Horst Heldt über seinen Job bei Schalke 04

»Ich habe Magath viel zu verdanken!«

Für die große Reportage in der neuen 11FREUNDE #134 reisten wir Ende November nach Gelsenkirchen und sprachen mit den Köpfen des Klubs über das neue Schalke 04. Horst Heldt über Weihnachtseinkäufe mit Felix Magath, Mobbing und Frühausteher.

HINWEIS: Dieses Interview wurde bereits Ende November geführt. Die aktuellen Entwicklungen haben einige Dinge grundlegend verändert. Deswegen bitten wir dich, zur Einordnung des Gesagten vorab diesen Text zu lesen.

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Horst Heldt, die Gelehrten streiten sich, wer Sie nach Schalke geholt hat. Clemens Tönnies glaubt, er sei es gewesen.

Stimmt. Wir hatten ein Jahr zuvor schon Kontakt. Damals wollte mich der VfB Stuttgart aber nicht freigeben.

Wie kam er denn auf Sie?
In diesem Business läuft man sich relativ häufig über den Weg. Seitdem wir Schalke mit dem VfB Stuttgart 2007die Meisterschaft wegschnappten, war ihm mein Name wohl ein Begriff. Als es dann 2010 für mich in Stuttgart Probleme gab, unternahm er den zweiten Anlauf. Wir haben uns getroffen und es war ein beeindruckendes Gespräch. Aber Felix Magath musste noch seine Zustimmung geben.

Magath kannten Sie schon lange. Traditionell trafen Sie sich mit ihm vor Weihnachten, um gemeinsam essen zu gehen.
Das rührte aus unser gemeinsamen Stuttgarter Zeit her. Wir trafen uns meistens am 23. Dezember, erledigten die letzten Weihnachtseinkäufe und gingen anschließend Mittagessen.

Auf Shopping-Tour mit Felix Magath, das klingt nach einem Roman-Stoff.
Ich weiß gar nicht mehr genau, wie das entstanden ist, aber wir haben das einige Jahre in Folge so gemacht. Und es war sehr angenehm.

Dass Magath seine Zustimmung für Ihre Verpflichtung gab, war also Formsache.
Ich habe Felix Magath viel zu verdanken. Als er mich damals aus Graz nach Stuttgart holte, war ich schon Mitte dreißig. Viele Leute in Stuttgart konnten meine Verpflichtung nicht nachvollziehen. Er hat mir die Möglichkeit gegeben, noch mal in der Champions League zu spielen, der Sieg gegen Manchester United ist eines der schönsten Erlebnisse meiner Karriere. Und ich konnte in Stuttgart fast übergangslos auf den Managerposten wechseln. Ich glaube nicht, dass ich heute in so einer Funktion bei einem Bundesligisten arbeiten würde, wenn mich Magath damals nicht geholt hätte.

Die besten Voraussetzungen für eine fruchtbare Zusammenarbeit.
Die Gespräche mit ihm und Clemens Tönnies vor meiner Verpflichtung waren in der Tat sehr gut. Wir haben genaue Absprachen getroffen, wer für welche Bereiche zuständig sein würde.

Ihre offizielle Bezeichnung lautete »Geschäftsführer Sport, Spielbetrieb und Marketing«.
Schalke ist ein großer Verein und es war klar, dass Magath Unterstützung brauchte. Leider kam ich in einer Phase, in der es hier heftige Diskussionen gab, inwieweit der Klub bereit ist, wieder Geld zu investieren. Unter Magath hatte das Team überraschend die Champions League erreicht, der Verein aber fuhr einen rigiden Konsolidierungskurs. Felix Magath hat in seiner Funktion, was absolut nicht verwerflich ist, Investitionen gefordert. In dieses Spannungsfeld bin ich hinein geraten.

Wie müssen wir uns das vorstellen?

Lassen Sie es mich so sagen: Die Zusammenarbeit hat nicht funktioniert.

Neben der wirtschaftlichen Schieflage schien der Verein in der Magath-Ära zusehends in eine emotionale Schieflage zu geraten. Was waren Ihre ersten Maßnahmen nach Magaths Abgang?
Es gab sehr unterschiedliche Meinungen zu seiner Entlassung. Dazu hatte sich der Verein von seinen Fans entfremdet. Das Allerwichtigste war, schnell wieder Einigkeit im Umfeld herzustellen. Wir mussten die Fans zurück ins Boot holen und uns wieder mehr auf die Tradition besinnen.

