Horst Zingraf über Trainerentlassungen

»Ultimaten sind schlimm«

Horst Zingraf ist Präsident des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer. Wir sprachen mit ihm über den Klinsmann-Rauswurf, die Umgangsformen bei Trennungen, die Macht der Fans und das Modell Magath. Horst Zingraf über TrainerentlassungenImago

Herr Zingraf, hat Sie die Entlassung von Jürgen Klinsmann fünf Spieltage vor Saisonende überrascht?

Ich habe sie befürchtet, nachdem die definierten Ziele im DFB-Pokal und in der Champions-League nicht erreicht wurden und aktuell auch die Meisterschaft gefährdet ist. Hier besteht die Gefahr, dass keines der gemeinsam erarbeiteten Ziele erreicht wird. In einer solchen Situation ist eine der erlaubten Maßnahmen, einen neuen Trainer zu beauftragen, im Glauben, dass die Chancen der Zielerreichung damit steigen. Es täte mir aber Leid, würde sich der FC Bayern künftig nicht mehr trauen, neue Wege zu gehen. Das Engagement von Jürgen Klinsmann war ein Wagnis, das einzugehen ich für gut befunden habe. Wenn man Strukturen verändern will, muss man manchmal auch revolutionär vorgehen. Und der Name Jürgen Klinsmann steht dafür.

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Ist die Trennung aus Ihrer Sicht korrekt abgelaufen?

Aus der Distanz betrachtet ja. Jürgen Klinsmann ist als erster informiert worden, nichts drang nach außen. Er hat von der Trennung nicht von Journalisten erfahren, wie das auch schon geschehen ist. So sollte das sein. Generell muss man sagen, dass diese Prozesse heute professioneller ablaufen. Im Vergleich zu früher wird viel mehr darauf geachtet, dass beide Seiten, also Trainer und Verein, in einer solchen Situation nicht beschädigt werden.

Fällt Ihnen ein Negativbeispiel aus der jüngeren Vergangenheit ein?

Die Trennung von Ralf Rangnick beim FC Schalke 04. Das Ganze glich einer Demontage. Die Entlassung wurde Schritt für Schritt betrieben. Ständig gab es neue Äußerungen von Seiten der Klubspitze. Das Schlimmste ist aber, wenn Ultimaten aufgestellt werden. Das ist das Ende. Die Verantwortlichen sagen damit: Wir wollen nicht mehr selbst entscheiden. Man legt die Sache in die Hände der Spieler und Fans.

Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge haben zwar kein Ultimatum gestellt. Aber der Druck seitens der Anhänger hat nach eigenem Bekunden bei der Entlassung eine Rolle gespielt.

Dieses Argument halte ich nicht für gut. Ein Verantwortlicher darf nicht sagen, dass eine Entscheidung auch wegen des Drucks der Straße gefällt worden ist. Die Fans dürfen nicht bestimmen, wer auf dem Platz steht und wer auf der Trainerbank sitzt oder den Verein führt.

Bundesliga-Trainer klagen häufig darüber, dass sie nicht mehr in Ruhe arbeiten können.


In der Tat gibt es im Profi-Fußball keine ruhigen Arbeitsplätze mehr. Das hat auch mit den Medien zu tun. Die Außendarstellung ist ein wichtiger Bestandteil des Trainerjobs. Solange die Kritik der Medien sachlich bleibt und es nur um berufliche Dinge geht, muss ein Trainer das aushalten. Geht es ins Private, hört der Spaß auf. Voraussetzung, um den Job machen zu können, sind eine hohe Frustrationstoleranz und Ausdauer. Dieter Hecking beispielsweise hat beides in schwierigen Situationen gezeigt. Und auch Jürgen Klinsmann bewies, dass er sehr belastbar und eine starke Persönlichkeit ist. Trotz permanenter Kritik hat er sich keinen Ausraster geleistet, sondern blieb immer freundlich und sachlich.

Wie schätzen Sie die Stimmung innerhalb der Trainergilde ein?

Sie ist gut. Ich habe den Eindruck, dass die allermeisten Trainer mit ihrem Job sehr glücklich sind. Natürlich gibt es auch Klagen.

Was nervt die Trainer am meisten?

Wenn Leute Einfluss nehmen, die von Fußball keine Ahnung haben. Oder wenn Dinge in die Öffentlichkeit getragen werden und damit eine Eigendynamik bekommen, die oftmals nicht mehr zu stoppen ist. Ein großes Problem sind zudem unrealistische Zielsetzungen, beziehungsweise wenn hohe Erwartungen angesichts personeller Probleme während der Saison nicht revidiert werden.

Trainer stehen unter Zeitdruck – vor allem in Deutschland.

Das stimmt. Oft ist der Trainerjob so kurzlebig, dass mancher Trainer nicht die Früchte seiner Arbeit ernten kann. Dabei garantiert nur langfristiges Arbeiten im Detail, dass eine Spielphilosophie umgesetzt und nicht nur neu definiert werden kann. Die Handschrift des Trainers wird dann erst erkennbar. Beispielhaft für Deutschland ist die langfristige Zusammenarbeit des SV Werder mit Thomas Schaaf und international die von Manchester United mit Alex Ferguson.

In England haben die Trainer deutlich mehr Macht.

Man kann nur hoffen, dass die Rolle des Trainers in Deutschland aufgewertet wird. Felix Magath mit seiner Omnipotenz lebt das englische Modell erfolgreich vor. Im englischen Fußball ist die Sichtweise in den Klubs die, dass man die Führung derjenigen Person anvertrauen sollte, die am meisten vom Produkt Fußball versteht und dessen Qualität garantiert, also dem Trainer. In England wurde der Trainer im Lauf der Zeit zum Teammanager, der alle wichtigen Entscheidungen trifft. In Deutschland ist der Trainer dagegen der Trainer geblieben. Seine Stellung muss gestärkt werden, um mehr Kontinuität zu erzielen. Die fehlende Wertschätzung offenbart sich übrigens auch darin, dass Journalisten hierzulande immer wieder von Übungsleitern sprechen oder schreiben. Der Trainer im Profifußball ist aber ein leitender Angestellter, eine Führungskraft. Früher hat es vielleicht ausgereicht, ein guter Spieler gewesen zu sein, um im Trainergeschäft Fuß zu fassen. Heute gehört mehr dazu. Trainer sind gut ausgebildete Leute, viele haben ein Studium hinter sich.

Wird früher oder später die Position des Trainers in Deutschland nach englischem Vorbild gestärkt? Das Beispiel Wolfsburg ermutigt ja dazu.

Je professioneller ein Klub geführt wird, desto wahrscheinlicher ist die Übernahme des englischen Modells. Aber es gibt auch Bundesligatrainer, die wollen das gar nicht.

Hat Jürgen Klinsmann beim FC Bayern München zu wenig Zeit bekommen?

Um neue Strukturen zu entwickeln, müssen zuerst einmal alte aufgelöst werden. In dieser Übergangsphase gibt es schwächere Leistungen. Es braucht einfach Zeit dafür. Und Jürgen Klinsmann hat wenig Zeit gehabt.

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