02.05.2012

Hoffenheim-Trainer Markus Babbel über seinen Rauswurf in Berlin

»Die Spieler wissen genau, was passiert ist«

Am Samstag kommt zu dem Duell, das niemand gewollt hat. Hertha BSC kann gegen Hoffenheimm, angeführt von Ex-Trainer Markus Babbel, endgültig die Segel in der 1. Bundesliga streichen. Markus Babbel über seinen Rauswurf in Berlin und die Vorwürfe von Michael Preetz.

Interview: Sven Goldmann Bild: Imago

Markus Babbel, am letzten Bundesligaspieltag reisen Sie als Hoffenheimer Trainer nach Berlin. Fünf Monate nach ihrer spektakulären Entlassung können Sie Hertha in die Zweite Liga schießen. Was glauben Sie, wie das Publikum Sie empfangen wird?
Markus Babbel: Ich stelle mich schon auf Gegenwind ein, auch wenn es mich natürlich freuen würde, wenn es anders kommen sollte. Immerhin hatte ich hier eine tolle Zeit, ich habe ehrliche Arbeit abgeliefert und meine Versprechen gehalten. Das war im ersten Jahr der Aufstieg in die Bundesliga und wäre im zweiten der Nichtabstieg gewesen. Ich denke, mit 20 Punkten waren wir auf einem sehr guten Weg. Wenn ich so sehe, wie Hertha jetzt dasteht, war unsere Hinrunde doch ganz ordentlich. Nein, wir wären hundertprozentig nicht abgestiegen, da hätte ich alles drauf gewettet. Es hat einfach super gepasst zwischen Mannschaft und Trainerteam.

Dann gibt es doch keinen Grund für einen unfreundlichen Empfang.
Es werden nun mal leider gezielt Sachen über mich in Umlauf gebracht, die nicht der Wahrheit entsprechen. Manches geht tief in die Privatsphäre, anderes betrifft meine Arbeit als Trainer. Ich hoffe einfach, dass die Fans mich an dem messen und bewerten, was ich sportlich abgeliefert habe. Ich denke, in der Rückbetrachtung war das nicht so schlecht.

Ihre Trennung von Hertha wirft bis heute Fragen auf. Erzählen Sie doch mal, was  genau damals passiert ist.
Es war Mitte November – entschuldigen Sie bitte, ich weiß nicht mehr genau ob Dienstag oder Mittwoch, das hat ja einer Ihrer Kollegen aufgegriffen und gegen mich verwendet, so nach dem Motto: Wenn er da schon etwas Falsches sagt, dann muss er ja lügen… Ich bin also Mitte November in das Büro von Michael Preetz marschiert und habe ihm gesagt, wie meine Zukunft aussehen wird.

Dass Sie Ihren im Sommer auslaufenden Vertrag nicht verlängern wollen.
Es war einfach ein Bauchgefühl. So überzeugt ich von der Aufgabe in meinem ersten Berliner Jahr war, so überzeugt war ich diesmal davon, dass es nicht mehr passt. Michael Preetz hat mich gebeten, erst einmal Stillschweigen zu bewahren. Er hat gesagt: Du kennst die Berliner Presse nicht! Die machen Druck! Himmel, ein Trainer, der nicht bleibt, was glaubst du, was passiert, wenn wir zwei, drei Spiele verlieren! Ich hab gesagt: Dann kannst du immer noch reagieren, lass uns doch erst mal die Rückrunde in Angriff nehmen.

Gab es noch ein weiteres Gespräch über diese Angelegenheit?
Ja, einen Monat später. Er hat gesagt, er müsse mich jetzt offiziell fragen, ob ich wirklich nicht weitermache. Der Präsident wolle Bescheid wissen.

Was haben Sie geantwortet?
Sag mal, Michael, was glaubst du denn, was ich dir erzähle? Ich habe dir vor vier Wochen Bescheid gesagt, wenn du die Gremien nicht informierst, ist das dein Problem!

