Huub Stevens über das neue Schalke

»Der Klub ist größer als jede Person«

Für die große Reportage in der neuen 11FREUNDE #134 reisten wir Ende November nach Gelsenkirchen und sprachen mit den Köpfen des Klubs über das neue Schalke 04. Huub Stevens über das Schalke-Gefühl, Umarmungen mit Clemens Tönnies und die Sehnsucht nach Assauer.

HINWEIS: Dieses Interview wurde bereits Ende November geführt. Die aktuellen Entwicklungen haben einige Dinge grundlegend verändert. Deswegen bitten wir dich, zur Einordnung des Gesagten vorab diesen Text zu lesen.

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Huub Stevens, stimmt es, dass Sie vor Ihrer Rückkehr nach Schalke erst einmal Frieden mit Clemens Tönnies schließen mussten.

Hat er das gesagt?



Er hat gesagt, dass Sie sich vor dem Pokalfinale in Berlin 2011 im Hotel versöhnt hätten, nachdem Sie sich vor Jahren in einem Interview negativ über die Art der Entlassung von Rudi Assauer geäußert hatten.
Es gab damals eine kleine Meinungsverschiedenheit, aber für mich war das kein Problem. Jedenfalls hatte ich nie das Gefühl, dass wir Frieden schließen müssten. Ich hatte eine tolle Zeit mit »Assi« auf Schalke, dass ich da mal eine Meinung äußere, sollte kein Problem sein. Jedenfalls empfand ich es als große Geste, dass der Verein alle Eurofighter von 1997 zum Pokalfinale 2011 eingeladen hat. Am Abend vor dem Spiel haben wir uns getroffen und nach zehn Sekunden war die Sache aus der Welt.

Und ein gutes Vierteljahr später laufen Sie in Gelsenkirchen-Buer wieder als Chefcoach auf. War es wie nach Hause kommen?
Es war definitiv nicht einfach, nach Magath und Rangnick hier neu anzufangen. Mit ihnen wollte man jeweils einen neuen Kurs fahren, und mit mir wurde wieder eine veränderte Fahrtrichtung eingeschlagen. 



Sie kamen ohne Co-Trainer und übernahmen den kompletten Stab, den Sie vorfanden.
Ich hielt es in dieser Phase für notwendig, nicht in den Verein zu kommen und gleich alles umzuwerfen. Es war wichtig, dem Trainerteam eine Chance zu geben, die konnten auch nichts für die Ereignisse. So umging ich, noch mehr Unruhe in den Verein zu bringen.

Beschreiben Sie uns den Moment, in dem Sie erfuhren, dass Schalke Sie nochmal haben will.
Horst Heldt rief mich an. Das sollte immer die Aufgabe des sportlichen Leiters sein. Aber Clemens Tönnies war danach der Erste, der durchklingelte, um mir zu meiner Rückkehr zu gratulieren. Aber wissen Sie, was das Lustige an der Story ist…

Erzählen Sie?
Einige Tage bevor Horst Heldt mich anrief, traf ich einige Schalke-Verantwortliche nach dem Spiel gegen den FC Bayern. Ich war dort als TV-Experte. Das Gerücht machte die Runde, ich sei beim HSV im Gespräch und Clemens Tönnies scherzte: »Wenn du dort unterschreibst, dann bitte erst in 14 Tagen.« Also nachdem Schalke 04 dort hatte antreten müssen.



Tönnies glaubt, an diesem Tag von der Tribüne aus gesehen zu haben, dass mit Ralf Rangnick etwas nicht stimmte. Kurz darauf wurde bekannt, dass er unter einem Burn-Out-Syndrom litt.
Mit Ralf hatte ich kurz nach dem Spiel gesprochen. Er wirkte ziemlich gereizt, als ich ihm sagte, Schalke hätte kein gutes Spiel gemacht. Ich habe mir aber keine weiteren Gedanken dazu gemacht. Am Montag drauf rief mich der HSV an und wir verabredeten uns für Mittwoch. Das Gespräch verlief sehr gut und wir verständigten uns auf Samstag für ein zweites Gespräch. Am Freitag meldete sich dann Horst Heldt und wollte wissen: »Haben wir noch eine Chance?« Ich antwortete: »Ich hatte immer ein größeres Herz für Schalke 04, als für den HSV, aber ich habe am Samstag das letzte Gespräch. Können wir uns Sonntag treffen?« 



Sagten Sie den Hamburger ab?
Nein, als ich Frank Arnesen mitteilte, dass ich auch noch mit Schalke 04 rede, bevor ich mich entscheide, ließ er mich Sonntagfrüh wissen, dass ich dann wohl doch nicht der Richtige für den Job sei. Ich habe es Horst Heldt direkt mitgeteilt, denn ich möchte immer fair und ehrlich sein: »Horst, da ist keine Konkurrenz mehr. Der HSV hat mir abgesagt.« Montag rief er dann in Eindhoven durch und sagte: »Nimm deine Sachen mit, damit du am Dienstag auf dem Platz stehen kannst.«

Ohne Vertrauensleute bei einem Klub anzufangen ist ein großes Risiko. Sie sind schließlich der »Trainer des Jahrhunderts« auf Schalke.
Natürlich war das ein Risiko. Aber ich finde, man sollte Menschen eine Chance geben.

