Horst Hrubesch über Nachwuchsarbeit

»Die Jungs brauchen Chancen«

Keiner kennt den deutschen Nachwuchs so gut wie er: Horst Hrubesch war zweimal Junioren-Europameister, aktuell trainiert er die U-18-Auswahl. Im Interview spricht der 59-Jährige über Väter, Trainer, Kumpel und Lehrer. Horst Hrubesch über Nachwuchsarbeit

Horst Hrubesch, junge deutsche Fußballer sind 2010 so gefragt wie noch nie. Mit Borussia Dortmund steht aktuell gar eine der jüngsten Mannschaften der Liga auf dem ersten Tabellenplatz. Warum ist der Nachwuchs so viel besser, als noch vor 15 Jahren?

Er ist nicht besser, er hat einfach nur bessere Möglichkeiten. Schauen Sie sich an, wie viele junge Spieler in der Nationalmannschaft oder in den Bundesligavereinen zum Einsatz kommen – nur darum geht es: Dass junge Fußballer eine Chance bekommen.

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Und Ihre Aufgabe ist es...

...die jungen Spieler darauf vorzubereiten, dass sie es 1.) irgendwann verdienen ihre Chancen zu bekommen und 2.) diese Chancen dann auch nutzen.

Sie sind mit der U 19 und der U 21 bereits Europameister geworden, jetzt betreuen Sie die U 18. Welchem Prinzip folgen die Wechsel zwischen den jeweiligen Mannschaften?

Von einem Wechsel kann keine Rede sein: Ich begleite jeweils einen Jahrgang von der U 18 bis zum Übergang in den Herrenbereich. Ich arbeite also über Jahre hinweg mit den gleichen Fußballern und damit im Endeffekt den gleichen Mannschaften. Das Resultat ist eine enorm enge Beziehung zwischen Trainer und Spielern. Zumal ich die meisten Jungs schon kenne, seit sie 14 oder 15 Jahre alt sind.

Was müssen Sie für diese Spieler sein: Vater, Trainer, Kumpel, Lehrer?

Alles gleichzeitig. Aber entscheidend ist: Die Jungs müssen merken, dass ich sie ernst nehme. Dass da jemand ist, der mit ihnen gemeinsam arbeiten möchte, der sie in ihrer Entwicklung begleiten will. Vertrauen ist die Basis.

In England nennt man die Eltern aufstrebender Nachwuchskicker sarkastisch »pushy parents«. Welche Rolle spielen die Erzeuger bei der Entwicklung ihrer Kinder?

Natürlich eine nicht unwichtige. Ob nun Väter, Mütter, Onkel, Tanten, Oma und Opa – alle sind sie verständlicherweise stolz wie Bolle, wenn der Junge Nationalspieler wird. Aber spätestens wenn die Spieler zu mir stoßen, müssen sie eine gewisse Selbstständigkeit an den Tag legen.

In einem früheren 11FREUNDE-Interview erzählen Sie die Anekdote eines jungen Fußballers, der mit dem Mercedes vor fährt und sich von seiner Mutter die Tasche aufs Zimmer bringen lassen will. Ist der Nachwuchs zu verwöhnt?

Gegen diese Auffassung wehre ich mich. Schauen Sie sich die 13- oder 14-jährigen Talente an: Die gehen zur Schule und viermal in der Woche zum Training. Verwöhnt ist etwas anderes. Natürlich sind wir als Trainer nicht vor solchen Überraschungen wie der alten Taschen-Geschichte gefeit. Aber in der Regel schaffen es nur Jungs in die Jugend-Auswahlmannschaften, die bereits als Teenager eine extreme Disziplin an den Tag legen.

Und andersherum: Welche Fähigkeiten muss ein guter Nachwuchstrainer besitzen um Erfolg zu haben?

Du musst authentisch sein, das ist wahrscheinliche die wichtigste Charaktereigenschaft, abgesehen von den fachlichen Fähigkeiten als Trainer. Die Jungs müssen wissen, woran sie bei mir sind, sie müssen wissen, dass ich den anstrengenden Weg ihrer Entwicklung mit ihnen gemeinsam gehen werde.

Wie häufig kommt es vor, dass Sie auf diesem Weg einem Spieler sagen müssen, er solle sich doch lieber einen anderen Berufswunsch suchen?

Selten bis gar nicht. Alle Fußballer, die es bis zu mir schaffen, sind theoretisch dazu in der Lage ihr Geld später als Fußball-Profi zu verdienen. Natürlich schaffen das nicht alle und nur die packen den Sprung nach oben, die mehr arbeiten, als andere. Um die knochenharte Arbeit kommen die Spieler nicht herum. Talent alleine reicht nicht.

Die schlampigen Genies sind also ausgestorben?

Ja und nein. Es gibt Fußballer, die solch ein Talent besitzen, dass es jeder Blinde mit Krückstock erkennen kann. Aber ganz ohne Arbeit schafft es keiner. Und wer sich nicht mit voller Wucht reinkniet, wer nur auf sein Talent setzt, der wird es sehr schwer haben. Und vor allem braucht er einen Trainer, der ihm vertraut, der auf ihn setzt. Beim Hrubesch war es genau anders: Der konnte zwar Tore schießen und hatte ein außergewöhnliches Kopfballspiel, aber der musste bis zu seinem 30. Geburtstag schuften, bis er auf einem hohen Niveau angelangt war.

Mit welchen Spielertypen arbeiten Sie persönlich lieber zusammen?

Das ist ein offenes Geheimnis: Ich liebe solche Spieler, die mit Talent voll gepumpt sind, aber noch nicht genau wissen, wie sie es sinnvoll nutzen können.

Warum?

Weil die Aufgabe als Trainer sehr reizvoll ist, diese Fußballer eben genau dazu zu bringen; dass sie aus einer gesunden Mischung von harter Arbeit und Talent zu fantastischen Spielern reifen.

Sie selbst waren 24, als Sie das erste Mal in der Bundesliga spielten...

Ein klassischer Spätstarter!

Ist so etwas heutzutage überhaupt noch möglich?

Ich denke nicht. Heute fällt uns kein Spieler mehr durchs Raster.

Miroslav Klose ist ein Gegenbeispiel.

Würde ich nicht sagen. Wann hat der sein erstes Bundesligaspiel gemacht?

Im April 2000.

Also vor mehr als zehn Jahren! Das war eine andere Zeit. Heute haben wir die Stützpunkte, tausende Trainer, die Landesverbände, die Leistungszentren der Bundesliga – ein Fußballer mit der Qualität von Miro Klose würde irgendwann irgendwo irgendjemanden auffallen. Da bin ich mir ganz sicher.

Am 8. November werden Sie in London eine Amateurmannschaft zum »Ultimativen Rückspiel« England gegen Deutschland aufs Spielfeld führen. Ihr Gegenüber ist Peter Shilton. Was verbindet Sie mit ihm?

Wir standen uns 1980 im Finale des Europapokals der Landesmeister gegenüber, Nottingham Forest gegen den HSV. Die Engländer haben gewonnen, Shilton hat nicht ein Gegentor kassiert. (Hrubesch wurde im Finale nach 46 Minuten für Holger Hieronymus eingewechselt, konnte seinen insgesamt sieben Toren im Wettbewerb aber keinen Treffer mehr hinzufügen, d. Red.) Seither kennen wir uns –  und tauschen hin und wieder ein paar Angel-Tipps aus.

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