Horst Heldt über Bayern und Schalke

»Ich habe Magath viel zu verdanken«

Horst Heldt ist einer der Verantwortlichen für den gegenwärtigen Erfolg bei Schalke 04. Vor dem Klassiker gegen den FC Bayern sprachen wir mit dem Manager über das Erbe von Felix Magath und die Zeit nach Raul.

Horst Heldt, ein gelungener Start in die Bundesligasaison und dann diese Woche der Auswärtssieg in der Champions League – darf man da auch als Sportdirektor ein bisschen stolz auf seine Arbeit sein?
Vielleicht passt das Wort Zufriedenheit, wobei »zufrieden« ja eigentlich ein Unwort im Leistungssport ist. Sagen wir es so: Wir sind auf einem ganz guten Weg, müssen uns aber weiter verbessern. Es kann auch ganz schnell wieder in die andere Richtung gehen. Und dass es derzeit ganz gut läuft, daran hat jeder im Verein seinen Anteil.

Das Team machte in den ersten Spielen der noch jungen Saison einen abgeklärten Eindruck, lässt sich auch durch Gegentreffer wie in Piräus nicht aus der Ruhe bringen.
Die Mannschaft ist eingespielt und hat mit Raul nur einen einzigen Stammspieler verloren. Dazu kommt die Erfahrung aus den Spielen in den internationalen Wettbewerben, in denen  wir zum dritten Mal in Folge vertreten sind und einmal sogar im Halbfinale der Champions League standen. Wir haben viele Spieler in unseren Reihen, die das alles erlebt haben. Man wird dadurch reifer, auch wenn man ein junger Spieler ist. Einsätze in der Nationalmannschaft tragen ebenfalls dazu bei. Ich hoffe, dass wir diese Coolness gegen Bayern beibehalten können. Bayern – das ist der große Favorit, ein echtes  Kaliber. Das hat man auch Mittwoch wieder in der Champions Legaue gesehen.

Spielt Schalke inzwischen ein bisschen wie der FC Bayern, nämlich abgeklärt?
Es ist ein bisschen früh in der Saison, um schon so eine Tendenz erkennen zu können. Man sagt ja: ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es unbedingt springen muss. Bislang ist es uns in der Tat immer gelungen, eins drauf zu legen, wenn es notwendig war. Das ist allerdings auch eine Fähigkeit, die man sich hart erarbeiten muss. Dennoch ist klar, dass wir mit einer Leistung wie gegen Augsburg gegen Bayern nicht gewinnen werden.

Alle auf Schalke – die Mitarbeiter auf der Geschäftsstelle und allen voran die Fans – lechzen nach einem Sieg gegen Bayern. Besteht angesichts der Emotionen nicht die Gefahr, die Abgeklärtheit zugunsten der Übermotivation zu verlieren?
Sicher, wenn wir überpacen, kann das hinderlich sein. Es geht darum, die Balance zwischen Leidenschaft und Coolness zu finden. Man muss sehr konzentriert, aber auch mutig sein, um die Bayern schlagen zu können.

Bei den beiden Niederlagen der vergangenen Saison gegen den FC Bayern München fehlte dieser Mut.
Das stimmt. Von außen betrachtet, sah das so aus. Es ist wichtig, und das gilt ganz besonders für den Fußball in unserer Region, dass man eine gewisse Mentalität an den Tag legt, dass man sich wehrt. Das erwarten die Schalke-Fans ganz einfach von ihrer Mannschaft.

Gerald Asamoah hat in einem Interview gesagt, im Gegensatz zum fränkischen Grundpessimismus würden auf Schalke nach drei gewonnen Spielen gleich alle nur noch von der Meisterschaft sprechen und träumen.
Das empfindet Gerald vielleicht so aufgrund seiner Erfahrungen aus vergangenen Schalker Tagen. Aber in den letzten zwei Jahren sind alle auf Schalke zur Realität zurückgekehrt. Wir wollen uns nicht kleiner machen, als wir sind, aber wir wollen auch nicht abheben. Das gilt nicht nur für die Verantwortlichen im Verein, sondern auch für das Umfeld. Wir haben  fachkundige Fans , die  die Situation sehr gut einschätzen kann.

Hand aufs Herz, was wäre Ihnen als Sportdirektor lieber: fünfmal hintereinander als Zweiter, Dritter oder Vierter die Champions League-Qualifikation zu schaffen oder stattdessen einmal deutscher Meister zu werden?
Eine gemeine Frage. (lacht) Mein Kompromissvorschlag: viermal Champions League und einmal Deutscher Meister. Klar, der Wunsch ist vorhanden, nach so langer Zeit (die Red.: der FC Schalke hat letztmals 1958 den nationalen Titel gewonnen) endlich wieder diesen Titel zu holen , das ist doch   auch normal. Aber wir werden diesen Wunsch nicht verkaufen, in dem Sinne, dass wir über unsere Verhältnisse leben, um ihn zu erfüllen. Man braucht Wünsche und Hoffnungen. Und irgendwann wird Schalke auch mal wieder Deutscher Meister werden.

Sie haben unlängst Ihren Vertrag verlängert und dabei gesagt, dass der FC Schalke so ein toller und großer Verein sei, dass es für Sie in Deutschland keine Steigerung mehr gäbe.
Es passt einfach. Man wird ja immer wieder gefragt, wo man sich vorstellen kann zu arbeiten. Ich bin in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, habe hier meine Karriere als Profi begonnen. Meine Wurzeln sind in NRW. Und was für die Arbeit als Sportdirektor wichtig ist: Ich finde zum jetzigen Zeitpunkt auf Schalke alles vor, um den Verein sportlich gut aufstellen zu  können. Dazu kommen die phantastische Fankultur und das tolle Stadion. Die Zusammenarbeit im Verein passt und auch dessen Ausrichtung stimmt mit meinen Vorstellungen überein. Ich finde mich in diesem Verein wieder. Es sind die Voraussetzungen dafür geschaffen worden, dass das erklärte Ziel, nämlich sich dauerhaft auf den internationalen Plätzen zu etablieren, erreichbar ist.


