10.12.2012

Horst Heldt über seinen Job bei Schalke 04

»Ich habe Magath viel zu verdanken!«

Für die große Reportage in der neuen 11FREUNDE #134 reisten wir Ende November nach Gelsenkirchen und sprachen mit den Köpfen des Klubs über das neue Schalke 04. Horst Heldt über Weihnachtseinkäufe mit Felix Magath, Mobbing und Frühausteher.

Interview: Tim Jürgens und Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago

Zum Sommer 2011 hatten auch Sie eine Herkulesaufgabe zu erledigen: Sie mussten den Kader von zwischenzeitlich 36 Spielern deutlich ausdünnen.
Das waren in der Tat Aufräumarbeiten. Die Gehaltskosten mussten dringend reduziert werden. Durch den Gewinn des DFB-Pokals hatten wir uns gerade noch für die Europa League qualifiziert, was finanziell aber nicht mit der Champions League zu vergleichen ist. Wir konnten den Kader auf 28 Spieler verkleinern und dem Club auf Sicht dadurch einiges an Geld sparen. Hinzu kam die heiße Phase mit dem Wechsel von Manuel Neuer, auch da mussten wir viel Vermittlungsarbeit leisten.

Manuel Neuer war die Identifikationsfigur der Fans. Wie schwer fiel es, ihn ziehen zu lassen?
Die Enttäuschung bei uns allen war riesengroß, weil Neuer die Integrationsfigur schlechthin war.Der Fehler, ihn nicht länger zu binden, ist wahrscheinlich noch vor der Magath-Ära gemacht worden. Felix Magath hat intensiv versucht, Neuer an den Verein zu binden.. Was man allerdings nicht verschweigen sollte, ist, dass der Transfer dem FC Schalke 04 wirtschaftlich ungeheuer geholfen hat.

Dennoch schien es lange in der Schwebe zu sein, ob er geht.
Manuel hat sich stets loyal gegenüber dem Verein verhalten. Ihm war wichtig, dass wir in dieser Saison gemeinsam unsere sportlichen Ziele erreichen. Genauso wollte er an die Öffentlichkeit gehen, um offen und ehrlich zu sein, aber wenn man so lange bei einem Verein ist, sind solche Bekanntgaben nicht einfach, vor allem, wenn es um den richtigen Zeitpunkt geht.

Ein weiteres Problem war, dass Raúl nicht unbedingt in Rangnicks Konzept passte.
Ralf Rangnicks Fußball-Philosophie basiert auf Pressing und Balleroberung. Dabei müssen alle zehn Feldspieler intensiv mitarbeiten. Mit Raul war das nur bedingt möglich, aber ansonsten standen seine Qualitäten auch bei Rangnick  außer Frage.

Alles schien wieder in der Spur zu sein, als sie am 18. September 2011 gegen den FC Bayern spielten. Clemens Tönnies saß neben ihnen auf der Tribüne, zeigte auf den Trainer und sagt: »Guck mal, mit dem stimmt irgendwas nicht.« 

Wir haben gute Sitzplätze, sodass wir genau sehen können, wie sich die Leute auf und neben dem Platz bewegen. Wenn man Ralf Rangnick kennt, weiß man, dass er morgens ab acht Uhr nur über Fußball nachdenkt. Er war immer sehr engagiert, aber in diesem Spiel wirkte er in der Tat abwesend und energielos. Aber wir haben das Spiel 0:2 verloren, da hat die Leere eines Trainers doch scheinbar einen offensichtlichen Grund. Für mich war sein Burn-Out jedenfalls eine große Überraschung. Ich habe erst hinterher erfahren, dass er bereits in Behandlung war.

Wie liefen die Ereignisse in diesen Tagen ab?
Ich bekam einen Anruf von seinem Berater, der mir sagte, dass Ralf sich unbedingt mit mir treffen müsse, dass Ärzte dabei sein würden und ich mich darauf vorbereiten solle, dass er anschließend nicht mehr zur Verfügung stände. Ich saß in München beim Essen, bin direkt aufgestanden und zurück geflogen. Es klingt makaber, aber natürlich fängt man schon in diesen Momenten – ohne zu wissen, was genau los ist – an zu überlegen, wie es für den Verein weitergeht, weil es meine Aufgabe ist.

Ein einmaliger Fall in der Bundesliga-Geschichte.
In der Situation war es zunächst wichtig, den Leuten zu vermitteln, warum Rangnick aufhört, damit kein falscher Eindruck entsteht. Da muss auch die Informationskette eingehalten werden: bevor es die Öffentlichkeit erfährt, müssen alle Gremien und die Mannschaft in Kenntnis gesetzt werden. Da gerät man in Zwänge, die man vorher nicht ermessen kann.

Welche Anforderungen musste der neue Trainer erfüllen?
Ich habe nach einem Coach gesucht, der zum Verein, zur Mannschaft, ins Budget und letztlich auch zu mir passt.

Huub Stevens, der »Trainer des Jahrhunderts«, war allerdings auch eine gute Idee, um das Umfeld nicht noch mehr zu beunruhigen. 
Als ich mit dem Organisatorischen durch war, habe ich gesagt, ich gehe jetzt auf alle Trainer drauf, die ins Konzept passen. Im Zweifelsfall hätte ich auch einen aus dem Vertrag geholt. Aber Huub war mit zwei, drei anderen von Anfang an in der engeren Auswahl.

Warum bekam er den Zuschlag?
Huub war zu der Zeit frei und bei der Entscheidung war uns wichtig, dass sie schnell fällt. Ich bin nach Holland gefahren und wir hatten ein sehr intensives Gespräch über drei Stunden, das unheimlich Spaß gemacht hat. Er war sehr umgänglich, offen und locker, ganz entgegen seines Rufs als »Knurrer von Kerkrade«.

Hat die Verpflichtung von Stevens auch deshalb geklappt, weil er bereit war, mit dem vorhandenen Trainerteam zusammenzuarbeiten?
Nein, dazu wären auch die anderen Kandidaten bereit gewesen. Als Giovanni Trapattoni damals nach Stuttgart kam, hat er fünf Trainer mitgebracht. Als wir ihn entließen, mussten wir den Stab ebenfalls abfinden, was eine erhebliche finanzielle Belastung bedeutete. Seitdem verfolge ich das Credo: Wenn man einen guten, loyalen Trainerstab zum Verein und auch zum Chef-Trainer hat, schmeißt man den nicht raus. Da haben wir auch eine soziale Verantwortung.

Vertraglich war die Zusammenarbeit zunächst nur bis Saisonende angelegt. Hatten Sie Bedenken, dass es mit Stevens und Schalke nochmal klappt?
Die Entscheidung fand unter Zeitdruck statt, weshalb der Vertrag zunächst kurzfristig war. Aber wir hatten beide aufgrund des Gesprächs ein sehr gutes Gefühl. Ich denke, es ist ein großer Vorteil, dass er Diskussionen zulässt, sehr teambezogen denkt und seinen Mitarbeitern viel Freiraum gibt.
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