19.12.2007

Holger Stanislawski im Interview

„Sehr, sehr viele Modefans“

Im neuen 11FREUNDE-Heft (ab morgen im Handel) ergründen wir den FC St. Pauli. Teamchef Holger Stanislawski, seit 1993 am Millerntor, hat den Mythos vom „etwas anderen Club“ entstehen sehen. Doch nun befürchtet er den Ausverkauf.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Holger Stanislawski, was macht für Sie den Mythos St. Pauli aus?

Es ist ein über Jahre gewachsenes System aus Menschen, dem Umfeld, dem Stadtteil und dem Fußball, der hier gespielt wird. Das lässt sich nicht in einem Satz erklären. Um den Mythos wirklich aufzusaugen, muss man über Jahre hinweg miterleben, was hier abläuft. Es reicht nicht, nur einmal am Millerntor gewesen zu sein.



Hat sich in den letzten Jahren in St. Pauli etwas verändert?

Für mich gab es einen Einschnitt, als wir 2001 das letzte Mal in die Bundesliga aufstiegen. Wir hatten vorher einen harten Kern von 12-15.000 Zuschauern, die immer kamen, auch in schlechten Zeiten. Als wir aufstiegen, kamen dann sehr, sehr viele Modefans dazu, die sich damit schmückten, eine Dauerkarte zu besitzen.

Woran merkt man so was als Aktiver auf dem Platz?


An der Stimmung und an den Gesichtern auf den Rängen. Andererseits muss sich ein Verein aber auch permanent verändern, denn Stillstand ist Rückschritt.

Inwieweit ist der FC St. Pauli auf seine gewachsene Fanstruktur angewiesen?

Wir leben von den Fans, denn sie sind es, die den Klub zu etwas Außergewöhnlichem machen. Wir sind ein Stadtteilverein und leben mit unseren Anhängern hier. In München oder beim HSV liegt das Stadion außerhalb des Einzugsbereichs. Aber unsere Nähe von Stadion zum Stadtteil, sorgt für eine enge Verbundenheit und ein Engagement der Fans, das es in Deutschland sonst fast gar nicht mehr gibt.

1985 formierte sich auf der Gegengerade ein Block mit Autonomen, die auch linkes politisches Bewusstsein ins Stadion trugen. Haben Sie als Hamburger, bevor Sie 1993 ans Millerntor wechselten, bereits mitbekommen, welcher Geist hier vorherrscht?


Zu der Zeit hab ich mich damit gar nicht beschäftigt, da ich damals noch beim HSV spielte.

Haben Sie nach Ihrem Wechsel zu St. Pauli eine Art Einweisung in die politische Kultur des Stadtteils bekommen, der bis heute in der Mehrheit grün wählt?

Joachim Philipkowski hat mich damals an die Hand genommen. Und dass es hier anders war, als bei anderen Klubs war unübersehbar. Mit 30 Fußballern zusammen zogen wir uns in einer kleinen Turnhallen-Kabine um. Die Nähe zu den Fans war sehr unmittelbar, weil wir uns permanent im Klubheim und bei Fanveranstaltungen über den Weg liefen.

Wie war Ihr erster Eindruck?


Sehr positiv, auch wenn ich mir politisch nie so viele Gedanken gemacht habe. Aber man braucht einige Zeit, um wirklich zu verstehen, wo man sich hier befindet. Für mich ist dieser Prozess bis heute nicht abgeschlossen. Ich lerne auch nach 14 Jahren noch immer neue Dinge dazu, z.B. wenn wir mit dem Team unseren jährlichen Stadtteilrundgang machen oder bei Gesprächen mit Fangruppen. Deswegen nervt es mich regelrecht, wenn Leute nach drei Wochen, die sie hier sind, sagen: „Das ist der tollste Verein.“

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden