10.12.2012
Huub Stevens über das neue Schalke
»Der Klub ist größer als jede Person«
Für die große Reportage in der neuen 11FREUNDE #134 reisten wir Ende November nach Gelsenkirchen und sprachen mit den Köpfen des Klubs über das neue Schalke 04. Huub Stevens über das Schalke-Gefühl, Umarmungen mit Clemens Tönnies und die Sehnsucht nach Assauer.
Interview:
Tim Jürgens
und Benjamin Kuhlhoff
Bild: Imago
Zur Entlassung von Huub Stevens
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Wie sehr ist ihre Lebensqualität gefährdet, wenn Klaas-Jan Huntelaar den Klub im Winter womöglich verlässt?
Wie sich Klaas-Jan entscheiden wird, steht ja noch gar nicht fest. Abgesehen davon: Ein Verein ist niemals abhängig von einer Person. Schon gar nicht Schalke 04. Selbstverständlich ist die Personalie Huntelaar wichtig, aber es ist noch wichtiger langfristig zu denken. Früher hatten wir einen Tamas Hajnal, Mike Hanke oder auch Manuel Neuer, die den Sprung in die erste Mannschaft geschafft haben. Meine Aufgabe ist es, auch weiter junge Spieler zu integrieren.
Wie sehr hat sich der Spielertypus verändert?
Meine jetzige Mannschaft ist mit den damaligen Eurofightern nicht zu vergleichen. Dinge, die ich damals gesagt und getan habe, könnte ich mir heute nicht mehr erlauben. Stichwort: Bloßstellen. Die heutige Generation ist einfach anders aufgewachsen. Man sagt sich in der Kabine lediglich »Guten Tag«, macht aber abends weniger zusammen. Das war früher anders.
Viele der handelnden Personen auf Schalke kannten Sie noch aus Ihrer ersten Amtszeit, aber Rudi Assauer war nicht mehr da.
Das Schalke-Gefühl war noch dasselbe. In den ersten Tagen wohnte ich im Hotel, aber dann zog ich in ein Haus. Wissen Sie, wer mir damals mein Haus besorgt hat?
Nein.
Charly Neumann. Inzwischen ist Charly bekanntlich verstorben, also kümmerte sich diesmal sein Sohn Peter darum, dass ich eine Behausung fand. An diesen Stellen ist Schalke fast genauso wie damals, aber natürlich war die gesamte Trainingsorganisation ganz anders.
Sie haben Ihr Engagement von vorneherein nur auf Sichtweite angelegt?
Ganz bewusst. Es gab sogar eine Option auf eine vorzeitige Vertragsauflösung. Ich habe das gewollt, für den Fall, nicht mit dem Trainerstab zusammenarbeiten zu können. Das wollte ich mir nicht antun.
Hatten Sie denn entsprechende Befürchtungen?
Nein, aber ich weiß wie das Profigeschäft funktioniert. In Salzburg habe ich es selbst erlebt: Wir wurden Meister, die Profis der Liga wählten mich zum »Trainer des Jahres« und drei Monate später war ich entlassen. Im Fußball kann es manchmal sehr schnell gehen.
Spüren Sie den wirtschaftlichen Druck, unter dem der Verein mit knapp 180 Millionen Euro Verbindlichkeiten steht?
Nein, für mich ist die wirtschaftliche Lage eher eine Herausforderung. Ich habe bei meiner Rückkehr eine große Verunsicherung gespürt. Innerhalb kürzester Zeit wurde den Leuten hier der dritte Trainer vor die Nase gesetzt. Daher habe ich versucht, meinen Mitarbeitern Vertrauen entgegenzubringen, Spaß zu vermitteln und so die Beziehung langsam aufzubauen.
Wünschen Sie sich manchmal, mehr Geld zur Verfügung zu haben?
Mir wurde von Anfang an klar gemacht, was möglich ist und was nicht. Und zu Beginn war eben nicht viel möglich, wir konnten nur den Kader verkleinern und dadurch ein paar Freiheiten für Neueinkäufe bekommen. Nun hoffe ich, dass wir langsam wieder einen etwas größeren finanziellen Spielraum bekommen. Entscheidend ist, dass wir nicht mehr so viel Geld durch kurzfristige Entscheidungen verbrennen, wie in der Vergangenheit.
Auch mit geringeren finanziellen Mitteln läuft es für den FC Schalke 04 in der Champions League nahezu optimal.
Das ist unglaublich. Wir haben mit Barnetta und Neustädter zwei Spieler ablösefrei verpflichtet. Afellay wurde vom FC Barcelona ausgeliehen. Gleichzeitig haben acht bis zehn Spieler den Verein verlassen, ohne dass wir an Qualität eingebüßt haben. Das Problem daran: Wir haben eine dünne Personaldecke, was uns in den Wochen vor Weihnachten ziemliche Probleme bereitet hat, weil sich einige verletzt hatten.
Wie unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit Horst Heldt von der mit Rudi Assauer?
Die Kommunikation ist eine andere. »Assi« war damals noch den ganzen Tag auf dem Gelände. Mittlerweile läuft viel über das Handy per SMS oder auch per E-Mail. Und: »Assi« und ich waren Frühaufsteher. Wir waren häufig schon um 7 Uhr als erste in der Geschäftsstelle und haben uns über Fußball ausgetauscht. Lange bevor die ersten Angestellten kamen. Mit Horst Heldt ist die Kommunikation anders – auch weil er kein Frühaufsteher ist. (lacht.)
Hat sich die Jugendarbeit auf Schalke in den vergangenen Jahren verbessert?
Auf jeden Fall. Früher mussten die Jugendspieler auf einem Ascheplatz trainieren, mit anderthalb Metern Höhenunterschied von der einen Eckfahne zur anderen. Ich kann mich erinnern, wie ich damals ein Team aus 12-Jährigen beim Laufen sah. Ich fragte »Assi«: »Was machen die da?« Er antwortete: »Die gehen in den Wald – laufen.« Ich sagte: »Seid ihr verrückt, die sind 12 Jahre alt, wenn sie laufen sollen, gebt ihnen wenigstens einen Ball mit.«
Wo sehen Sie den FC Schalke 04 mittelfristig?
Hier auf Schalke ist noch vieles möglich. Ich bin überzeugt, dass etwas Großes entsteht. Aber den perfekten Fußball wird es niemals geben. Nicht bei Borussia Dortmund, nicht bei Bayern München, nicht beim FC Barcelona und auch nicht auf Schalke. Deswegen sollten wir die Jugendarbeit und die entsprechende Integration in die erste Mannschaft weiter intensivieren.
Sie sagten Schalke 04 ist niemals abhängig von einzelnen Personen. Gilt das auch für Clemens Tönnies?
Ohne Clemens würde es definitiv schwieriger werden. Als der Verein in großen finanziellen Schwierigkeiten war, hat er viel geleistet. Schalke hat ihm viel zu verdanken. Aber auch letztlich würde es sogar ohne Clemens weitergehen. Das muss auch so sein. Der Klub muss größer sein als jede Person – das sieht auch Clemens Tönnies so.
Tönnies glaubt, dass Sie auch nach ihrem Trainerjob auf Schalke hier bleiben. Wie bitte, ich bleibe für immer auf Schalke wohnen?
(lacht.) Nein, im Ernst. Ich denke, wir sollten uns diesbezüglich Zeit lassen. Schalke muss sich keine Sorgen machen. Ich laufe nicht weg. Wir werden in Ruhe entscheiden, wie es weitergeht. Auch wenn wir dafür nicht unbedingt bis Mai 2013 warten müssen.



