Hollerbach und Eichkorn im Interview

»Das schweißt zusammen«

Bernd Hollerbach und Seppo Eichkorn sind sehr lange schon Magaths Co-Trainer. Im Interview mit dem Fanzine »Schalke Unser« sprechen sie über Metzgerlehre, Hochverrat und Empfänge durch Trompeter. Hollerbach und Eichkorn im Interview

Bernd, Du hast eine Lehre als Metzger absolviert, und Seppo, Du bist auf einem Bauernhof groß geworden. Hat Euch das auch für Eure Trainerlaufbahn geprägt?

HOLLERBACH: Ich denke schon. Wenn Du es gewohnt bist, von klein auf mit anzupacken, und keine Scheu davor hast, bei der Arbeit auch mal ins Schwitzen zu kommen, dann prägt das einen schon. Und mir hat meine Lehre auch wirklich was für meine Fußballerkarriere gebracht, weil ich weiß, wie schwer auch nur 100 Mark, heute 50 Euro, zu verdienen sind. Man lernt sich durchzubeißen.

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Und wenn Ihr nun junge Spieler seht,  die eben nicht mehr wissen, wie schwer es sein kann, 100 Mark zu verdienen, wie geht Ihr mit dieser Situation um?


EICHKORN: Wir versuchen die Spieler auch durch unser Training dahin zu erziehen, dass sie erkennen, dass sie privilegiert sind.  Den Spielern diese Philosophie zu vermitteln, ist auch unsere pädagogische Aufgabe. Da sind dann auch mal ein paar anstrengendere Einheiten dabei. Wenn man aber als Mannschaft da durch geht, dann stärkt das auch das Zusammengehörigkeitsgefühl. Diese Erfahrung haben wir immer gemacht seit wir mit Felix zusammenarbeiten.

Aber der Wunsch Eurer Eltern war, dass Ihr eigentlich etwas „Vernünftiges“ lernt, oder?


EICHKORN: Ich habe ja noch zwei Brüder und einer davon war prädestiniert dafür, den Hof der Eltern zu übernehmen. Ich wollte hingegen nie Landwirt werden. Meine Eltern hätten vielleicht lieber gesehen, dass ich Pfarrer oder Tierarzt werde, aber sie haben es respektiert und waren auch stolz darauf, dass ich meinen Weg als Fußballlehrer gegangen bin.

HOLLERBACH: Da hatte es der Seppo einfacher als ich, da ich keine Brüder habe, dafür aber zwei Schwestern. Mein Vater hätte sich sicher gefreut, wenn noch Brüder da gewesen wären, damit einer den Metzgereibetrieb übernehmen kann. Er ist schon ein bisschen enttäuscht, dass ich das nicht machen werde, und ich glaube, insgeheim hofft er immer noch, dass ich noch mal zurückkomme. 

Es gibt noch eine weitere Verbindung zwischen Euch und Felix Magath und das ist Hamburg.


EICHKORN: Meine erste Trainerstation war St. Pauli und „Holler“ kam im Dezember 1989 zu uns. Felix war zu der Zeit beim großen Rivalen Hamburger SV tätig. Sein erster Transfer beim HSV war dann Bernd Hollerbach.

HOLLERBACH: Ich bin zunächst von St. Pauli zu Kaiserslautern gewechselt, da war ich aber nicht so glücklich. Ich war nur etwa vier Monate dort, davon zwei Monate gesperrt – aufgrund einer unberechtigten roten Karte (lacht). Und dann war ich froh, als der Anruf von Felix kam. Auch der Kontakt zu Seppo ist nie abgerissen, wir haben uns immer sehr geschätzt. Es ist schön, dass wir jetzt wieder ein Gespann bilden.  

In St. Pauli warst Du ein echter Publikumsliebling, wurdest mit „Ho-Ho-Hollerbach“-Gesängen gefeiert.


HOLLERBACH: Nach dem Wechsel zum HSV aber nicht mehr. Da wurde dann aus dem „Ho-Ho-Hollerbach“ ein „Ho-Ho-Hochverrat“. Ich hatte trotzdem eine wirklich schöne Zeit bei St. Pauli. Seppo und Helmut Schulte habe ich meine Karriere zu verdanken. Ich hätte vielleicht ewig bei St. Pauli bleiben können, aber dafür hatte ich zu großen sportlichen Ehrgeiz. Wir sind damals mit St. Pauli aufgestiegen und das war dann auch ein schöner Abgang für mich. Ich denke aber, dass sich die Wogen mit den Fans deutlich geglättet haben. Ich wollte damals einfach nach vorne kommen, auch international spielen, und da bot sich der Wechsel zu Felix einfach an.



In Wolfsburg habt Ihr ja auch ein Trainergespann gebildet. Als Felix dann angekündigt hat, vom Deutschen Meister zum FC Schalke 04 zu wechseln, hat dies bei vielen Erstaunen ausgelöst. Wie habt Ihr von seinen Plänen erfahren?

