Hot Chip-Mitglied Felix Martin über schwule Profis in England

»Es ist alles eine Frage der Geduld«

Die Londoner Band Hot Chip hat zu ihrer neuen Single »Don´t Deny Your Heart« einen kontrovers diskutierten Fußball-Video-Clip veröffentlicht. Zwei englische Profis küssen sich in kühler Computerspiel-Optik auf dem Platz – und schließlich fallen alle Spieler übereinander her. Die Kollegen von »Bolzen« sprachen mit Bandmitglied Felix Martin über das erste Outing eines schwulen Profis auf der Insel.

Screenshot

Felix, Ihr habt Euren Video-Clip über Schwule im englischen Profifußball gerade veröffentlicht. Hat sich schon jemand aus der Premier League zu Wort gemeldet?
Nein, bei den Spielern ist der Clip wohl noch nicht angekommen. Anders Lindegaard, Torwart von Manchester United, hat aber in seinem Blog gerade einen längeren Text zu dem Thema geschrieben. Er schrieb über die Notwendigkeit eines Coming Outs, was es zumindest in England noch nie gegeben hat. Es scheint, als würde es irgendwann passieren, aber bis dahin ist es wohl noch ein langer Weg.

Wie ist das Video ansonsten aufgenommen worden?
In den Kommentaren unter dem YouTube-Clip gab es schon ein paar homophobe Meinungen, aber das waren wahrscheinlich größtenteils Teenager, die sich mit dem Thema noch nicht wirklich auseinander gesetzt haben.
 
Ihr seid bislang weniger als Fußballband aufgefallen. Welches sind Eure Klubs?
Ein paar von uns sind tatsächlich große Fußball-Fans. Ich selbst bin ein Liverpool-Fan und unser Sänger Alexis hält zu Tottenham; es gibt sogar noch einen Liverpool-Fan. Wir schauen unterwegs oft Premier-League-Spiele zusammen.
 
Wie kam die Idee zu dem Video zustande?
Wir haben als Kinder eher Fußball geschaut als selber gespielt. Und wir haben natürlich Games wie »Fifa« gezockt. Was uns dabei immer auffiel, waren die unemotionalen Gesichter der Computerfußballer, beispielsweise beim Torjubel. Peter Serafinowicz, der vorher schon einige Videos für uns gedreht hat, hat die Figuren entsprechend animiert. Er hat es perfekt verstanden, den Humor, den wir transportieren wollten, umzusetzen.
 
Hattet Ihr Hilfe von Firmen, die Computerspiele herstellen?
Die Bewegungsabläufe wurden von »The Imaginarium« umgesetzt, einem neuen Motion-Capture-Studio in London. Das Studio gehört Andy Serkis, der den Gollum in »Herr der Ringe« gespielt hat. Wir haben es mit dieser professionellen Hilfe hinbekommen, das alles ein wenig retro aussieht.

Warum ist es für die Öffentlichkeit so interessant zu wissen, welcher Fußballer schwul ist?
Ich weiß es nicht, aber es ist ein immer wiederkehrendes Thema. Zu viele Menschen akzeptieren immer noch nicht, dass es zum normalen Leben dazugehört. Und an dem Punkt, an dem sich bekannte Sportler outen, ist das von besonderem Interesse der Öffentlichkeit. Ganz besonders schwierig wäre es für Fußballer, weil ihr Sport so populär ist. Man kann verstehen, warum es noch keiner getan hat. Derjenige, der es irgendwann tut, muss sehr mutig sein.
 
Lukas Podolski sagte kürzlich, er möge es in England so sehr, weil sein Privatleben viel mehr respektiert werde. Teilst Du seine Einschätzung?
Das hängt davon ab, wer du bist. Lukas Podolski ist ein großer deutscher Star. Die Medien in Deutschland sind sehr an ihm interessiert und warten auf Fehler. In England sind Geschichten von Fußballern mit Prostituierten oder Geliebten auch keine Seltenheit. Schließlich werden Fußballer von allen Sportlern am besten bezahlt. Weil sie als Vorbilder gelten, stürzt sich die Presse darauf.


 
Glaubst Du, dass die Boulevardzeitung »The Sun« irgendwann mit der Headline erscheint: »Ashley Cole ist schwul«?
Ich halte das für ziemlich unwahrscheinlich. Ich verstehe auch nicht, warum wir wissen sollten, welcher Spieler welche Sexualität lebt. Es sei denn, Ashley Cole würde sich schwulenfeindlich äußern und insgeheim aber seine Homosexualität ausleben. In solch einem Fall wäre das von öffentlichem Interesse.
 
Gibt es im Fußballstadion mehr homophobe Menschen als in der normalen Gesellschaft?
Ich denke, das liegt eher an der Gruppendynamik in der anonymen Menge, am Herdentrieb. In einer anderen Umgebung, in der Leute davon erzählen können, dass sie einen schwulen Kumpel haben, gibt es weniger Vorurteile. Nein, ich glaube wirklich nicht, dass Fußballfans homophober sind.
 
Was würde passieren, wenn sich ein englischer Fußballer jetzt outen würde?
Es wäre sehr schwierig für ihn, dem Druck standzuhalten. Wenn man einmal sieht, wie andere Spieler durch Privataffären gegangen sind, war das kein einfacher Weg. Du müsstest dich bei jedem Spiel dem Gesinge und Geschrei stellen. Ich hoffe aber, dass man von anderen Spielern Unterstützung bekäme, und glaube, dass das auch so wäre. Es könnte natürlich auch eine Kettenreaktion auslösen. Ein Spieler von Manchester United outet sich, dann einer von Arsenal usw. Eine Identifikationsfigur, das würde es viel einfacher machen.
 
In Deutschland herrscht der Konsens, es sollten sich zehn schwule Profis von verschiedenen Klubs zusammen tun und sich dann gemeinsam outen.
Vor zehn, fünfzehn Jahren gab es ja auch noch keine bekannten schwulen Politiker. Das ist heute normal. Die Dinge müssen zuerst in die richtige Richtung gedreht werden. Ich denke, es ist alles eine Frage der Geduld.
 
Wir mögen die Szene mit dem Schiedsrichter, der erst die Rote Karte zeigen will, sich dann aber in die Orgie stürzt. Was ist deine Lieblingsszene
Mir gefallen die Kommentare der Sprecher sehr gut. Peter hat genau die Art von Stimme getroffen, die die Kommentatoren auch in den Computerspielen haben. Er hat die Stimmen selbst eingesprochen.
 
Im Video-Clip küssen sich die fiktiven Spieler NcNananan und Billiams. Eine Anspielung auf Steve McManaman?
Das war eine spontane Idee von Peter, der nicht gerade ein großer Fußball-Fan ist. Ich fand es sehr lustig, denn in meiner Jugend als Liverpool-Fan war Steve McManaman eine Legende. Im Clip war das aber eher ein zufälliger Gag.
 
Wann gibt es einen Hot-Chip-Remix von »You’ll Never Walk Alone«?
(lacht) Kann ich mir nicht vorstellen, dass wir das mal tun werden. Damit hätten die anderen wohl ein Problem.

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