Wie haben Sie das gemacht?
Wir haben die aktive Fanbetreuung intensiviert, sind zu Gesprächen in die Fanclubs gegangen und haben die so genannten »Kabinengespräche« eingeführt, in denen wir uns in regelmäßigen Abständen mit Fangruppen in der Kabine der Lizenzmannschaft zur Diskussion zusammensetzen. Wir haben in vielen kleinen Schritten zeigen wollen, dass wir eine Familie sind und darauf großen Wert legen.

Und sportlich? War die Mannschaft verunsichert oder eher erleichtert?
Wahrscheinlich hatten sichTrainer und Mannschaft auseinander gelebt. Felix Magaths Arbeitsweise hat sicherlich ihre Berechtigung, unterscheidet sich aber grundlegend von der Ralf Rangnicks.

Rangnicks Abschied von Schalke im Winter 2005 war problemhaftet. War das Umfeld gleich begeistert von seiner Wiedereinstellung?
Das war kein Problem, eher musste Ralf Rangnick überzeugt werden. Er hatte zwar Interesse, wollte aber erst zur neuen Saison wieder arbeiten. Wir brauchten im März 2011 aber schnell einen Trainer, der gesamtheitlich denkt, der nicht nur im Verein und bei den Fans, sondern auch im Nachwuchsbereich, wo die nächste Entfremdung, die von der ersten Mannschaft, festzustellen war, für Einigkeit sorgt. Dafür war Rangnick die perfekte Lösung. Zum Glück konnten Clemens Tönnies und ich ihn in den Gesprächen überzeugen.

Zum Sommer 2011 hatten auch Sie eine Herkulesaufgabe zu erledigen: Sie mussten den Kader von zwischenzeitlich 36 Spielern deutlich ausdünnen.
Das waren in der Tat Aufräumarbeiten. Die Gehaltskosten mussten dringend reduziert werden. Durch den Gewinn des DFB-Pokals hatten wir uns gerade noch für die Europa League qualifiziert, was finanziell aber nicht mit der Champions League zu vergleichen ist. Wir konnten den Kader auf 28 Spieler verkleinern und dem Club auf Sicht dadurch einiges an Geld sparen. Hinzu kam die heiße Phase mit dem Wechsel von Manuel Neuer, auch da mussten wir viel Vermittlungsarbeit leisten.

Manuel Neuer war die Identifikationsfigur der Fans. Wie schwer fiel es, ihn ziehen zu lassen?
Die Enttäuschung bei uns allen war riesengroß, weil Neuer die Integrationsfigur schlechthin war.Der Fehler, ihn nicht länger zu binden, ist wahrscheinlich noch vor der Magath-Ära gemacht worden. Felix Magath hat intensiv versucht, Neuer an den Verein zu binden.. Was man allerdings nicht verschweigen sollte, ist, dass der Transfer dem FC Schalke 04 wirtschaftlich ungeheuer geholfen hat.

Dennoch schien es lange in der Schwebe zu sein, ob er geht.
Manuel hat sich stets loyal gegenüber dem Verein verhalten. Ihm war wichtig, dass wir in dieser Saison gemeinsam unsere sportlichen Ziele erreichen. Genauso wollte er an die Öffentlichkeit gehen, um offen und ehrlich zu sein, aber wenn man so lange bei einem Verein ist, sind solche Bekanntgaben nicht einfach, vor allem, wenn es um den richtigen Zeitpunkt geht.

Ein weiteres Problem war, dass Raúl nicht unbedingt in Rangnicks Konzept passte.
Ralf Rangnicks Fußball-Philosophie basiert auf Pressing und Balleroberung. Dabei müssen alle zehn Feldspieler intensiv mitarbeiten. Mit Raul war das nur bedingt möglich, aber ansonsten standen seine Qualitäten auch bei Rangnick  außer Frage.

Alles schien wieder in der Spur zu sein, als sie am 18. September 2011 gegen den FC Bayern spielten. Clemens Tönnies saß neben ihnen auf der Tribüne, zeigte auf den Trainer und sagt: »Guck mal, mit dem stimmt irgendwas nicht.« 

Wir haben gute Sitzplätze, sodass wir genau sehen können, wie sich die Leute auf und neben dem Platz bewegen. Wenn man Ralf Rangnick kennt, weiß man, dass er morgens ab acht Uhr nur über Fußball nachdenkt. Er war immer sehr engagiert, aber in diesem Spiel wirkte er in der Tat abwesend und energielos. Aber wir haben das Spiel 0:2 verloren, da hat die Leere eines Trainers doch scheinbar einen offensichtlichen Grund. Für mich war sein Burn-Out jedenfalls eine große Überraschung. Ich habe erst hinterher erfahren, dass er bereits in Behandlung war.

