19.12.2007

Holger Stanislawski im Interview

„Sehr, sehr viele Modefans“

Im neuen 11FREUNDE-Heft (ab morgen im Handel) ergründen wir den FC St. Pauli. Teamchef Holger Stanislawski, seit 1993 am Millerntor, hat den Mythos vom „etwas anderen Club“ entstehen sehen. Doch nun befürchtet er den Ausverkauf.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Sie kamen 1993 in ein Team mit vielen Spielern, die eine hohe Identifikation bei den Fans genossen: Leo Manzi, Klaus Thomforde, Martin Driller, Martino Gatti, Jürgen Gronau. War das aus heutiger Sicht eine besondere Pauli-Generation?

Es waren Typen, die diesem Verein ein besonderes Gesicht gaben. Die Mischung stimmte.

Achten Sie als Teamchef darauf, dass neue Spieler auch in das Umfeld integrierbar sind?

Bei unseren Vorgesprächen mit Neuverpflichtungen achten wir vor allem darauf, dass sie neben der sportlichen Qualität auch charakterlich zur Mannschaft passen. Mit den Vereinsstrukturen hat das weniger zu tun. Inwieweit die Spieler sich auch im Umfeld engagieren, hängt dann von jedem einzelnen selbst ab.

Warum werden diese Stadtteilrundgänge mit den Spielern gemacht?

Um ihnen bewusst zu machen, wo sie sich befinden und wofür die Leute stehen, also die 20.000, die sie jedes Wochenende unterstützen.

Gibt es im Rahmen dieses Rundgangs Orte, die einen besonderen Eindruck auf die Spieler machen? Etwa das Rotlichtmilieu?


Nein, der Rundgang geht weit über den Erotikbereich hinaus, den kennt schließlich die ganze Welt. Entscheidend ist das Soziale: Wie laufen diese Projekte für benachteiligte Kinder oder für sozial schwache Menschen. Ein paar Anekdoten kommen natürlich dazu: Wie ist die Ritze entstanden? Wer hat da früher geboxt?

Sie haben einmal gesagt: „Immer wenn es Pauli gut geht, dann geht es auch schnell wieder runter“. Braucht der Klub immer auch ein bisschen Auf und Ab?

Ich glaube schon. Wir haben eine gewisse Phase Ruhe, in der alles in relativ normalen Bahnen läuft, und plötzlich kristallisieren sich auf höchster Führungsebene negative Dinge heraus. Oder andersherum. Einen echten roten Faden, so dass langfristig heile Welt ist, habe ich hier noch nicht erlebt.

Beeinträchtigte Sie diese Situation früher als Spieler mehr oder heute als Teamchef?

Am meisten in meiner Zeit als Manager, weil ich in dieser Funktion den Verein vor der Öffentlichkeit am meisten repräsentierte. Als Spieler macht man sich über das Vereinsleben wenig Gedanken, weil man auch zu wenig Einblick hat.

Welche kommerziellen Kompromisse kann sich der FC St. Pauli aufgrund seiner Verwurzelung in der alternativen Szene nicht erlauben?


Wenn das Eckenverhältnis eingeblendet und präsentiert wird, sehe ich das im Zeitalter der Medien als zusätzliche Information. Es stört mich also nicht. Aber wenn Halbzeitpausen zunehmend zu Sponsorveranstaltungen werden, finde ich das irritierend. So etwas hat meiner Meinung nach im Stadion nichts zu suchen.

Die Südtribüne am Millerntor ist heute in der Hand der Ultragruppierung Ultra’ Sankt Pauli (USP). Wie sehen Sie den Einfluss dieser Fans?


Die Ultra-Vereinigungen haben ein hohes Interesse, dass sich ihre jeweilige Gruppe von anderen Fans abhebt. Früher als Spieler hatte ich das Gefühl, dass die Süd, Nord- und Gegengerade noch eher zusammen skandierten.

Zeigt diese Veränderung bei den heutigen Spieler Wirkung?


Nein, sie kennen es ja auch nicht anders. Es ist auch überhaupt nichts Negatives, sondern nur meine subjektive Auffassung. Die Stimmung wäre anders auch nicht zwangsläufig besser, höchstens gemeinschaftlicher.

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