HSV-Legenden erinnern sich an das glorreiche Jahr 1983

»Wir haben die Scheiße durchgezogen«

Dreißig Jahre nach dem Triumph im Europapokal der Landesmeister sind sechs HSV-Legenden von 1983 noch einmal zusammengekommen. Am 11FREUNDE-Stammtisch erinnern sich Horst Hrubesch, Jürgen Milewski, Holger Hieronymus, Manfred Kaltz, Ditmar Jakobs und Bernd Wehmeyer an ihre größten Erfolge, nächtliche Kneipen-Besuche und Hinterzimmer-Glücksspiele mit Ernst Happel. 

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Sehr geehrte Herren, Ihre Lehrmeister waren zwei der bedeutendsten Trainer der Bundesligageschichte: Ernst Happel und Branko Zebec. Wären die beiden heute noch als Erstligatrainer denkbar?
Holger Hieronymus: Das habe ich mich oft gefragt. Mit Ernst würde es wohl besser funktionieren als mit Branko.
Horst Hrubesch: Ernst hätte heute keine Probleme.

Er müsste allerdings das Rauchen einstellen.
Jürgen Milewski: Die Spieler allerdings auch.

Sie haben geraucht?
Milewski: Und wie. Ich erinnere mich an ein Spiel auf Schalke. Als wir dort aus dem Bus stiegen, haben uns die Leute gefragt, ob es im Innern des Bus gebrannt habe. Vorne saß der Alte und hat Kette gequalmt, hinten auf der Rückbank saßen die Kartenspieler und standen ihm in nichts nach.
(Pause)
Manfred Kaltz: So, um was geht’s denn hier eigentlich?

Wir wollen mit Ihnen über das Jubiläum »50 Jahre Bundesliga« sprechen. Zum Beispiel über Ihre Erinnerungen an die Anfangszeit, an Timo Konietzkas Premierentor.
Kaltz: Erinnerungen? Ich habe damals kaum was mitbekommen. Als die Bundesliga losging, war ich zehn Jahre alt, der nächste große Klub, der 1. FC Kaiserslautern, war gefühlt eine halbe Weltreise entfernt, und Fernseher gab’s auch nicht.  
Milewski: Ach, Manni, natürlich gab’s Fernseher.
Kaltz: Du wieder. Wir hatten jedenfalls keinen zu Hause. Irgendwo bei uns in der Straße gab’s einen. Aber gesehen habe ich nichts. Die Geschichten aus den frühen Bundesligatagen kenne ich nur vom Hörensagen.

Anstatt Fans zu sein, haben Sie also lieber selbst auf der Straße gespielt?
Hrubesch: Von morgens bis abends.

Hatten Sie keine Idole, so wie die Kinder heute?
Hrubesch: Auf dem Bolzplatz wollte ich immer Uwe Seeler sein. Konkrete Bilder, etwa aus dem Stadion oder dem Fernsehen, hatte ich dabei nicht. Ich kannte ihn aus dem Radio.
Bernd Wehmeyer: Ich wollte Stan Libuda sein.
Hrubesch: Hat aber nicht geklappt. (lacht)
Wehmeyer: Wie auch immer: Libuda hatte ich in der Glückauf-Kampfbahn gesehen, als die deutsche Nationalmannschaft dort gegen ein Team spielte, das sich aus Akteuren von Westfalia Herne und Schalke 04 zusammensetzte. Ein Flutlichtspiel unter  der Woche. Ich saß bei meinem Vater auf den Schultern.

Wie war es bei Ihnen, Holger Hieronymus?
Hieronymus: Ich merke gerade, dass ich hier altersmäßig ein bisschen aus dem Rahmen falle – ich war beim Bundesligastart erst vier Jahre alt.
Ditmar Jakobs: Da haben Sie den Falschen eingeladen.
Hieronymus: Ein bisschen Esprit unter diesen alten Männern kann aber nicht schaden. (lacht) In meiner Jugend waren Fernseher Standard, wir hatten sogar einen Farbfernseher. Die erfolgreiche Zeit der Bayern und die WM 1974 – das sind meine ersten Erinnerungen.

Träumten Sie in Ihrer Jugend davon, Profi zu werden?
Hrubesch: In den ersten fünf Jugendspielen habe ich 25 Tore gemacht. Heute würde man sagen: Der wird mal Profi. Aber darüber haben wir nicht nachgedacht, wir haben einfach immer weiter gespielt, jeden Tag, Bolzplatz, Pausenhof, Training im Klub, bis in den Abend. Kurzum: Es gab keinen Generalplan – und trotzdem fragten irgendwann die größeren Vereine an.