Wie liefen die Ereignisse in diesen Tagen ab?
Ich bekam einen Anruf von seinem Berater, der mir sagte, dass Ralf sich unbedingt mit mir treffen müsse, dass Ärzte dabei sein würden und ich mich darauf vorbereiten solle, dass er anschließend nicht mehr zur Verfügung stände. Ich saß in München beim Essen, bin direkt aufgestanden und zurück geflogen. Es klingt makaber, aber natürlich fängt man schon in diesen Momenten – ohne zu wissen, was genau los ist – an zu überlegen, wie es für den Verein weitergeht, weil es meine Aufgabe ist.

Ein einmaliger Fall in der Bundesliga-Geschichte.
In der Situation war es zunächst wichtig, den Leuten zu vermitteln, warum Rangnick aufhört, damit kein falscher Eindruck entsteht. Da muss auch die Informationskette eingehalten werden: bevor es die Öffentlichkeit erfährt, müssen alle Gremien und die Mannschaft in Kenntnis gesetzt werden. Da gerät man in Zwänge, die man vorher nicht ermessen kann.

Welche Anforderungen musste der neue Trainer erfüllen?
Ich habe nach einem Coach gesucht, der zum Verein, zur Mannschaft, ins Budget und letztlich auch zu mir passt.

Huub Stevens, der »Trainer des Jahrhunderts«, war allerdings auch eine gute Idee, um das Umfeld nicht noch mehr zu beunruhigen. 
Als ich mit dem Organisatorischen durch war, habe ich gesagt, ich gehe jetzt auf alle Trainer drauf, die ins Konzept passen. Im Zweifelsfall hätte ich auch einen aus dem Vertrag geholt. Aber Huub war mit zwei, drei anderen von Anfang an in der engeren Auswahl.

Warum bekam er den Zuschlag?
Huub war zu der Zeit frei und bei der Entscheidung war uns wichtig, dass sie schnell fällt. Ich bin nach Holland gefahren und wir hatten ein sehr intensives Gespräch über drei Stunden, das unheimlich Spaß gemacht hat. Er war sehr umgänglich, offen und locker, ganz entgegen seines Rufs als »Knurrer von Kerkrade«.

Hat die Verpflichtung von Stevens auch deshalb geklappt, weil er bereit war, mit dem vorhandenen Trainerteam zusammenzuarbeiten?
Nein, dazu wären auch die anderen Kandidaten bereit gewesen. Als Giovanni Trapattoni damals nach Stuttgart kam, hat er fünf Trainer mitgebracht. Als wir ihn entließen, mussten wir den Stab ebenfalls abfinden, was eine erhebliche finanzielle Belastung bedeutete. Seitdem verfolge ich das Credo: Wenn man einen guten, loyalen Trainerstab zum Verein und auch zum Chef-Trainer hat, schmeißt man den nicht raus. Da haben wir auch eine soziale Verantwortung.

Vertraglich war die Zusammenarbeit zunächst nur bis Saisonende angelegt. Hatten Sie Bedenken, dass es mit Stevens und Schalke nochmal klappt?
Die Entscheidung fand unter Zeitdruck statt, weshalb der Vertrag zunächst kurzfristig war. Aber wir hatten beide aufgrund des Gesprächs ein sehr gutes Gefühl. Ich denke, es ist ein großer Vorteil, dass er Diskussionen zulässt, sehr teambezogen denkt und seinen Mitarbeitern viel Freiraum gibt.

Bei Magath laufen Konflikte offenbar meist nonverbal ab. Wie ist das bei Stevens?
Absolut respektvoll. Wir diskutieren sachlich und tauschen unsere Positionen aus. Natürlich ist man nicht immer einer Meinung, aber wir versuchen dann beide, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es eine klare Aufgabentrennung gibt. Ich kann sportliche Dinge ansprechen, aber wenn der Trainer es anders sieht, entscheidet er auch anders.

In seiner ersten Amtszeit saßen Stevens und Manager Rudi Assauer schon morgens ab sieben Uhr in der Geschäftsstelle und besprachen das Tagesgeschehen.
Huub ist Frühaufsteher, ich leider nur bedingt. (lacht.) Mein Arbeitsrhythmus ist ein anderer, aber wir verbringen im Alltag trotzdem viel Zeit miteinander. Eigentlich verbringe ich mehr Zeit mit Huub als mit meiner Frau.

