14.02.2012

Horst Ehrmantraut im Karriereinterview

»Der Plastikstuhl war symbolisch«

Horst Ehrmantraut gilt vielen als kauzigster Bundesligatrainer aller Zeiten. Jetzt räumt der kleine Mann aus Einöd mit den Anekdoten auf. Ein Gespräch über Kibitze, lauschende Karlsruher, Busfahrer, seinen weißen Plastikstuhl – und ein Danke an den Fußball.

Interview: Moritz Herrmann Bild: Imago


Waren Sie schon mal im Vereinsmuseum von Eintracht Frankfurt? Ihr weißer Plastikstuhl hat da einen Ehrenplatz in einer Vitrine. Er ist ein historisches Objekt.

Horst Ehrmantraut: Ha! Der Plastikstuhl! Natürlich, ich wusste es. Eine wahre Geschichte, endlich mal. Ich kam damals zur Frankfurter Eintracht und beauftragte Rainer Falkenhain, unseren Lizenzspielleiter, mir bitte im Baumarkt den billigsten Stuhl zu kaufen, weil ... (holt tief Luft, langes Schweigen) ... Frankfurt, Bankerstadt, Denkerstadt.

Das müssen Sie erklären.

Horst Ehrmantraut: In Frankfurt gibt es mehr Banker als sonstwo in Deutschland. Nun sind diese Banker ja elitäre Leute. Sie sitzen auf ledergepolsterten Sesseln, weich, gemütlich. Auch mir wurde dieser Komfort angeboten. Ich lehnte ab. Ich wollte diesen billigen, weißen Plastikstuhl, um ein Zeichen zu setzen. Frankfurt war abgestiegen, runter, zweitklassig. Da war nichts mehr mit Elite. Alle Frankfurter, auch die Banker, sollten begreifen, dass jetzt angepackt und unten angefangen werden muss. Arbeit, Maloche. Der weiße Plastikstuhl war hochgradig symbolisch.

Der Boulevard schrieb, der Stuhl diene allein dem Zweck, Ihre Spieler besser fixieren und aus exponierter Position Energiefelder und negative Auren erspüren zu können.

Horst Ehrmantraut: Es ist kurios, welche Unwahrheiten da reingedeutet werden. Ich habe den Stuhl sehr weit nach vorne gestellt, ja. Aber doch nur, weil ich mich im Spiel voll konzentrieren können wollte. Wenn ich da die ganze Zeit die Gespräche der Bankspieler im Ohr habe, drehe ich durch. Ein Co-Trainer neben mir war manchmal noch okay, aber am liebsten blieb ich allein und für mich. Das soll nicht abwertend gegenüber den anderen Leuten klingen. Ich brauchte es einfach so.

Wie unbequem war der Verzicht auf feines Frankfurter Leder?

Horst Ehrmantraut: Der Stuhl war nicht gemütlich, aber immerhin sehr rustikal. Er hat ja dann auch einiges mitmachen müssen, der arme Kerl. Ich habe den Stuhl getreten, umgeworfen, gestoßen – das tat mir manchmal schon fast leid.

So oft kann es nicht Grund zum Ausrasten gegeben haben. Am Ende der Saison 1997/98 stieg Eintracht Frankfurt in die Bundesliga auf. Der Triumph war ein kleines Wunder, weil Sie ihn mit lauter Aussortierten und Abgeschriebenen schafften.

Horst Ehrmantraut: Es gab nach den fetten Jahren des Erfolgs nur noch ganz geringe Mittel. Also habe ich improvisiert. Thomas Epp, Alexander Kutschera und Ansgar Brinkmann sind Beispiele für Spieler, die erst bei uns aufblühten. Woanders waren sie außen vor. Das war natürlich auch keine totale Wundertüte. Wir konnten nicht einfach nur Risiko gehen. Wir wollten Typen holen, die zum Verein und zur Zielsetzung passen. Hinter die Auswahl von Spielern habe ich mich mit Akribie geklemmt. Ich wollte die Psyche der Spieler bewerten. Will der kämpfen, sich aufreiben und den Weg mitgehen oder nur leichtes Geld abgreifen? Die Antwort auf solche Fragen kriegst du nur in persönlichen Gesprächen und über ein dichtes Kontaktnetz.

