Holger Stanislawski im Interview

„Ich freue mich auf alle Spiele“

Seit Holger Stanislawski den FC St. Pauli vom 12. Platz in der Regionalliga zum Aufstieg geführt hat, nennen die Fans ihn „Sankt Anislawski“. Doch im Profifußball gibt es keine Heiligen. Wir sprachen mit ihm über die neue Herausforderung. Imago

Herr Stanislawski, die nächste Zweitligasaison wird vielleicht die beste aller Zeiten. Auf welche Mannschaft freuen Sie sich am meisten?

In der Tat, das sind schon klangvolle Namen in Liga zwei. Gladbach, Lautern, 1860 oder Köln – da kommen echte Traditionsvereine mit sensationellen Fußballstadien auf uns zu, ich freue mich auf alle diese Spiele! Auch am Aachener Tivoli zu spielen ist immer etwas ganz Besonderes.

[ad]

Die Konkurrenz ist riesig. Warum wird St. Pauli dennoch die Klasse halten?

Die Leistungsdichte unter den Spitzenteams der Liga ist extrem hoch, keine Frage. Ich glaube aber, dass es dahinter relativ ausgeglichen zugehen wird. Wir haben den großen Vorteil, dass wir über eine eingespielte und gut funktionierende Mannschaft verfügen. Wichtig wird sein, dass wir mit unseren Fans im Rücken die Heimstärke beibehalten, die uns auch im letzten Jahr so stark gemacht hat.

Hoffen Sie auf ein Straucheln der Großen?

Wenn die Großen uns unterschätzen und gegen uns Punkte lassen sollten, kann uns das natürlich nur Recht sein. Grundsätzlich schauen wir aber nur auf uns. Wenn wir unsere Leistung bringen, dann spielen wir auch eine erfolgreiche Saison.

Ihre beiden Neuzugänge Rene Schnitzler und Alexander Ludwig bringen nicht gerade Erfahrung ins Team. Ein Nachteil im Abstiegskampf?

Das glaube ich nicht. Wir haben hier eine sehr junge, ehrgeizige Truppe. Jeder einzelne Spieler will sich im Profifußball beweisen, darauf arbeiten wir seit Jahren hin. Außerdem ist es ja nicht so, dass wir nur unerfahrene Youngster im Team haben – Leute wie Stendel, Meggle oder jetzt auch Gunesch bringen durchaus Bundesliga-Erfahrung mit.

Ihre beiden Mitaufsteiger Hoffenheim und Wehen schicken sich an, mit großem finanziellen Aufwand die Bundesliga zu stürmen. Wünschen Sie sich ähnliche Verhältnisse auch für den FC St. Pauli?

Richtig ist: Wir haben einen der kleinsten Etats in der zweiten Liga. Bei uns gibt es nun mal keinen Mäzen im Hintergrund, der seine Millionen in den Club steckt. Die ganz großen Transfers können wir uns nicht leisten. Aber dafür verfügen wir über andere Qualitäten, wie z.B. eine homogene, gewachsene Truppe oder auch die ganze Atmosphäre im Umfeld. Welches Konzept sich letztlich durchsetzen wird, werden wir sehen.

Innerhalb des Vereins arbeiten auffällig viele ehemalige Profispieler. Ist diese familiäre Atmosphäre das Geheimnis ihres Erfolgs?

Absolut. Die Identifikation mit dem Verein ist für uns alle selbstverständlich. Dazu gehört auch ein vertrauensvoller Umgang mit allen Beteiligten. Ein ehrlicher Handschlag hat bei uns noch eine Bedeutung.

Wie stressig wird ihr Doppelleben als Trainer und Sportchef einer Profiabteilung?


Diese doppelte Tätigkeit bedeutet wirklich eine Menge Arbeit. Aber wir hätten uns nicht für diese Lösung entschieden, wenn der Stress für eine Person zu hoch wäre. Es gibt ja außerdem einen Haufen von Leuten, die mich in meiner Arbeit unterstützen.

Wie kompensieren Sie den Druck, der auf diesen Ämtern lastet?

Den Ausgleich bekomme ich zu Hause, das kann ich nur immer wieder betonen. Meine Frau ist in alle Angelegenheiten eingeweiht, ohne ihre Unterstützung könnte ich das alles nicht machen.

St. Paulis Finanz-Vize Andreas Wasilewski begründete die Entscheidung damit, dass eine Personalunion „finanziell sinnvoller“ sei. Sind sie damit einverstanden?

Natürlich, diese Entscheidung haben wir ja einvernehmlich getroffen. Wir haben unterschiedliche Alternativen geprüft und sind zusammen zu dem Entschluss gekommen, dass diese Lösung zurzeit die beste ist.

Wie sehr behindert der Stadionausbau den laufenden Spielbetrieb?

Das sehe ich überhaupt nicht als Problem. Natürlich freuen wir uns alle auf die neue Südtribüne, aber die Atmosphäre in der Rückrunde war ja am Millerntor auch ohne Südtribüne großartig. Wir waren das heimstärkste Team der Liga, das sagt doch eigentlich alles.

In der letzten Saison kam es im Vorstand immer wieder zu internen Querelen. Wie groß ist ihre Sehnsucht nach Ruhe im Verein?

Sehnsucht braucht da niemand zu haben, denn Ruhe haben wir ja jetzt. Natürlich war die Situation in der letzten Saison nicht ganz einfach, aber den Einfluss auf den sportlichen Bereich konnten wir ohnehin gering halten.

Sie haben die Mannschaft als Tabellenzwölfter der Regionalliga übernommen und bis zum Aufstieg geführt. Glauben Sie an Fußballmärchen und den direkten Durchmarsch in die Bundesliga?

Da muss man schon realistisch bleiben. Wir wollen im nächsten Jahr so erfolgreich wie möglich spielen und am Ende die Klasse halten. Aber nach der letzten Hinrunde doch noch aufzusteigen – das war schon sensationell! So gesehen sind wir ja bereits mitten in einem kleinen Fußballmärchen. Wir sind selbst gespannt, wie das zum Schluss ausgehen wird…

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!