Was wussten Sie über die Klubs, zu denen Sie später wechselten?  
Jakobs: Das waren große Unbekannte. Ich habe meinen ersten Vertrag bei Rot-Weiß Oberhausen unterschrieben, ohne dass ich die erste Mannschaft je hatte spielen sehen.

Bis auf Sie, Holger Hieronymus, ist niemand in dieser Runde in Hamburg aufgewachsen. War der HSV ein Verein, den Nachwuchstalente deutschlandweit in den Siebzigern bewunderten?
Kaltz: Ich kannte Uwe Seeler, das war’s. Dass ich beim HSV gelandet bin, war reiner Zufall. Mein damaliger A-Jugend-Betreuer, Gerhard Heid vom TuS Altrip, begann im Sommer 1970 als eine Art Scout beim HSV – und nahm mich kurzerhand aus der Pfalz mit nach Hamburg. Damals war ich 17, und eigentlich wäre der logische Schritt ein Wechsel zum 1. FC Kaiserslautern gewesen.
Jakobs: Man kann sagen, mit Manni fing alles an. Seine erste Generation setzte das Fundament für die Erfolge unter Zebec und Happel.

Vorher gab es kaum Nicht-Hamburger beim HSV.
Kaltz: Richtig, Heid und ich lockten erstmals auch Auswärtige nach Hamburg: Caspar Memering aus Bremen, Georg Volkert aus Nürnberg oder Rudi Kargus von Wormatia Worms.

Es gab also Scouting in den frühen Siebzigern?
Kaltz: Klar.

Es heißt, Günter Netzer habe Sie, Horst Hrubesch, nie spielen sehen. Ihm reichte die Statistik: 46 Tore in Ihrer letzten Zweitligasaison mit Rot-Weiss Essen.
Hrubesch: Da war er schlecht informiert. Es waren nur 42.
Er hat Sie also wirklich nie beobachtet?
Hrubesch: Ja, und? Er hat doch alles richtig gemacht.
Wehmeyer: Zahlen lügen eben nicht.
Hrubesch: Stell dir vor, was aus ihm geworden wäre, wenn er mich nicht bekommen hätte? Im Ernst: Scouting war damals natürlich nicht so professionell wie heute...
Jakobs: ...erinnere dich nur an meine Verpflichtung.
Hrubesch: Eines Tages fragte Netzer: »Wir brauchen einen Abwehrspieler! Kennst du einen?« Ich sagte: »Hol den Jakobs aus Duisburg!« Er war außer sich. »Bist du irre? Gegen den hast du in den letzten zwei Spielen fünf Tore gemacht.«

Er hat es sich trotzdem überlegt.
Hrubesch: Und? Alles richtig gemacht.
Milewski: Aber irgendjemand muss euch doch vorher mal im Spiel gesehen haben. Ihr wart teilweise richtig teuer.
Jakobs: Ich war der erste HSV-Spieler, der eine Million Mark gekostet hat.
Hrubesch: Moment. Für meine Wenigkeit hat der Netzer 1,65 Millionen bezahlt.  

Bernd Wehmeyer, hat Manager Günter Netzer wenigstens Sie vor dem Transfer mal gesehen.
Wehmeyer: Er ist damals ständig mit seinem Ferrari bei den Hannover-Spielen aufgetaucht. Eigentlich, um den Mile (Jürgen Milewski, d. Red.) zu sehen. Doch ich gefiel ihm wohl auch ganz gut. Also holte er uns beide.
Milewski: Ich erinnere mich: Du hattest wochenlang dilletiert, aber ausgerechnet am Tag, als Netzer auf der Tribüne saß, machtest Du ein Klassespiel. Als Netzer fragte »Wehmeyer, ist der was?« habe ich geantwortet: »Wehmeyer, guter Mann, den können Sie nehmen!«

Mitte der siebziger Jahre nahm die Kommerzialisierung zu. Netzers Vorgänger als Manager, Dr. Peter Krohn, versuchte Mitte der Siebziger aus dem HSV ein großes Spektakel zu machen. Was haben Sie gedacht, als er die Mannschaft in rosa Trikots einkleidete?
Kaltz: Seien Sie sicher, dass wir aufgemuckt haben. Auch gegen diese Showtrainings, bei denen plötzlich Elefanten neben dem Spielfeld standen.
Und Mike Krüger als Linienrichter eingesetzt wurde.
Kaltz: Mit Krohn gab es einige Male Ärger. Gerade die Älteren haben dazwischen gegrätscht, wenn der Gute wieder mal in die Kabine kam und uns in die Taktik reinreden wollte. Da haben wir zusammengehalten.

