Interview mit Welttorhüter Lutz Pfannenstiel

»Immel ist langweilig«

Wenn dieser Mann kein Torwart-Experte ist, wer dann? Lutz Pfannenstiel, der Welttorhüter, stand auf allen fünf Kontinenten zwischen den Pfosten. Im ersten Teil unseres Interviews spricht er über Thomas Nkono und Pflaumen aus dem Mutterland. Interview mit Welttorhüter Lutz Pfannenstiel

Lutz Pfannenstiel, nach 30 verschiedenen Stationen auf allen Kontinenten des Planeten müssen Sie es doch wissen: Sind deutsche Torhüter tatsächlich die besten der Welt?  

Ja. In Deutschland kannst du beispielsweise jeden Torwart aus der Oberliga in die Bundesliga stellen, der fällt dort erst einmal nicht negativ auf, weil das Level in Deutschland im Torhüter-Bereich generell sehr hoch ist. Freilich wird er auf Dauer dieses Niveau nicht halten können, aber die nationale Klasse in der Breite ist riesig.

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Woher kommt das?    

Es gab hier schon immer gute Torhüter. Und deshalb hast du schon im Kinderbereich Jungs und Mädels, die ins Tor wollen. In Afrika will keiner ins Tor, da stellen sie den Dicksten, Dümmsten oder Langsamsten rein. In Deutschland gibt es eine ganz Reihe an Torwartidolen. In meiner Kindheit war das Toni Schumacher oder Uli Stein. An denen konnte man sich orientieren. Es wollten nicht alle Rummenigge sein, sondern auch Stein. Wir haben also eine andere Kultur.    

Wer war Ihr Vorbild? Toni Schumacher?    


Nein, bei mir war das noch mal ganz anders. Mein Favorit war Thomas Nkono, der kamerunischen Torwart von 1982, damals ein absoluter Weltklasse-Torwart. Und natürlich Gabelo Conejo von Costa Rica. Der war bei der WM 1990 überragend, hat unglaubliche Dinger gehalten! Das waren zwei Keeper, die ich bewundert habe.    

Ist das Zufall, dass sich der größte Fußball-Wandervogel der Welt in seiner Jugend zwei Exoten zum Vorbild genommen hat?  
 

Ich mochte einfach deren Spielweise. Der Nkono ist ja schon mit seiner langen Hose aufgefallen. Für mich war vor allem faszinierend, wie er den Strafraum beherrschte. Er war recht groß, drahtig und unheimlich gut in der Luft. Dazu hatte er eine gewisse überhebliche,  ziemlich coole Art. Groß rumschreien musste der nicht, er war ein cooler Hund, hat seine Bälle schon 15 Meter vor dem Tor runtergeholt. Extrem lässig, das hat mir sehr imponiert. Conejo war ein Torwart, der ein unwahrscheinlich gutes Spiel auf der Linie mitbrachte. Im WM-Vorrundenspiel gegen Schottland 1990 war der überragend, das werde ich nie vergessen.    

Wie haben Sie sich die Torwart-Figuren ausgesucht? Nkono oder Conejo sind ja nun zwei sehr spezielle Typen....    

Mir gefielen immer Torhüter, die aufgefallen sind, die einen ganz besonderen Stil hatten. Die speziell waren. Eike Immel war in der Bundesliga zu seiner aktiven Zeit einer der besten Keeper, ein supernetter Typ. Aber sterbenslangweilig. Bodo Illgner war auch einer aus dieser Kategorie.    

In der Gegenwart verkörpert wohl am ehesten Robert Enke dieses Klischee, oder?    

