Inter-Star Samuel Eto'o im Interview

»Roger Milla war mein Star«

Ihn fürchten die Bayern am meisten: Samuel Eto'o. Der Stürmer von Inter Mailand hat eine bewegte Vergangenheit. Ein Gespräch über seine ersten Jahre in Europa, sein Heimatland Kamerun – und das große Vorbild Roger Milla. Inter-Star Samuel Eto'o im InterviewImago

Monsieur Eto’o, dann erzählen Sie doch mal: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie ein Tor geschossen haben? Ihr Jubel ist auffällig bescheiden, Sie wirken oft in sich gekehrt.

Samuel Eto'o: Vielleicht werden Sie mich auslachen: Wenn es ein wichtiges Tor war, denke ich an meine Mutter. In großen Momenten habe ich immer dieses Bild vor Augen, wie sie frühmorgens im Dunkeln aus dem Haus geht, um Fisch zu verkaufen, weil sie die Familie durchbringen muss. Meine Mutter hat sich für meine Brüder und mich zerrissen. Ohne sie wäre ich nicht der Dschungellöwe auf dem Platz, der ich heute bin. Ich renne bis zum Umfallen, wer mir den Ball abjagen will, muss einen verdammt langen Atem haben.

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Wenn Fußball Kampf für Sie bedeutet, dann ist jedes Tor eine Erlösung?

Samuel Eto'o: Meine Mutter ist früher so lange auf dem Markt geblieben, bis sie das Geld zusammenhatte, das sie brauchte. Meine Währung sind Tore. Erst wenn wir den Krieg auf dem Platz gewonnen haben, ist Friede in mir.

Krieg und Frieden, das klingt sehr martialisch, eher nach Boxer als nach Fußballer.

Samuel Eto'o: Ich bin Afrikaner, ich komme aus New Bell, einem Armenviertel von Douala, das ist die größte Stadt Kameruns. Jedes Kind dort weiß, dass es über sich hinauswachsen muss, wenn es einmal bis nach Europa kommen will. Du musst den anderen zeigen, dass du dich nicht brechen lässt, dass du ein Sieger bist. Du musst es in Afrika jeden Tag neu beweisen. Sonst kannst du Europa vergessen.

Was wussten Sie als kleiner Junge von Europa?

Samuel Eto'o: Nicht viel. Ich habe ein paar von euren Filmen gesehen, einer hieß »Sissi«, glaube ich, der mit der schönen Prinzessin in den Bergen. Europa war mehr eine Sehnsucht. Die Sehnsucht nach einer Welt, die besser ist als unsere in New Bell. Schöner, reicher, sicherer.

Sie waren schon mit 16 Jahren am Ziel. Real Madrid, Europas ruhmreichster Klub, holte Sie in sein Jugendteam ...


Samuel Eto'o: ... ganz so einfach war mein Weg nicht. Es gibt da noch eine Geschichte, die wenige kennen. Als ich 14 Jahre alt war, versuchte ich mein Glück bei Le Havre (damaliger französischer Erstligist, Anm.). Nach dem Probetraining schickten sie mich wieder nach Hause. Es war eine Riesenenttäuschung für mich, denn ich wollte doch für immer in Europa bleiben. Ich bin dann zu meiner Schwester nach Paris gefahren. Mein Visum war längst abgelaufen, ich versteckte mich in ihrer Wohnung. Wochenlang habe ich gezittert, Europa war ein Gefängnis für mich. Ich habe mich dann irgendwann gestellt und bin zurück nach Kamerun geflogen.

Warum wollten Sie nach diesen beklemmenden Wochen in Paris noch immer nach Europa? Sie hätten doch als Star der kamerunischen Liga ein gutes Leben in Ihrem Heimatland haben können.

Samuel Eto'o: Für uns Afrikaner ist jeder ein Held, der es in Europa schafft, trotz aller Steine, die ihm in den Weg gelegt werden. Heute weiß ich natürlich, dass Europa kein Märchenland ist. Auch hier machen sich die Menschen Sorgen ums Geld, um ihren Job und ihre Kinder. Das sage ich auch den Leuten, wenn ich zu Besuch in Kamerun bin. Aber viele wollen das nicht hören. Sie brauchen etwas, von dem sie träumen können.

Wer hat Sie denn zum Träumen gebracht?

Samuel Eto'o: Roger Milla. Der schwarze Mann, der bei der WM 1990 um die Eckfahne tanzte, diese Szenen kennt heute noch die halbe Welt. Gut, ihr Deutschen seid damals Weltmeister geworden, aber die schönsten Bilder, die hat ein Kameruner geliefert. Milla hat einen ganzen Kontinent entflammt mit seinen Toren und seinen Tänzen. Dieses Feuer brennt bis heute.

Entflammt? Wie meinen Sie das?

