Horst Hrubesch im Interview

»Raus, toben, machen«

»Ich habe keine Geheimnisse, höchstens vor meiner Frau«, sagt Trainer Horst Hrubesch. Das ist die Gelegenheit, mit ihm über die EM mit der U 21, Ehrlichkeit im Fußball und die Vorzüge des Handballs zu sprechen. Dann mal los. Horst Hrubesch im InterviewImago

Herr Hrubesch, kann man in Lerum Lachse angeln?

Das weiß ich nicht. Ich habe mich nicht erkundigt. Aber ich denke mal eher nein.

Sie haben einen Bestseller übers Angeln geschrieben. Demnach wäre es schon die Zeit, Lachse zu angeln.


Das stimmt. Ab Juni ist Lachssaison, die geht bis Ende September. Aber das ist für mich eine zweitrangige Geschichte. Im Moment hat etwas anderes Priorität, die Europameisterschaft in Schweden.

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Freuen Sie sich auf das Turnier?


Ja. Ich weiß, dass das ein Highlight ist. Ich denke, die Jungs wissen das auch. Wenn man sich mit den Besten in Europa messen kann, ist das ein Highlight. Ich habe das selbst als Spieler erlebt, auch schon als Trainer. Es macht einfach einen Riesenspaß, weil es das oberste Level ist. Mit Spanien treffen wir gleich auf eine Top-Mannschaft. Da musst du direkt eine Präsenz haben. Am besten, du schlägst die Spanier und demonstrierst, wo der Weg hinführen soll.

Die Spanier waren in den vergangenen Jahren die überragende Nation im europäischen Nachwuchsfußball. Gilt das auch für die U 21?

Gegen diesen Jahrgang habe ich vor drei Jahren gespielt, in der zweiten Qualifikationsrunde zur U-19-EM. Wir haben unglücklich verloren. Du weißt, du kriegst gegen einen solchen Gegner deine Chancen. Du weißt aber, dass dein Gegner sie auch bekommt. Da kannst Du deine Matchbälle nicht liegen lassen. Das erste Spiel ist schon ein Drahtseilakt. Selbst wenn du verlierst, ist noch nicht alles vorbei. Aber du musst jedes Spiel als Endspiel nehmen. Wir haben gute Einzelspieler, aber wir sind noch nicht so weit, dass wir als Mannschaft komplett funktionieren. Und dann habe ich keinen echten Goalgetter, wie wir das in den vergangenen Jahren in Stefan Kießling oder Mario Gomez hatten. Ashkan Dejagah ist nicht der Typ Stoßstürmer; Sandro Wagner hat diese Fähigkeiten, aber für ihn wird es auf diesem Niveau nicht einfach werden.

Im Vorjahr haben Sie mit der U 19 den EM-Titel geholt. Im September folgt für dieses Team die U-20-WM. Sie sind einer der erfolgreichsten Nachwuchstrainer. Was ist Ihr Geheimnis?

Ich habe keine Geheimnisse, höchstens vor meiner Frau (lacht). Im Fußball gibt es keine Geheimnisse. Ich hatte zu gute Trainer. Branko Zebec war einer der Härtesten. Ernst Happel hat eine andere Komponente bevorzugt: Fußball musste Spaß machen, nicht nur Arbeit sein. Entscheidend ist, dass man ehrlich zueinander ist. Und dass man Charakter hat. Wer Charakter hat, hat auch Persönlichkeit. Mit einer grundsoliden Mannschaft wirst du viele Spiele gewinnen – aber keine Titel. Du brauchst auch Individualität, die du einbinden musst.

Sie verzichten nun auf prominente Spieler wie Alexander Baumjohann oder Toni Kroos...


Ich kann nicht nur mit Individualisten zu einem Turnier fahren. Im zentralen Mittelfeld haben wir enorme Qualität. Aber ich habe zu viele Leute, die in der Rückwärtsbewegung mehr tun müssen. Das kann ich mir auf dem Niveau nicht leisten. Wir brauchen die Überzeugung: Die anderen müssen uns erst einmal schlagen. Wir sagen immer: Boah, England dabei, Italien dabei, Spanien. Aber Deutschland ist auch dabei. Und die Gegner sagen das Gleiche von uns. Die haben Respekt. Und diesen Respekt müssen wir erhalten, am besten wir vergrößern ihn noch.

