28.05.2012

Huub Stevens über twitternde Profis, Dortmund und Schalke

»Ich schaue mir gerne BVB-Spiele an«

Interview: Benjamin Kuhlhoff und Christoph Biermann Bild: Thomas Rabsch

Sie pflegen gerne das Klischee, ein konservativer Malocher zu sein, dabei waren sie doch einer der ersten Laptoptrainer.
Stimmt, das hat nur niemand gesehen. Ich habe immer mit hohem technischen Aufwand gearbeitet und früh selbständig eine Datenbank über meine Spieler erstellt. Ich habe 1996 auch schon mit Videoanalysen angefangen. Man muss sich auf dieser Ebene ständig weiterentwickeln, denn mit einem Flipchart brauchst du nicht mehr in die Kabine zu kommen. Da hört keiner zu.

Sie schreiben auch ständig Zettel voll. Selbst im UEFA-Cup-Finale 1997, als Marc Wilmots in Mailand den entscheidenden Elfmeter verwandelt hatte und ganz Schalke in einen kollektiven Rausch verfiel, haben Sie sich erst noch seelenruhig Notizen gemacht und dann erst gejubelt.
Ich musste doch aufschreiben, in welche Ecke Marc den Elfer geschossen hat.

Dieser Zettel würde sich im Vereinsmuseum gut machen.

Ich bewahre die nicht auf. Die Informationen werden abgetippt, abgespeichert und der Zettel entsorgt.

Als Sie im letzten Herbst zu Schalke zurückkehrten, haben Sie keinen Co-Trainer mitgebracht und das erste Spiel von Ihrem neuen Trainerteam vorbereiten lassen. Warum haben Sie das gemacht?
Ich kannte die Mannschaft nicht, habe in den ersten Tagen nur beobachtet und den Jungs gesagt: »Ihr wisst am besten, was die Mannschaft in dieser Situation braucht.« Ich habe nur wenig eingegriffen und Rat gegeben.

Das war ein enormer Vertrauensvorschuss für Ihre neuen Kollegen.
Ich arbeite mit meinen Assistenten immer auf Augenhöhe und gebe ihnen die Freiheit, ihre Gedanken einzubringen. Ich ergänze dann meine Vorstellungen und daraus entsteht unsere Spielidee.

Gibt es einen typischen Huub-Stevens-Fußball?
Nein, jede Mannschaft braucht ihre eigene Identität. Als Trainer bist du eigentlich nur ständig auf der Suche, welche sie entwickeln kann. Ich habe kein festes System, in das ich meine Mannschaften presse, sondern schaue immer, welche Qualitäten die einzelnen Spieler haben. Nur daraus kann ich am Ende ableiten, wie sie Fußball spielen sollen. Als ich hier angefangen habe, waren Horst Heldt und ich uns etwa einig, dass diese Schalker Mannschaft in der Offensive größere Qualitäten hat als in der Defensive.

Ihr angebliches Defensivcredo ist also ein Mythos?
Wenn du keine Stürmer hast, dann musst du defensiv denken. Als dieses Image 1997 entstand, hatten wir enorme Verletzungsprobleme im Angriff. Also standen wir hinten drin und haben vorne auf die Chancen gelauert. Deswegen sage ich auch heute noch: Der 2:0-Halbfinalsieg gegen Teneriffa, bei dem wir quasi ohne Angriff aufgelaufen sind, war die größere Leistung als der Finalsieg gegen Inter Mailand. Für mich geht es nicht um Systeme, sondern um die Organisation.

Wie meinen Sie das? Im Endeffekt entscheiden im Fußball bestimmte Momente, vor allem die zwischen Ballverlust und Ballgewinn. Wer da am schnellsten und besten reagiert, ist der gegnerischen Mannschaft überlegen.

Das mussten Sie im UEFA-Cup-Viertelfinale gegen Bilbao bitter erfahren, als Ihre Mannschaft den Basken ins offene Messer lief und im eigenen Stadion 2:4 verlor.
Bilbao ist ein gutes Beispiel. Die haben die entscheidenden Momente super ausgenutzt. Deren Umschaltverhalten habe ich sogar genossen. Wir wollten nach unser 2:1-Führung einfach zu viel, aber da kann ich meiner Mannschaft keinen Vorwurf machen. Im Gegenteil: Ich bin stolz auf deren Mut, dass sie es probiert haben, lediglich ihre Unerfahrenheit hat uns am Ende so bestraft. Gut, wir haben es als Lehrstunde genommen. Und abgesehen von uns und unseren Fans hat das große Publikum das Spiel genossen. Da haben mir Leute per SMS geschrieben: »War doch ein super Spiel.« Da denke ich allerdings: »Leck mich am ...« Ich kann das nicht so sehen, mich ärgert immer noch jede Niederlage.

Wenn der Ausgang eines Spiels von einigen, wenigen Momenten bestimmt ist, muss das einen Perfektionisten wie Sie doch in den Wahnsinn treiben.
Du kannst ein Spiel nicht planen. Du kannst als Trainer deinen Spielern nur gewisse Vorgaben machen und hoffen, dass das Spiel so läuft, wie du es dir vorgestellt hast. Aber es passieren auf dem Platz so viele Dinge, die den Ablauf beeinflussen. Es gibt 22 Spieler, die Schiedsrichter, das Publikum, und oft reicht ein Quäntchen davon, dass eine Partie kippt.

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