01.05.2014

Igli Tare über Gartenarbeit, Pfiffe und Otto Rehhagel

»Guckt euch dieses Gesicht an – ihr werdet es das letzte Mal sehen!«

In unserer neuen Ausgabe 11FREUNDE #150 erzählen wir vom wundersamen Aufstieg des Albaners Igli Tare. Lest hier ergänzend ein Interview über seine Zeit in der Bundesliga.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Igli Tare, früher wurden Sie manchmal von den Fans ausgepfiffen. Heute sind Sie Sportdirektor bei Lazio Rom. Spüren Sie manchmal Genugtuung?
Überhaupt nicht. Ich habe nie gegen andere Personen gekämpft, sondern immer nur für mich. Außerdem habe ich mit den Jahren gemerkt, dass jeder von uns ein Schicksal hat.
 
Sie haben also nie das Gefühl gehabt, unterschätzt zu werden?
Und wenn schon. Ich glaube sogar, dass mir einige negative Erfahrungen geholfen haben. Sie haben mich motiviert, weiter an mir zu arbeiten. Insofern kann ich einigen Skeptikern sogar dankbar sein, denn ohne sie wäre ich heute vielleicht nicht da, wo ich bin.
 
Wenn man Ihre Vita durchliest, wimmelt es nur so von Skeptikern.
Allerdings gab es auch viele Menschen, die mir geholfen haben. Ich kam als 17-Jähriger von Albanien nach Deutschland, nur mit einem Koffer und dem Traum von der Bundesliga. In einer kalten Winternacht habe ich mich ein paar Männern anvertraut, die mich für umgerechnet 800 Euro durch Wälder und meterhohen Schnee über die deutsch-tschechische Grenze schleusten. Als ich in München ankam, rief ich meinen einzigen Kontakt in Deutschland an: zwei Cousins, die in Ludwigshafen lebten. Sie nahmen mich bei sich auf.
 
Wieso wollten Sie weg aus Albanien?
Ich will nicht alles verteufeln, was damals war. Vieles scheint mir im Rückblick auch gar nicht so schlecht gewesen zu sein. Doch natürlich war Albanien damals kein idealer Ort, um als Fußballprofi groß rauszukommen. Zudem fand ich das politische Klima, die Diktatur, den Kommunismus, als junger Mann zunehmend bedrückend. Ich erinnere mich an einen Tag, als mein Lehrer mich vor die Klasse zitierte, um mich als Negativbeispiel zu präsentieren. Er zeigte auf meine langen Haare und sagte: »So will ich niemanden mehr rumlaufen sehen!«
 
Aber Sie verdienten als Fußballprofi nicht schlecht.
Ich genoss einige Privilegien und ich verdiente ordentlich, das stimmt. Allerdings nur bis zum Zusammenbruch des politischen Systems. Durch die Inflation hatte ich plötzlich überhaupt kein Geld mehr. Mein Verein, Partizan Tirana, war zwar gut organisiert, doch ich wollte meinen Traum vom Fußball im Westen verwirklichen. Also machte ich mich auf die Reise. Heute würde ich sagen: Es war Wahnsinn. Man hätte uns auf der Flucht erschießen können, ohne dass je jemand davon erfahren hätte. Meine Eltern müssen größte Qualen ausgestanden haben. Doch damals war der Wille rauszukommen größer als der Verstand.
 
Sie waren in Albanien ein bekannter Fußballprofi. Wie kamen Sie mit dem deutschen Oberliga-Alltag zurecht?
Die ersten drei Jahre in Deutschland waren die schlimmsten meines Lebens. Allerdings war ich ganz alleine daran Schuld, denn ich verkroch mich oft in ein Schneckenhaus. Ich verstand die deutsche Kultur nicht, konnte die Sprache nicht, hatte keine Freunde. In Albanien hatte ich mit 15 Jahren in der Ersten Liga debütiert und in der U21 gespielt. In Deutschland kam ich mit dem Fall von Jemand auf Niemand nicht zurecht. Ich musste wieder bei Null anfangen.
 
