28.05.2012

Huub Stevens über twitternde Profis, Dortmund und Schalke

»Ich schaue mir gerne BVB-Spiele an«

Interview: Benjamin Kuhlhoff und Christoph Biermann Bild: Thomas Rabsch
 
Inzwischen scheinen Sie manchmal auch ein bisschen mit dem Klischee des Journalistenfressers zu spielen.
Das macht ja auch Spaß. Außerdem habe ich mittlerweile gelernt, meine Kraft auf die wichtigen Dinge in der täglichen Arbeit zu lenken. Früher hatte ich so viel Power, dass mich gern auf kleine Kämpfe mit Journalisten eingelassen habe. Da bin ich heute meistens lockerer.

Viele im Fußball können die Dinge immer weniger locker nehmen. Sie selbst haben Ralf Rangnick ersetzt, der einen Burnout hatte. Die Spieler Martin Fenin und Markus Miller haben sich zuletzt wegen Depressionen behandeln lassen. Ist das Geschäft härter geworden, oder aber ist die Bereitschaft gewachsen, Schwächen zu zeigen?
Ich denke, dass dadurch, dass der Fußball immer größer geworden ist, auch der Druck auf die Verantwortlichen gewachsen ist.

Empfinden Sie das selbst auch so?
Nein, eigentlich nicht. Durch meine Erfahrung weiß ich damit besser umzugehen. Ich will nämlich nicht gegen die Wand laufen, ich will ganz nah bei mir selbst bleiben.
Aber das ist schwieriger geworden? Ja, absolut.

Sie sind inzwischen 58 Jahre alt und hatten schon nach Ihrem Abschied aus Hamburg vor vier Jahren gesagt: »Ich will nicht, dass meine Spieler mich irgendwann als alten Mann sehen.« Gibt es Momente, in denen Sie sich alt vorkommen?
Nein, bisher nicht.

Auch nicht, wenn der 21-jährige Lewis Holtby auf dem iPhone seinen Twitter-Account abruft?
Kein Problem. Dann hole ich mein iPhone raus und gucke, was er so schreibt. Ich interessiere mich für Dinge, die meine Spieler auch interessieren. Das ist normal, wenn man so eng zusammenarbeitet. Wenn ich merken würde, dass mir der Kontakt zu jungen Spielern abhandenkommt, würde ich nicht weiter als Trainer arbeiten wollen.

Gehen die Spieler heute anders miteinander um, als Sie es aus Ihrer Zeit kennen?
Früher waren wir viel direkter, da hat es auch mal geknallt. Und während wir früher in einer großen Runde Karten gespielt haben, schauen die Jungs heute lieber einen Film. Es ist eine andere Generation.

Eine bessere oder eine schlechtere?
Weder noch, aber ich finde es beneidenswert, wie die Jungs die ganzen Belastungen wegstecken. Alle drei Tage ein Spiel, der riesige Medienrummel, die Fans – das muss man in dem Alter erst einmal verarbeiten können. Und die meisten machen es sehr gut, denen steigt nichts zu Kopf. Selbst die ganze Technik nicht, die sie mit sich herumschleppen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich in Italien auf der Straße die ersten Handys gesehen habe. Riesige Apparate, so groß wie Damenhandtaschen. Ich dachte damals, das würde ich nie im Leben brauchen. Und heute ist das vollkommen normal.

Muss man mit Spielern heute anders arbeiten als früher?
Man muss in bestimmten Situationen anders reagieren, etwa beim Thema Verletzungen. Die Jungs wissen heute ganz genau, was sie haben. Und meist wissen sie auch schon, wie lange sie Pause brauchen. Wenn ich früher beim Trainer gesagt habe, dass ich nicht mehr kann, hat der gesagt: »Stell dich nicht so an, weiter geht’s!« Das hat dazu geführt, dass ich einmal sogar mit gebrochenem Bein gespielt habe. Allerdings muss man den heutigen Spielern mehr erklären, was sie auf dem Platz tun müssen, als das früher der Fall war.

Verstehen sie das Spiel etwa weniger?
Nein, es wird anders über Fußball gedacht. Früher haben wir auf der Straße selbst Spielformen erfunden, das fördert die Kreativität und das Verständnis von Fußball. Dadurch entwickelst du einen bestimmten Instinkt und Fußballintelligenz. Heutzutage fehlt das oft, weil niemand mehr auf der Straße spielt.

Sie waren beim PSV Eindhoven lange Jugendtrainer. Sind Sie damals schon damit konfrontiert gewesen?
Ja, und deshalb haben wir die Spieler rausgeschickt und für eine halbe Stunde sich selbst überlassen. Erst wenn wir dann auf den Platz kamen, fing das Training an.

Sie haben, als sie noch Spieler waren, nebenbei Autos verkauft. Würden Sie einem Fußballprofi heute noch zu Nebenbeschäftigungen raten?
Natürlich, sie müssen ja nicht unbedingt Autos verkaufen. Damals war es nicht klar, ob man als Profi am Ende ausgesorgt hat, deswegen habe ich mich um eine zweite Karriere bemüht. Außerdem ging es darum, nicht den Blick für das normale Leben zu verlieren. Es ist wichtig, dass man nicht den ganzen Tag nur an Fußball denkt, das macht den Tunnel immer kleiner und irgendwann kannst du dich nicht mehr bewegen.
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