18.10.2009

Interview mit Welttorhüter Lutz Pfannenstiel

»Immel ist langweilig«

Wenn dieser Mann kein Torwart-Experte ist, wer dann? Lutz Pfannenstiel, der Welttorhüter, stand auf allen fünf Kontinenten zwischen den Pfosten. Im ersten Teil unseres Interviews spricht er über Thomas Nkono und Pflaumen aus dem Mutterland.

Interview: Maike Schulz und Alex Raack Bild: Imago
Interview mit Welttorhüter Lutz Pfannenstiel
Lutz Pfannenstiel, nach 30 verschiedenen Stationen auf allen Kontinenten des Planeten müssen Sie es doch wissen: Sind deutsche Torhüter tatsächlich die besten der Welt?  

Ja. In Deutschland kannst du beispielsweise jeden Torwart aus der Oberliga in die Bundesliga stellen, der fällt dort erst einmal nicht negativ auf, weil das Level in Deutschland im Torhüter-Bereich generell sehr hoch ist. Freilich wird er auf Dauer dieses Niveau nicht halten können, aber die nationale Klasse in der Breite ist riesig.




Woher kommt das?    

Es gab hier schon immer gute Torhüter. Und deshalb hast du schon im Kinderbereich Jungs und Mädels, die ins Tor wollen. In Afrika will keiner ins Tor, da stellen sie den Dicksten, Dümmsten oder Langsamsten rein. In Deutschland gibt es eine ganz Reihe an Torwartidolen. In meiner Kindheit war das Toni Schumacher oder Uli Stein. An denen konnte man sich orientieren. Es wollten nicht alle Rummenigge sein, sondern auch Stein. Wir haben also eine andere Kultur.    

Wer war Ihr Vorbild? Toni Schumacher?    


Nein, bei mir war das noch mal ganz anders. Mein Favorit war Thomas Nkono, der kamerunischen Torwart von 1982, damals ein absoluter Weltklasse-Torwart. Und natürlich Gabelo Conejo von Costa Rica. Der war bei der WM 1990 überragend, hat unglaubliche Dinger gehalten! Das waren zwei Keeper, die ich bewundert habe.    

Ist das Zufall, dass sich der größte Fußball-Wandervogel der Welt in seiner Jugend zwei Exoten zum Vorbild genommen hat?  
 

Ich mochte einfach deren Spielweise. Der Nkono ist ja schon mit seiner langen Hose aufgefallen. Für mich war vor allem faszinierend, wie er den Strafraum beherrschte. Er war recht groß, drahtig und unheimlich gut in der Luft. Dazu hatte er eine gewisse überhebliche,  ziemlich coole Art. Groß rumschreien musste der nicht, er war ein cooler Hund, hat seine Bälle schon 15 Meter vor dem Tor runtergeholt. Extrem lässig, das hat mir sehr imponiert. Conejo war ein Torwart, der ein unwahrscheinlich gutes Spiel auf der Linie mitbrachte. Im WM-Vorrundenspiel gegen Schottland 1990 war der überragend, das werde ich nie vergessen.    

Wie haben Sie sich die Torwart-Figuren ausgesucht? Nkono oder Conejo sind ja nun zwei sehr spezielle Typen....    

Mir gefielen immer Torhüter, die aufgefallen sind, die einen ganz besonderen Stil hatten. Die speziell waren. Eike Immel war in der Bundesliga zu seiner aktiven Zeit einer der besten Keeper, ein supernetter Typ. Aber sterbenslangweilig. Bodo Illgner war auch einer aus dieser Kategorie.    

In der Gegenwart verkörpert wohl am ehesten Robert Enke dieses Klischee, oder?    

Nein, den finde ich klasse, weil er so ein richtig bodenständiger Typ ist. Der macht sein Spiel, muckt nicht auf und das was er macht, macht er verdammt gut. So etwas gefällt mir dann auch. Tim Wiese: Mochte ich früher nicht, aber er inzwischen ist er ein sehr guter Mann, der sich auch gut verkauft und endlich mal wieder einen echten Typen darstellt. René Adler ist natürlich ein Topmann. Wen ich großartig finde ist Manuel Neuer, seine Spieleröffnung ist überragend. Achten sie mal drauf, wenn der den Ball unter Kontrolle gebracht hat, dauert es nur Sekundenbruchteile und die Kugel ist wieder beim Mitspieler. In Deutschland haben wir echt gute Torhüter im Vergleich mit der internationalen Konkurrenz. Und ich würde mich diesbezüglich wirklich als Spezialist bezeichnen – ich habe Dinge gesehen, die gibt es in Deutschland nicht.    

Wie fällt Ihr Ländervergleich aus?    

Die Niederländer hatten immer gute Keeper, Italien, Spanien und Frankreich sind ebenfalls auf einem hohen Level. In England ist das bekanntlich anders. Die hatten in ihrer Geschichte immer einen, höchstens zwei Top-Leute. Alles was aus der zweiten Reihe kam, waren Pflaumen. Es kommt einfach nichts nach und dann wird auch noch der Fehler gemacht, dass selbst in der vierten und fünften Liga auffallend viele Ausländer zwischen den Pfosten stehen. Ich sollte mich nicht beklagen, ich war einer von ihnen. Aber darunter leidet das englische Torwartspiel zwangsläufig.

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