Holger Badstuber über Diagonalbälle und Stammplätze

»Natürlich bin ich wichtig«

Die Diskussion um die Innenverteidigung ficht ihn nicht an. Holger Badstuber hat seinen Platz sicher. Im Interview spricht er über Ehrgeiz, seinen Stellenwert im DFB-Team und die Diagonalbälle, die Joachim Löw nicht mag.

Holger Badstuber, fällt Ihnen auf Anhieb jemand aus der Nationalmannschaft ein, der ehrgeiziger ist als Sie?
Wir haben allgemein ein sehr ehrgeiziges Team. Das ist auch gut so. Man muss immer hungrig bleiben, wenn man was gewinnen will.

Aber Sie sind schon besonders ehrgeizig?

Ich bin’s, ja. Ich haue mich in jedem Training rein. Aber Manuel Neuer ist genauso, obwohl ihn viele schon jetzt für den besten Torhüter der Welt halten. Das gefällt mir. Von nichts kommt nichts.

Vor kurzem haben sich Thomas Müller und Toni Kroos im Training einen Spaß daraus gemacht, Ihre Spieleröffnung regelrecht zu sabotieren. Man konnte förmlich spüren, wie Sie immer wütender wurden.

Ich will immer gewinnen, egal ob im Spiel oder im Training. Scherze sind da nicht so angesagt.

Haben Sie das bei den Bayern gelernt?

Bei Bayern ist man es, sagen wir mal, einfach gewohnt zu gewinnen. Niederlagen sind da nicht unbedingt erwünscht und auch nicht so leicht zu akzeptieren. Aber das hat schon immer in mir gesteckt.

Hollands früherer Nationaltrainer Marco van Basten hat in einem Interview gesagt: »Badstuber ist für mich kein zentraler Mann, weil er nicht genug Persönlichkeit mitbringt.«

Was soll ich dazu sagen? Soll er mal den Arjen Robben fragen, wie der mich sieht.

Ärgert Sie die Aussage?

Ich werde deswegen nicht wütend, aber es spornt mich schon an, das Gegenteil zu beweisen. Andererseits weiß ich auch, dass ich in dieser Saison einen großen Schritt nach vorne getan habe. Deswegen mache ich mir da nicht allzu viele Gedanken.

Haben Sie manchmal das Gefühl, als Fußballer immer noch unterschätzt zu werden?

Entscheidend ist doch, wie ich intern wahrgenommen werde. Bei Bayern und in der Nationalmannschaft bekomme ich immer ein positives Feedback. Ich werde geschätzt, das weiß ich. Und das ist das Wichtigste. Wie man auf Außenstehende wirkt – das kann man vielleicht ein bisschen steuern, mehr aber auch nicht. Ich bin 23, ich werde mich mit Sicherheit noch weiterentwickeln.

Vor zwei Jahren bei der WM haben Sie nur die ersten beiden Spiele bestritten, danach mussten Sie Ihren Platz räumen. Welche Lehren haben Sie aus dieser Erfahrung gezogen?

Was heißt: nur? Ich war das erste Mal bei einem Turnier dabei, bin im letzten Moment in den Kader gerutscht – und habe trotzdem zwei Spiele gemacht. So sehe ich das. Am Anfang war es natürlich nicht einfach für mich, dass ich meinen Platz wieder verloren habe. Ich hatte das erste Jahr in der Bundesliga hinter mir, ein Jahr des Aufstiegs, in dem es nur nach oben gegangen ist, und dann gibt es plötzlich diesen Cut. Aber im Nachhinein war es vielleicht gar nicht so schlecht, weil da doch ziemlich viel auf mich eingestürzt ist.

Inzwischen genießen Sie eine ganz andere Wertschätzung. Bei der EM gelten Sie als gesetzt. Mats Hummels hat gesagt, dass er und Per Mertesacker nur noch um den Platz neben Ihnen kämpften. Was denken Sie?

Ich bekomme schon mit, was über mich gedacht wird. Anscheinend sieht der Bundestrainer mich in der ersten Elf. Aber das kommt ja nicht aus dem Nichts. Seit der WM habe ich viele Spiele für die Nationalmannschaft gemacht, auch viele wichtige Spiele – natürlich fühle ich mich wichtig für die Mannschaft.

Woran machen Sie das fest?

Offensichtlich gefällt dem Bundestrainer meine Art, Fußball zu spielen, auch meine Art zu verteidigen. Aber vielleicht spielt es auch eine Rolle, wie ich mich in der Gruppe verhalte und auf die Gruppe wirke. Wenn Joachim Löw mir Vertrauen schenkt und sich dabei wohl fühlt, scheint ja bei mir alles zu stimmen.