Samuel Eto'o: Milla hat Geschichte geschrieben, die Geschichte eines Mannes, den niemand auf der Rechnung hatte, und der plötzlich zum Star der Weltmeisterschaft wurde. Mit 38 Jahren! Wir Afrikaner lieben Geschichten, in denen das Unmögliche wahr wird. Und wir erzählen sie gern ein bisschen heldenhafter, als sie in Wirklichkeit waren.

Die WM endete auch nicht ganz so grandios für Kamerun ...

Samuel Eto'o: ...im Viertelfinale war Schluss. Obwohl: Es war eine sehr unglückliche Niederlage gegen England. Nein, es war ungerecht, es war eine Katastrophe! Elfmeter in der Verlängerung, Gary Lineker hatte geschossen, ich weiß es noch ganz genau. Alle Kameruner haben sich damals trotzdem wie Weltmeister gefühlt. Endlich einmal hatten wir den großen Nationen die Stirn bieten können.

Roger Milla war nach dem Spiel sogar ganz froh um die Niederlage. Er sagte: »Wenn wir England geschlagen hätten, wäre Afrika explodiert. Ex-plo-diert. Es hätte Tote gegeben. Gott in seiner Güte weiß, was er tut. Ich persönlich danke ihm, dass er uns im Viertelfinale gestoppt hat.«


Samuel Eto'o: Aus heutiger Sicht hat Roger Recht. Aber ich war damals neun Jahre alt, da willst du so etwas natürlich nicht hören. Wenn wir gewonnen hätten, wäre das nicht das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses gewesen. Es wäre auch sportlich eine Explosion gewesen. Ein lauter Knall – und nicht viel dahinter. Heute ist das ganz anders. Wir sind tausend kleine Schritte nach vorn gegangen seit 1990. Wir können es jetzt packen.



Bislang waren afrikanische Nationalteams nicht mehr als ein Versprechen – viel Talent, aber keine bedeutenden Erfolge bei Weltmeisterschaften.


Samuel Eto'o: Ja, leider. Aber das wird sich schon bald ändern. Sie glauben gar nicht, welch eine Kraft Fußball besitzt auf diesem Kontinent. Er ist viel mehr als ein Spiel, er ist ein Symbol, eine Visitenkarte. Fußball sagt so viel aus über ein Land: Wer erfolgreich Fußball spielt, der kann nicht hinterm Mond leben, der ist modern, der wird ernst genommen.

Dann halten Sie die Deutschen bestimmt für Trottel. Im April 2009 haben Sie mit Ihrem damaligen Klub Barcelona den FC Bayern 4:0 nach allen Regeln der Kunst vom Platz gefegt.


Samuel Eto'o: In der Tat, ein angenehmer Abend. Aber dieses eine Spiel lässt mich nicht anders über Deutschland denken. Ich habe in der Nationalmannschaft unter zwei deutschen Trainern gearbeitet: Winfried Schäfer, mit ihm haben wir 2002 die Afrikameisterschaft geholt, und Otto Pfister, der uns 2008 ins Finale führte. Also, ich kenne euch ganz gut. Der Deutsche sagt: Wenn wir zusammenhalten, können wir alles umstürzen. Ihr habt so einen wahnsinnigen Glauben an euch selbst, und am Ende gewinnt ihr meistens.

Unter mangelndem Selbstbewusstsein leiden Sie selbst aber auch nicht. In Barcelona hatten Sie Ärger mit Trainer Josep Guardiola, weil Sie sich nicht immer an seine Taktik hielten und einfach Ihr eigenes Spiel machten. Und als klar war, dass Sie den FC Barcelona verlassen werden, hieß es, Sie verlangten von Ihrem neuen Klub mindestens zehn Millionen Euro netto im Jahr.

Samuel Eto'o: Das schreiben die Zeitungen, ja. Wahr ist: Ich will angemessen bezahlt werden. Wertschätzung drückt sich auch in Geld aus. Ich habe jahrelang dafür geschuftet, um heute in der Lage zu sein, Forderungen zu stellen. Inter Mailand hat meinen Wert erkannt, sie honorieren mich fair. Sie haben ein gutes Geschäft mit mir gemacht.

Was macht Sie denn so wertvoll?

Samuel Eto'o: Mit Sicherheit nicht nur meine Tore. Ein guter Stürmer ist so furchteinflößend, dass ihm immer zwei oder drei Gegenspieler am Trikot hängen. Das schafft Platz für die anderen. Ich habe meinen Kollegen bei Inter gesagt: Ihr habt jetzt eine kostbare Waffe in euren Reihen. Ich kann von überall schießen, ich kann eine Partie drehen. Ich will nicht jeden Ball bekommen, ich will nur, dass ihr den Raum nutzt, den ich euch frei mache.

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Das Interview mit Samuel Eto'o ist zuerst erschienen in:

Ich werde rennen wie ein Schwarzer, um zu leben wie ein Weißer – Die Tragödie des afrikanischen Fußballs
176 Seiten
Geb. mit Schutzumschlag
€ 17,95 (D) / € 18,50 (A) / CHF 31,90
978-3-579-06872-5

Gütersloher Verlagshaus


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