25.12.2006

Interview mit Statistiker Dr. Roland Loy

Elementarteilchen des Fußballs

In seinem Monsterwerk »Taktik und Analyse im Fußball« erklärt Dr. Roland Loy das Wesen des Fußballs anhand wissenschaftlicher Parameter. Wir trafen uns mit ihm zur Nachbereitung.

Interview: Manuel Lippert Bild: Imago
Herr Loy, Sie gehören zu der seltenen Spezies, die 3000 Fußballspiele bis ins allerkleinste Detail auseinander genommen hat. Wie oft waren Sie am Rande des Wahnsinns?

Ich? Nie! Ich habe es immer aus Begeisterung und Liebe zum Fußball gemacht und im Laufe meiner Arbeit stets neue Erkenntnisse gewonnen, die so überraschend waren, dass ich mir gesagt habe: Oh, da mache ich weiter.

Was ist Ihnen in der laufenden Bundesliga-Saison bislang am stärksten aufgefallen?

Dass noch nie so viele Elfmeter vergeigt wurden.



Wo muss der Ball denn hin, damit das mal wieder besser wird?

Gerne in den Winkel, aber auf jeden Fall hoch. Mittig tut es auch. Ab einer Höhe von 1,22 Meter hat man eine Trefferwahrscheinlichkeit von 99 Prozent.

Aber der Gefoulte schießt auf keinen Fall selbst, um eines der hartnäckigsten Fußballgesetze anzustrengen!?

Vollkommener Käse. Es macht keinen nennenswerten Unterschied, ob der Gefoulte selbst den Strafstoß ausführt oder ein anderer.

Dann schnell zum nächsten Gesetz: Wer das erste Tor macht, gewinnt?

Das, ja.

Huch!

...aber ja, die Siegeswahrscheinlichkeit liegt da bei etwa 70 Prozent. Gerade bei internationalen Spielen ist es sehr gefährlich in Rückstand zu geraten, weil es schwer wird, das wieder aufzuholen. Darauf sollte man achten!

Und mit welcher taktischen Ausrichtung setzt man das dann am besten um? Offensiv, um schnellstmöglich einen Treffer zu erzielen oder defensiv, um auf jeden Fall erstmal einen zu vermeiden?

Sehr interessante Frage, aber ganz schwierig zu beantworten. Gerade nach der WM wollen natürlich viele schönen Offensivfußball sehen ...

Hurra!

...genau, hurra, aber die große Frage ist, ob das zwangsläufig zum Erfolg führt. Giovanni Trappatoni, gemessen an den Titeln einer der erfolgreichsten Trainer der Welt, steht idealtypisch für das Gegenteil.

Ist denn möglichst viel Ballbesitz wenigstens eine Grundvoraussetzung für den Sieg?

José Mourinho sagte einmal sehr schön, Ballbesitz sei das Wichtigste im Fußball. Das ist aber auch wieder kompletter Käse. Ballbesitz als solcher ist nicht unbedingt entscheidend. Nur etwa ein Drittel der Mannschaften mit prozentual mehr Ballbesitz gewinnt letztendlich auch das Spiel.

Hm, dann kommen wir halt über den Kampf zum Spiel. Auch eine ausgediente Weisheit, oder korreliert Zweikampfstärke tatsächlich mit einer hohen Siegeswahrscheinlichkeit?

Schätzen Sie mal, wie viel Prozent der Mannschaften, die mehr Zweikämpfe gewinnen, auch das Spiel zu ihren Gunsten entscheiden.

Äh, vielleicht so neunzig?

Nicht schlecht, es sind knapp über vierzig. Ist das nicht wunderbar? Der Zweikampfgewinn ist also per se ebenfalls nicht die entscheidende Größe. Aber auch hier muss man natürlich vorsichtig sein. Im Umkehrschluss heißt das nicht, dass er keine Bedeutung hat, er hat nur nicht den überragenden Stellenwert schlechthin. Schauen Sie, ein Spiel dauert 90 Minuten, ein Zweikampf circa eine Sekunde ...

...die sich aber doch wie ein Mosaikstein ins Bild fügt und aus der auch wieder eine neue Situation erwächst ...

Natürlich. Es spielen sicherlich verschiedene Faktoren zusammen, aber ich bin weit davon entfernt, zu behaupten, dass einer dieser Faktoren allein spielentscheidend ist. Fußball ist so komplex. Eine schöne Beobachtung, die ich gemacht habe, ist, dass von allen individualtaktischen Spielhandlungen – Pässe, Flanken, Torschüsse, Zweikämpfe etc. – nur ein Element in einem größeren Zusammenhang mit dem Spielerfolg zu sehen ist, nämlich die Großchance. Mannschaften, die mehr Großchancen anhäufen als der Gegner, gewinnen auffallend häufiger auch das Spiel.

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