26.12.2011

Investigativjournalist Jens Weinreich im Interview

»Diese FIFA erinnert an die Mafia«

Jens Weinreich verfolgt seit über 20 Jahren die Ungereimtheiten in der Führungsriege der Fifa. Derzeit ist er in Zürich vor Ort. Wir sprachen mit ihm über Blickkontakt mit Blatter, Parallelen zur Mafia und die letzte Hoffnung des Weltverbandes.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago

Das Interview wurde am 1. Juni 2011 geführt. Anlass war der 61. Fifa-Kongress in Zürich, bei dem Sepp Blatter in seinem Amt als Fifa-Präsident für eine vierte Amtszeit bis 2015 bestätigt wurde.

Jens Weinreich, Sie beobachten und dokumentieren seit knapp zwei Jahrzehnten die Machenschaften der FIFA. Haben Sie eine solche Unruhe wie in diesen Tagen von Zürich schon einmal erlebt?


Jens Weinreich: Es ist eine Extremsituation, doch die FIFA hat da Erfahrung. Denken wir nur an die Pleite des Vermarktungskonzerns ISL im Jahr 2001. Der Konzern hatte über Jahrzehnte hinweg mit mindestens 141 Millionen Schweizer Franken hochrangige Sportfunktionäre geschmiert. Noch 2010 hat die FIFA 5,5 Millionen Schweigegeld an die Schweizer Justizkasse bezahlt, um die Namen von bestochenen Exekutivmitgliedern zu verheimlichen. Das Neue ist jetzt, dass die Vorwürfe aus dem Inner Circle der Macht kommen, und wie im Falle der Bestechung in der karibischen Konföderation ja auch bestens belegt sind.  



Sie sind vor Ort und begleiten das FIFA-Desaster aus nächster Nähe. Sind die Funktionäre immer noch so unangreifbar wie sonst oder spürt man, dass ihr Fell dünner wird?

Jens Weinreich: Da gibt es Unterschiede. Ein Mann wie Julio Grondona (1. Vizepräsident und Chef der FIFA-Finanzkomission;Anm. d. Red.), den man gemeinhin »Don Julio« nennt, lässt sich nichts anmerken. Im Gegenteil, sein Fell wird immer dicker, sein Bauch wächst genau wie sein Konto mit und sein Lebensmotto trägt er auf einem Siegelring zur Schau. Darauf steht: »Todo pasa – Alles geht vorbei.« Der sitzt auf seinem Posten und wenn nichts schief läuft, sitzt er da auch noch bis er vom Stuhl fällt. Gerade hat er auf dem Kongress gesagt: »Lügenjournalismus stört die FIFA-Familie.« Es gab viel Beifall. Nur der englische Verband FA hat Stellung bezogen, deren Boss David Bernstein wollte die so genannte Wahl verlegen. Der Antrag wurde von den Claqueuren abgeschmettert. Die Engländer wurden böse attackiert. Und die DFB-Opportunisten um den Totaldemokraten Theo Zwanziger haben geschwiegen. Ich sage: Wer auf so einem Kongress zu diesen Themen schweigt, der macht sich mitschuldig! 

Und wie reagiert Sepp Blatter?

Jens Weinreich: Bei ihm merkt man immer sofort, wenn etwas schief läuft. Allein die Pressekonferenz, die er zuletzt vorzeitig beendete, sagt viel über seinen Zustand aus. Ich habe lange überlegt, wann ich ihn zuletzt so dünnhäutig erlebt habe und musste da schon rund zehn Jahre zurückgehen, ins Frühjahr 2002.

Sie schauen Sepp Blatter schon lange auf die Finger. Erkennt er Sie eigentlich?

Jens Weinreich: Klar. Wir haben schon privat Bier miteinander getrunken, als es nicht ganz so stürmisch war. Aber ich habe ihm auch da gesagt: »So nett die Unterhaltung jetzt ist, Sie wissen genau, wenn ich etwas finde, sind Sie dran, keine Frage.« Ich setze mich bei Pressekonferenzen immer weit nach vorne und suche seinen Blick. Er arbeitet viel über den Blickkontakt zu seinen Gegnern. Er hat ein enormes Charmepotenzial und ist ein Menschenfänger. Das versucht er in Extremsituationen wie diesen auszuspielen. Aber er will nicht nur die Macht und das Geld, er will auch noch geliebt werden. Und so blöd es auch klingen mag, dieser erfahrene Mann wird immer ganz nervös, wenn man ihm einen bösen Blick zuwirft. 

Gestern gab es großes Aufsehen um eine kurzfristig abgesagte Pressekonferenz, die als FIFA-Tsunami angekündigt wurde.

Jens Weinreich: So etwas erlebt man im Zusammenhang mit dem Weltverband doch andauernd. Bei diesem Termin hatte man vielmehr das Gefühl, dass der Initiator kalte Füße bekommen hat. Einerseits wurde die PK als große Enthüllungszeremonie angekündigt, andererseits hat sich dieser gewisse »Mr. Petersen« vorab unglaubwürdig gemacht. Plötzlich kam eine Email in Umlauf, mit der ihm angeblich das Schweizer Bundesamt für Justiz eine Unterlassung der Pressekonferenz mitteilte. Diese Mail war eine plumpe Fälschung. Da stellt sich die grundsätzliche Frage: Was kann man so einem Typen noch glauben?

Auf einer Skala von eins bis zehn, wobei zehn schon extrem tief wäre: Wie tief steckt die FIFA derzeit wirklich im Dreck?

Jens Weinreich: Ganz klar eine zehn. Auf Grundlage meiner Recherchen aus dem letzten halben Jahr sollte das, was bei der WM-Vergabe von Russland und Katar passiert sein könnte, Dimensionen erreichen, die es in keinem anderen Korruptionsfall zuvor gab. Das weiß man in der Branche und deshalb ist der ganze Laden in Aufruhr.  

Seit wann ahnte Blatter, dass sein alter Freund Mohamed bin Hammam ihm eines Tages als Konkurrent bei der Präsidentschaftswahl der FIFA gegenüberstehen würde?

Jens Weinreich: Ein absurdes Theater. Bin Hammam hat Sepp Blatter zweimal zur Wahl verholfen. Dank des Geldes und des Flugzeugs des katarschen Emirs konnte Bin Hammam in Afrika und Asien vor allem auf Stimmenfang gehen. Im Gegenzug hat Blatter ihm angeboten, ihn eines Tages zu seinem Nachfolger zu machen. Aber Blatter hat nie ernsthaft daran gedacht. 

Bin Hammam kam ihm auf die Schliche.

Jens Weinreich: Das war nicht schwer, denn plötzlich hat Blatter versucht, Bin Hammam als Chef der asiatischen Konföderation zu kippen, indem er Scheich Salman aus dem Bahrain offen unterstützt hat. Das war der Bruch zwischen den beiden. Dummerweise konnte Bin Hammam im Mai 2009 knapp seine Macht in Asien sichern. Im Dezember 2009 hat Bin Hammam gemeinsam mit Afrikas Fußballchef Issa Hayatou auf einer Exekutivsitzung auf Robben Island Blatters wichtigsten Mann abgesägt: den Franzosen Jerome Champagne. Seither taumelt Blatter schlecht beraten durch die Manege. Jerome war »The Brain«. Er fehlt Sepp extrem. 
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