Interview mit Statistiker Dr. Roland Loy

Elementarteilchen des Fußballs

In seinem Monsterwerk »Taktik und Analyse im Fußball« erklärt Dr. Roland Loy das Wesen des Fußballs anhand wissenschaftlicher Parameter. Wir trafen uns mit ihm zur Nachbereitung. Imago

Herr Loy, Sie gehören zu der seltenen Spezies, die 3000 Fußballspiele bis ins allerkleinste Detail auseinander genommen hat. Wie oft waren Sie am Rande des Wahnsinns?

Ich? Nie! Ich habe es immer aus Begeisterung und Liebe zum Fußball gemacht und im Laufe meiner Arbeit stets neue Erkenntnisse gewonnen, die so überraschend waren, dass ich mir gesagt habe: Oh, da mache ich weiter.

Was ist Ihnen in der laufenden Bundesliga-Saison bislang am stärksten aufgefallen?

Dass noch nie so viele Elfmeter vergeigt wurden.

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Wo muss der Ball denn hin, damit das mal wieder besser wird?

Gerne in den Winkel, aber auf jeden Fall hoch. Mittig tut es auch. Ab einer Höhe von 1,22 Meter hat man eine Trefferwahrscheinlichkeit von 99 Prozent.

Aber der Gefoulte schießt auf keinen Fall selbst, um eines der hartnäckigsten Fußballgesetze anzustrengen!?

Vollkommener Käse. Es macht keinen nennenswerten Unterschied, ob der Gefoulte selbst den Strafstoß ausführt oder ein anderer.

Dann schnell zum nächsten Gesetz: Wer das erste Tor macht, gewinnt?

Das, ja.

Huch!

...aber ja, die Siegeswahrscheinlichkeit liegt da bei etwa 70 Prozent. Gerade bei internationalen Spielen ist es sehr gefährlich in Rückstand zu geraten, weil es schwer wird, das wieder aufzuholen. Darauf sollte man achten!

Und mit welcher taktischen Ausrichtung setzt man das dann am besten um? Offensiv, um schnellstmöglich einen Treffer zu erzielen oder defensiv, um auf jeden Fall erstmal einen zu vermeiden?

Sehr interessante Frage, aber ganz schwierig zu beantworten. Gerade nach der WM wollen natürlich viele schönen Offensivfußball sehen ...

Hurra!

...genau, hurra, aber die große Frage ist, ob das zwangsläufig zum Erfolg führt. Giovanni Trappatoni, gemessen an den Titeln einer der erfolgreichsten Trainer der Welt, steht idealtypisch für das Gegenteil.

Ist denn möglichst viel Ballbesitz wenigstens eine Grundvoraussetzung für den Sieg?

José Mourinho sagte einmal sehr schön, Ballbesitz sei das Wichtigste im Fußball. Das ist aber auch wieder kompletter Käse. Ballbesitz als solcher ist nicht unbedingt entscheidend. Nur etwa ein Drittel der Mannschaften mit prozentual mehr Ballbesitz gewinnt letztendlich auch das Spiel.

Hm, dann kommen wir halt über den Kampf zum Spiel. Auch eine ausgediente Weisheit, oder korreliert Zweikampfstärke tatsächlich mit einer hohen Siegeswahrscheinlichkeit?

Schätzen Sie mal, wie viel Prozent der Mannschaften, die mehr Zweikämpfe gewinnen, auch das Spiel zu ihren Gunsten entscheiden.

Äh, vielleicht so neunzig?

Nicht schlecht, es sind knapp über vierzig. Ist das nicht wunderbar? Der Zweikampfgewinn ist also per se ebenfalls nicht die entscheidende Größe. Aber auch hier muss man natürlich vorsichtig sein. Im Umkehrschluss heißt das nicht, dass er keine Bedeutung hat, er hat nur nicht den überragenden Stellenwert schlechthin. Schauen Sie, ein Spiel dauert 90 Minuten, ein Zweikampf circa eine Sekunde ...

...die sich aber doch wie ein Mosaikstein ins Bild fügt und aus der auch wieder eine neue Situation erwächst ...

Natürlich. Es spielen sicherlich verschiedene Faktoren zusammen, aber ich bin weit davon entfernt, zu behaupten, dass einer dieser Faktoren allein spielentscheidend ist. Fußball ist so komplex. Eine schöne Beobachtung, die ich gemacht habe, ist, dass von allen individualtaktischen Spielhandlungen – Pässe, Flanken, Torschüsse, Zweikämpfe etc. – nur ein Element in einem größeren Zusammenhang mit dem Spielerfolg zu sehen ist, nämlich die Großchance. Mannschaften, die mehr Großchancen anhäufen als der Gegner, gewinnen auffallend häufiger auch das Spiel.