Auch in einer erfolgreichten Mannschaft kracht es mal. Aber gerade Ihre HSV-Generation um 1980 gilt bis heute als verschworene Gemeinschaft.
Hieronymus: Es war nicht immer so harmonisch, wie es sich hier vielleicht darstellt. Es gab auch Situationen, in denen man nur zu früh »Guten Morgen« sagen musste, damit ein Mitspieler blaffte »Halt’s Maul!« Aber das war auch okay, denn ein bisschen Spannung muss da sein.
Holger Hieronymus, Sie wurden durch ein schweres Foul des Waldhofers Fritz Walter 1984 Sportinvalide. Ditmar Jakobs, Sie mussten 1989 aufhören, nachdem sich bei einer Abwehraktion ein Karabinerhaken in Ihrem  Rücken verkantete. Wie griff in diesen Situationen der Korporationsgeist?
Jakobs: Für mich war es nicht ganz so dramatisch, weil mir der Unfall mit 36 passiert – und nicht wie Holger mit 25. Und ich wusste, dass ich vom Klub und vom Umfeld nichts mehr zu erwarten hatte. Der Teamgeist war längst nicht mehr wie zu unserer gemeinsamen Zeit.
Hrubesch: Jeder von uns wusste, dass ein Profi ständig von der Invalidität bedroht ist. Und jeder wusste, dass er dann in der Lage sein muss, das selbst zu regeln.
Hieronymus: Was hätte es gebracht, wenn mir die Jungs 1984 jeden Tag einen Blumenstrauß ins Krankenhaus gebracht hätten? Es war vorbei, das hat jeder bemerkt. Aber es war eben nur eine Episode, die irgendwann abgehakt war. Wir freuen uns immer, wenn wir uns sehen, haben uns immer etwas zu sagen, und wir reden beileibe nicht nur über die sportlichen Erfolge. Wir sind wie eine Familie in der großen Fußballfamilie. Und das ist für die Ewigkeit.

Wie fing das an?
Hrubesch: Ich denke, das Jahr 1978 stellte eine Zäsur für den Klub dar. In der Saison 1977/78 war der HSV Zehnter geworden und hatte gegen den Abstieg gespielt.
Wehmeyer: Trotz großer Spieler, trotz des Europapokalgewinns von 1977.
Hrubesch: Im Sommer 1978 kam der junge Günter Netzer und brachte Spieler mit, denen die Presse zunächst mit Skepsis begegnete. Viele Leute aus der zweiten Liga. Als wir dann aber gemerkt haben, wie viel Kraft wir durch die Gemeinschaft gewannen, gaben wir die nie wieder auf. Die Serie von 36 Spielen ohne Niederlage in der Saison 1982/83 war eine späte Folge daraus.
Jakobs: Wir wollten einfach nur jedes Spiel gewinnen.

Welchen Anteil hatten die Trainer?
Hrubesch: Wir haben unter Branko Zebec in einer Diktatur gelebt, doch vermutlich brauchten wir das.

Wie wirkte sich das auf Ihr Leben aus?
Hrubesch: Zebec rief abends um halb elf bei jedem Spieler an, um zu prüfen, ob wir auch zu Hause sind. Außerdem wollte er wissen, wenn irgendjemand die Stadt verlässt. Ich musste mich also nach jedem Training abmelden, denn ich wohnte in Norderstedt.

Hatten Sie überhaupt Energie abends was zu unternehmen? Das Training unter Zebec galt als extrem strapaziös.
Hrubesch: Die Härte kam mehr von den Spielern, jeder ist voll reingegangen, jeder wollte sich zeigen. Mit den Defensivkanten wie Ivan Buljan, Peter Nogly, Jimmy Hartwig oder Manni Kaltz zu trainieren – ich habe sie früher »Hornochsen« genannt –, konnte einen echt fertig machen. Typen wie Ditmar Jakobs konnten einen kaputt machen. Das war gefährlicher als ein Pflichtspiel.
Wehmeyer: Uns zeichnete aus, dass wir nie aufgegeben haben. Wir sind immer wieder zurückgekommen.

