18.10.2009

Interview mit Welttorhüter Lutz Pfannenstiel

»Immel ist langweilig«

Wenn dieser Mann kein Torwart-Experte ist, wer dann? Lutz Pfannenstiel, der Welttorhüter, stand auf allen fünf Kontinenten zwischen den Pfosten. Im ersten Teil unseres Interviews spricht er über Thomas Nkono und Pflaumen aus dem Mutterland.

Interview: Maike Schulz und Alex Raack Bild: Imago
Interview mit Welttorhüter Lutz Pfannenstiel
Aktuell sind Sie als Sportdirektor und Spielertrainer bei Ramblers FC in der namibischen Hauptstadt Windhoek aktiv. Knapp acht Monate vor der ersten Weltmeisterschaft in Afrika, wie sieht es mit dem Torhüterspiel auf dem »schwarzen Kontinent« aus?    

Die afrikanischen Torhüter sind uns Europäer von der Physis, der körperlichen Ausstattung her eigentlich überlegen. Die sind athletischer, explosiver und sehr beweglich. Aber die meisten haben Konzentrationsprobleme und machen dadurch sehr viele Fehler. Ein anderes Problem ist, dass du gerade im Torwart-Bereich deine Anlagen bereits als kleiner Junge lernst. Und jetzt schau dir die Plätze für Nachwuchsfußballer in Afrika an, ob das in Kamerun oder der Elfenbeinküste ist: Die trainieren mehr oder weniger auf Sand und Stein, dazwischen liegen Glasscherben und Gestrüpp. Da will keiner ins Tor und durch die Gegen fliegen! Und damit fehlen den meisten afrikanischen Torhüter schon die ersten Grundanlagen. In Deutschland hast du ganz andere Voraussetzungen, du kannst zwölf Monate lang unter sehr guten Bedingungen trainieren. In mancherlei Hinsicht sind afrikanische Torhüter aber auch verrückt, versuchen sich mit Übersteigern oder köpfen den Ball zurück ins Feld.    

Machen wir weiter mit unserem Vergleich der Länder und Kontinente...

    ...sehr gerne. Wirklich schwache Keeper findest du im arabischen Raum. Mohammad Al-Deayea, der fast zwanzig Jahre Torwart der Nationalmannschaft von Saudi-Arabien war, hat zwar einen gewissen Bekanntheitsgrad, weil er mir 181 Länderspieler Weltrekordhalter ist, aber auch er war nur ein durchschnittlicher Torwart. Der hätte sich in Europa nicht durchgesetzt. In Asien ist das noch schlimmer. Das geht schon im Iran los, es gibt dort super Fußballer, aber schlechte Torhüter. Und je weiter du nach Süden gehst, umso schlimmer wird es. Die Japaner sagen es sogar von sich selbst. Dass sie gute Spieler produzieren, aber keine anständigen Torhüter. Asien ist vermutlich der Kontinent mit den schwächsten Torhütern.    
Sie haben selbst einige Jahre in Asien gespielt. Auffällig ist das Faible, speziell in Japan, Südkorea und China, für den Torwart als klassischen Einzelkämpfer. Oliver Kahn ist seit der überragenden WM 2002 ein Volksheld. Woran liegt das?    

In vielen asiatischen Ländern kann man eine besondere Vorliebe für heroischen Figuren beobachten. Und ein Torhüter fällt beim Fußball eben so eine Rolle zu. In Singapur war ich damals ein echter Star, gemeinsam mit einem Torwart-Kollegen aus Kroatien. Wenn unsere Teams gegeneinander spielten, wurde bereits Tage zuvor in den Zeitungen nur über die beiden Krieger im Tor berichtet. Wer ist besser, schöner, stärker?    

Die Figur des Torhüters ist ja auch darauf ausgelegt ein Einzelkämpfer zu sein. Wie würden Sie diese Position beschreiben?    

Man ist schon eine Einzelperson auf dem Platz. Auch wenn du ein Teil der Mannschaft bist, hast du eine andere Einstellung zum Spiel. Also bei mir ist das zumindest so. Wenn meine Mannschaft ein Spiel mit 5:1 gewinnt, aber das Gegentor geht auf meine Kappe, dann kann ich mich auch über den Sieg nicht wirklich freuen. Ich bin ein Perfektionist, wie die meisten Torhüter. Im schlimmsten Fall denke ich dann drei Tage lang darüber nach, was ich bei dem Gegentor hätte besser machen können. Andersherum bist du als Torhüter bei einem 0:0 schon mal der einzige auf dem Platz, der sich über das Ergebnis freut. Dieses perfektionistische Denken wird allerdings von einem Torwart, vor allem einem deutschen Torwart, auch erwartet.    

Inwiefern?    

In Albanien haben die Medien tatsächlich erwartet, dass ich die gesamte Saison über kein Gegentor kassiere. Selbstverständlich eine völlig unrealistisch Prognose.    

Deutschen Torhütern eilt der Ruf also schon voraus?    

Auf jeden Fall. Die Leute erwarten vom ersten Tag an, dass du ein Führungsspieler bist, dass du ein Torwart bist, der Spiele gewinnen kann. Andererseits kommt das auch nicht von ungefähr: Als ich damals mit 19 Jahren nach Malaysia gegangen bin, hatte ich eine gewisse Arroganz in mir. Ich hatte kurz zuvor einen Vertrag bei Bayern II abgesagt und fühlte mich wie der Allergrößte. Diese Arroganz habe ich dann erst stufenweise abgelegt.    

Seit Ihrem Wechsel 1993 zu Penang in die malaysische Super League hat sich einiges getan in Ihrer Karriere: 30 Mannschaften, sechs Kontinente – was hat zu dieser speziellen Lebensweise inspiriert?  

Ich bin jemand, der einfach alles mal austesten will. In Namibia habe ich zum Beispiel gleich diese Erdwürmer gegessen, die dort eine Spezialität sind. Die sind mehrere Zentimeter lang. Die haben mich allerdings nicht wirklich vom Hocker gehauen. Krokodilfleisch, Antilope, ich probier das immer gleich aus. Andere Leute haben vielleicht Angst und Scheu. Ich denk mir dann, dass dieses Fleisch mich schon nicht umbringen wird. Und wenn es mir nicht schmeckt, esse ich es nicht mehr. Man muss seinen Horizont doch immer erweitern! Das ist übrigens im deutschen Fußball überhaupt nicht der Fall und das stört mich.    

Was genau meinen Sie damit?    

Wenn ich sehe, wie in Deutschland mit einem Mann wie Lothar Matthäus umgegangen wird, wird mir schlecht. Lothar hat mindestens (fast) genauso viel für den deutschen Fußball getan, wie Franz Beckenbauer. Der Mann war zweimal Weltfußballer, aber nur, weil er in vermeintlich kleinen Fußball-Ländern, wie Österreich und Israel, trainiert hat, stellt man ihn gleich so dar, als hätte er nichts auf dem Kasten. Er war einer der besten Fußballer der Welt und ich bin mir sicher: wenn er eine Chance in Deutschland bekommen würde, er würde sie auch nutzen.    


In Teil 2: Lutz Pfannenstiel über deutsche Ignoranz, gebrochene Arme und 25 Purzelbäume in China.

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