15.06.2009

Horst Hrubesch im Interview

»Raus, toben, machen«

»Ich habe keine Geheimnisse, höchstens vor meiner Frau«, sagt Trainer Horst Hrubesch. Das ist die Gelegenheit, mit ihm über die EM mit der U 21, Ehrlichkeit im Fußball und die Vorzüge des Handballs zu sprechen. Dann mal los.

Interview: Stefan Hermanns und Michael Rosentritt Bild: Imago
Herr Hrubesch, kann man in Lerum Lachse angeln?

Das weiß ich nicht. Ich habe mich nicht erkundigt. Aber ich denke mal eher nein.

Sie haben einen Bestseller übers Angeln geschrieben. Demnach wäre es schon die Zeit, Lachse zu angeln.


Das stimmt. Ab Juni ist Lachssaison, die geht bis Ende September. Aber das ist für mich eine zweitrangige Geschichte. Im Moment hat etwas anderes Priorität, die Europameisterschaft in Schweden.



Freuen Sie sich auf das Turnier?


Ja. Ich weiß, dass das ein Highlight ist. Ich denke, die Jungs wissen das auch. Wenn man sich mit den Besten in Europa messen kann, ist das ein Highlight. Ich habe das selbst als Spieler erlebt, auch schon als Trainer. Es macht einfach einen Riesenspaß, weil es das oberste Level ist. Mit Spanien treffen wir gleich auf eine Top-Mannschaft. Da musst du direkt eine Präsenz haben. Am besten, du schlägst die Spanier und demonstrierst, wo der Weg hinführen soll.

Die Spanier waren in den vergangenen Jahren die überragende Nation im europäischen Nachwuchsfußball. Gilt das auch für die U 21?

Gegen diesen Jahrgang habe ich vor drei Jahren gespielt, in der zweiten Qualifikationsrunde zur U-19-EM. Wir haben unglücklich verloren. Du weißt, du kriegst gegen einen solchen Gegner deine Chancen. Du weißt aber, dass dein Gegner sie auch bekommt. Da kannst Du deine Matchbälle nicht liegen lassen. Das erste Spiel ist schon ein Drahtseilakt. Selbst wenn du verlierst, ist noch nicht alles vorbei. Aber du musst jedes Spiel als Endspiel nehmen. Wir haben gute Einzelspieler, aber wir sind noch nicht so weit, dass wir als Mannschaft komplett funktionieren. Und dann habe ich keinen echten Goalgetter, wie wir das in den vergangenen Jahren in Stefan Kießling oder Mario Gomez hatten. Ashkan Dejagah ist nicht der Typ Stoßstürmer; Sandro Wagner hat diese Fähigkeiten, aber für ihn wird es auf diesem Niveau nicht einfach werden.

Im Vorjahr haben Sie mit der U 19 den EM-Titel geholt. Im September folgt für dieses Team die U-20-WM. Sie sind einer der erfolgreichsten Nachwuchstrainer. Was ist Ihr Geheimnis?

Ich habe keine Geheimnisse, höchstens vor meiner Frau (lacht). Im Fußball gibt es keine Geheimnisse. Ich hatte zu gute Trainer. Branko Zebec war einer der Härtesten. Ernst Happel hat eine andere Komponente bevorzugt: Fußball musste Spaß machen, nicht nur Arbeit sein. Entscheidend ist, dass man ehrlich zueinander ist. Und dass man Charakter hat. Wer Charakter hat, hat auch Persönlichkeit. Mit einer grundsoliden Mannschaft wirst du viele Spiele gewinnen – aber keine Titel. Du brauchst auch Individualität, die du einbinden musst.

Sie verzichten nun auf prominente Spieler wie Alexander Baumjohann oder Toni Kroos...


Ich kann nicht nur mit Individualisten zu einem Turnier fahren. Im zentralen Mittelfeld haben wir enorme Qualität. Aber ich habe zu viele Leute, die in der Rückwärtsbewegung mehr tun müssen. Das kann ich mir auf dem Niveau nicht leisten. Wir brauchen die Überzeugung: Die anderen müssen uns erst einmal schlagen. Wir sagen immer: Boah, England dabei, Italien dabei, Spanien. Aber Deutschland ist auch dabei. Und die Gegner sagen das Gleiche von uns. Die haben Respekt. Und diesen Respekt müssen wir erhalten, am besten wir vergrößern ihn noch.

Indem Sie Ihren Spielern noch etwas vormachen?


Das habe ich mal getan. Liegt aber schon ein paar Jahre zurück. Da haben wir Flanken- und Torschusstraining gemacht, und die Spieler haben sich beschwert: Der Michael Rensing im Tor hält alles. Ich habe entgegnet, was ich ihnen schon tausendmal gesagt habe. Das ABC ist, wo man den Ball hinköpfen soll, wenn man am zweiten Pfosten steht – da, wo er herkommt! Dann hält der Rensing auch nicht mehr alles. Na, das müssen Sie uns mal zeigen, haben die Stürmer zu mir gesagt. Dann hat der Michael Oenning – heute Trainer in Nürnberg, damals mein Assistent – geflankt, und kurz bevor der Ball kam, habe ich zum Rensing gesagt: Beine zu. Bumm, da war er schon durch.

Sie sollen 18 von 20 Flanken versenkt haben. Hatte es Sie überrascht, dass Sie es noch konnten?

Ehrlich gesagt: Nein, das ist für mich normal. Heute habe ich keine Lust mehr, mich da hinzustellen und hundert Kopfbälle zu machen. Aber ich versuche, diese Geschichte vorzuleben. Wenn ich einen Jahrgang drei Jahre lang begleitet habe, kenne ich jeden so, dass ich mit ihm über die Augen kommunizieren kann. Der kennt meine Körpersprache, ich kenne seine. In der Jugend macht es noch Sinn, dass ein Trainer von der Bank Hilfe leistet.

Ist das Kopfballspiel naturgegeben?


Ich habe als Jugendlicher höher Handball gespielt als Fußball. Ich hatte sogar ein Angebot aus der Bundesliga, aber als Handballer hast du nur die Zugfahrkarte bekommen. Mein Ziel war daher immer, Fußball zu spielen.

Wie profitiert man vom Handball?

Sie kennen Handball, oder? Kurze Bewegungen, frei machen, lösen vom Gegner, einlaufen. Ich muss ja alles frühzeitiger machen. Der Ball ist ganz woanders, und ich mache trotzdem die Bewegung schon, weil ich weiß, da kommt der Ball hin, da kriege ich ihn. Ich habe auf der halblinken Position im Rückraum und auf der Außenposition am Kreis gespielt – wenn du über diese Ecken kommst, dann musst du anlaufen, dann kriegst du den Ball immer in der Bewegung, und so kommt das Timing dann.

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