Als im Januar 1983 die Serie mit 36 Spielen ohne Niederlage riss, legten sie gleich darauf eine Serie mit 18 Spielen ohne Niederlage hin.
Hrubesch: So war es immer. Wenn wir am Boden waren, kamen wir zurück. Ein anderes Beispiel: Wir standen nach dem verlorenen Landesmeister-Finale im Mai 1980 in Madrid und sahen wie die Gegner hinter einer Glasscheibe mit dem Pokal abzogen. Da sagte ich zu Jako: Wir kommen wieder. Dich holen wir noch ab!

So kam es ja auch.
Kaltz: Jau.

Sprechen Sie oft über Niederlagen?
Milewski: Viel häufiger als über die Titel. Gegen Forest, im Finale von 1980, haben wir 90 Minuten auf ein Tor gespielt – am Ende stand es 0:1. Das war bitter. Oder auch die drei verschenkten Meisterschaften 1980, 1981 und 1984, als wir Zweiter wurden. Die beiden Uefa-Cup-Endspiele von 1982, die wir gegen IFK Göteborg verloren haben –  wenn wir uns wiedersehen, beschäftigt uns all das viel mehr als die Triumphe.

Sprechen wir über Vereinstreue. Warum blieben Sie alle so lange Zeit in Hamburg?
Milewski: Kieznähe. (lacht)
Jakobs: Jedem das seine. Im Ernst: Es war eine andere Zeit. Nicht nur, dass die Spieler gerne länger bei einem Verein blieben, es gab auch kaum Anfragen. Ich habe in meiner kompletten Zeit in Hamburg nicht ein einziges Angebot bekommen.

Trotzdem Sie Nationalspieler waren.
Jakobs: Kein einziges Angebot!
Hrubesch: Die Initiative ging meistens von den Spielern aus, auch weil es kaum Berater gab. Und es war weniger das Geld, das lockte, als vielmehr die Aussichten. Ich wusste: Mit Rot-Weiss Essen kann ich nicht Deutscher Meister werden, Mile wusste, mit Hannover kann er nicht Meister werden. Also gingen wir zum HSV – und blieben.
Milewski: So anders als heute ist das aber nicht. Auch heute wechseln die Spieler vornehmlich aus sportlichen Motiven. Dass man beim FC Bayern, also einem größeren Klub mit besseren sportlichen Perspektiven mehr Geld verdienst, ist ja nur logisch.

Kevin Keegan stellte für den deutschen Fußball eine Zäsur dar. Erstmals kam ein internationaler Superstar in die Bundesliga. Wie erlebten Sie als Mitspieler Keegans Wechsel zum HSV?
Milewski: Er hat das Bedürfnis der Fans nach Stars befriedigt. Er war einer der ersten Spieler, der neben dem Fußball noch Werbesachen laufen hatte.
Kaltz: Ich kann nichts Negatives über ihn sagen. Er war ein Vorbild und hatte eine professionelle Einstellung.
Milewski: Das ist heute immer noch so: Wenn du einen extravaganten Star in der Mannschaft hast, dieser sich aber ordentlich verhält und die Gemeinschaft weiterbringt, hat der kein Problem.  

Keegan stand sehr im Fokus der Medien.
Hrubesch: Ja, und? Neid gab es nicht.
Milewski: Zudem war die Präsenz nicht ansatzweise so wie heute.

Wie fanden Sie seinen Ausflug in die Popmusik?

Jakobs: Wir waren auf einem Zimmer, ich habe der Nummer nach einer Hörprobe also offiziell meinen Segen gegeben.

Sie meinen den Song »Head over heals in Love«.
Hieronymus: Moment, in meiner Erinnerung gab es ein Meeting mit der Mannschaft und wir hatten die Wahl zwischen dieser Nummer und einem anderen Song, den er mit Smokie aufgenommen hatte. Die Mehrheit plädierte für das andere Lied als Single. Und wenn Kevin auf uns gehört hätte, wäre er vielleicht auf Nummer 1 in die Charts gegangen.

Ein weiteres Highlight Ihrer aktiven Zeit: Der Bayer Franz Beckenbauer kommt nach Hamburg.
Wehmeyer: Auch seine Einstellung war imponierend. Wenn ich morgens zum Training kam, war Franz der Erste in der Kabine – und abends war er der Letzte.
Hrubesch: Er hat sich keinerlei Extravaganzen erlaubt, es schien, als sei er schon immer Teil der Gruppe gewesen. Happel sagte zu ihm: »Bei uns spielst Du nicht Libero.« Also ging er ohne Murren ins Mittelfeld und legte mir in Kaiserslautern das »Tor des Monats« auf. Franz war einfach genial.

