26.12.2011

Investigativjournalist Jens Weinreich im Interview

»Diese FIFA erinnert an die Mafia«

Jens Weinreich verfolgt seit über 20 Jahren die Ungereimtheiten in der Führungsriege der Fifa. Derzeit ist er in Zürich vor Ort. Wir sprachen mit ihm über Blickkontakt mit Blatter, Parallelen zur Mafia und die letzte Hoffnung des Weltverbandes.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago

Wie hat Blatter reagiert?

Jens Weinreich: Die Wahl in Asien war ausgerechnet an Bin Hammams Geburtstag, doch Blatter war das egal. Auf dem Bankett ergriff er auf nie dagewesene Weise Partei für Scheich Salman. Ein absoluter Affront, der die Fronten endgültig verhärtete. 

Wie ging es weiter?

Jens Weinreich: Blatter reiste im April 2010 nach Doha, um dem Emir von Katar klar zu machen: Die WM bei euch kann klappen, aber halt mir Bin Hammam vom Hals. Das hat gut funktioniert, aber bereits beim Asien-Cup im Januar 2010 war zu spüren, dass Bin Hammam zum großen Schlag ausholt. Ich traf ihn ihm Aufzug und fragte, ob er wirklich plane, gegen Blatter anzutreten. Bin Hammam war ganz entspannt und bejahte. Er wollte alles und es war klar, dass das schmutzig werden würde. 

Und Blatter konnte nicht mehr gegensteuern?

Jens Weinreich: Bin Hammam ist ein kluger Mann, der seinen Feldzug lange geplant hat. Die Attacke gegen Champagne war ja eine gegen Blatter. Seit dessen Rauswurf irrlichtert Blatter durch die Welt. Ihm fehlt seitdem seine erstklassige Beratung. 

Hätte Bin Hammam überhaupt eine Chance bei der Wahl gehabt?

Jens Weinreich: In den ersten Wochen dachte ich, er könnte es mit Hilfe des Emirs von Katar schaffen. Nicht umsonst nennt man seine Gehilfen »ATM«, automated teller machines, also Geldautomaten. Aber Blatter ist eben wesentlich besser vernetzt. Zudem missbraucht er die Kriegskasse der FIFA für seine Zwecke. Jetzt hat er bewiesen, dass er am längeren Hebel sitzt. 

Der gleichzeitig suspendierte Jack Warner, Chef der nordamerikanischen Konföderation, ist ebenfalls kein Kind von Traurigkeit.

Jens Weinreich: Ganz im Gegenteil. Er ist einer der Korruptesten. Was mich nur wundert, ist, mit welch primitiven, fast schon mittelalterlichen Methoden bei ihm noch heute geschmiert wird. 

Was meinen Sie damit?

Jens Weinreich: Warner kassiert in großem Stil ab. Das detailliert zu erläutern würde ganze Bände füllen. Nur ein Beispiel aus den Unterlagen zu den Vorfällen jüngst in Port of Spain, als die Mitglieder der karibischen CFU bestochen wurden: Bin Hammam überweist 360.000 Dollar an Warners Reiseagentur. Warner zweigt davon gleich mal 100.000 Dollar ab und verpflichtet zeitgleich CFU-Mitglieder, über seine Agentur Reisen zu buchen, weil sie die Kosten sonst nicht erstattet bekommen. Er schafft es also, vom Bestechungsgeld auch noch Bestechungsgeld abzuzweigen. 

Warner scheint zudem sehr wankelmütig zu sein. An einem Tag will er Blatter auffliegen lassen, am nächsten Tag wirbt er für dessen Wahl.

Jens Weinreich: Hier gilt eine alte Weisheit: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.   

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