Heute schwärmen Sie von der Arbeit auf Schalke, dabei war der Start in Gelsenkirchen im Sommer 2010 mehr als holperig. Der Alleinherrschaftsanspruch des damaligen Trainers Felix Magath machte Ihnen das Leben schwer.
Ich rede ungern über die Vergangenheit. Aber es hat in der Tat nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt hatte. Das ist sehr bedauerlich, aber das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Die Gründe, warum es nicht funktioniert hat, gehen nur die Beteiligten etwas an. Auf jeden Fall hat es sich gelohnt durchzuhalten.

Was hat Sie dazu bewogen, trotz aller Widrigkeiten das Handtuch nicht gleich zu werfen?
Ich war schon zu meiner aktiven Zeit ein Spieler, der sich immer ganz besonders hat hineinknien müssen, um seinen Platz zu behaupten. Vielleicht hat mich das geprägt. Aber sicher wäre es kein Dauerzustand gewesen, so wie sich die Situation bei Schalke damals darstellte.

Ein ehemaliger Weggefährte von Magath, der namentlich nicht genannt werden wollte, hat einem ZEIT-Journalisten einmal gesagt: »Der Weg zu Magath führt Schritt für Schritt in die Abhängigkeit und dann in die Demütigung.« Ist da etwas Wahres dran?
Ich weiß nicht. Ich kann nur sagen, dass ich Felix Magath sehr viel zu verdanken habe – auch als Spieler. Er war es, der mich nach Deutschland zurückgeholt hat, zu einer Zeit als mich dort niemand mehr auf dem Zettel stehen hatte. Und ich wäre ohne Felix Magath auch nicht Manager geworden.

Sie führen inzwischen Verhandlungen mit den ganz Großen des internationalen Fußballs. Wie sind Ihre Erfahrungen aus den Gesprächen mit den Verantwortlichen vom FC Barcelona oder Real Madrid?
Der Umgang ist sehr professionell und respektvoll. Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht. Das sind absolute Gentlemen, die einem zu keinem Zeitpunkt das Gefühl geben, man sei Ihnen in irgendeinerweise unterlegen. Man kann aus solchen Begegnungen immer etwas lernen, auch wenn man natürlich seinen eigenen Stil finden muss. Ich habe auch versucht, aus den Begegnungen mit Uli Hoeneß – meinem Vorbild und meiner Meinung nach, dem besten deutschen Manager – etwas mitzunehmen, als ich ihn zu Beginn meiner Tätigkeit beim VfB Stuttgart im Trainingslager in Dubai traf.

Was hat Uli Hoeneß in Ihren Augen als Manager ausgezeichnet?
Für ihn stand und steht der Verein über allem. Da ist kein Platz für persönliche Eitelkeiten. Und Uli Hoeneß verliert die Menschlichkeit nie aus den Augen. Er steht für bestimmte Werte. Doch wenn er sich benachteiligt fühlt oder wenn er seinen Verein in Gefahr sieht, ist mit ihm schlecht Kirschen essen.

Macht Ihnen der Vertragspoker Spaß oder schließen Sie lieber schnelle, geräuschlose Transfergeschäfte ab?
Die Arbeit muss immer Spaß machen, sonst ist man fehl am Platz. Aber ich bin kein Freund von Gesprächen, die sich unnötig in die Länge ziehen.

Sind die Verhandlungen mit Stars wie Raul oder Klaas-Jan Huntelaar nicht besonders zäh?
Da gibt es keine großen Unterschiede zu den Gesprächen mit anderen Spielern, selbst wenn sie  gerade erst aus der A-Jugend zu den Profis stoßen. Nur die Inhalte, sprich die Gehälter, bewegen sich eben in anderen Dimensionen.

Bereiten Ihnen schwierige Verhandlungen schlaflose Nächte?
Die gibt es öfters. Es fällt schwer abzuschalten. Am besten Hilft mir da die Familie.

Der aktuelle Kader des FC Schalke 04 ist gut besetzt. Das kann auch zur Unzufriedenheit führen, bei denjenigen Spielern, die sich in der Startformation sehen, aber vom Trainer auf die Bank gesetzt werden. Ist da manchmal der Sportdirektor als Vermittler gefordert?
Das gehört auch zu meiner Funktion, aber immer in enger Abstimmung und Zusammenarbeit mit dem Trainerteam. Dass einzelne Spieler unzufrieden sind, kommt natürlich vor und kann zu einem ernsten Problem werden. Generell geht es aber nicht darum, die Unzufriedenheit beiseite zu schieben. Spürt ein Spieler diese Unzufriedenheit nicht, wenn er mehrere Spiele hintereinander auf der Bank sitzt, ist ja auch etwas faul. Aber bei der Vielzahl von Partien, die wir haben, braucht ein Trainer eben viele fitte Spieler. Es macht Sinn zu rotieren.

Wird der Spieler bereits bei der Vertragsverhandlung auf solche Konstellationen hingewiesen?
Es ist immer wichtig in den Gesprächen die Wahrheit zu sagen. Etwas komplett anderes zu versprechen, nur um die Unterschrift zu bekommen, macht keinen Sinn. Aber ein Spieler, der zu einem Topverein wechselt, weiß, dass er auch mal auf der Bank sitzen wird. Schauen Sie sich den FC Bayern an, wer da beim Champions League-Spiel am Mittwoch alles zuschauen musste und in den Begegnungen zuvor sehr gut gespielt hat.

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