Hamburg war immer eine Medienstadt. Haben Sie als Spieler besonderen Druck empfunden?
Hrubesch: Überhaupt nicht. Die Frage war doch, wie du einordnest, was die Presse über dich schreibt. Man darf sich nicht verrückt machen lassen, wenn ein Reporter nach drei guten Spielen meint, dass du der neue Superstar bist. Andersrum darfst du bei drei schlechten Spielen nicht denken, dass deine Karriere vorbei ist, nur weil ein Journalist das schreibt.

Wir haben hier ein Zitat aus einem alten Interview gefunden. Da heißt es: »Auf das, was die Presse schreibt, kann man sich ein Ei backen«.
Milewski: Das muss der Kaltz gewesen sein. (Lacht.)

Stimmt.
Kaltz: Meine Meinung war immer, dass ein Journalist Kritik üben kann, aber sie muss sachlich bleiben. Ich habe aber in den Jahren einige Arschlöcher kennengelernt. Einer hat mir den Namen »Schweiger« verpasst, der klebte dann Jahre an mir. Was für ein Quatsch!
Wehmeyer: Ein Journalist soll nach einem Rempler von Willi Reimann sogar mal in einer Hecke am Trainingsplatz gelandet sein.
Jakobs: Ich war dabei...

Tatsächlich?
Jakobs: ...habe aber nichts gesehen. (lacht)
Hrubesch: Kann ich bezeugen: Da war nichts.
Kaltz: Stimmt.
Hieronymus: Der ist meines Erachtens mit voller Wucht in die Faust von Willi gelaufen.
Milewski: Sowas Dummes aber auch.

Ernst Happel galt als Journalistenfeind. Hat Ihnen das imponiert?
Kaltz: Was heißt imponiert? Er war halt ein introvertierter Typ. Nach außen jedenfalls.
Hieronymus: Aber auch lustig. Ich erinnere mich an eine Pressekonferenz nach dem letzten Spiel vor der Winterpause, da sagte ein Journalist: »Ich fände gut, wenn Herr Happel jetzt noch was sagt.« Happel drehte sich in die Runde und sagte: »Ich wünsche allen frohe Weihnachten! Tschüss!«

Manfred Kaltz, wir haben einen »Bild«-Artikel über Sie gefunden, in dem ein Journalist minutiös einen Tag in Ihrem Leben beschreibt.
Kaltz: Ich kann Ihnen jetzt schon sagen: Das hat so nie stattgefunden. (überlegt) Zeigen Sie mal her.

Die Überschrift lautet: »Mit goldenen Löffeln gespeist«.
Kaltz: ...da ist einer einen Tag bei mir – und das bleibt davon übrig. Wegen solchen Texten hatte ich nie das beste Verhältnis zu Journalisten.

Wie frei konnten Sie sich als Profis in der Stadt bewegen?  
Milewski: So wie wir damals im »Zwick« am Mittelweg gesessen haben, wäre das heute kaum möglich. Da sähen wir unsere Gesichter nach jedem Besuch in der Bild oder im Internet wieder.
Hrubesch: Im »Zwick«? Ich war nie im »Zwick«.
Jakobs: Natürlich nicht. Wir waren nie im »Zwick«. (Lacht.)
Milewski: Was ich sagen wollte: Damals konnten sogar Manni oder Horst, also gestandene Nationalspieler, relativ anonym bleiben. Heute ist das nahezu unmöglich. Da bist du sogar als Spieler von, sagen wir, Union Berlin in jeder Kneipe bekannt.
Hrubesch: Wobei es auch damals immer die Frage war, wie sehr man all das wollte. Es gab auch einen Paradiesvogel bei uns in der Mannschaft, der seinen Status schön nach außen gekehrt hat.

Jimmy Hartwig.
Hieronymus: Keine Namen, keine Orte! (lacht)

Lothar Matthäus soll zu seiner Zeit beim FC Bayern einem »Bild«-Reporter stetig mit Interna versorgt haben.
Hrubesch: So einen Maulwurf gab es bei uns nicht. Doch natürlich gab es Reporter, die näher an der Mannschaft waren als andere, die bei uns im Bus mit zu den Spielen fuhren. nd diese Leute wussten, was sie schreiben durften – und was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Denn wir waren alle keine Sonntagskinder.

