14.12.2013

HSV-Legenden erinnern sich an das glorreiche Jahr 1983

»Wir haben die Scheiße durchgezogen«

Dreißig Jahre nach dem Triumph im Europapokal der Landesmeister sind sechs HSV-Legenden von 1983 noch einmal zusammengekommen. Am 11FREUNDE-Stammtisch erinnern sich Horst Hrubesch, Jürgen Milewski, Holger Hieronymus, Manfred Kaltz, Ditmar Jakobs und Bernd Wehmeyer an ihre größten Erfolge, nächtliche Kneipen-Besuche und Hinterzimmer-Glücksspiele mit Ernst Happel. 

Interview: Andreas Bock und Tim Jürgens Bild: Imago

Ein weiteres Highlight Ihrer aktiven Zeit: Der Bayer Franz Beckenbauer kommt nach Hamburg.
Wehmeyer: Auch seine Einstellung war imponierend. Wenn ich morgens zum Training kam, war Franz der Erste in der Kabine – und abends war er der Letzte.
Hrubesch: Er hat sich keinerlei Extravaganzen erlaubt, es schien, als sei er schon immer Teil der Gruppe gewesen. Happel sagte zu ihm: »Bei uns spielst Du nicht Libero.« Also ging er ohne Murren ins Mittelfeld und legte mir in Kaiserslautern das »Tor des Monats« auf. Franz war einfach genial.

Hamburg war immer eine Medienstadt. Haben Sie als Spieler besonderen Druck empfunden?
Hrubesch: Überhaupt nicht. Die Frage war doch, wie du einordnest, was die Presse über dich schreibt. Man darf sich nicht verrückt machen lassen, wenn ein Reporter nach drei guten Spielen meint, dass du der neue Superstar bist. Andersrum darfst du bei drei schlechten Spielen nicht denken, dass deine Karriere vorbei ist, nur weil ein Journalist das schreibt.

Wir haben hier ein Zitat aus einem alten Interview gefunden. Da heißt es: »Auf das, was die Presse schreibt, kann man sich ein Ei backen«.
Milewski: Das muss der Kaltz gewesen sein. (Lacht.)

Stimmt.
Kaltz: Meine Meinung war immer, dass ein Journalist Kritik üben kann, aber sie muss sachlich bleiben. Ich habe aber in den Jahren einige Arschlöcher kennengelernt. Einer hat mir den Namen »Schweiger« verpasst, der klebte dann Jahre an mir. Was für ein Quatsch!
Wehmeyer: Ein Journalist soll nach einem Rempler von Willi Reimann sogar mal in einer Hecke am Trainingsplatz gelandet sein.
Jakobs: Ich war dabei...

Tatsächlich?
Jakobs: ...habe aber nichts gesehen. (lacht)
Hrubesch: Kann ich bezeugen: Da war nichts.
Kaltz: Stimmt.
Hieronymus: Der ist meines Erachtens mit voller Wucht in die Faust von Willi gelaufen.
Milewski: Sowas Dummes aber auch.

Ernst Happel galt als Journalistenfeind. Hat Ihnen das imponiert?
Kaltz: Was heißt imponiert? Er war halt ein introvertierter Typ. Nach außen jedenfalls.
Hieronymus: Aber auch lustig. Ich erinnere mich an eine Pressekonferenz nach dem letzten Spiel vor der Winterpause, da sagte ein Journalist: »Ich fände gut, wenn Herr Happel jetzt noch was sagt.« Happel drehte sich in die Runde und sagte: »Ich wünsche allen frohe Weihnachten! Tschüss!«

Manfred Kaltz, wir haben einen »Bild«-Artikel über Sie gefunden, in dem ein Journalist minutiös einen Tag in Ihrem Leben beschreibt.
Kaltz: Ich kann Ihnen jetzt schon sagen: Das hat so nie stattgefunden. (überlegt) Zeigen Sie mal her.

Die Überschrift lautet: »Mit goldenen Löffeln gespeist«.
Kaltz: ...da ist einer einen Tag bei mir – und das bleibt davon übrig. Wegen solchen Texten hatte ich nie das beste Verhältnis zu Journalisten.