Indem Sie Ihren Spielern noch etwas vormachen?


Das habe ich mal getan. Liegt aber schon ein paar Jahre zurück. Da haben wir Flanken- und Torschusstraining gemacht, und die Spieler haben sich beschwert: Der Michael Rensing im Tor hält alles. Ich habe entgegnet, was ich ihnen schon tausendmal gesagt habe. Das ABC ist, wo man den Ball hinköpfen soll, wenn man am zweiten Pfosten steht – da, wo er herkommt! Dann hält der Rensing auch nicht mehr alles. Na, das müssen Sie uns mal zeigen, haben die Stürmer zu mir gesagt. Dann hat der Michael Oenning – heute Trainer in Nürnberg, damals mein Assistent – geflankt, und kurz bevor der Ball kam, habe ich zum Rensing gesagt: Beine zu. Bumm, da war er schon durch.

Sie sollen 18 von 20 Flanken versenkt haben. Hatte es Sie überrascht, dass Sie es noch konnten?

Ehrlich gesagt: Nein, das ist für mich normal. Heute habe ich keine Lust mehr, mich da hinzustellen und hundert Kopfbälle zu machen. Aber ich versuche, diese Geschichte vorzuleben. Wenn ich einen Jahrgang drei Jahre lang begleitet habe, kenne ich jeden so, dass ich mit ihm über die Augen kommunizieren kann. Der kennt meine Körpersprache, ich kenne seine. In der Jugend macht es noch Sinn, dass ein Trainer von der Bank Hilfe leistet.

Ist das Kopfballspiel naturgegeben?


Ich habe als Jugendlicher höher Handball gespielt als Fußball. Ich hatte sogar ein Angebot aus der Bundesliga, aber als Handballer hast du nur die Zugfahrkarte bekommen. Mein Ziel war daher immer, Fußball zu spielen.

Wie profitiert man vom Handball?

Sie kennen Handball, oder? Kurze Bewegungen, frei machen, lösen vom Gegner, einlaufen. Ich muss ja alles frühzeitiger machen. Der Ball ist ganz woanders, und ich mache trotzdem die Bewegung schon, weil ich weiß, da kommt der Ball hin, da kriege ich ihn. Ich habe auf der halblinken Position im Rückraum und auf der Außenposition am Kreis gespielt – wenn du über diese Ecken kommst, dann musst du anlaufen, dann kriegst du den Ball immer in der Bewegung, und so kommt das Timing dann.

Fehlt den jungen Fußballern die sportliche Grundausbildung?

Wir haben sie von ganz alleine auf der Straße bekommen. Bei uns war einmal die Woche Kino. Und um da reinzukommen, musstest du erst mal Geld haben. Was hast du denn gehabt? Raus, toben, machen. Da gab es den Konfirmandenunterricht und unser Pastor hat mit uns Schnitzeljagden gemacht. Du hast immer deine Kumpels gehabt, mit denen du gespielt hast. Das fällt heute alles weg. Die Großfamilien gibt es in der Form nicht mehr. Du hast viele Einzelkinder.

Fehlt heute die Bereitschaft, sich zu quälen?

Wir haben hier keinen dabei, der gezwungen wurde, Fußball zu spielen.

Wann haben Sie gemerkt, dass der Nachwuchs ihre Sache ist? Sie sind 58. Sprechen Sie noch die Sprache der Spieler?


Ich lerne ja von ihnen. Vor zehn, zwölf Jahren habe ich zu Hause gesagt: Dieses Ding, dieser Computer, kommt mir nicht in die Bude. Computer, Beamer, Handy – heute hand- und fuhrwerke ich damit rum. Ich habe es nur von den Spielern gelernt. Genau wie viele andere Sachen. Ich habe Spieler dabei, die kommen mit ihrer Musik zu mir: Trainer, mal hören? – Oh, sage ich, das kann man sich anhören. Beim nächsten nimmst du den Kopfhörer, da fliegt dir das Trommelfell weg.

Sehen Sie sich als eine Art Tugendwächter des deutschen Fußballs?


