07.05.2008

Huub Stevens im Interview

»Am liebsten bin ich zu Hause«

Huub Stevens blickt zurück auf zwölf Jahre Bundesliga: die verlorene Meisterschaft auf Schalke, die Fehler von Dieter Hoeneß, die Machtspielchen mit Wolfgang Overath. Und was wird er vermissen, wenn er geht?

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Huub Stevens, am Saisonende verlassen Sie den HSV und übernehmen den PSV Eindhoven. Ihr endgültiger Abschied aus der Bundesliga?

Davon gehe ich fest aus. Obwohl man niemals nie sagen sollte. Es sah auch nach meiner Zeit beim 1. FC Köln so aus, als würde ich nie mehr zurückkommen.



Ihre Stationen beim 1. FC Köln, Hertha BSC, Schalke 04 und dem Hamburger SV gehören zu den schwierigsten, die die Bundesliga zu bieten hat.

Ohne Frage. Wobei Hertha der einzige Klub war, bei dem die Tradition nicht so spürbar war wie bei den anderen.

Beeinflusste das Ihre Arbeit?


Das Training lief sehr viel ruhiger ab. Die Rentner am Zaun, die bei den anderen Klubs in großer Zahl auftauchten, gab es in Berlin so gut wie nicht.

Erhöhen Kiebitze beim Training den Druck, der auf einem Trainer lastet?


Ach was, Druck lege ich mir selbst genug auf. Und wer in diesem Beruf nicht mit der Kritik von Fans zurechtkommt, sollte ohnehin was anderes machen.

Ist der Trainerjob in der Bundesliga trotzdem nervenaufreibender als in der niederländischen Ehrendivision?

Wissen Sie, wann ich in meiner Laufbahn wirklich Druck verspürt habe? Als ich noch Jugendtrainer beim PSV Eindhoven war. In dem Job ging es darum, Spieler zu entwickeln – als Sportler und als Menschen. Und obwohl das Ergebnis eines Spiels eine weitaus geringere Rolle spielte als heute bei den Profis, hat diese soziale Aufgabe meine Nerven viel stärker belastet.

Hört man manchen Jungprofis zu, drängt sich allerdings der Eindruck auf, vielen mangele es an Charakter und Mündigkeit.

Das sehe ich total anders. Die Spieler sind mündiger als früher. Heute verfügt fast jeder über eine eigene Meinung zur Trainingslehre, zur Aufstellung, zur Karriereplanung. Die wissen genau, wie sie mit den Medien umgehen. Schließlich wird heute jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Dadurch sind Spieler natürlich auch zurückhaltender geworden und hauen nicht mehr jeden Spruch raus, den sie vor 15 Jahren noch locker gesagt hätten.

Wie kann ein Trainer solchen Schlitzohren noch Werte von Teamgeist vermitteln?

Auch ich bin als Trainer reifer geworden und habe Techniken entwickelt, wie ich Spieler anspreche. Mit meinem Handwerkszeug von 1995 würde ich heute nicht mehr weit kommen.

Haben Sie eine besondere Stärke als Coach?


Vielleicht meinen Realismus. Ich sehe mir einen Kader an und entwickele auf der Grundlage des Spielermaterials eine Strategie, wie ich erfolgreich mit dem Team arbeiten kann. Meine gesamte Trainingsarbeit hängt davon ab, in welcher psychischen und physischen Verfassung sich die Spieler befinden.

Haben Sie Eigenschaften, durch die Sie an Ihre Grenzen geraten? Sie gelten ja als harter Hund.

Meine Maxime lautet: Ehrlichkeit. Gegenüber der Mannschaft, gegenüber dem Verein. Wenn einer dagegen verstößt und dem Erfolg im Wege steht, hat er ein Problem mit mir.

Kann man im heutigen Profigeschäft mit kompromissloser Ehrlichkeit überhaupt noch weiterkommen?

Ich bin überzeugt, dass mich Spieler, denen ich mit Ehrlichkeit begegne, akzeptieren. Die Regeln des Fußballs sind einfach: Ich habe einen Kader von 25 Spielern, aber nur elf können am Wochenende auflaufen. 14 Spieler sitzen also immer draußen. Es gehört zu meinen Aufgaben, auch denen das Gefühl zu geben, dass sie gebraucht werden. Über eine Saison ist jeder irgendwann gefordert – und wenn es nur für fünf Minuten ist.

Und wer nicht mitzieht, wird ausgemustert.

Jeder bekommt eine zweite Chance. Aber es gibt Situationen, in denen ich einem Spieler sage, dass die Tür für ihn nur noch einen Spalt breit auf ist. Es liegt dann an ihm, wie er damit umgeht.

Gibt es Spielertypen, die bei Ihnen mehr als andere einen Stein im Brett haben?

Sie machen einen Denkfehler, wenn Sie glauben, dass eine Nummer 10 oder eine Nummer 6 außergewöhnlicher sind als andere. Mich interessiert nur: Wie helfen die individuellen Fähigkeiten eines Spielers der Mannschaft weiter?

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