14.02.2012

Horst Ehrmantraut im Karriereinterview

»Der Plastikstuhl war symbolisch«

Horst Ehrmantraut gilt vielen als kauzigster Bundesligatrainer aller Zeiten. Jetzt räumt der kleine Mann aus Einöd mit den Anekdoten auf. Ein Gespräch über Kibitze, lauschende Karlsruher, Busfahrer, seinen weißen Plastikstuhl – und ein Danke an den Fußball.

Interview: Moritz Herrmann Bild: Imago

Horst Ehrmantraut, wie wohnt es sich in Einöd?

Horst Ehrmantraut: Ach, das war auch schon Thema, als ich damals zu Frankfurt kam (seufzt). Da fuhren Reporter von Frankfurt nach Einöd, um das Ortsschild hier zu filmen. Wie kann man bloß in Einöd wohnen, fragten alle. Antwort: sehr gut. Es ist keine Einöde im Wortsinne, es gibt hier – ob Sie das glauben oder nicht – 3000 Einwohner. Einöd ist eingebunden in Homburg an der Saar. Es liegt also nicht alleine, es gibt Menschen hier und mehrere Häuser.

 

Einöd klingt nach Gemüseanbau und Schweinezucht.

Horst Ehrmantraut: Einen Bauernhof habe ich hier schon. Ich betreibe hobbymäßig Landwirtschaft, aber nur Ackerbau. Dieses Jahr habe ich Mais angebaut für die Biogasanlage. Nur Weiterverkauf, kein Eigenbedarf. Es macht Riesenspaß, wenn es klappt. Manchmal ist es allerdings, wie jetzt auch, einfach zu trocken. Die letzten Jahre waren die Erträge schlecht, da habe ich immer draufgezahlt.  

Sie sind in Einöd geboren, die dortige Spielvereinigung ist Ihr Jugendverein. Zweimal spielten Sie für den FC 08 Homburg und jetzt also der Bauernhof. Sind Sie ein unwahrscheinlich heimatliebender Mensch?

Horst Ehrmantraut: Auf jeden Fall. Meine Familie wohnt hier. Alle Ehrmantrauts sind im Umkreis von 200 Meter beieinander. Auch meine Spielerkarriere passt zu diesem Bild der Heimatliebe. Den Schritt von Einöd nach Homburg empfand ich 1975 als gigantisch, sportlich wie persönlich. Vier Kilometer Entfernung sollte ich überbrücken, noch dazu die Lücke zwischen Amateurbereich und Zweiter Bundesliga. Der zweite Wechsel dann von Homburg nach Frankfurt war wie der Schritt in eine neue Welt. Da habe ich mir einige Gedanken gemacht: Kommst du da zurecht? Passt du dahin? Ich war ja erst 19 Jahre alt. Zwei Jahre zuvor hatte ich, 17-jährig, noch gute Angebote ausgeschlagen, weil ich nicht weg wollte aus meiner Umgebung.   

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit als Spieler bei Eintracht Frankfurt? Mit den Hessen wurden Sie UEFA-Cup-Sieger.

Horst Ehrmantraut: Es lief nicht sofort so glatt, der Anfang war problematisch. In Homburg hatte ich immer gespielt, bei der Eintracht plötzlich gar nicht mehr. Ich wollte mich unbedingt beweisen, aber Friedel Rausch, unser Trainer, ließ mich nicht. Vielleicht war ich ihm zu jung, vielleicht hatte er kein Vertrauen. In der Hinserie saß ich jedenfalls nur einmal auf der Bank und war sonst nicht mal im Kader. Die Degradierung kam für mich, einem unglaublich ehrgeizigen Menschen, einem mentalen Nackenschlag gleich.

In der Rückserie machten Sie dann plötzlich fast alle Spiele. Was ist in der Winterpause passiert, das die Wende zum Guten brachte?

Horst Ehrmantraut: Ich habe mich wirklich nie hängen lassen und wir hatten in Frankfurt immer mehrere hundert Zuschauer beim Training. Ende des Jahres, es muss im November gewesen sein, hatten die Rentner und Kiebitze genug. Die haben den Trainer gerufen: »Friedel, jetzt musst du den Ehrmantraut aber mal bringen – der trainiert doch genial!«  Zum Beginn der Rückserie stand ich plötzlich in der ersten Elf.

Die Konfrontation mit Friedel Rausch haben Sie nie gesucht?

Horst Ehrmantraut: Wo denken Sie hin! Ich war ja noch ein Teenager, außerdem hatte man damals als Spieler zu warten, ob der Trainer auf einen zukommt. Mit Charly Körbel, Willi Neuberger, Bernd Hölzenbein und Bum-Kun Cha spielten etliche Top-Spieler für die Eintracht. Daneben war ich doch ein kleines Licht (lacht).

Ein kleines Licht, das 1980 zu Hertha BSC Berlin wechselte. Der Schritt dürfte für Kopfschütteln gesorgt haben, immerhin hatten Sie am Main noch ein Jahr Vertrag und gerade erst als Stammspieler den UEFA-Cup gewonnen.

Horst Ehrmantraut: Genau das war der Haken. Ich hatte gleich im ersten Jahr all meine Ziele erreicht. Deshalb wollte ich unbedingt weg. Die Anfrage aus Berlin kam zum richtigen Zeitpunkt, auch wenn viele aus meinem Freundeskreis den Schritt nicht verstanden.

Hertha BSC war aus der Bundesliga abgestiegen.

Horst Ehrmantraut: Ich brauchte diese Motivation, dieses Gefühl, irgendwo etwas aufbauen zu können. Die Hertha war mir eine Herzensangelegenheit, weil ich, obwohl im fernen Hessen ansässig, ihren Niedergang sehr bedauert habe. Eine Stadt wie Berlin gehört in die 1. Liga, dachte ich. Als ich dann zu Vertragsverhandlungen an die Spree fuhr, war das Wahnsinn. Diese Größe, diese historische Dimension, eine Stadt, vormals geeint und jetzt plötzlich durch eine Mauer getrennt – bei dem Wechsel haben Emotionen eine ganz wichtige Rolle gespielt. Bis heute hält mich diese Faszination gefangen, noch immer habe ich eine Wohnung in Berlin.

Fünf Jahre blieben Sie in Berlin, bezeichneten die Station als die schönste zu Spielerzeiten. Wer hat Sie in der Hauptstadt besonders geprägt?

Horst Ehrmantraut: Wolfgang Holst. Der wurde Zeit seines Lebens immer ein wenig verkannt, war für mich aber eine echte Vaterfigur. Holst war vertrauenswürdig, man konnte sich mit Problemen und Nöten an ihn wenden. In seinem Büro wurden Spieler nie abgewiesen. Für mich war das so überraschend, weil Neuland. Dass man mit einem Vereinspräsidenten so reden kann, kannte ich nicht. Natürlich, manchmal wurde Holst auch wild und böse. Aber wenn man immer alles in die Waagschale warf, stand keine Schelte zu befürchten.

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