Mussten Sie noch weitere Kompromisse eingehen?
Ich kenne Schalke schon sehr lange und weiß, wie die Uhren hier ticken. Die Kunst war es, alle Leute auf eine Linie zu bekommen, um Erfolg zu haben.

Wie macht man das? Ein Trainer muss die unterschiedlichen Einflüsse in eine Richtung lenken, mit dem Ziel einer stimmigen Organisation. Die Spieler müssen erkennen, dass man als Team auftritt. Ein Spieler versucht immer zu profitieren, wenn er merkt, dass der Trainerstab nicht als Team auftritt. Ich war als Spieler in dieser Hinsicht auch eine Drecksau. Wenn ich die Möglichkeit hatte, den Co-Trainer gegen den Cheftrainer auszuspielen, habe ich das versucht. So ist es nun einmal.



Wie fiel Ihr Fazit nach dem ersten Trainingstag aus?
Es wurde schnell klar, dass innerhalb der Mannschaft eine große Qualität vorhanden ist. Allerdings war der Kader sehr groß, mit sehr vielen unterschiedlichen Charakteren.



Und dem Weltstar Raúl. Einem, der unter Rangnick sehr unzufrieden war.
Er wollte natürlich seine Privilegien haben. Auf der einen Seite ist es einfach mit Raúl zusammenzuarbeiten, da er ein absoluter Profi ist. Allerdings hat auch er auch seine launischen Momente. Als Trainer konnte ich das akzeptieren, aber konnten das auch die Mitspieler? Ich habe mit ihm gesprochen und ihm gesagt: »Du bist für alle anderen im Team ein absolutes Vorbild, aber du musst deine Privilegien zurückfahren, ansonsten werden wir hier nie eine Mannschaft.« Er hat das sehr gut umgesetzt.

Ist der Umgang mit Ihrem Landsmann Klaas-Jan Huntelaar einfacher?
Er ist ein komplett anderer Typ. Bei ihm kann ich bestimmte Dinge vor der ganzen Truppe ansprechen. Bei einem Südeuropäer oder einem Südamerikaner wird das schwierig, weil die sich schnell bloßgestellt fühlen.

Jefferson Farfan?
Der gar nicht so. Jeff ist zwar sensibel, aber auf eine gute Art.



Wie sehr ist ihre Lebensqualität gefährdet, wenn Klaas-Jan Huntelaar den Klub im Winter womöglich verlässt?
Wie sich Klaas-Jan entscheiden wird, steht ja noch gar nicht fest. Abgesehen davon: Ein Verein ist niemals abhängig von einer Person. Schon gar nicht Schalke 04. Selbstverständlich ist die Personalie Huntelaar wichtig, aber es ist noch wichtiger langfristig zu denken. Früher hatten wir einen Tamas Hajnal, Mike Hanke oder auch Manuel Neuer, die den Sprung in die erste Mannschaft geschafft haben. Meine Aufgabe ist es, auch weiter junge Spieler zu integrieren.

Wie sehr hat sich der Spielertypus verändert?
Meine jetzige Mannschaft ist mit den damaligen Eurofightern nicht zu vergleichen. Dinge, die ich damals gesagt und getan habe, könnte ich mir heute nicht mehr erlauben. Stichwort: Bloßstellen. Die heutige Generation ist einfach anders aufgewachsen. Man sagt sich in der Kabine lediglich »Guten Tag«, macht aber abends weniger zusammen. Das war früher anders. 

Viele der handelnden Personen auf Schalke kannten Sie noch aus Ihrer ersten Amtszeit, aber Rudi Assauer war nicht mehr da.
Das Schalke-Gefühl war noch dasselbe. In den ersten Tagen wohnte ich im Hotel, aber dann zog ich in ein Haus. Wissen Sie, wer mir damals mein Haus besorgt hat?

Nein.
Charly Neumann. Inzwischen ist Charly bekanntlich verstorben, also kümmerte sich diesmal sein Sohn Peter darum, dass ich eine Behausung fand. An diesen Stellen ist Schalke fast genauso wie damals, aber natürlich war die gesamte Trainingsorganisation ganz anders.

Sie haben Ihr Engagement von vorneherein nur auf Sichtweite angelegt?
Ganz bewusst. Es gab sogar eine Option auf eine vorzeitige Vertragsauflösung. Ich habe das gewollt, für den Fall, nicht mit dem Trainerstab zusammenarbeiten zu können. Das wollte ich mir nicht antun.

