19.12.2007

Holger Stanislawski im Interview

„Sehr, sehr viele Modefans“

Im neuen 11FREUNDE-Heft (ab morgen im Handel) ergründen wir den FC St. Pauli. Teamchef Holger Stanislawski, seit 1993 am Millerntor, hat den Mythos vom „etwas anderen Club“ entstehen sehen. Doch nun befürchtet er den Ausverkauf.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Besteht durch den Abriss des Klubheims die Gefahr, dass die Distanz zwischen Mannschaft und Fans größer wird?

Nein. Wir laufen auch nicht mit der Keule herum oder haben Stahlkappen in den Fußballschuhen wie früher in den 40ern. So schön das alte Klubheim auch war, auch wir müssen uns für neue Dinge öffnen. Denn für das Flair des Klubs sind letztlich nicht das Stadion oder das alte Klubheim verantwortlich, sondern immer noch die Menschen.

Abstiege in die 3. Liga konnten den Mythos nicht gefährden, nicht der Abriss des Clubheims und der Stadionumbau. Was dann?


Der Tod wäre der totale Verkauf. Bei allem, wo St. Pauli einen besonderen Stand hat, darf nicht nur der Kommerz gesehen werden. Man muss immer darauf achten, dass man ein bisschen bei den Wurzeln des Fußballs bleibt, denn es ist Volkssport Nummer eins. Egal ob Mädchen oder Junge, schwul, hetero oder transsexuell, jeder spielt gerne Fußball. Ich sage zu meinen Jungs immer: Wir alle haben mit fünf Jahren nicht angefangen Fußball zu spielen, um an das große Geld zu kommen, sondern weil wir Spaß dran hatten. Diese Reizüberflutung mit Merchandising-Artikeln und wenn wir jede Arschbacken mit Werbepartnern vollkleistern, ist der falsche Weg.

Sind Sie insofern froh, den Managerposten los zu sein?


Naja, da hat man natürlich einen anderen Einfluss.

Die Retter-Aktion, um dem Verein die Lizenz zu erhalten, hat viele Fans von St. Pauli entfremdet – T-Shirt-Verkäufe bei McDonald’s, der regierende Bürgermeister im Kartencenter, das Verscherbeln von Lebensdauerkarten. Hat diese Aktion dem Klub geschadet?

Ich fand die Retter-Aktion sehr okay, denn sie war wirtschaftlich überlebensnotwendig. Auch wenn der eine oder andere im Rahmen dieser Aktion vielleicht etwas mediengeil aufgetreten ist. Was dem Klub aber geschadet hat, war die Auseinandersetzung zwischen Aufsichtsrat und Präsident vor Gericht. Mir ist es unbegreiflich, wie ein seriöser Verein so was auf diese Art und Weise austragen kann.

Können Sie sich eigentlich vorstellen, bei einem anderen Vereinen zu arbeiten?

Ja, und ich möchte auch andere Menschen und Strukturen kennen lernen. Ich bin am Anfang meiner Karriere als Trainer. Da ist es zwangsläufig, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, dass einer zu mir rüber kommt und mir sagt, dass es vorbei ist. Das war mir bewusst, als ich als Trainer unterschrieben habe.

Ist für den FC St. Pauli mittelfristig trotzdem die 1. Liga ein Must?


Nein, überhaupt nicht. Von den Strukturen und den Finanzen her sind wir seit jeher in Zweitligist. Der Verein ist durch den Aufstieg in die 2. Liga so schnell gewachsen, dass wir gar nicht mitkommen und uns erst allmählich die Fehler auffallen, die gemacht wurden. Deshalb ist es wichtig, jetzt kühlen Kopf zu bewahren und nicht gleich wieder von der Bundesliga zu träumen.


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