Tugendwächter? Die Werte haben sich ja nicht verändert: Ehrlichkeit und Anstand zählen. Mit Lügen kommst du nicht weiter. Irgendwann erwischen sie dich. Das einfachste Beispiel ist immer: Du fährst mit der Straßenbahn, ich steh für eine ältere Dame auf, und der Junge bleibt sitzen. Das kann’s nicht sein. Ich sag dem das zwar, aber es nützt nichts. Ich bin mittlerweile der Älteste, aber das war ich immer. Ich bin nicht mit 18 Profi geworden. Ich bin lieber mit 19 Jahren arbeiten gegangen, weil mir das mit 400 Mark im Monat als Zweitligaspieler zu heikel war. Da habe ich eins gegen eins aufgerechnet und gesagt: Gut, dann musst du darauf verzichten. Mit 23 habe ich das Glück gehabt, dass Werner Lorant in Essen gesagt hat: Was die bei uns spielen, das kannst du auch. Aber ich hab zu dem Zeitpunkt gewusst, dass ich jetzt fünf Jahre aufholen muss. Das hieß für mich: arbeiten.

Und erst mit 29 sind Sie beim HSV Nationalspieler geworden.

Als ich nach Hamburg gegangen bin, habe ich gedacht: Mensch, jetzt darfst du endlich mal mit Keegan zusammenspielen, mit Kaltz, alles Nationalspieler. Wer hat denn was gegen den Trainer gesagt zu unserer Zeit? Das waren die Helden. Nach einem halben Jahr stand in der Zeitung: Hrubesch – Fehleinkauf. Dann sitz ich sonntags in der Kabine, lese die Zeitung: Mist, schon wieder ’ne Sechs. Du weißt ja, wie das ist. Denkst, jeder da draußen liest das, machst dir auch Gedanken. Da kommt der Branko Zebec zu mir...

... Ihr Trainer beim HSV...

... und der sagt: »Liest du das, mein Junge?« – »Ja, Trainer, man muss ja wissen, was die über mich schreiben.« – »Liest du das nicht, haben die keine Ahnung die Journalisten. Schreiben sie, bist du Fehleinkauf, weil du nur drei Tore gemacht hast. Aber haben sie nicht gesehen, dass du Keegan den Ball zehnmal hingelegt hast. Oder haben Sie gesehen? Glaubst du mir. Bei mir spielst du.« Das ist etwas, das dir ungemein hilft. Da wirst du gleich drei Meter groß. Das ist die Verantwortung, die du als Trainer hast.

Reizt Sie nicht die tägliche Arbeit mit einer Bundesligamannschaft?


Ich habe meine tägliche Arbeit. Im letzten Jahr war ich 230 Tage nicht zu Hause, wegen Lehrgängen, Spielen, Turnieren und allem, was sonst noch daran hängt. Was mir an diesem Job gefällt: Du kannst was verändern. Du kannst selber etwas aufbauen. Du lernst immer wieder dazu. Ich bin immer auf dem neuesten Stand. Den Trainerschein zu machen – das allein reicht nicht.

Aber Sie können sich doch gar nicht dagegen wehren?


Selbst wenn ich beide Titel gewinnen sollte, wird sich da nichts ändern. Im Oktober fang ich mit meiner neuen Mannschaft an, und ich werde den Teufel tun, die abzugeben, bevor die drei Jahre rum sind. Nach drei Jahren können wir über alles reden.

Und wenn heute ein großer Klub käme?

Selbst wenn Sie mir zwei Millionen böten – ich würde denen sagen: Nehmen Sie die zwei Millionen wieder mit, fahren Sie nach Hause. Ich hab’s doch nach der Europameisterschaft 1980 schon mal gemacht: Die Italiener haben in Hamburg gesessen, haben mir die Millionen angeboten. Aber ich hab’s nicht gemacht. Ich habe denen gesagt: Ich habe einen Vertrag, fertig aus. Das ist mein Weg. Sollte ich den nur des Geldes wegen verlassen? Ich bitte Sie. Ich habe gerne viel Geld, keine Frage. Wer nicht? Ich kann gut leben, ich habe mein Geld nicht verhunzt in den vergangenen Jahren. Ich werde nicht mehr Hunger leiden müssen, und meine Kinder auch nicht. Trotzdem bin ich kein Millionär. Ich weiß gar nicht, wie eine Million auf dem Konto aussieht.

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