HSV-Legende Harry Bähre gratuliert Uwe Seeler

»Er lag in der Luft wie eine Rakete«

Am Samstag wird Uwe Seeler 75 Jahre alt. Heute gratuliert sein Freund und ehemaliger HSV-Mitspieler Harry Bähre. Ein Gespräch über Seelers einzigen Platzverweis, rote Köpfe und den Traum vom besten Tor aller Zeiten. HSV-Legende Harry Bähre gratuliert Uwe SeelerImago

Harry Bähre, Uwe Seeler hat in seiner Karriere weit über 500 Tore gemacht. Welches war denn sein bestes?

Harry Bähre: Viele Leute schwärmen von seinem Treffer mit dem Hinterkopf beim 3:2-Sieg gegen England 1970. Doch das beste Tor machte er im November 1963.

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Beim Auswärtsspiel in Barcelona?

Harry Bähre: Wir spielten damals mit dem HSV im Europapokal der Pokalsieger vor 90.000 Fans im Camp Nou, der Tempel kochte. Es entwickelte sich ein Wahnsinns-Spiel, wir machten schnell das 1:0, doch auf einmal führten die Spanier 3:2, dann egalisierten wir wieder. In der 70. Minute zog ich dann eine präzise Flanke in den Sechzehner – und Uwe schoss waagerecht durch die Gegenspieler. Er lag in der Luft wie eine Rakete. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Er traf den Ball mit voller Wucht, 4:3 für uns. Und wissen Sie was: Von dem Tor träume ich heute manchmal noch.

Und dann wachen Sie schweißgebadet auf, weil Barcelona noch das 4:4 machte?

Harry Bähre: Nein. Der Traum geht weiter bis zum Rückspiel, das in Hamburg 0:0 endete. Das Entscheidungsspiel gewannen wir 3:2. In der Partie machte ich sogar ein Tor.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Uwe Seeler?

Harry Bähre: Ich war früher, in den fünfziger Jahren, Balljunge am Rothenbaum. Beim Training der ersten Mannschaft postierte ich mich direkt hinter dem Tor, in der Hoffnung die Spieler würden daneben schießen. Dann fischten wir die Bälle aus dem Gebüsch und hatten einen guten Grund zu ihnen zu gehen. Wir konnte kurz mit Uwe oder Klaus (Stürmer, d. Red.) schnacken oder uns ein neues Autogramm fürs Album ergattern. Zwei Jahre später spielte ich dann mit Uwe zusammen in der Oberliga-Mannschaft.

War denn Trainer Günter Mahlmann oder Uwe Seeler Ihre Respektsperson?

Harry Bähre: Mahlmann war ein Pädagoge, der ließ mich auch schon mal zum Spiel per Anhalter fahren. Uwe war Idol und Mentor zugleich. Er nahm mich an seine Seite, zeigte mir, wie der Hase läuft.

Was faszinierte Sie damals so am HSV?

Harry Bähre: Heutzutage wird das gerne als Romantik abgetan, doch es war der Zusammenhalt. Und den gab es wirklich. Wissen Sie, wir spielten damals mit elf gebürtigen Hamburgern. Als eines Tages Jürgen Kurbjuhn vom SV Buxtehude zu uns wechselte, hieß es: Der erste Ausländer kommt zum HSV. Doch Uwe hat auch ihn in sein Herz geschlossen.

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Uwe Seeler mochte alle, alle mochten Uwe Seeler. Konnte er eigentlich auch mal richtig wütend werden?

Harry Bähre: Wenn es nicht lief, rannte er übers ganze Feld und verpasste den Mittelfeld- und Abwehrspielern einen richtigen Einlauf. Uwe konnte einfach nicht verlieren. Wir hatten allerdings häufig Glück, dass Dieter Seeler eine Art Puffer im Mittelfeld war. Jedes Mal, wenn Uwe mit hochroter Birne angerannt kam, sagte Dieter: »Ruhig, Dicker! Geh nach vorne und mach' deine Dinger.« Dann ist Uwe von dannen gezogen. Vor seinem fünf Jahre älteren Bruder hatte er einen Heidenrespekt.

Über seinen einzigen Platzverweis hat er sich auch ziemlich lange geärgert.

Harry Bähre: Über den sollte man heute noch nicht mit ihm reden. (lacht) Der HSV spielte damals, 1957, gegen Bremerhaven. Uwe schickte Gegenspieler Horst Wagenbreth auf den Rasen – und Schiedsrichter Walter Höfel verwies ihn des Feldes. Das war natürlich ein Riesenskandal. Wagenbreth wurde danach bis zum Abpfiff vom Publikum ausgepfiffen.

Waren Sie im Stadion?

Harry Bähre: Ich stand als Butjer im Publikum – und natürlich habe ich auch gepfiffen. Uwe war ja neben Klaus Stürmer mein großes Idol. Später berichtete Uwe mal davon, wie Wagenbreth verkleidet aus der Kabine schleichen musste, weil das Hamburger Publikum so aufgebracht gewesen war und ihm auflauern wollte.

Sie sehen Uwe Seeler spätestens am Samstag wieder, wenn er seinen Geburtstag im Volksparkstadion feiert. Treffen Sie sich ansonsten auch noch?

Harry Bähre: Wir haben eine kleine Clique, die aus fünf, sechs Leuten besteht. Gemeinsam spielen wir Golf oder Tennis oder fahren nach Mallorca.

Wie kann man sich das vorstellen: Uwe Seeler und seine Clique auf Mallorca?

Harry Bähre: Das ist immer lustig. Sowieso: Wenn wir mit Uwe unterwegs sind, dann geht's allen Leuten mit einem Schlag blendend. Ich erinnere mich noch an ein Spiel, zu dem wir mit dem Taxi gefahren sind. Wir standen im Stau, nichts ging mehr. Plötzlich erkannte ein Verkehrspolizist, dass Uwe bei uns im Wagen saß. Da lief er prompt zu seinem Kollegen, der wieder zu einem anderen. Am Ende standen sie bei uns und sagten: »Herr Seeler, wir leiten jetzt den Verkehr um.«

Was sagte Seeler?

Harry Bähre: Uwe ist bekanntlich einer der bodenständigsten und liebenswürdigsten Menschen, die es im Fußball gibt. Der kennt kein Oben oder Unten. Und deswegen wollte er natürlich keine Extra-Behandlung, auch wenn es mit dem Anstoß knapp werden würde. Er winkte ab, scherzte rum. Doch ehe wir uns versahen, organisierten die Polizisten eine Schneise für uns – und für die anderen Autofahrer war das okay. Sie winkten uns zu.

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