Immer wieder trifft man im Fußball auf den psychologisch guten Zeitpunkt. Gibt es ihn wirklich?

Och ja, den gibt es schon, aber der ist natürlich spielanalytisch schwer zu erfassen. In meinen Augen gibt es zu vielen Dingen im Fußball sowohl die eine als auch die andere Seite. Klar, das Tor kurz vor der Pause dient ja gemeinhin als Paradebeispiel für den psychologisch guten Zeitpunkt, da nimmt man dann euphorisch seinen Pausentee ein. Die Pause allerdings verhindert wiederum, dass ich zügig weitere Tore nachlege und den Sack zumache, und das ist der Nachteil.

Großartig, dann gewinne ich am besten in der 90. Minute mit 1:0.

Wenn Sie das so schaffen, ist das bestimmt die allerbeste Taktik. Und Sie müssten versuchen, dass der Zufall Ihnen wohl gesinnt ist. Viele Untersuchungen von anderen Kollegen und von mir haben ergeben, dass fast 50 Prozent aller Tore im Fußball auf Zufallsereignissen basieren.

Kann ich den Zufall mit der Brechstange beeindrucken?

Beim besten Willen: Da kann ich Ihnen nix zu sagen. Wie ist Ihr subjektives Empfinden?

Naja, manchmal fühlt es sich schon ganz gut an, wenn ich sie auspacke.

Mir fällt nur auf, wie wenig bei diesen unendlich hoch in den Strafraum geschlagenen Bällen in diesen Situationen herausspringt und wie viele von ihnen abgewehrt werden. Es wäre aber eine schöne Aufgabe zu eruieren, ob es wirklich rentabel ist, oder doch sinnvoller, über Kombinationsspiel zum Erfolg zu kommen.

Ist positionelles Angriffsspiel denn effizienter als »Kick and Rush«?

Eindeutig ja. Angriffe, die über viele Stationen verlaufen, versprechen wesentlich mehr Erfolg als die, die schnell vorgetragen werden.

Warum soll denn dann das Mittelfeld immer schnell überbrückt werden?

Tja, gute Frage, die kann ich nur an Sie zurückgeben. Das hat sich irgendwie so etabliert. Leider hat sich irgendwann niemand mehr Gedanken gemacht, ob das überhaupt wirklich zum Erfolg führt. Auf der theoretischen Ebene kann man natürlich sagen, dass vieles, was Menschen schnell machen, mit Fehlern belastet ist. Alles hat seinen Preis. Das wäre es mal wert zu untersuchen.

Passt »flach spielen« und »hoch gewinnen« zusammen?

Die einfachsten Dinge sind quasi die Elementarteilchen des Fußballs, aber im Grunde weiß niemand, ob es besser ist flach oder hoch zu spielen, zu passen oder zu dribbeln, rechts oder links anzugreifen.

Aber bei feuchtem Boden aus allen Lagen draufhalten, das weiß man!

Ein Klassiker! Aber aus einer Entfernung von mehr als 25 Metern müssen Sie allein schon ungefähr 75 Schüsse abgeben, bis überhaupt mal einer rein geht. Zudem ist auch gar nicht klar, ob es Sinn macht, aus so einer Entfernung zu schießen. Es kann sogar sein, dass Weitschüsse an sich derart sinnfrei sind, dass es auch vollkommen egal ist, ob der Boden nass oder trocken ist.

Wie sieht’s aus mit »Picke Vollgas«?

Das muss ich auf jeden Fall noch mal genau analysieren! Theoretisch ist vorteilhaft, dass es teilweise sehr ansatzlos und vom Torhüter schwer zu erkennen ist. Der Nachteil ist jedoch, dass die Trefffläche vorne eher klein ist und es daher schwieriger sein kann, den Schuss richtig zu platzieren.

Und als wenig ehrbar wird es auch noch angesehen. Schade eigentlich.

Ja, aber wenn die Situation adäquat ist, warum nicht auch mal Picke Vollgas? Nur schreiben Sie bitte nicht, das sei besser als alles andere!

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Dr. Roland Loy: »Taktik und Analyse im Fußball« (2 Bände, Czwalina Verlag, Hamburg 2006, 88 Euro)

Das Interview führte Manuel Lippert von "Bolzen", dem 12. Freund  www.bolzen-online.de .

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