Horst Bertram über seine Karriere

»Die Bayern wollten mich«

Horst Bertram hat die Höhen und Tiefen einer Profikarriere mitgemacht: Jugendnationalspieler, BVB-Stammtorwart, ein Angebot vom FC Bayern. Heute besitzt er einen Kiosk. Wir sprachen mit ihm über Glück und verpasste Chancen. Horst Bertram über seine KarriereImago

Horst Bertram, was ist eigentlich ein »Bett-Training«?

Das gab es zu unserer Zeit. Unter Otto Rehhagel, der in den 70ern mein Trainer in Dortmund war, mussten wir stets um zehn Uhr im Bett sein. Bei einigen hat er abends noch angerufen. Sinn der Sache war es, genügend Schlaf zu bekommen und ausgeruht in den nächsten Tag zu starten. Im Schlaf sollte ich mir die Flanken auf mein Tor vorstellen.

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Wie kamen Sie eigentlich zu Borussia Dortmund?

Nach meiner Zeit bei Preußen Münster hatte ich aus Offenbach und Dortmund Angebote. Ich habe mich dann für Offenbach entschieden – dort war ich aber direkt schwer verletzt und bekam kaum Einsätze. Nach zwei Jahren kam wieder Borussia auf mich zu. Ich hatte ja noch einen guten Namen im Revier, hatte auch in der Juniorennationalmannschaft gespielt.

Um den Stammplatz kämpften Sie in Dortmund mit Jürgen Rynio. Wie sind Ihre Erinnerungen an diesen Konkurrenzkampf?

Privat haben wir uns immer sehr gut verstanden. Eine Rivalität wie zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann gab es bei uns nicht. Zunächst war Rynio Stammkeeper, dann hat er sich aber verletzt. Ich zeigte gute Leistungen und blieb so im Tor. Es war also ein wenig Glück dabei – wie so oft im Sport.

Otto Rehhagel stand damals noch am Anfang seiner Trainerkarriere. Hätten Sie ihm so eine Laufbahn zugetraut?

Ja. Otto Rehhagel war ein fussballbesessener, fanatischer Trainer. Der hat rund um die Uhr nur an Fußball gedacht. Er hat ja noch viel dazugelernt als Fußballtrainer. Aber bei uns war er schon immer der große Motivator. Es stimmt übrigens nicht unbedingt, dass Otto nur auf alte Spieler setzt. Klar, er hat damals den Siggi Held zurückgeholt, doch er hat auch junge Spieler wie Wolfgang Vöge und Mirko Votava in die Mannschaft eingebaut.

Sind Sie ein Prophet?

Nein.

Vor dem denkwürdigen Spiel gegen Borussia Mönchengladbach haben Sie sich mit einer Grippe abgemeldet.

Ach so, darum geht es. Da wurde ja schon viel drüber berichtet. Also, krank war ich nicht. In der Saison war ich Kapitän und in der Woche vor dem Spiel mit Otto Rehhagel aneinander geraten. Ich hatte von der Mannschaft den Auftrag, zu fragen, warum gewisse Spieler eingesetzt wurden, die offensichtlich noch nicht fit waren. Da entfachte ein Streit und Rehhagel setzte mich auf die Bank.

Zum Einsatz kam der unerfahrene Peter Endrulat. Er sollte zur Halbzeit ausgewechselt werden. Hand aufs Herz, wären Sie eingesprungen?

Otto Rehhagel sagte in der Halbzeit: »Horst, jetzt müssen Sie wohl ran.« Ich sagte mit Blick auf den 0:6-Halbzeitstand: »Nein, jetzt geh ich auch nicht mehr rein.« Im Nachhinein tut es mir sehr leid für Peter. Man bringt ihn sein Leben lang mit dem Spiel in Verbindung. Mit der heutigen Erfahrung hätte ich mich einwechseln lassen.