Gab es im Verein jemanden, der Sie im Umgang mit den Medien geschult hat?
Milewski: Keine Schulungen, wir wussten einfach, dass man öffentlich nicht schlecht über den Verein redet. Und wir hielten uns daran, denn sonst gab es saftige Geldstrafen.

Gab es auch deshalb von Ihrer Seite nie Kritik an Ernst Happel?
Jakobs: Warum hätten wir ihn kritisieren sollen?

Wir haben aus der Zeit bis 1983 nur ein einziges Zitat gefunden, das Kritik impliziert. Sie, Holger Hieronymus, sagten: »Der Trainer spricht nicht mit mir.«
Hrubesch: Weil Holger nicht wusste, dass man zu ihm hingehen muss, wenn man mit ihm reden will!
Jakobs: Das wusstest du nicht?
Hieronymus: Mal ehrlich, das ist doch auch Blödsinn. Wie oft habe ich mit dem gequatscht. Doch der Mann war kompliziert.

Wie meinen Sie das?
Hieronymus: Vor einem Auswärtsspiel sagte er, ich müsse zu Hause bleiben. Daraufhin ich zu ihm: »Trainer, guck dir mal das alte Geschwader in der Abwehr an, rechts Kaltz, links Wehmeyer, in der Mitte Jakobs, die sind zusammen über 100 Jahre alt. Wenn Uli (Stein, d. Red.) den Ball abwirft, rennen alle weg.« Da guckt er mich an und sagt: »Hast recht! Bleibst trotzdem Zuhause!«
Hrubesch: Was willst du denn, Du hast alles mit ihm gewonnen. Und in der darauffolgenden Woche warst du wieder dabei!
Hieronymus: Tja, stimmt.

Gab es intern mehr Kritik an Happel?
Wehmeyer: Der stand über den Dingen.
Hrubesch: Das Einzige was ich ihm im Nachhinein vorwerfe: Er konnte meine Nachfolger nicht in das Team einbauen. Das habe ich auch der Mannschaft gesagt. Nichts haben die ohne mich auf die Reihe gekriegt. (lacht)

Sie sprechen von Dieter Schatzschneider und Wolfram Wuttke, die 1983 zum HSV wechselten.
Jakobs: An den beiden ist sogar Happel gescheitert.
Hrubesch: Mir hättet ihr die Beine gebrochen, wenn ich mich so aufgeführt hätte.
Hieronymus: Es war vielleicht nicht so clever, in eine eingeschworene Truppe zu wechseln und sich gleich am Anfang darüber zu beschweren, dass sie nicht dasselbe Auto fahren wie der Kaltz. »Hey Wutti, haste gesehen, was der fürn Auto fährt?«
Kaltz: Schatzschneider hat sogar mal versucht, sich auf meinen Parkplatz zu stellen. (alle lachen)
Milewski: Es hat sich in der Hinsicht nichts geändert. Gruppen funktionieren immer gleich. Damals wie heute.

War Ihre Gruppe, die Mannschaft der Jahre 1980 bis 1983, so eingeschworen, dass Neue es generell schwer hatten, einen Platz zu finden?
Milewski: Vielleicht wäre es besser gewesen, sie wären einzeln gekommen – und nicht im Duett. Denn beide waren hervorragende Fußballer. Wenn einer wie Branko Zebec mit Schatzschneider gearbeitet hätte, wäre er womöglich sogar ein Großer geworden. Seine erste Saison war ja nicht schlecht. Wir sind Zweiter geworden, er hat 15 Tore geschossen.

Horst Hrubesch, Sie wollten eigentlich noch bleiben?
Hrubesch: Ich hätte gerne noch zwei Jahre gespielt. Aber Netzer und Happel wollten diese Spieler, und das war auch legitim, denn Schatzschneider und Wuttke waren zu dem Zeitpunkt mit das Beste auf dem Markt. Und zusätzlich konnte sich der HSV Lars Bastrup und Hrubesch nicht leisten. Also vermittelte Happel mich zu seinem alten Verein Standard Lüttich. Und dennoch habe ich dem Trainer hinterher noch oft gesagt, wie schade ich es fand, dass es nicht so weitergelaufen ist.

