Holger Stanislawski im Interview

„Sehr, sehr viele Modefans“

Im neuen 11FREUNDE-Heft (ab morgen im Handel) ergründen wir den FC St. Pauli. Teamchef Holger Stanislawski, seit 1993 am Millerntor, hat den Mythos vom „etwas anderen Club“ entstehen sehen. Doch nun befürchtet er den Ausverkauf. Imago
Heft #74 01 / 2008
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Holger Stanislawski, was macht für Sie den Mythos St. Pauli aus?

Es ist ein über Jahre gewachsenes System aus Menschen, dem Umfeld, dem Stadtteil und dem Fußball, der hier gespielt wird. Das lässt sich nicht in einem Satz erklären. Um den Mythos wirklich aufzusaugen, muss man über Jahre hinweg miterleben, was hier abläuft. Es reicht nicht, nur einmal am Millerntor gewesen zu sein.

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Hat sich in den letzten Jahren in St. Pauli etwas verändert?

Für mich gab es einen Einschnitt, als wir 2001 das letzte Mal in die Bundesliga aufstiegen. Wir hatten vorher einen harten Kern von 12-15.000 Zuschauern, die immer kamen, auch in schlechten Zeiten. Als wir aufstiegen, kamen dann sehr, sehr viele Modefans dazu, die sich damit schmückten, eine Dauerkarte zu besitzen.

Woran merkt man so was als Aktiver auf dem Platz?


An der Stimmung und an den Gesichtern auf den Rängen. Andererseits muss sich ein Verein aber auch permanent verändern, denn Stillstand ist Rückschritt.

Inwieweit ist der FC St. Pauli auf seine gewachsene Fanstruktur angewiesen?

Wir leben von den Fans, denn sie sind es, die den Klub zu etwas Außergewöhnlichem machen. Wir sind ein Stadtteilverein und leben mit unseren Anhängern hier. In München oder beim HSV liegt das Stadion außerhalb des Einzugsbereichs. Aber unsere Nähe von Stadion zum Stadtteil, sorgt für eine enge Verbundenheit und ein Engagement der Fans, das es in Deutschland sonst fast gar nicht mehr gibt.

1985 formierte sich auf der Gegengerade ein Block mit Autonomen, die auch linkes politisches Bewusstsein ins Stadion trugen. Haben Sie als Hamburger, bevor Sie 1993 ans Millerntor wechselten, bereits mitbekommen, welcher Geist hier vorherrscht?


Zu der Zeit hab ich mich damit gar nicht beschäftigt, da ich damals noch beim HSV spielte.

Haben Sie nach Ihrem Wechsel zu St. Pauli eine Art Einweisung in die politische Kultur des Stadtteils bekommen, der bis heute in der Mehrheit grün wählt?

Joachim Philipkowski hat mich damals an die Hand genommen. Und dass es hier anders war, als bei anderen Klubs war unübersehbar. Mit 30 Fußballern zusammen zogen wir uns in einer kleinen Turnhallen-Kabine um. Die Nähe zu den Fans war sehr unmittelbar, weil wir uns permanent im Klubheim und bei Fanveranstaltungen über den Weg liefen.

Wie war Ihr erster Eindruck?


Sehr positiv, auch wenn ich mir politisch nie so viele Gedanken gemacht habe. Aber man braucht einige Zeit, um wirklich zu verstehen, wo man sich hier befindet. Für mich ist dieser Prozess bis heute nicht abgeschlossen. Ich lerne auch nach 14 Jahren noch immer neue Dinge dazu, z.B. wenn wir mit dem Team unseren jährlichen Stadtteilrundgang machen oder bei Gesprächen mit Fangruppen. Deswegen nervt es mich regelrecht, wenn Leute nach drei Wochen, die sie hier sind, sagen: „Das ist der tollste Verein.“

Sie kamen 1993 in ein Team mit vielen Spielern, die eine hohe Identifikation bei den Fans genossen: Leo Manzi, Klaus Thomforde, Martin Driller, Martino Gatti, Jürgen Gronau. War das aus heutiger Sicht eine besondere Pauli-Generation?

Es waren Typen, die diesem Verein ein besonderes Gesicht gaben. Die Mischung stimmte.

Achten Sie als Teamchef darauf, dass neue Spieler auch in das Umfeld integrierbar sind?

Bei unseren Vorgesprächen mit Neuverpflichtungen achten wir vor allem darauf, dass sie neben der sportlichen Qualität auch charakterlich zur Mannschaft passen. Mit den Vereinsstrukturen hat das weniger zu tun. Inwieweit die Spieler sich auch im Umfeld engagieren, hängt dann von jedem einzelnen selbst ab.

Warum werden diese Stadtteilrundgänge mit den Spielern gemacht?

Um ihnen bewusst zu machen, wo sie sich befinden und wofür die Leute stehen, also die 20.000, die sie jedes Wochenende unterstützen.

Gibt es im Rahmen dieses Rundgangs Orte, die einen besonderen Eindruck auf die Spieler machen? Etwa das Rotlichtmilieu?


Nein, der Rundgang geht weit über den Erotikbereich hinaus, den kennt schließlich die ganze Welt. Entscheidend ist das Soziale: Wie laufen diese Projekte für benachteiligte Kinder oder für sozial schwache Menschen. Ein paar Anekdoten kommen natürlich dazu: Wie ist die Ritze entstanden? Wer hat da früher geboxt?