Es wurde aber zu Ihrem Problem. Im Raum stand die Geschichte vom wankelmütigen Trainer, der sich nicht entscheiden kann oder auf andere Angebote wartet, vom FC Bayern oder von Schalke 04.
Eine Anfrage von Schalke gab es wirklich, aber das war für mich kein Thema. Ich hätte das Ding in Berlin wahnsinnig gern durchgezogen. Die Mannschaft lag mir sehr am Herzen, wir waren eine Einheit. Aber es ist halt anders gekommen. Der Verein ist happy, dass er mich los ist. Und ich bin happy, dass ich in Hoffenheim arbeiten darf. Die Leute bei Hertha sind selbst verantwortlich für die aktuelle Situation und für das, was sie nach der Trennung von mir gemacht haben. Ich empfinde keine Schadenfreude, dafür liegt mir der Verein zu sehr am Herzen. Aber die Art und Weise der Trennung hat mir Vieles viel leichter gemacht.

Was denn?
Viele haben mich gefragt: Wie kannst du überhaupt nach Berlin so schnell einen neuen Job anfangen? Ganz einfach: Ich konnte die Sache emotional abhaken, eben weil sie nicht korrekt gelaufen ist. Beim VfB Stuttgart…

… wo Sie Ende 2009 entlassen wurden…
… war alles sauber, aber es hat auf dem Platz einfach nicht mehr funktioniert. Da musste man einen Cut machen. Aber ich hätte damals nie nach ein paar Wochen einen neuen Job anfangen können, das hätte ich vom Kopf her einfach nicht gebacken bekommen.

Warum wollten Sie denn nun nicht in Berlin bleiben?
Ich wollte mich sportlich weiterentwickeln. Und meine Vorstellungen davon, wie die Dinge hier weiterlaufen sollten, haben nicht mit denen von Hertha zusammengepasst. Ich hätte schon ein paar Leute anders positionieren müssen, und ich wusste, dass das nicht gegangen wäre. Weil es der Verein nicht mitgetragen hätte. Der Verein ist so, wie er ist, und Markus Babbel ist so, wie er ist. Ich konnte mich mit manchen Dingen nicht identifizieren.

Es heißt, Sie seien mit der Zusammenstellung des Kaders nicht ganz einverstanden gewesen. Es wurden Spieler geholt, von denen sie nicht so begeistert waren.
Sagen wir mal so: Am Ende habe ich alles mitgetragen. Trainer kommen und gehen, der Verein bleibt. Und wenn der Verein der Meinung ist, dass er die richtigen Leute verpflichtet, dann ist es an mir, sie so einzubauen, dass sie uns auch weiterbringen. Fertig.

Gibt es in Berlin eine Philosophie?
Das ist ein großes Wort. Ich tue mich schwer mit Philosophien über die nächsten fünf oder zehn Jahre.

Es reicht ja schon eine Strategie für die nächsten zwei oder drei Jahre.
Für uns wäre es entscheidend gewesen, erst einmal in der Bundesliga zu bleiben. Und dann Stück für Stück zu versuchen, junge Leute ins Boot zu holen, sie groß zu machen und dann mit Gewinn zu verkaufen. Irgendwie muss der Verein ja runter von seinen Schulden. Die nächsten Jahre wären sehr schwer gewesen. Ich hatte meine Vorstellungen und mir war klar, dass ich sie hier nicht umsetzen kann. Deswegen wollte ich den Vertrag nicht verlängern. Ist das so schlimm? Wenn bei einem Spieler der Vertrag ausläuft, dann geht er halt im Sommer. Nur beim Trainer wird so eine Staatsaffäre daraus gemacht, dass man ihn sofort rausschmeißen muss. Tut mir leid, das kapiere ich bis heute nicht.