Was war das Geheimnis des Meister- und Europacupsiegerteams von 1983?
Wehmeyer: Dass wir eine Achse aus Weltklassespielern hatten, in die sich Leute wie Wolfgang Rolff oder ich nahtlos einfügten und funktionierten.
Hrubesch: Wir sind füreinander eingestanden und haben die Scheiße durchgezogen. Und als Herzstück hatten wir Felix (Magath, d.Red.) Wenn der bei uns spielte, brauchten wir nicht über Platini reden. Der war einmalig. Und es hat mir oft wehgetan, ihn bei der Nationalelf zu erleben. Dort spielte er eine andere Rolle, hatte nicht das Standing – und kam auch nicht so zum Zug.

Der größte Krach innerhalb Ihrer Mannschaft?
Milewski: Das ist einfach: Als ich beim Skat mit Felix Magath als Partner Pik falsch ausgespielt habe.
Kaltz: Ich kann es mir genau vorstellen: »Du Rindvieh«, hat er gesagt, oder?
Wehmeyer: Das trifft genau, was diese Truppe auszeichnete.
Milewski: Zumal ich niemals Pik falsch bedient hätte.
Hrubesch: Ich habe zweimal mit Ernst Happel »Klammern« gespielt. Danach hat er gesagt: »Cowboy, vergiss es, wir müssen damit aufhören, sonst gehören mir hinterher Haus und Hof und Kinder und Frau dazu. Das will ich nicht.« Zugegeben, ich war nur Aushilfszocker.

Ernst Happel hingegen war regelmäßiger Gast im Casino.
Milewski: Ich werde nie vergessen, wie er öfter nach dem Training kam und sagte »Wurschtl, geh ma?« Und dann haben wir uns noch im Trainingsanzug beim Zeugwart eingeschlossen, haben eine nach der anderen gequalmt und schön gezockt.
Hrubesch: Wieso erfahre ich davon erst jetzt?
Milewski: Deswegen war er immer wieder sauer und hat mich Runden laufen lassen. Der hat öfter mal ordentlich Geld verloren.
Kaltz: Hätteste ihn doch gewinnen lassen.

Bis heute wird Ernst Happel als revolutionärer Trainer gesehen. Waren seine Methoden wirklich so außergewöhnlich?
Jakobs: Durch Zebec hatten wir eine einzigartige taktische Schulung. Jeder wusste tausendprozentig genau, was er zu tun hatte. Das Einzige, was Happel änderte, war, das gesamte Spiel zwanzig Meter nach vorne zu verschieben.
Hrubesch: Wir lösten auf und schalteten auf Raumdeckung um. Aber Jako hat Recht, der Motor lief schon unter Zebec, er wurde von Happel nur noch getuned.

Ihr Team ist auch eng mit zwei Begriffen der Bundesligageschichte verbunden. Dem »Kopfballungeheuer«…

Hrubesch: Quatsch. Den Spitznamen hatte mir schon 1974 ein »Bild«-Reporter in Essen verpasst.  

…und die »Bananenflanke«.
Wehmeyer: Da gibt es seit Jahren einen Urheberrechtsstreit mit Charly Dörfel.
Kaltz: (lächelt) Alles geklärt. Ich habe Charly kleingekriegt.

Erzählen Sie.
Kaltz: Vor einiger Zeit gewann der HSV ausnahmsweise mal gegen Borussia Dortmund, was Charly dazu bewogen hat, mir nach ewiger Zeit mal einen auszugeben. Er war immer eher knauserig. Und bei diesem Frühschoppen hat er dann vor versammelter Mannschaft einen Diener gemacht und gesagt: »Manni, Du bist der Erfinder der Bananenflanke«. Aber ich gebe zu: Charly Dörfel hat auch gut geflankt. (alle lachen)
Hrubesch: Wir wussten einfach, was wir tun.

Manfred Kaltz, eines Ihrer Markenzeichen waren die heruntergezogenen Socken. Hatten Sie keine Angst vor Verletzungen?
Hrubesch: Der war so schnell, an den kamst du doch gar nicht ran.
Milewski: Manni hat eher bei anderen für Verletzungen gesorgt.
Kaltz: Zu meinen Gegner habe ich gesagt: »Du darfst jetzt drei Mal versuchen, mich zu treffen. Aber dann darf ich auch mal.«
Hieronymus: Den kleinen Allofs hat er mal auf dem Platz operiert. Und Scheppe Krauss ist auch mal vor eine Bank geflogen.
Kaltz: Naja, aber dann war auch Ruhe und man konnte wieder das Spiel machen.
Milewski: Meine Herren, ich kann nur warnen, hier nicht alles zu erzählen, sonst kommt es noch nachträglich zu Schadenersatzklagen.
Kaltz: Aber dafür haben wir doch dich als Hobby-Juristen.

