Hoffenheims Kai Herdling über die USA, Torsten Frings und die Bundesliga

»Ich mache mir keine keine Illusionen mehr«

Kai Herdling spielt seit über zehn Jahren bei der TSG Hoffenheim. Im Frühjahr 2012 verschlug es ihn für drei Monate in die USA zu Philadelhpia Union. Ein Gespräch über fettiges Essen, dankbare Fans und ein amerikanisches Jahrhunderttalent.

Kai Herdling, normalerweise wechseln deutsche Fußballspieler in die USA, um ihre Karriere gut vergütet im gepflegten Ambiente ausklingen zu lassen. Sie waren mit 28 Jahren Regionalliga-Torschützenkönig und Kapitän der zweiten Mannschaft der TSG Hoffenheim. Danach wechselten Sie im Frühjahr 2012 zu Philadelphia Union. Wie kam es dazu?
Poitr Nowak war Trainer, Manager und eigentlich auch eine Art Sportdirektor bei Philadelphia Union. Als ehemaliger Bundesligaspieler (u.a. 1860 München, d. Red.) hat er natürlich stets ein Auge auf den deutschen Spielermarkt. Zudem hatte Unions Besitzer Kontakt zur TSG Hoffenheim.

Deutsche Spieler haben in den USA also immer noch einen guten Namen?
Auf jeden Fall. Die Leute hier erinnern sich gut an Gerd Müller oder Franz Beckenbauer. Dennoch ist Soccer in den USA hinter den Nationalsportarten American Football, Eishockey, Basketball und Baseball nur Sportart Nummer fünf.

Hat sich denn seit der WM 1994 etwas verändert?
Der Fußball ist im Kommen. Philadelphia Union hat zum Beispiel ein ganz neues Stadion mit einem Fassungsvermögen von 18.500 Zuschauern. Zu meiner Zeit war jedes Heimspiel ausverkauft. Die Spiele haben allerdings einen ganz anderen Charakter als in Deutschland. Es ist wie bei einem Familienausflug: Man fängt morgens um 9 Uhr auf dem Parkplatz an zu grillen und zu trinken, dann geht man mittags ins Stadion und danach lässt man das Ganze auf dem Parkplatz ausklingen.

Wie kann man sich die Stimmung während des Spiels vorstellen?
Da wird es richtig laut. Wobei es kaum Pfiffe gibt, wenn die Mannschaft mal schlecht spielt. Die Fans stehen wirklich immer hinter dem Team. In Deutschland ist natürlich das Fachwissen der Fans ausgeprägter. Zudem hat das Spiel an sich einen höheren Stellenwert.

In den USA läuft die Verpflichtung von Spielern über die Liga. Die Vereine sind nur Franchise-Unternehmen der MLS. Wie genau kann man sich das vorstellen?
Der Spieler schließt einen Vertrag mit der Major League ab, er ist dort angestellt. Trotzdem ist es so, dass die Vereine auf die Spieler zukommen.

Inwieweit ist ein Spieler da selbstbestimmt? Kann ein Spieler von der Liga einfach so von Team zu Team verschoben werden?
Grundsätzlich ist es so, dass man jeder Zeit »gedraftet« werden kann. Wenn ein Trainer also sagt, dieser oder jener Spieler passt nicht mehr in unser System, könnte die Liga ihn theoretisch woanders hinschicken. Dabei kommt es natürlich immer auf die Vertragssituation an.

Ihr Verein ist erst vor zwei Jahren gegründet worden. Hat sich das irgendwie bemerkbar gemacht?
Nein, das lief alles sehr professionell ab. Es waren aber auch Leute mit der nötigen Erfahrung am Werk.

Wie war es mit den Trainingsbedingungen?
Die waren sehr gut. Wir haben eigentlich immer auf dem Rasen im Stadion trainiert, direkt am River. Ein sehr schönes, modernes Stadion, das erst vor zwei Jahren bei Gründung des Vereins Philadelphia Union gebaut wurde.

Gab es Unterschiede in der Fußball-Philosophie? Auf welche Attribute legen die Trainer in der MLS Wert?
Während hier in Deutschland mehr Wert auf Taktik und Disziplin gelegt wird, steht in den USA eher die Physis im Vordergrund. Die Spieler dort leben eher von Ihrer Athleti, sie haben schon am College angefangen, an ihren Körpern zu arbeiten.

Philadelphia fand sich während Ihrer Zeit eher in der unteren Tabellenregion der Eastern Conference wieder. Nach dem amerikanischen System ist aber kein Abstieg möglich. Erleichternd oder langweilig?
Da von den zehn beziehungsweise neun Mannschaften der Eastern und Western Conference jeweils die ersten fünf in die Play-Offs kommen, bleibt es eigentlich lange spannend. Man weiß natürlich, dass man nicht absteigen kann. Aber dass die Luft raus ist, würde ich nicht sagen. Allein schon wegen den Fans.

Wie war es mit den Essgewohnheiten? Nur Burger, Pommes und Cola?
Es gibt dort tatsächlich sehr viel Fettiges. Für mich eine Riesenumstellung. Wir haben uns dann aber relativ schnell selbst verpflegt, mal einen Salat oder Nudeln gegessen.

Haben die Medien den Fußball inzwischen als gleichwertige Sportart akzeptiert?
Die MLS wird relativ gut vermarktet. Es werden einige Spiele auf ESPN übertragen. Gerade wenn attraktive Mannschaften wie Red Bull New York beteiligt sind.

Sind Sie auf bekannte Gegenspieler wie Thierry Henry getroffen?
Bei Philadelphia habe ich ja mit Freddy Adu, der zu Anfang seiner Karriere als amerikanisches Jahrhunderttalent gehandelt wurde, zusammengespielt. Der ist zumindest in Amerika noch eine große Nummer, auch was die Werbelandschaft angeht. Thierry Henry hatte leider eine Oberschenkelzerrung als wir in New York spielten. Rafael Marquez, der früher auch für den FC Barcelona aktiv war, war aber zum Beispiel dabei. Und in Toronto habe ich natürlich Torsten Frings getroffen. Er war etwas enttäuscht, weil es sportlich beim Toronto FC nicht so lief zu dem Zeitpunkt.

Diesen Sommer sind Sie zur TSG Hoffenheim zurückgekehrt. Haben Sie nach dem Auslandsaufenthalt noch mal Ambitionen, in der Bundesliga anzugreifen?
Ich bin bei der zweiten Mannschaft Führungsspieler und Kapitän. Für die Bundesliga mache ich mir mit 28 Jahren keine großen Illusionen mehr. (überlegt) Wobei: Im Fußball weiß man ja nie.

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