Das mit dem Rausschmiss kam nach dem letzten Hinrundenspiel. Weil Sie Ihr Schweigen gebrochen haben.
Ich hatte lange genug rumgeeiert, und zur selben Zeit hat der Verein schon mit einem neuen Trainer verhandelt. Das weiß ich nach einem Telefonat mit Michael Skibbe…

… Ihrem zwischenzeitlichen Nachfolger.
Der war schon ein wenig verwundert, als Michael Preetz ihn kurz vor unserem letzten Hinrundenspiel in Hoffenheim anrief und auf ein Engagement in Berlin ansprach. Die beiden haben sich noch vor dem Hoffenheim-Spiel getroffen, das war ja alles in den Zeitungen nachzulesen. Tja, und daraufhin ist es mit uns leider etwas unrühmlich zu Ende gegangen.

Präsident Gegenbauer hat Sie als Lügenbaron hingestellt.
Ich bin nach dem Spiel gefragt worden, wie es denn nun weitergehen würde. Und habe eine ehrliche Antwort gegeben, mit Verweis auf das Gespräch Mitte November. Ich hatte mich lange genug verbogen, gegen mein Naturell, allein aus Respekt vor dem Verein. Aber als ich dann merkte, dass nicht ehrlich mit mir umgegangen wurde und hintenrum schon ein neuer Trainer im Anmarsch war – nicht mit mir! Auf der Brennsuppe bin ich auch nicht daher geschwommen.

Auf der Brennsuppe…?
Soll heißen: Ich bin doch nicht blöd! Es war ja auch nicht so, dass der Verein mir nach dem Aufstieg sofort einen neuen Vertrag angeboten hat. Man hat sich gedacht: Wir schauen uns den Kameraden erst mal an, ob er uns da oben halten kann. Irgendwann war der Druck so groß, da mussten sie mir ein Angebot machen. Aber das war erst im Oktober. Ich habe mich bedankt, darüber nachgedacht und dann abgesagt. Welchen Grund sollte ich denn haben, mir diese Geschichte auszudenken?

Es sah lange Zeit so aus, als würde kein Blatt Papier zwischen Sie und Michael Preetz passen. Gab es einen bestimmten Augenblick, in dem Ihr Verhältnis irreparablen Schaden nahm?
So etwas geht nicht von heute auf morgen. Aber es gab schon Situationen, wo ich mich gefragt habe: Was hat er vor? Ich bin ein Typ, der viel beobachtet, sieht und abspeichert. Aber dann kommen wichtige Spiele und du verdrängst es wieder.

Hatten Sie nach Ihrer Entlassung noch ein Gespräch mit Michael Preetz?
Nein, und ich habe da auch überhaupt keinen Bedarf.

Und mit Werner Gegenbauer?
Auch nicht.

Gab es Rückmeldungen aus der Branche?
Die gab es. Von Freunden und Kollegen, aber auch von Leuten, die ich schon sehr lange kenne, die ich aber eine Weile nicht gesehen habe. Auch für die war sofort klar: Natürlich ist es so, wie du sagst, Markus, da gibt es keine zwei Meinungen!

Hat sich auch jemand aus der Mannschaft gemeldet?
Ja. Die Spieler wissen ganz genau, was passiert ist. Aber ich will das jetzt auch nicht aufbauschen, denn ich bin alles andere als begeistert davon, was da abgelaufen ist. Das Letzte, was ich wollte, war ein vorzeitiger Abschied.

Sie sind nicht der erste Trainer, der im Unfrieden von Michael Preetz geschieden ist. Lucien Favre…
… ach, hören Sie bloß auf! Was glauben Sie, was ich mir in meiner Berliner Zeit über Lucien Favre anhören musste. Heute weiß ich: alles erstunken und erlogen. Ich glaube kein Wort davon! Schauen Sie sich an, was für großartige Arbeit er in Mönchengladbach leistet.

Favre musste im Herbst 2009 nach einer Niederlage in Hoffenheim gehen, nach der so genannten Teeküchen-Affäre. Angeblich hat er noch in der Teeküche des Hoffenheimer Stadions um seine Entlassung gebeten. Favre bestreitet energisch, dass so ein Gespräch überhaupt stattgefunden hat.
Wissen Sie was? Ich bin ja jetzt schon ein paar Wochen hier, aber eine Teeküche habe ich in unserem Stadion noch nicht gesehen.

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