»Ich erwarte aus der Fanszene kein Lob«

St. Paulis Geschäftsführer über die »Sozialromantiker«

Die Sozialromantiker, eine anonyme Gruppe von St.Pauli-Fans, wirft der Vereinsführung den Ausverkauf einstiger Ideale vor. Wir sprachen mit St. Paulis Geschäftsführer Michael Meeske über die Vorwürfe der Gruppe. »Ich erwarte aus der Fanszene kein Lob«Imago

Michael Meeske, Sie haben den FC St Pauli in den letzten Jahren finanziell saniert. Ist die Kritik an Ihrer Geschäftsführung durch die Sozialromantiker unfair?

Michael Meeske: In einigen Punkten sicherlich. Denn auch wir streben nicht den totalen Ausverkauf des FC St. Pauli an. Uns wird immer unterstellt, wir arbeiten gegen die aktive Fanszene. Das stimmt nicht. Gedanklich sind wir gar nicht weit auseinander. Die handelnden Personen sind sich durchaus bewusst, dass einige vermarktungsrelevante Dinge nicht gehen, andere sind aber zwingend erforderlich. Als Geschäftsführer trage ich eben auch die Verantwortung, dass der FC St. Pauli auf wirtschaftlich gesunden Beinen steht. Dafür muss Geld in die Kassen. Aber ich erwarte dafür aus der Fanszene kein Lob.

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Halten Sie die konkreten Kritikpunkte der Sozialromantiker für sachgemäß?

Michael Meeske: Es werden viele Dinge genannt, bei denen es angeblich Verstöße gegen Absprachen gegeben hat. Nimmt man die Kritikpunkte im Einzelnen, sind allerdings nur die wenigsten haltbar.

Die Sozialromantiker monieren, dass die Hälfte aller Plätze auf der Haupttribüne Business-Seats sind...

Michael Meeske: Das ist falsch. Nicht die Hälfte der Plätze auf der Haupttribüne sind Business-Seats, sondern deutlich weniger. Es sind außerdem nicht doppelt so viele Logen gebaut worden, wie ursprünglich geplant, sondern 39 statt 29. Dann ist da noch die Kritik an dem Schriftzug einer Bank, der in einer Ecke des Stadions zu lesen ist. Ja, da ist ein Schriftzug, der aber keiner Vereinbarung widerspricht. Und der FC St. Pauli erhält keinen Cent dafür. Dort wird die Kindertagesstätte unterstützt, also eine soziale Einrichtung, und nicht der Verein.

Haben Sie denn mehr Business-Seats gebaut als vereinbart?

Michael Meeske: Nein. Die Anzahl der Business-Seats widerspricht keiner Vereinbarung. Und auch die Sache mit den Logen stimmt so nicht. Auf keinem Fankongress ist definiert worden, wie viele Logen oder Business-Seats gebaut werden. Es gab lediglich 2006/2007 eine Information für die Fans zum Stadionprojekt in der andere Zahlen genannt waren, als letztlich umgesetzt wurden. Aber das war 2006 und wir hatten noch mit einem Drittligaszenario zu tun.

Wie ist es mit dem Separee für den Stripclub Susis Showbar, wo leicht bekleidete Mädchen tanzen. Ist das kein Sexismus?

Michael Meeske: Darüber kann man sicherlich intensiv diskutieren. Aber ich tue mich schwer damit, dass glasklar als Sexismus zu bezeichnen. Die Frauen sind bekleidet, daher ist es für mich nicht evident, dass es sich da um Sexismus handelt. Es gab einmal einen Verstoß gegen Absprachen, den haben wir geahndet und den Logenmieter abgemahnt.

Sie ziehen also keine Kündigung in Betracht?

Michael Meeske: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht. Zumal wir mit den Besitzern des Separees klare Vereinbarungen getroffen haben. Seit dem einen uns bekannten Verstoß gab es keine weiteren, weswegen wir hätten kündigen können und wollen.

Sind die Fans in der luxuriösen Position, Forderungen stellen zu können, ohne später dafür haftbar gemacht zu werden?

