direktor der FIFA nicht im kleinen Gebäude des Verbandes, sondern in Landersheim im Elsass, von wo aus Dassler damals die Strippen zog und sein Bestechungssystem installierte. Selbst sein Gehalt bezog Blatter in der ersten Monaten nicht vom Verband, sondern von Adidas. 

Man könnte den Eindruck bekommen, die FIFA-Führung sei ein gefährlicher Virus für den Fußball. Was fehlt, ist das Gegenmittel.

Jens Weinreich: Das kann man so sehen. Viele werden diesen 1. Juni als großen Sieg für Sepp Blatter feiern und damit fehlinterpretieren. Dabei ist das nicht einmal ein Etappenziel. Denn eins ist klar: Wenn sich die Korruption in dem Maße dokumentieren lässt, wie es sich bei Russland 2018 und Katar 2022 andeutet, dann ist die FIFA am Ende. Deswegen ist es auch Aufgabe des Journalismus hier gegen alle Widerstände am Ball zu bleiben. Und wenn ich sehe, was hier in den letzten Tagen in Zürich los war, kann ich nur sagen: Come on, join the party. Das gilt auch für 11FREUNDE, die doch, sorry, im politischen Bereich meist einen Kuschelkurs fahren.

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Jens Weinreich bloggt über die FIFA und den ganzen anderen Wahnsinn unter www.jensweinreich.de

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