14.12.2013

HSV-Legenden erinnern sich an das glorreiche Jahr 1983

»Wir haben die Scheiße durchgezogen«

Dreißig Jahre nach dem Triumph im Europapokal der Landesmeister sind sechs HSV-Legenden von 1983 noch einmal zusammengekommen. Am 11FREUNDE-Stammtisch erinnern sich Horst Hrubesch, Jürgen Milewski, Holger Hieronymus, Manfred Kaltz, Ditmar Jakobs und Bernd Wehmeyer an ihre größten Erfolge, nächtliche Kneipen-Besuche und Hinterzimmer-Glücksspiele mit Ernst Happel. 

Interview: Andreas Bock und Tim Jürgens Bild: Imago
Holger Hieronymus, Sie wurden durch ein schweres Foul des Waldhofers Fritz Walter 1984 Sportinvalide. Ditmar Jakobs, Sie mussten 1989 aufhören, nachdem sich bei einer Abwehraktion ein Karabinerhaken in Ihrem  Rücken verkantete. Wie griff in diesen Situationen der Korporationsgeist?
Jakobs: Für mich war es nicht ganz so dramatisch, weil mir der Unfall mit 36 passiert – und nicht wie Holger mit 25. Und ich wusste, dass ich vom Klub und vom Umfeld nichts mehr zu erwarten hatte. Der Teamgeist war längst nicht mehr wie zu unserer gemeinsamen Zeit.
Hrubesch: Jeder von uns wusste, dass ein Profi ständig von der Invalidität bedroht ist. Und jeder wusste, dass er dann in der Lage sein muss, das selbst zu regeln.
Hieronymus: Was hätte es gebracht, wenn mir die Jungs 1984 jeden Tag einen Blumenstrauß ins Krankenhaus gebracht hätten? Es war vorbei, das hat jeder bemerkt. Aber es war eben nur eine Episode, die irgendwann abgehakt war. Wir freuen uns immer, wenn wir uns sehen, haben uns immer etwas zu sagen, und wir reden beileibe nicht nur über die sportlichen Erfolge. Wir sind wie eine Familie in der großen Fußballfamilie. Und das ist für die Ewigkeit.

Wie fing das an?
Hrubesch: Ich denke, das Jahr 1978 stellte eine Zäsur für den Klub dar. In der Saison 1977/78 war der HSV Zehnter geworden und hatte gegen den Abstieg gespielt.
Wehmeyer: Trotz großer Spieler, trotz des Europapokalgewinns von 1977.
Hrubesch: Im Sommer 1978 kam der junge Günter Netzer und brachte Spieler mit, denen die Presse zunächst mit Skepsis begegnete. Viele Leute aus der zweiten Liga. Als wir dann aber gemerkt haben, wie viel Kraft wir durch die Gemeinschaft gewannen, gaben wir die nie wieder auf. Die Serie von 36 Spielen ohne Niederlage in der Saison 1982/83 war eine späte Folge daraus.
Jakobs: Wir wollten einfach nur jedes Spiel gewinnen.

Welchen Anteil hatten die Trainer?
Hrubesch: Wir haben unter Branko Zebec in einer Diktatur gelebt, doch vermutlich brauchten wir das.

Wie wirkte sich das auf Ihr Leben aus?
Hrubesch: Zebec rief abends um halb elf bei jedem Spieler an, um zu prüfen, ob wir auch zu Hause sind. Außerdem wollte er wissen, wenn irgendjemand die Stadt verlässt. Ich musste mich also nach jedem Training abmelden, denn ich wohnte in Norderstedt.

Hatten Sie überhaupt Energie abends was zu unternehmen? Das Training unter Zebec galt als extrem strapaziös.
Hrubesch: Die Härte kam mehr von den Spielern, jeder ist voll reingegangen, jeder wollte sich zeigen. Mit den Defensivkanten wie Ivan Buljan, Peter Nogly, Jimmy Hartwig oder Manni Kaltz zu trainieren – ich habe sie früher »Hornochsen« genannt –, konnte einen echt fertig machen. Typen wie Ditmar Jakobs konnten einen kaputt machen. Das war gefährlicher als ein Pflichtspiel.
Wehmeyer: Uns zeichnete aus, dass wir nie aufgegeben haben. Wir sind immer wieder zurückgekommen.