Im Jahr 1982 starb bei Fanausschreitungen am Volksparkstadion der Werder-Fan Adrian Maleika. Was haben Sie davon mitbekommen?
Hieronymus: Von dem, was außerhalb des Stadion passierte, kriegten wir generell nicht viel mit. Aber heute ist der Umfang an Sicherheit zweifellos höher. Im Stadion war die Stimmung meines Erachtens meistens gut, es ging damals noch mehr um Fußball, heute ist auch die Inszenierung sehr wichtig. Allerdings waren wir in Hamburg von den Fans durch die Laufbahn ziemlich entfernt.

Im Ruhrgebiet war es damals noch Gang und Gäbe, dass die Profis in Fankneipen nach den Spielen mit den Fans diskutierten.
Hieronymus: In Hamburg wussten die Wenigsten, wohin wir nach den Spielen ausschwärmten. Oft wussten wir es ja selbst nicht. Aber der Respekt war auch sehr groß. Schließlich haben wir neun von zehn Spielen gewonnen.

Hatten Sie damals einen Angstgegner?
Jakobs: Nein.
Hieronymus: Sportlich war Kaiserslautern immer ein Highlight, aber die Feindseligkeit, die man spürte, wenn es den Betzenberg hoch- und nachher wieder runterging, die war besonders. Das kam einem die geballte Kraft von Antipathie entgegen.

Gab es Ärger?
Hieronymus: Nein, aber wir kamen nun mal von sehr weit weg, sprachen ganz anders und waren sportlich auch eine Reizmannschaft. Denn wir waren erfolgreich. Da waren die Arme der gegnerischen Fans oft besonders fest verschränkt.

Die sprichwörtliche »Hamburger Arroganz«.
Wehmeyer: Das war so ein Klischee damals. Aber schauen Sie sich Typen wie Horst Hrubesch an. Wirkt der arrogant?

Heute ist Tradition das höchste Gut, über das ein Fußballverein verfügt. War Ihnen 1983 bewusst, dass Sie im Begriff waren, Geschichte zu schreiben?
Wehmeyer: Nein. Unser Ziel war es eben, jedes Spiel zu gewinnen. Und so hat sich das entwickelt.
Hieronymus: Als wir vor dem Spiel in Athen die Juve-Spielerfrauen im Galakleid sahen, die schon für die Siegesfeier umgezogen waren, und wir in unseren Trainingsanzügen wirkten wie eine bessere Kneipenmannschaft, kam mir schon der Gedanke, dass es ein besonderer Tag werden könnte. Aber mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass irgendeiner 30 Jahre später darüber noch reden würde.

Der große Widersacher in der Bundesliga damals hieß Bayern München. Empfanden Sie eine besondere Rivalität zu Karl Heinz Rummenigge und Paul Breitner?
Hrubesch: Überhaupt nicht. Ich habe fünf Jahre gegen die gekickt und nur einmal verloren. 1979 am letzten Spieltag, als wir schon Meister waren.
Kaltz: Und in der Nationalelf haben wir uns ohnehin gut mit denen verstanden.

Uli Hoeneß sagte vor kurzem: »Der einzige Klub, der dem FC Bayern von seinem Umfeld und seinen Möglichkeiten langfristig ebenbürtig sein könnte, ist der HSV.« Warum ist es dem Klub seit Ihrer Zeit nicht mehr gelungen?
Hrubesch: Fragen Sie Uli Hoeneß, wenn der das sagt, weiß er auch, warum es so ist.
Jakobs: Um das zu erklären, bräuchten wir Stunden, wenn nicht Tage.

Sehr geehrte Herren, was gefällt Ihnen in der Bundesliga heute besser, als zu Ihrer aktiven Zeit?
Hrubesch: Das da. (klopft hinter sich an die Scheibe, wo sich der Innenraum des Hamburger Stadions erstreckt)
Jakobs: Zu unserer Zeit kamen im Winter 14 000 Zuschauer und der Platz war gefroren…
Hieronymus: …genau genommen nur die Seite, auf der Manni auf und ab lief.
Jakobs: Auf so einem Rasen dürften heute gar keine Spiele mehr stattfinden.
Wehmeyer: Die Unfallgefahr wäre viel zu groß.
Hrubesch: Wenn wir so ein Stadion gehabt hätten, kein Team hätte überhaupt noch anreisen müssen.

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