Nein, den finde ich klasse, weil er so ein richtig bodenständiger Typ ist. Der macht sein Spiel, muckt nicht auf und das was er macht, macht er verdammt gut. So etwas gefällt mir dann auch. Tim Wiese: Mochte ich früher nicht, aber er inzwischen ist er ein sehr guter Mann, der sich auch gut verkauft und endlich mal wieder einen echten Typen darstellt. René Adler ist natürlich ein Topmann. Wen ich großartig finde ist Manuel Neuer, seine Spieleröffnung ist überragend. Achten sie mal drauf, wenn der den Ball unter Kontrolle gebracht hat, dauert es nur Sekundenbruchteile und die Kugel ist wieder beim Mitspieler. In Deutschland haben wir echt gute Torhüter im Vergleich mit der internationalen Konkurrenz. Und ich würde mich diesbezüglich wirklich als Spezialist bezeichnen – ich habe Dinge gesehen, die gibt es in Deutschland nicht.    

Wie fällt Ihr Ländervergleich aus?    

Die Niederländer hatten immer gute Keeper, Italien, Spanien und Frankreich sind ebenfalls auf einem hohen Level. In England ist das bekanntlich anders. Die hatten in ihrer Geschichte immer einen, höchstens zwei Top-Leute. Alles was aus der zweiten Reihe kam, waren Pflaumen. Es kommt einfach nichts nach und dann wird auch noch der Fehler gemacht, dass selbst in der vierten und fünften Liga auffallend viele Ausländer zwischen den Pfosten stehen. Ich sollte mich nicht beklagen, ich war einer von ihnen. Aber darunter leidet das englische Torwartspiel zwangsläufig.

Aktuell sind Sie als Sportdirektor und Spielertrainer bei Ramblers FC in der namibischen Hauptstadt Windhoek aktiv. Knapp acht Monate vor der ersten Weltmeisterschaft in Afrika, wie sieht es mit dem Torhüterspiel auf dem »schwarzen Kontinent« aus?    

Die afrikanischen Torhüter sind uns Europäer von der Physis, der körperlichen Ausstattung her eigentlich überlegen. Die sind athletischer, explosiver und sehr beweglich. Aber die meisten haben Konzentrationsprobleme und machen dadurch sehr viele Fehler. Ein anderes Problem ist, dass du gerade im Torwart-Bereich deine Anlagen bereits als kleiner Junge lernst. Und jetzt schau dir die Plätze für Nachwuchsfußballer in Afrika an, ob das in Kamerun oder der Elfenbeinküste ist: Die trainieren mehr oder weniger auf Sand und Stein, dazwischen liegen Glasscherben und Gestrüpp. Da will keiner ins Tor und durch die Gegen fliegen! Und damit fehlen den meisten afrikanischen Torhüter schon die ersten Grundanlagen. In Deutschland hast du ganz andere Voraussetzungen, du kannst zwölf Monate lang unter sehr guten Bedingungen trainieren. In mancherlei Hinsicht sind afrikanische Torhüter aber auch verrückt, versuchen sich mit Übersteigern oder köpfen den Ball zurück ins Feld.    

Machen wir weiter mit unserem Vergleich der Länder und Kontinente...

    ...sehr gerne. Wirklich schwache Keeper findest du im arabischen Raum. Mohammad Al-Deayea, der fast zwanzig Jahre Torwart der Nationalmannschaft von Saudi-Arabien war, hat zwar einen gewissen Bekanntheitsgrad, weil er mir 181 Länderspieler Weltrekordhalter ist, aber auch er war nur ein durchschnittlicher Torwart. Der hätte sich in Europa nicht durchgesetzt. In Asien ist das noch schlimmer. Das geht schon im Iran los, es gibt dort super Fußballer, aber schlechte Torhüter. Und je weiter du nach Süden gehst, umso schlimmer wird es. Die Japaner sagen es sogar von sich selbst. Dass sie gute Spieler produzieren, aber keine anständigen Torhüter. Asien ist vermutlich der Kontinent mit den schwächsten Torhütern.    
Sie haben selbst einige Jahre in Asien gespielt. Auffällig ist das Faible, speziell in Japan, Südkorea und China, für den Torwart als klassischen Einzelkämpfer. Oliver Kahn ist seit der überragenden WM 2002 ein Volksheld. Woran liegt das?    