Fühlen Sie sich als Abwehrchef?

Ich mag diesen Begriff nicht. Einen Abwehrchef gab es früher mal. Heute stehen elf Spieler auf dem Platz, die versuchen sollten, sich gegenseitig zu ergänzen, sich zu pushen und zu motivieren. Natürlich versuche ich von hinten die Kommandos zu geben. Es ist sehr wichtig, dass ich laut bin und etwas ausstrahle, auch bei Ballbesitz. Aber am besten wäre es, wenn jeder Spieler auf dem Platz den Mund aufmacht und versucht, dem anderen zu helfen. Das macht allen das Leben viel einfacher.

Es gab zuletzt einige Diskussionen um die Abwehr der Nationalmannschaft. Für wie dramatisch halten Sie die Situation?

Gibt es diese Diskussion nicht vor jedem Turnier? Die letzten Testspiele sind meistens nicht besonders prickelnd gewesen. Man sollte das in dieser Phase nicht überbewerten. In den letzten Jahren hat man doch gesehen, dass die Nationalmannschaft immer gut in ein Turnier gestartet ist und sich danach gesteigert hat.

Was muss dazu geschehen?

Wenn wir gut organisiert sind und kompakt stehen, ist es für jeden Gegner schwierig, gegen uns durchzukommen. Und über unsere Offensivqualitäten müssen wir nicht reden. Nach vorne kann jederzeit die Post abgehen. Aber man gewinnt die Spiele auch durch die defensive Arbeit.

Wie wichtig ist es für eine stabile Defensive, dass Sie einen festen Nebenmann haben?

Es ist sicher kein Nachteil, wenn man mit einem Partner öfter zusammengespielt hat. Man entwickelt ein gewisses Gefühl für den anderen, auch dafür, wie er in bestimmten Situationen reagiert.

Bei wem ist dieses Gefühl stärker ausgeprägt: bei Hummels oder bei Mertesacker?

Ich habe mit beiden zusammengespielt und bei beiden ein gutes Gefühl. Natürlich verbessert sich die Abstimmung von Spiel zu Spiel, das kann auch im Laufe eines Turniers passieren. Aber die Basis stimmt. Egal mit wem ich spiele – ich weiß, dass ich ihm vertrauen kann, dass er mich dirigiert, mir hilft oder helfen will, wenn ich mal nicht an der richtigen Stelle stehe.

Es sieht so aus, als ob Mertesacker gegen Portugal an Ihrer Seite verteidigt, obwohl er seit Februar kein Pflichtspiel mehr bestritten hat. Macht Ihnen das Sorge?

Ich weiß nicht, wie sich Per fühlt, wie weit er ist, was ihm der Bundestrainer zutraut. Man darf nicht unterschätzen, dass er so lange verletzt war. Bei Mats weiß man, dass er die ganze Saison durchgespielt hat. Per hat in der Vorbereitung zwei Länderspiele bestritten, das ist nicht viel. Aber entscheidend ist, dass er schon wieder so viel Vertrauen in sich hat, um eine Europameisterschaft zu spielen. Zum Glück muss ich nicht entscheiden, wer spielt.

Mats Hummels hat häufig Probleme gehabt, sich auf die Nationalmannschaft umzustellen. Die langen Bälle, die er in Dortmund oft spielt, sind bei Joachim Löw verpönt. Wie schwer fällt Ihnen die Umgewöhnung?

Gar nicht schwer. Das Spiel der Bayern unterscheidet sich nicht grundlegend von dem der Nationalelf. Beide haben viel Ballbesitz, sind nach vorne ausgerichtet und spielen attraktiven Flachpassfußball. Aber es muss auch mal einen Seitenwechsel geben, damit man neue Räume öffnet.

Eigentlich mag der Bundestrainer die Diagonalbälle aus der Abwehr in die Spitze nicht.

Das stimmt. Jogi Löw will, dass wir flach nach vorne kombinieren. Aber wenn ich das Vertrauen in mich habe und Thomas Müller vorne rechts frei steht – dann hau’ ich den Ball da rüber. Ganz einfach. Ich weiß, dass ich den Ball kann. Und wir sind gut genug geschult, um das richtig einschätzen und unsere Entscheidungen selber treffen zu können. Wenn der Pass ankommt, kann der Trainer wenig sagen.

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