Hatten Sie denn entsprechende Befürchtungen?
Nein, aber ich weiß wie das Profigeschäft funktioniert. In Salzburg habe ich es selbst erlebt: Wir wurden Meister, die Profis der Liga wählten mich zum »Trainer des Jahres« und drei Monate später war ich entlassen. Im Fußball kann es manchmal sehr schnell gehen.

Spüren Sie den wirtschaftlichen Druck, unter dem der Verein mit knapp 180 Millionen Euro Verbindlichkeiten steht?
Nein, für mich ist die wirtschaftliche Lage eher eine Herausforderung. Ich habe bei meiner Rückkehr eine große Verunsicherung gespürt. Innerhalb kürzester Zeit wurde den Leuten hier der dritte Trainer vor die Nase gesetzt. Daher habe ich versucht, meinen Mitarbeitern Vertrauen entgegenzubringen, Spaß zu vermitteln und so die Beziehung langsam aufzubauen.

Wünschen Sie sich manchmal, mehr Geld zur Verfügung zu haben?
Mir wurde von Anfang an klar gemacht, was möglich ist und was nicht. Und zu Beginn war eben nicht viel möglich, wir konnten nur den Kader verkleinern und dadurch ein paar Freiheiten für Neueinkäufe bekommen. Nun hoffe ich, dass wir langsam wieder einen etwas größeren finanziellen Spielraum bekommen. Entscheidend ist, dass wir nicht mehr so viel Geld durch kurzfristige Entscheidungen verbrennen, wie in der Vergangenheit.



Auch mit geringeren finanziellen Mitteln läuft es für den FC Schalke 04 in der Champions League nahezu optimal.
Das ist unglaublich. Wir haben mit Barnetta und Neustädter zwei Spieler ablösefrei verpflichtet. Afellay wurde vom FC Barcelona ausgeliehen. Gleichzeitig haben acht bis zehn Spieler den Verein verlassen, ohne dass wir an Qualität eingebüßt haben. Das Problem daran: Wir haben eine dünne Personaldecke, was uns in den Wochen vor Weihnachten ziemliche Probleme bereitet hat, weil sich einige verletzt hatten.

Wie unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit Horst Heldt von der mit Rudi Assauer?
Die Kommunikation ist eine andere. »Assi« war damals noch den ganzen Tag auf dem Gelände. Mittlerweile läuft viel über das Handy per SMS oder auch per E-Mail. Und: »Assi« und ich waren Frühaufsteher. Wir waren häufig schon um 7 Uhr als erste in der Geschäftsstelle und haben uns über Fußball ausgetauscht. Lange bevor die ersten Angestellten kamen. Mit Horst Heldt ist die Kommunikation anders – auch weil er kein Frühaufsteher ist. (lacht.)

Hat sich die Jugendarbeit auf Schalke in den vergangenen Jahren verbessert?
Auf jeden Fall. Früher mussten die Jugendspieler auf einem Ascheplatz trainieren, mit anderthalb Metern Höhenunterschied von der einen Eckfahne zur anderen. Ich kann mich erinnern, wie ich damals ein Team aus 12-Jährigen beim Laufen sah. Ich fragte »Assi«: »Was machen die da?« Er antwortete: »Die gehen in den Wald – laufen.« Ich sagte: »Seid ihr verrückt, die sind 12 Jahre alt, wenn sie laufen sollen, gebt ihnen wenigstens einen Ball mit.«

Wo sehen Sie den FC Schalke 04 mittelfristig?
Hier auf Schalke ist noch vieles möglich. Ich bin überzeugt, dass etwas Großes entsteht. Aber den perfekten Fußball wird es niemals geben. Nicht bei Borussia Dortmund, nicht bei Bayern München, nicht beim FC Barcelona und auch nicht auf Schalke. Deswegen sollten wir die Jugendarbeit und die entsprechende Integration in die erste Mannschaft weiter intensivieren.

Sie sagten Schalke 04 ist niemals abhängig von einzelnen Personen. Gilt das auch für Clemens Tönnies?
Ohne Clemens würde es definitiv schwieriger werden. Als der Verein in großen finanziellen Schwierigkeiten war, hat er viel geleistet. Schalke hat ihm viel zu verdanken. Aber auch letztlich würde es sogar ohne Clemens weitergehen. Das muss auch so sein. Der Klub muss größer sein als jede Person – das sieht auch Clemens Tönnies so.

Tönnies glaubt, dass Sie auch nach ihrem Trainerjob auf Schalke hier bleiben. Wie bitte, ich bleibe für immer auf Schalke wohnen?
(lacht.) Nein, im Ernst. Ich denke, wir sollten uns diesbezüglich Zeit lassen. Schalke muss sich keine Sorgen machen. Ich laufe nicht weg. Wir werden in Ruhe entscheiden, wie es weitergeht. Auch wenn wir dafür nicht unbedingt bis Mai 2013 warten müssen.

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