Sie haben einmal gesagt: „Immer wenn es Pauli gut geht, dann geht es auch schnell wieder runter“. Braucht der Klub immer auch ein bisschen Auf und Ab?

Ich glaube schon. Wir haben eine gewisse Phase Ruhe, in der alles in relativ normalen Bahnen läuft, und plötzlich kristallisieren sich auf höchster Führungsebene negative Dinge heraus. Oder andersherum. Einen echten roten Faden, so dass langfristig heile Welt ist, habe ich hier noch nicht erlebt.

Beeinträchtigte Sie diese Situation früher als Spieler mehr oder heute als Teamchef?

Am meisten in meiner Zeit als Manager, weil ich in dieser Funktion den Verein vor der Öffentlichkeit am meisten repräsentierte. Als Spieler macht man sich über das Vereinsleben wenig Gedanken, weil man auch zu wenig Einblick hat.

Welche kommerziellen Kompromisse kann sich der FC St. Pauli aufgrund seiner Verwurzelung in der alternativen Szene nicht erlauben?


Wenn das Eckenverhältnis eingeblendet und präsentiert wird, sehe ich das im Zeitalter der Medien als zusätzliche Information. Es stört mich also nicht. Aber wenn Halbzeitpausen zunehmend zu Sponsorveranstaltungen werden, finde ich das irritierend. So etwas hat meiner Meinung nach im Stadion nichts zu suchen.

Die Südtribüne am Millerntor ist heute in der Hand der Ultragruppierung Ultra’ Sankt Pauli (USP). Wie sehen Sie den Einfluss dieser Fans?


Die Ultra-Vereinigungen haben ein hohes Interesse, dass sich ihre jeweilige Gruppe von anderen Fans abhebt. Früher als Spieler hatte ich das Gefühl, dass die Süd, Nord- und Gegengerade noch eher zusammen skandierten.

Zeigt diese Veränderung bei den heutigen Spieler Wirkung?


Nein, sie kennen es ja auch nicht anders. Es ist auch überhaupt nichts Negatives, sondern nur meine subjektive Auffassung. Die Stimmung wäre anders auch nicht zwangsläufig besser, höchstens gemeinschaftlicher.

Besteht durch den Abriss des Klubheims die Gefahr, dass die Distanz zwischen Mannschaft und Fans größer wird?

Nein. Wir laufen auch nicht mit der Keule herum oder haben Stahlkappen in den Fußballschuhen wie früher in den 40ern. So schön das alte Klubheim auch war, auch wir müssen uns für neue Dinge öffnen. Denn für das Flair des Klubs sind letztlich nicht das Stadion oder das alte Klubheim verantwortlich, sondern immer noch die Menschen.

Abstiege in die 3. Liga konnten den Mythos nicht gefährden, nicht der Abriss des Clubheims und der Stadionumbau. Was dann?


Der Tod wäre der totale Verkauf. Bei allem, wo St. Pauli einen besonderen Stand hat, darf nicht nur der Kommerz gesehen werden. Man muss immer darauf achten, dass man ein bisschen bei den Wurzeln des Fußballs bleibt, denn es ist Volkssport Nummer eins. Egal ob Mädchen oder Junge, schwul, hetero oder transsexuell, jeder spielt gerne Fußball. Ich sage zu meinen Jungs immer: Wir alle haben mit fünf Jahren nicht angefangen Fußball zu spielen, um an das große Geld zu kommen, sondern weil wir Spaß dran hatten. Diese Reizüberflutung mit Merchandising-Artikeln und wenn wir jede Arschbacken mit Werbepartnern vollkleistern, ist der falsche Weg.

Sind Sie insofern froh, den Managerposten los zu sein?


Naja, da hat man natürlich einen anderen Einfluss.

Die Retter-Aktion, um dem Verein die Lizenz zu erhalten, hat viele Fans von St. Pauli entfremdet – T-Shirt-Verkäufe bei McDonald’s, der regierende Bürgermeister im Kartencenter, das Verscherbeln von Lebensdauerkarten. Hat diese Aktion dem Klub geschadet?

Ich fand die Retter-Aktion sehr okay, denn sie war wirtschaftlich überlebensnotwendig. Auch wenn der eine oder andere im Rahmen dieser Aktion vielleicht etwas mediengeil aufgetreten ist. Was dem Klub aber geschadet hat, war die Auseinandersetzung zwischen Aufsichtsrat und Präsident vor Gericht. Mir ist es unbegreiflich, wie ein seriöser Verein so was auf diese Art und Weise austragen kann.

Können Sie sich eigentlich vorstellen, bei einem anderen Vereinen zu arbeiten?

Ja, und ich möchte auch andere Menschen und Strukturen kennen lernen. Ich bin am Anfang meiner Karriere als Trainer. Da ist es zwangsläufig, dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, dass einer zu mir rüber kommt und mir sagt, dass es vorbei ist. Das war mir bewusst, als ich als Trainer unterschrieben habe.

Ist für den FC St. Pauli mittelfristig trotzdem die 1. Liga ein Must?


Nein, überhaupt nicht. Von den Strukturen und den Finanzen her sind wir seit jeher in Zweitligist. Der Verein ist durch den Aufstieg in die 2. Liga so schnell gewachsen, dass wir gar nicht mitkommen und uns erst allmählich die Fehler auffallen, die gemacht wurden. Deshalb ist es wichtig, jetzt kühlen Kopf zu bewahren und nicht gleich wieder von der Bundesliga zu träumen.


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