Holger Britzius, das Gesicht von Deutschlands bester Fußballkneipe

»Der Laden ist mit den Gästen gewachsen«

Holger Britzius ist das Gesicht von Deutschlands bester Fußballkneipe, dem Stadion an der Schleißheimer Straße in München. Zum Jahresende steigt er aus. Das Abschiedsinterview über eine Kneipe als Museum, Zechen mit Ansgar und »Ente« Lippens’ Schlafanzug.

Daniel Delang
Heft: #
133

Holger, woher hattest du die Idee zum Stadion an der Schleißheimer Straße?
Während der WM 2006 war ich viel mit Freunden unterwegs, dabei mussten wir feststellen, dass es in kaum einer Stadt eine gescheite Fußballkneipe gab. Daraus entstand, quasi als Schnapsidee, die Vision einer solchen Bar mit Tribüne, einem Spielfeld an der Decke und allem Pipapo.

Und wie wurde aus der Idee eine richtige Kneipe?
Kurz nach der WM drohte mein Stammlokal, das »Vollmond«, zu schließen. »Das kannst du nicht machen«, habe ich zum Wirt gesagt, »ich bin extra wegen deiner Kneipe in diese Gegend gezogen.« Darauf meinte er: »Wenn du eine Idee hast, dann steig doch mit ein.« Also haben wir zusammen das Stadion an der Schleißheimer Straße daraus gemacht: ohne Geld, aber mit vielen Schals und Reißnägeln.

Das Auffälligste ist die üppige Ausschmückung mit Fußballdevotionalien.
Es ist so gekommen, wie ich es mir gewünscht habe: Der Laden ist mit den Gästen gewachsen. Ohne die ganzen Sachen, die Leute aus ihren Kellern geholt haben, wäre die Kneipe nicht die, die sie ist. Auch aus diesem Grund wird es Zeit für mich aufzuhören: Es ist einfach kein Platz mehr für neue Sachen da.

Wie viel von dem Zeug stammt von dir?
Maximal noch ein Viertel.

Hast du ein Lieblingsstück?
Momentan sind es die alten Kutten von 1860 und dem FC Bayern, die über dem Eingang hängen. Ich arbeite nebenbei als MAZ-Redakteur bei Sky, die Löwen-Kutte wurde mir von einem Kollegen gestiftet. Als sie in unserer Übertragungsbox über dem Stuhl hing, kam der Kommentator Marc Hindelang rein und erstarrte zur Salzsäule, denn er ist Bayern-Fan. Also haben wir als Leihgabe jetzt auch noch seine alte Südkurven-Kutte vom FC Bayern.

Verbinden sich mit vielen Stücken besondere Geschichten?
Mit einigen. Ein Vater hat uns den Schal geschenkt, den seine verstorbene Tochter beim Champions-League-
Endspiel zwischen Borussia Dortmund und Juventus Turin getragen hat. Dann sind da noch die Torwarthandschuhe vom Abschiedsspiel Toni Schumachers ...



Was ist daran Besonderes?
Es gibt einen Typen, der mich seit vier, fünf Jahren damit nervt, dass er mein altes Köln-Trikot von Le Coq Sportif anno 1974 haben will. Der hat mir dafür schon Karten fürs diesjährige Champions-League-Endspiel und das EM-Finale geboten, doch ich bin standhaft geblieben. Am Ende fiel mir als Ausrede nur noch ein, dass ich es vielleicht irgendwann meinem Sohn vererben will. »Und wenn der es nicht will, dann bekommst du es!«, hab ich gesagt. Zum Dank hat er mir die Schumacher-Handschuhe geschenkt.

Gibt es einen Abend, an den du besonders gerne zurückdenkst?
Neulich erst gab es einen, an dem sich vieles bestätigt hat, was man schon immer über Ansgar Brinkmann zu wissen glaubte. Der war zu einer Veranstaltung hier und wollte danach eigentlich abhauen, ist aber an einem Tisch mit Bielefeldern hängengeblieben. Die haben gezecht wie die Weltmeister, das war sensationell! Am Ende kam Ansgar zu mir und sagte: »Geiler Laden! Ich komm wieder, und das nächste Mal zahle ich auch. Dann bringe ich meine Kumpels mit und wir saufen dir den Laden leer!«

Waren viele Fußballpromis bei euch?
Zu unserem monatlichen Fußballquiz »Schlag den Morawe« kam fast jedes Mal die Mutter von Mats Hummels, die ihrem Nationalspielersohn dann die Quizbögen schickte, weil er ja nur in der Winter- oder Sommerpause selbst dabei sein kann, was er auch immer gemacht hat. Sonst hatten wir bei Lesungen oder der Aufzeichnung der Sky-Sendung »Mein Stadion« einige lustige Vögel hier. Reiner Calmund hat drei Stunden am Stück geredet. Und »Ente« Lippens hat seine Schlafanzughose vergessen.

Wie bitte?
Früher haben Gäste unserer Veranstaltungen oft in einer Wohnung in der Nähe übernachtet, die der Mutter meiner damaligen Freundin gehörte. So kam es, dass ich ein Jahr lang im Besitz von »Ente« Lippens’ Schlafanzughose war. Als ich dann mal im Ruhrpott unterwegs war, habe ich sie ihm in einer Plastiktüte zu Hause vorbei gebracht. Ich glaube, es war sowohl ihm als auch mir recht, dass er an dem Tag nicht daheim war und sein Sohn sie entgegen genommen hat.

Warum willst du eigentlich aussteigen?
Nach sechs Jahren und mit einem kleinen Kind bin ich ziemlich ausgebrannt und habe die Notbremse gezogen. Wir haben es letztlich nie geschafft, den Laden auf professionelle Beine zu stellen. Das lief immer alles nach Art einer Studenten-WG. Was Zahlen angeht, kenne ich mich leider nur mit Fußballtabellen aus.

Aber die Kneipe brummt doch.
Wenn die einer macht, der Ahnung hat, kann man bestimmt richtig Geld damit verdienen. Ich bin aber kein Geschäftsmann. Außerdem leide ich am Magath-Syndrom und habe mich für alles zuständig gefühlt. Wir sind drei Teilhaber, doch die meisten Gäste wissen das nicht. Ich beantworte bis heute jede Reservierungsmail persönlich und spiele bei fast jeder Übertragung den Platzanweiser.

Wirst du sentimental, weil für dich eine Ära zu Ende geht?
Ja, klar. Jahrelang bin ich mit dem Gedanken an den Laden aufgewacht und wieder ins Bett gegangen. Der hat komplett mein Leben bestimmt.

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