Als im Januar 1983 die Serie mit 36 Spielen ohne Niederlage riss, legten sie gleich darauf eine Serie mit 18 Spielen ohne Niederlage hin.
Hrubesch: So war es immer. Wenn wir am Boden waren, kamen wir zurück. Ein anderes Beispiel: Wir standen nach dem verlorenen Landesmeister-Finale im Mai 1980 in Madrid und sahen wie die Gegner hinter einer Glasscheibe mit dem Pokal abzogen. Da sagte ich zu Jako: Wir kommen wieder. Dich holen wir noch ab!

So kam es ja auch.
Kaltz: Jau.

Sprechen Sie oft über Niederlagen?
Milewski: Viel häufiger als über die Titel. Gegen Forest, im Finale von 1980, haben wir 90 Minuten auf ein Tor gespielt – am Ende stand es 0:1. Das war bitter. Oder auch die drei verschenkten Meisterschaften 1980, 1981 und 1984, als wir Zweiter wurden. Die beiden Uefa-Cup-Endspiele von 1982, die wir gegen IFK Göteborg verloren haben –  wenn wir uns wiedersehen, beschäftigt uns all das viel mehr als die Triumphe.

Sprechen wir über Vereinstreue. Warum blieben Sie alle so lange Zeit in Hamburg?
Milewski: Kieznähe. (lacht)
Jakobs: Jedem das seine. Im Ernst: Es war eine andere Zeit. Nicht nur, dass die Spieler gerne länger bei einem Verein blieben, es gab auch kaum Anfragen. Ich habe in meiner kompletten Zeit in Hamburg nicht ein einziges Angebot bekommen.

Trotzdem Sie Nationalspieler waren.
Jakobs: Kein einziges Angebot!
Hrubesch: Die Initiative ging meistens von den Spielern aus, auch weil es kaum Berater gab. Und es war weniger das Geld, das lockte, als vielmehr die Aussichten. Ich wusste: Mit Rot-Weiss Essen kann ich nicht Deutscher Meister werden, Mile wusste, mit Hannover kann er nicht Meister werden. Also gingen wir zum HSV – und blieben.
Milewski: So anders als heute ist das aber nicht. Auch heute wechseln die Spieler vornehmlich aus sportlichen Motiven. Dass man beim FC Bayern, also einem größeren Klub mit besseren sportlichen Perspektiven mehr Geld verdienst, ist ja nur logisch.

Kevin Keegan stellte für den deutschen Fußball eine Zäsur dar. Erstmals kam ein internationaler Superstar in die Bundesliga. Wie erlebten Sie als Mitspieler Keegans Wechsel zum HSV?
Milewski: Er hat das Bedürfnis der Fans nach Stars befriedigt. Er war einer der ersten Spieler, der neben dem Fußball noch Werbesachen laufen hatte.
Kaltz: Ich kann nichts Negatives über ihn sagen. Er war ein Vorbild und hatte eine professionelle Einstellung.
Milewski: Das ist heute immer noch so: Wenn du einen extravaganten Star in der Mannschaft hast, dieser sich aber ordentlich verhält und die Gemeinschaft weiterbringt, hat der kein Problem.  

Keegan stand sehr im Fokus der Medien.
Hrubesch: Ja, und? Neid gab es nicht.
Milewski: Zudem war die Präsenz nicht ansatzweise so wie heute.

Wie fanden Sie seinen Ausflug in die Popmusik?

Jakobs: Wir waren auf einem Zimmer, ich habe der Nummer nach einer Hörprobe also offiziell meinen Segen gegeben.

Sie meinen den Song »Head over heals in Love«.
Hieronymus: Moment, in meiner Erinnerung gab es ein Meeting mit der Mannschaft und wir hatten die Wahl zwischen dieser Nummer und einem anderen Song, den er mit Smokie aufgenommen hatte. Die Mehrheit plädierte für das andere Lied als Single. Und wenn Kevin auf uns gehört hätte, wäre er vielleicht auf Nummer 1 in die Charts gegangen.
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