Nach dem Spiel wurden alle Spieler mit einer Geldstrafe in Höhe von 2000 Mark belegt. Es gab auch den Verdacht der Schiebung.

Alle Spieler wurden vom DFB verhört. Das Spiel war aber sauber, auch wenn eine solche Niederlage am letzten Spieltag ja immer einen faden Beigeschmack hat. Zum Glück ist Köln trotzdem Meister geworden.

Nach der Saison tingelte Borussia über die Dörfer. Können Sie sich noch an die zahlreichen Spottgesänge erinnern?

Oh Mann, das war wirklich nicht mehr feierlich. Die »Schieber, Schieber«-Rufe waren noch die harmlosesten Gesänge. Aus Köln kamen etliche bitterböse Briefe an. Auch die Spieler wurden direkt angeschrieben. Leider hab ich alle Briefe weggeworfen. Auch in der Stadt wurde man immer wieder drauf angesprochen. Es hat lange gedauert, bis wir beim Publikum wieder rehabilitiert waren.

Sie waren in der kommenden Saison wieder Stammtorwart, hatten jetzt aber Eike Immel im Rücken. Warum haben Sie sich langfristig nicht gegen ihn durchsetzen können?

Vier Tage vor dem ersten Saisonspiel gegen Bayern zog ich mir eine offene Fleischwunde zu und Eike musste spielen. Er spielte sensationell und kam auch in den nächsten Spielen zum Einsatz. Da zeigte sich aber schon, dass ihm die Erfahrung noch fehlt und ich löste ihn wieder ab. Zu Beginn der Rückrunde hatte ich einen Muskelfaserriss und wir standen im Abstiegskampf. Eike musste wieder ran, fing sich aber einige blöde Tore – er war einfach viel zu nervös angesichts der Situation. Ich musste also mit Muskelfaserriss wieder spielen.

Wie ging es weiter?

Nach der Saison kam Udo Lattek zu uns. Ich machte alle Vorbereitungsspiele mit und ging davon aus als Nummer eins in die Saison zu gehen. Doch einen Tag vor dem ersten Spiel kam Udo zu mir und sagte: »Horst, ich möchte den Eike hier aufbauen und brauche dich als zweiten Mann.« Ich war sauer und perplex – ich wollte sofort weg.

Warum hat das nicht geklappt?

Ich hatte sogar ein Angebot. Vom FC Bayern. Sepp Maier hatte kurz zuvor einen Autounfall und der Verein suchte einen Ersatz. Doch damals konnte man noch nicht so einfach wechseln wie heute. Ich musste also in Dortmund bleiben. Dem Angebot habe ich oft nachgetrauert.

Sie gerieten aufs Abstellgleis.

Nach der Saison 1982/83 hieß es, ich könne gehen. Ich war eigentlich fest davon ausgegangen in irgendeiner Form in den Verein eingebunden zu werden. Doch ich erhielt nur die Antwort: Zur Zeit ist keine Stelle frei.

Also von einem Tag auf den anderen arbeitslos?

Genau. Ich war mein Leben lang Fußballer und stand erst einmal vor dem nichts. Das hat mich damals schon arg mitgenommen. Ich versuchte mich danach im Amateurfußball, doch auch da verletzte ich mich. Später habe ich meinen Kiosk aufgemacht.

Was machen Sie heute?

Heute besitze ich immer noch einen kleinen Kiosk in Dortmund-Wickede. Außerdem trainiere ich die Torhüter vom Bezirksligisten SV Holzwickede. Das macht auch sehr viel Spaß, da kann ich einiges von meiner Erfahrung weitergeben.

Herr Bertram, wenn Sie zurückblicken: Was war ihr schönstes Erlebnis als Fußballer?

Sicherlich der Aufstieg mit der Borussia Dortmund in die erste Liga und ein Spiel mit der Schülernationalmannschaft im Wembleystadion – vor 100.000 Zuschauern.

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