EICHKORN: Es hat sich schon im Vorfeld etwas angedeutet, aber konkret wurde Felix eigentlich nie. Doch dann hat er irgendwann mal gefragt: „Seppo, was hast Du in nächster Zeit vor? Könntest Du Dir vorstellen zu wechseln?“. Und dann habe ich gesagt: „Klar, solange es nicht in Timbuktu ist, komme ich mit.“

HOLLERBACH: So ähnlich war es bei mir auch, wobei ich Schalke auch als Riesenherausforderung sehe. Es gibt nicht viele Vereine mit solchen Emotionen und diesem Fanpotenzial.

EICHKORN: Das haben wir hier direkt beim Trainingsauftakt gemerkt. Der Publikumszuspruch ist hier natürlich ein ganz anderer als in Wolfsburg. In der Stadt prägt der Autokonzern den Verein und nicht unbedingt die Fans. Das ist hier natürlich komplett anders. Da wirst Du sofort von einem Trompeter empfangen, der zur Attacke bläst. Im Stadion geht es natürlich auch viel lauter zur Sache.

Jetzt seid Ihr ja beide Co-Trainer. Über Seppo Eichkorn hat der SPIEGEL sogar mal geschrieben, er sei der „König der Co-Trainer“. Wie dürfen wir uns die Hierarchie im Trainerteam vorstellen?  

EICHKORN: Das Zusammenspiel ist wirklich unkompliziert.  Und Felix ist ganz klar der Chef, wir haben beratende Funktionen. Die Entscheidungen trifft Felix, dafür hält er auch seinen Kopf hin. Wir unterstützen unseren Chef, geben ihm Ratschläge und besprechen das Training. Natürlich hat Felix eine etwas größere Distanz zu den einzelnen Spielern, die aber auch notwendig ist, denn nicht immer sind unsere Maßnahmen positiv für den Spieler. Als Co-Trainer nehme ich auch einen Spieler eher mal in den Arm als der Chef-Trainer.  
 
Ihr setzt auf Medizinbälle und hartes Training. Andere Trainer setzen auch auf psychologische Betreuung.  

EICHKORN: Wenn ich mich auf dem Platz gut fühle und die entsprechende Kondition habe, dann habe ich auch Selbstvertrauen. Dann gehe ich auch mit einem ganz anderen Auftreten auf den Platz. Und wenn man dann als Mannschaft nach einer Trainingseinheit stehend k.o. ist, dann schweißt das auch als Truppe zusammen. Dieses Wir-Gefühl haben wir auch in Wolfsburg so erlebt. Als Trainer bin ich Fußballlehrer, Taktiker, Pädagoge und Psychologe in einem. Da muss ich keinen Psychologen einstellen, um entsprechend auf eine Mannschaft einzuwirken. Mit unserem Verhalten wirken wir immer auch auf das Unterbewusstsein unserer Spieler ein.  

HOLLERBACH: Als Spieler unter Felix haben wir manchmal Einheiten durchgemacht, die waren schon knackig, aber hinterher haben wir immer gesagt: „Wir haben etwas zusammen geschafft, wir können als Team einiges erreichen.“ Das ist die eigentliche Psychologie dahinter. Und wenn man dann im Spiel in die entscheidenden Phasen kommt, kann man diese Erfahrung abrufen.



Nun wurde der Schalker Kader gehörig umgekrempelt. Spieler, die bislang niemand auf der Rechnung hatte, wurden unter Vertrag genommen: Moritz, Schmitz, Matip, Pliatsikas, Ibraimi, Reginiussen, Edu, Bogdan Müller und jetzt der Chinese Hao Junmin. Da drängt sich natürlich die Frage auf: Wer um Himmels Willen scoutet die alle?

HOLLERBACH: Wir arbeiten da vielleicht etwas anders als andere Vereine. Wir sind schon lange im Geschäft und haben unsere Kontakte. Oft bekommen wir einen Tipp und gehen dann der Sache nach. Da helfen uns manchmal auch Spielerszenen auf DVD weiter.

Von außen betrachtet wirkt das Ganze aber etwas wie „Trial and Error“. Wir kaufen mal ein paar günstige Spieler ein und schauen, was wird.
 

HOLLERBACH: Die Spieler, die verpflichtet worden sind, haben wir größtenteils alle schon länger beobachtet. Teilweise hatten wir sie schon in Wolfsburg im Visier.   

Abschließende Frage: Würdet Ihr Felix Magath zu einer Schachpartie herausfordern?  

EICHKORN: Ich wüsste gar nicht, wie ich die Figuren hinstellen sollte. Aber ich denke, unser Konditionstrainer Werner Leuthard würde sich trauen.  

HOLLERBACH: Dann doch lieber Schafkopf. Das spielen wir Franken ab und zu mal während der Bahnfahrt: Felix Magath, Heiko Westermann und ich.  

Das »Schalke Unser« ist das Fanzine der Schalker Fan-Initiative gegen Rassismus. Das Heft erscheint seit 1994 vierteljährlich und blickt mittlerweile auf 66 Ausgaben zurück.

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