Michael Meeske: Das liegt in der Natur der Sache. Als Fan würde ich natürlich auch Mitbestimmung fordern. Aber allem sind Grenzen gesetzt. Wenn ich die Forderung nach dem Rückbau der Business-Seats sehe, frage ich mich, was das soll. Schließlich haben wir uns erst vor wenigen Wochen auf der Jahreshauptversammlung dagegen entschieden – mit einer klaren Mehrheit.



Wie ist es mit dem Vorwurf, dass Sie, entgegen der Vereinbarungen, die Mannschaftsaufstellung von einem Sponsor präsentieren lassen?

Michael Meeske: Das tun wir nicht. Wir begrüßen mit einem Partner die Gastmannschaft – 13 Minuten vor dem Spiel. Außerdem steht in den Leitlinien nirgendwo, dass es kein »Presenting« vor dem Spiel geben darf. Dort steht: Das Spiel soll im Vordergrund stehen.

Aber für die Fans macht es doch kaum einen Unterschied, ob da die Gastmannschaft oder das Spiel präsentiert wird.

Michael Meeske: Das mag sein. Aber wir haben sonst mit einer Ausnahme kein »Presenting«. In den Ergebnissen des Fankongresses steht nur, dass eine werbefreie Einsingzeit von fünf bis zehn Minuten gewünscht wird. Die halten wir ein.

Für Sie steht also auch das Spiel im Vordergrund?

Michael Meeske: Ja.

Trotzdem gab es im letzten Heimspiel der Rückrunde eine Aktion, bei der die Zuschauer dazu aufgefordert wurden SMS an Videobanden am Spielfeldrand zu schicken, wo sie später angezeigt wurden. Lenkt das nicht klar vom Spiel ab?

Michael Meeske: Eine Ablenkung findet mit jeder Bande statt. Da ist diese Bande lediglich eine weitergehende Form der Ablenkung. Über dieses Thema kann man im Übrigen diskutieren. Ich fand die Aktion auch nicht hundertprozentig gelungen. Aber ein klarer Leitlinienverstoß ist das sicherlich nicht. Denn in den Hintergrund tritt das Spiel dadurch nicht.

Wird die Aktion wiederholt?

Michael Meeske: Nein. Das war von Anfang an eine einmalige Aktion.

Die Petition der Sozialromantiker hat fast 4000 Unterzeichner. Ist das ein Zeichen dafür, dass viele Fans mit dem aktuellen Kurs der Geschäftsführung unzufrieden sind?

Michael Meeske: Nein. Das zeigt, dass es einen sehr kritischen Teil der Fanszene gibt, mit dem wir uns auseinander setzen müssen und wollen. Aber sicherlich nicht in anonymer Form und nicht in Form von Ultimaten. Logischerweise reden wir mit den uns genannten Fanvertretern, dem ständigen Fanausschuss, über diese Themen.

Proteste wurden angekündigt. Die Sozialromantiker wollen am Samstag gegen Freiburg den Jolly Rouge, ein rotes Totenkopfbanner, zum Protest in die Luft halten. Was erwarten Sie?

Michael Meeske: Eine umfassende Kundgebung. Das ist auch das gute Recht eines jeden Fans. Jeder darf sich äußern, wie er möchte, wenn es im Rahmen der Stadionordnung bleibt. Wir sind die letzten, die irgendwelche Banner einkassieren. Optisch ist das Symbol schließlich auch schön anzusehen.

Werden Sie zu den Sozialromantikern noch mal Kontakt aufnehmen?

Michael Meeske: Unser Ansprechpartner ist zunächst der ständige Fanausschuss. Mit den Sozialromantikern kann ich mich gar nicht zusammensetzen, denn sie bleiben schließlich anonym.

Aber Sie wären grundsätzlich bereit für Gespräche?

Michael Meeske: Sicherlich. Ich tue mich nur schwer damit, wenn jemand sagt, die Zeit des Redens sei vorbei, ultimative Forderungen stellt und zudem anonym bleibt. 

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