In vielen asiatischen Ländern kann man eine besondere Vorliebe für heroischen Figuren beobachten. Und ein Torhüter fällt beim Fußball eben so eine Rolle zu. In Singapur war ich damals ein echter Star, gemeinsam mit einem Torwart-Kollegen aus Kroatien. Wenn unsere Teams gegeneinander spielten, wurde bereits Tage zuvor in den Zeitungen nur über die beiden Krieger im Tor berichtet. Wer ist besser, schöner, stärker?    

Die Figur des Torhüters ist ja auch darauf ausgelegt ein Einzelkämpfer zu sein. Wie würden Sie diese Position beschreiben?    

Man ist schon eine Einzelperson auf dem Platz. Auch wenn du ein Teil der Mannschaft bist, hast du eine andere Einstellung zum Spiel. Also bei mir ist das zumindest so. Wenn meine Mannschaft ein Spiel mit 5:1 gewinnt, aber das Gegentor geht auf meine Kappe, dann kann ich mich auch über den Sieg nicht wirklich freuen. Ich bin ein Perfektionist, wie die meisten Torhüter. Im schlimmsten Fall denke ich dann drei Tage lang darüber nach, was ich bei dem Gegentor hätte besser machen können. Andersherum bist du als Torhüter bei einem 0:0 schon mal der einzige auf dem Platz, der sich über das Ergebnis freut. Dieses perfektionistische Denken wird allerdings von einem Torwart, vor allem einem deutschen Torwart, auch erwartet.    

Inwiefern?    

In Albanien haben die Medien tatsächlich erwartet, dass ich die gesamte Saison über kein Gegentor kassiere. Selbstverständlich eine völlig unrealistisch Prognose.    

Deutschen Torhütern eilt der Ruf also schon voraus?    

Auf jeden Fall. Die Leute erwarten vom ersten Tag an, dass du ein Führungsspieler bist, dass du ein Torwart bist, der Spiele gewinnen kann. Andererseits kommt das auch nicht von ungefähr: Als ich damals mit 19 Jahren nach Malaysia gegangen bin, hatte ich eine gewisse Arroganz in mir. Ich hatte kurz zuvor einen Vertrag bei Bayern II abgesagt und fühlte mich wie der Allergrößte. Diese Arroganz habe ich dann erst stufenweise abgelegt.    

Seit Ihrem Wechsel 1993 zu Penang in die malaysische Super League hat sich einiges getan in Ihrer Karriere: 30 Mannschaften, sechs Kontinente – was hat zu dieser speziellen Lebensweise inspiriert?  

Ich bin jemand, der einfach alles mal austesten will. In Namibia habe ich zum Beispiel gleich diese Erdwürmer gegessen, die dort eine Spezialität sind. Die sind mehrere Zentimeter lang. Die haben mich allerdings nicht wirklich vom Hocker gehauen. Krokodilfleisch, Antilope, ich probier das immer gleich aus. Andere Leute haben vielleicht Angst und Scheu. Ich denk mir dann, dass dieses Fleisch mich schon nicht umbringen wird. Und wenn es mir nicht schmeckt, esse ich es nicht mehr. Man muss seinen Horizont doch immer erweitern! Das ist übrigens im deutschen Fußball überhaupt nicht der Fall und das stört mich.    

Was genau meinen Sie damit?    

Wenn ich sehe, wie in Deutschland mit einem Mann wie Lothar Matthäus umgegangen wird, wird mir schlecht. Lothar hat mindestens (fast) genauso viel für den deutschen Fußball getan, wie Franz Beckenbauer. Der Mann war zweimal Weltfußballer, aber nur, weil er in vermeintlich kleinen Fußball-Ländern, wie Österreich und Israel, trainiert hat, stellt man ihn gleich so dar, als hätte er nichts auf dem Kasten. Er war einer der besten Fußballer der Welt und ich bin mir sicher: wenn er eine Chance in Deutschland bekommen würde, er würde sie auch nutzen.    


In Teil 2: Lutz Pfannenstiel über deutsche Ignoranz, gebrochene Arme und 25 Purzelbäume in China.

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