Wie frei konnten Sie sich als Profis in der Stadt bewegen?  
Milewski: So wie wir damals im »Zwick« am Mittelweg gesessen haben, wäre das heute kaum möglich. Da sähen wir unsere Gesichter nach jedem Besuch in der Bild oder im Internet wieder.
Hrubesch: Im »Zwick«? Ich war nie im »Zwick«.
Jakobs: Natürlich nicht. Wir waren nie im »Zwick«. (Lacht.)
Milewski: Was ich sagen wollte: Damals konnten sogar Manni oder Horst, also gestandene Nationalspieler, relativ anonym bleiben. Heute ist das nahezu unmöglich. Da bist du sogar als Spieler von, sagen wir, Union Berlin in jeder Kneipe bekannt.
Hrubesch: Wobei es auch damals immer die Frage war, wie sehr man all das wollte. Es gab auch einen Paradiesvogel bei uns in der Mannschaft, der seinen Status schön nach außen gekehrt hat.

Jimmy Hartwig.
Hieronymus: Keine Namen, keine Orte! (lacht)

Lothar Matthäus soll zu seiner Zeit beim FC Bayern einem »Bild«-Reporter stetig mit Interna versorgt haben.
Hrubesch: So einen Maulwurf gab es bei uns nicht. Doch natürlich gab es Reporter, die näher an der Mannschaft waren als andere, die bei uns im Bus mit zu den Spielen fuhren. nd diese Leute wussten, was sie schreiben durften – und was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Denn wir waren alle keine Sonntagskinder.

Gab es im Verein jemanden, der Sie im Umgang mit den Medien geschult hat?
Milewski: Keine Schulungen, wir wussten einfach, dass man öffentlich nicht schlecht über den Verein redet. Und wir hielten uns daran, denn sonst gab es saftige Geldstrafen.

Gab es auch deshalb von Ihrer Seite nie Kritik an Ernst Happel?
Jakobs: Warum hätten wir ihn kritisieren sollen?

Wir haben aus der Zeit bis 1983 nur ein einziges Zitat gefunden, das Kritik impliziert. Sie, Holger Hieronymus, sagten: »Der Trainer spricht nicht mit mir.«
Hrubesch: Weil Holger nicht wusste, dass man zu ihm hingehen muss, wenn man mit ihm reden will!
Jakobs: Das wusstest du nicht?
Hieronymus: Mal ehrlich, das ist doch auch Blödsinn. Wie oft habe ich mit dem gequatscht. Doch der Mann war kompliziert.

Wie meinen Sie das?
Hieronymus: Vor einem Auswärtsspiel sagte er, ich müsse zu Hause bleiben. Daraufhin ich zu ihm: »Trainer, guck dir mal das alte Geschwader in der Abwehr an, rechts Kaltz, links Wehmeyer, in der Mitte Jakobs, die sind zusammen über 100 Jahre alt. Wenn Uli (Stein, d. Red.) den Ball abwirft, rennen alle weg.« Da guckt er mich an und sagt: »Hast recht! Bleibst trotzdem Zuhause!«
Hrubesch: Was willst du denn, Du hast alles mit ihm gewonnen. Und in der darauffolgenden Woche warst du wieder dabei!
Hieronymus: Tja, stimmt.

Gab es intern mehr Kritik an Happel?
Wehmeyer: Der stand über den Dingen.
Hrubesch: Das Einzige was ich ihm im Nachhinein vorwerfe: Er konnte meine Nachfolger nicht in das Team einbauen. Das habe ich auch der Mannschaft gesagt. Nichts haben die ohne mich auf die Reihe gekriegt. (lacht)

Sie sprechen von Dieter Schatzschneider und Wolfram Wuttke, die 1983 zum HSV wechselten.
Jakobs: An den beiden ist sogar Happel gescheitert.
Hrubesch: Mir hättet ihr die Beine gebrochen, wenn ich mich so aufgeführt hätte.
Hieronymus: Es war vielleicht nicht so clever, in eine eingeschworene Truppe zu wechseln und sich gleich am Anfang darüber zu beschweren, dass sie nicht dasselbe Auto fahren wie der Kaltz. »Hey Wutti, haste gesehen, was der fürn Auto fährt?«
Kaltz: Schatzschneider hat sogar mal versucht, sich auf meinen Parkplatz zu stellen. (alle lachen)
Milewski: Es hat sich in der Hinsicht nichts geändert. Gruppen funktionieren immer gleich. Damals wie heute.
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