Ihre Entlassung bei Eintracht Frankfurt empfanden viele als unrühmlich. Sie wurden nur ein halbes Jahr nach dem Aufstieg vom Hof gejagt. Bei der Verabschiedung in der Kabine sollen Tränen geflossen sein.

Horst Ehrmantraut: Auch ich habe später geweint. Frankfurt war eine ganz besondere Aufgabe für mich. Ich wurde entlassen, obwohl ich nicht mal auf einem Abstiegsplatz stand, und das mit einem Kader, den wir nach dem Aufstieg nur punktuell verstärkt hatten. Heute weiß ich, dass mein Standing beim Präsidium nicht das beste war.

Sie gingen 1999 zu Hannover 96. Bei den Niedersachsen setzten Sie durch, dass keine Auflaufprämie mehr gezahlt wird, nur noch Punkteprämie.

Horst Ehrmantraut: Im Fußball zählt der Erfolg. Wenn ein Spieler schon Geld dafür bekommt, dass er überhaupt aufläuft, ist der Sieg plötzlich nur noch ein kleiner Bonus. So kann man niemanden motivieren.

2002 heuerten Sie im Saarland an. Beim 1. FC Saarbrücken soll es sehr oft Meinungsverschiedenheiten mit dem Präsidenten, Hartmut Ostermann, gegeben haben.

Horst Ehrmantraut: Es wird immer gesagt, der hätte sich ins Training und in die Aufstellung eingemischt. Alles Kappes! Kein Trainer lässt sich sowas bieten – es sei denn, er ist so schwach, dass er sich über die Hilfe des Präsidenten auch noch freut. Ich bin dafür mit Sicherheit zu kernig. Wer diese Mär glaubt, kennt Horst Ehrmantraut nicht (lacht).

Viele kennen den Horst Ehrmantraut aus Saarbrückener Zeiten vor allem aus den Weiten des Web 2.0. Mit Ihrem Wutinterview nach dem Spiel gegen 1860 München wurden Sie zum YouTube-Hit.

Horst Ehrmantraut: Heute ist mir das peinlich. In dem Interview kriege ich ja fünfmal die Krise und rege mich auf über eine Schiedsrichterleistung, die »zum Himmel schreit« und »jeder Beschreibung spottet.« Das war nicht souverän. Heute würde ich mich nicht so gehen lassen, auch wenn ich echauffiert wäre.

Solche Zornesausbrüche sind sehr selten geworden im TV. Die Trainer werden in den DFB-Lehrgängen bis ins Letzte mediengeschult.

Horst Ehrmantraut: Sehe ich heute die Gelassenheit anderer Trainer, beneide und bewundere ich sie manchmal. Die halten Kopf und Gefühl auseinander und können im Interview noch ganz cool von ihren Hobbys erzählen. Das kenne ich gar nicht! Aber ich finde auch, ein Trainer sollte Ecken und Kanten haben. Reibung ist gut, Reibung bringt Erfolg. Regt mich etwas auf, muss es raus. Ich sage meine Meinung.

Sie sagen, Sie standen damals unter Strom. Sie kennen Situationen der Anspannung also gut. Trotzdem regten Sie sich in einem Interview 2008 über Joachim Löw auf, als der für das EM-Spiel gegen Portugal gesperrt war und hinter einer Glasscheibe seine Nervosität mit Zigaretten zu bekämpfen versuchte.

Horst Ehrmantraut: Das war mir ein rotes Tuch. Ich hätte den sofort entlassen nach der Aktion, ware ich DFB-Präsident gewesen. Natürlich verstehe ich, dass der Bundestrainer unter immensem Druck steht – das tun wir Vereintrainer aber auch. Und wir stellen uns eben nicht hinter Glas, rauchen und trinken Rotwein.

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