Im Moment läuft es sportlich nicht so glatt, würden Sie dennoch sagen, dass der Klub ruhiger ist als zu ihrer Anfangszeit? Oder kann in einem überemotionalisierten Umfeld wie auf Schalke in ein paar Wochen wieder der Teufel los sein?
Sie haben Recht, wir sind aus einer sehr hektischen und intensiven Phase gekommen und haben es geschafft, in ruhigeres Fahrwasser zu gelangen. Das liegt daran, dass wir im Vorstand und im Aufsichtsrat alle in eine Richtung denken. Zu Clemens Tönnies habe ich ein sehr vertrauensvolles Verhältnis. Er ist ein Erfolgsmensch und Workaholic, der mit seiner Leidenschaft unheimlich wichtig für den Verein ist. Aber er hat auch einen sehr hohen Anspruch. Die Zusammenarbeit macht großen Spaß, denn er vertraut mir. Aber ich weiß auch, dass er Druck machen würde, wenn die Ergebnisse nicht stimmen.

Ist das schon vorgekommen?
Nein. Bisher haben wir unsere ausgegebenen Ziele erreicht. Aber es werden auch Phasen kommen, in denen es nicht so reibungslos klappt. Der »Boss« ist ein Mensch mit Rückgrat, der Probleme ohne Schonfrist anspricht, wenn sie auftauchen. Er möchte völlig zurecht erklärt haben, wenn die sportliche Leistung nicht stimmt.

Aber dafür ist doch der Trainer zuständig, nicht der Manager?
Tönnies tauscht sich genauso mit dem Trainer aus. Er ruft auch mal die Spieler an, wenn er es für nötig hält. Aber natürlich bin ich sein erster Ansprechpartner.

Anders gefragt: Wie sicher ist Ihr Job?
Ich habe großes Vertrauen zu Clemens Tönnies, aber natürlich muss ich meine Arbeit gut machen. Ich weiß aber, dass der »Boss« niemals eine Entscheidung treffen würde, die auf Druck von außen entstanden ist und hinter der er nicht selbst steht.

Wie sehr beeinflusst es Ihre Lebensqualität, dass die Vertragsverlängerung mit Klaas-Jan Huntelaar noch aussteht?
So eine Entscheidung kann sich natürlich in der Leistung des Spielers und auch in der Atmosphäre in der Mannschaft niederschlagen – muss es aber nicht. Ich bin ohnehin davon überzeugt, dass man Spieler nur bedingt zu einer Beschlussfassung drängen kann. Außerdem will ich Spieler, die sich aus Überzeugung für den Verein entscheiden. Natürlich muss man um Leistungsträger kämpfen. Das tun wir bei Klaas-Jan auch. Aber dazu muss er die Zeit bekommen, sich seinen Schritt überlegen zu können.

Würden Sie sagen, dass das Schalker Umfeld inzwischen vollends mit dem Klub versöhnt ist?
Ich habe mich bei allen Vereinen sehr wohl gefühlt, aber das, was ich auf Schalke erlebe, kannte ich so noch nicht. Wir hatten etwa mal ein Vorbereitungsspiel gegen den 1. FC Köln, da haben fast nur Leute aus den zweiten Mannschaften gespielt – und trotzdem sind 20 000 Zuschauer in die Arena gekommen. So viele Anhänger kommen bei anderen Vereinen nicht mal zu Europa-League-Matches. So viel Begeisterung bedeutet aber auch, dass die Leute nie aufhören werden, von der Meisterschaft zu träumen.

Das ewige Schalker Problem mit dem Titel.
Im vergangenen Jahrzehnt wurde immer wieder alles darauf ausgelegt. Natürlich ist die Meisterschaft auch mein Wunsch, aber Dinge wie Konsolidierung und Nachwuchsarbeit dürfen darüber nicht vergessen werden. Wir haben nicht so große Möglichkeiten wie der FC Bayern, aber natürlich schürt es die Ungeduld im Umfeld, dass ausgerechnet unser Nachbar – dem es genauso geht wie uns – gerade zweimal Meister geworden ist. Dennoch müssen wir Ruhe bewahren, an die eigenen Stärken glauben und da sein, wenn die anderen schwächeln.

Aber ist das Scheitern nicht längst Teil des Schalker Selbstverständnis?
Zugegeben, die Überzeugung der Bayern haben wir nicht. Die glauben ja, dass sie gegen die meisten Klubs auch in Badelatschen gewinnen können. Diese „positive Arroganz“, ein solches Selbstbewusstsein fehlt uns. Deswegen muss der nächste Schritt sein, dass wir ein Selbstverständnis entwickeln, dass der Größe dieses Vereins entspricht.

Und das bedeutet?
Ohne jemals überheblich zu werden sollten wir auf und neben dem Platz ausstrahlen, dass wir mit unserem Kader zumindest gegen 15 Mannschaften der Bundesliga jederzeit gewinnen können.

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