Wie sah dieser Neuanfang aus?
Zunächst musste ich Asyl beantragen. Ich war in einem Heim am Hafen gemeldet, konnte aber bei meinen Cosuins leben. Danach vermittelte mir Walter Pradt, ein Mitarbeiter des Ludwigshafener Sozialamtes, einen Job beim Grünflächenamt.
 
Sie waren Gärtner.
Richtig. An manchen Tagen dachte ich: Ist doch alles super, ich bin in Deutschland und habe einen ehrlichen Job. An anderen Tagen habe ich mich geschämt. Ich kam aus sehr gutem Hause und wollte doch hoch hinaus, Profi in der Bundesliga werden. Und nun harkte ich Beete. Oft zog ich meine Kapuze tief ins Gesicht, damit mich niemand erkannte.
 
Wie sind Sie bei Ihrem ersten Verein Südwest Ludwigshafen gelandet?
Walter Pradt, der Mann vom Sozialamt, war zugleich Trainer bei Südwest. Ihm verdanke ich sehr viel, denn er hat mich in die Mannschaft geholt. Doch weil mein Kopf völlig überladen war mit persönlichen Problemen, habe ich nicht wirklich gut gespielt.
 
Was haben Sie aus dieser Zeit gelernt?
Ich habe in jenen Jahren zwei Sachen realisiert, nämlich dass man im Fußball den Kopf freihaben muss und dass ich ein großes Handicap habe: Ich war ein unbekannter Fußballer aus einem unbekannten Land. Das soll nicht rassistisch klingen, doch wenn du einem Fußballtrainer einen Brasilianer, einen Argentinier und einen Albaner vor die Nase stellst, würde er sich vermutlich erst einmal für die Südamerikaner interessieren. Insofern haben mich diese frühen Jahre, mit den vielen Widerständen, der Skepsis der Trainer, der Mitspieler oder der Fans, auch geschult. Sie haben meinen Charakter und meinen Willen geformt.
 
In einem Bericht der »taz« stand mal, dass Sie ein Spieler waren, der von unten nach oben fiel. Können Sie dieses Bild nachvollziehen?
Es spielt sicherlich auf den Wechsel zum KSC an, denn diese Geschichte ist wirklich außergewöhnlich.
 
Erzählen Sie.
In der Saison 1994/95 spielte ich bei Südwest Ludwigshafen nur noch unregelmäßig, denn ich kam mit dem neuen Trainer Hans-Günter Neues nicht zurecht. Eines Tages bot ein albanischer Bekannter an, mir ein Probetraining beim Karlsruher SC zu vermitteln. Ich war baff. Der KSC war damals eine der besten Mannschaften Deutschlands, jeder hatte noch die Bilder vom 7:0 gegen den FC Valencia im Kopf. Der Bekannte sagte nur: »Lass mich machen, ich kenne den Schäfer!«
 
Und Schäfer ließ Sie tatsächlich mitspielen?
Er lud mich ein – allerdings musste ich zwei Vorab-Probetrainings machen. Eines in Ulm, wo ich über mehrere Wochen jeden Tag mit dem Zug hinfuhr. Ein anderes für einen Tag beim KSC. Als ich in die Kabine kam, schaute Thomas Häßler skeptisch und fragte: »Wer bist du denn?« Ich sagte meinen Namen, meine Position und hoffte, dass er nicht nach meinem Verein fragen würde – doch er tat es. Also antwortete ich, dass ich bei Südwest Ludwigshafen spielen würde. Er lachte auf und fragte: »Ist das ein Verein?« Die Spieler grölten. Häßler, jetzt richtig in Fahrt, sagte danach, dass er demnächst mal seinen Bruder mitbringen würde. Scheinbar dürfe ja jeder hier mittrainieren.

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