Hoffenheim-Manager Alexander Rosen über Phantomtore und die neue TSG

»Wohl nicht absurd genug«

Als Alexander Rosen die sportliche Leitung in Hoffenheim übernahm, lag der Klub auf Platz 17 und blickt ein den Abgrund. Heute sorgt die TSG in der Bundesliga wieder für Furore. Ein Gespräch über absurde DFB-Entscheidunge, die neue Ausrichtung des Vereins und die Zukunft von Kevin Volland.

Alexander Rosen, wie ist die Stimmung bei der TSG Hoffenheim nach dem Urteil des DFB-Sportgerichts, das die Wiederholung des Leverkusen-Spiels ablehnte?
Am Montag und am Dienstag war die Enttäuschung noch groß. Aber dann ist der Blick auf das Wochenende gerichtet worden. Da haben wir eine richtig tolle Aufgabe vor der Brust. Der FC Bayern kommt in unser Stadion – das ist eine Riesensache. Wir haben in dieser Spielzeit ja schon die eine oder andere Extremsituation wegstecken müssen. Dennoch waren wir uns nicht sicher, wie unsere junge Mannschaft diesmal reagieren würde. Aber sie hat beim 4:1-Sieg in Hannover eine eindrucksvolle Antwort geliefert.

Hatten Sie vor der Verhandlung tatsächlich auf eine Wiederholung des Spiels gehofft?
Ja, wir haben daran geglaubt und stützten uns auf Paragraph 17 der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB. Danach handelt es sich in unseren Augen um einen besonderen Fall von Absurdität. Und wir lagen damit ja gar nicht so falsch. Nur war nach Ansicht des Gerichts das Tor nicht »absurd« genug – wäre der Ball 15 Meter am Tor vorbei gegangen und am Ende trotzdem irgendwie im Tor gelandet, hätte die Sache demnach anders ausgesehen. Eine Sichtweise, die sich uns nur schwer erschließt, wie man sich vorstellen kann.

Man kann davon ausgehen, dass Sie für die Einführung der Torlinientechnik sind.
Auf jeden Fall. Und wir waren das auch schon vor dem Leverkusen-Spiel und dem nicht gegebenen Tor von Kevin Volland im ersten Saisonspiel gegen Nürnberg. Es ist in meinen Augen nicht nachvollziehbar, im Profifußball finanzielle oder technische Argumente gegen die Einführung der Torlinientechnik anzuführen.

Wie geht es dem Platzwart, dem ganz offensichtlich das Loch im Netz nicht aufgefallen war?
Dem geht es gut. Anfangs war er natürlich nicht glücklich. Von uns, aber auch von der Mannschaft gab es absolut keine Vorwürfe. Wir sind alle nur Menschen – so etwas passiert halt mal. Zumal noch immer nicht klar ist, wann und wie das Loch da reinkam. Vielleicht beim Warmmachen oder bei einem früheren Abhängen des Netzes – niemand weiß es.

Nach dem bisherigen Saisonverlauf dürften Sie mit der Leistung Ihrer Mannschaft zufrieden sein. Das Team zeigt attraktiven Offensivfußball und hat zusammen mit dem BVB bislang die meisten Tore erzielt – drei mehr als der FC Bayern München.
Das hat mit dem Spielgedanken zu tun, der dahinter steckt: das schnelle Umschaltspiel und überfallartige Angriffe. Wir haben eine extrem junge und extrem hungrige Mannschaft. Sie spielt frech und mutig nach vorne. So soll das auch sein. Um gleich die nächste Frage vorwegzunehmen, die Sie wahrscheinlich gestellt hätten: Ja, wir kassieren auch sehr viele Tore. Das zeigt, dass manchmal die Balance fehlt. Daran muss noch gearbeitet werden.

Kann man mit einer  derart offensiven Ausrichtung gegen den FC Bayern bestehen?
(Lacht) Bayern München – das ist derzeit vielleicht die beste Mannschaft der Welt. Bayern ist nur zu schlagen, wenn man selbst einen ganz besonderen Tag erwischt. Da muss vieles zusammen kommen. Aber in Freiburg hat Bayern einen Punkt abgegeben. Und in Leverkusen auch – obwohl das nach dem Spielverlauf und dem Chancenverhältnis fast skurril  war. Lassen wir uns überraschen, was sich Markus Gisdol einfallen lässt.

Als Sie mit Markus Gisdol Anfang April die Leitung bei der TSG Hoffenheim übernahmen, lag der Klub auf Platz 17. Sie waren vom Leiter des 1899-Nachwuchszentrums zum Direktor Profifußball aufgestiegen. Beschreiben Sie die Situation, die Sie vorfanden. 
Uns wurde schnell klar, dass da in der Kaderstruktur etwas aus dem Ruder gelaufen war. Wir hatten 47 Spieler unter Vertrag. Und wir mussten feststellen, dass unsere Identität, unsere DNA verloren gegangen war. Es hat viele verwundert, dass wir zunächst nicht den Klassenerhalt als primäres Ziel ausgegeben haben, sondern unseren Weg, den wir gehen wollen, skizzierten. Drei Säulen bilden dabei die Grundlage. Erstens: Der Klub soll sich wieder über die Art und Weise, wie Fußball gespielt wird, definieren. Zweitens: Es sollen junge Spieler aus der eigenen Akademie eingebaut werden. Und Bescheidenheit im Auftreten ist die dritte Säule. Was wichtig war: Wir haben gesagt, dass wir diesen Weg ligaunabhängig gehen wollen.

Aber wäre der Abstieg in die zweite Liga nicht der Anfang vom Ende des Hoffenheimer Modells gewesen?
Nein, das glaube ich nicht. Wir wären unseren Weg auch in der 2.Liga genauso konsequent gegangen, aber wir sind natürlich sehr froh, dass der Abstieg noch verhindert worden ist

Sie sprachen von über 40 Spielern im Kader. Wie kam diese unglaubliche Zahl zustande?
Das war wohl vor allem ein Resultat der vielen Wechsel auf dem Posten des Trainers und sportlichen Leiters. Jeder wollte seine eigenen Ideen einbringen. Ich möchte da niemandem einen Vorwurf machen.

Sie mussten Spielern sagen, dass kein Platz mehr für Sie im Kader ist.
Es ist nicht angenehm, solch harte Entscheidungen zu treffen und die entsprechenden Gespräche zu führen. Aber es gab keine Alternative. Man kann nicht mit 47 Leuten trainieren, das ist unmöglich.

Es wurde die inzwischen wieder aufgelöste »Trainingsgruppe zwei« mit aussortierten Spielern – darunter Tim Wiese – gebildet. Eine Maßnahme, die für Gesprächsstoff sorgte.
Wir haben diese Gruppe aus dem Gefühl der Verantwortung heraus gegründet. Die Spieler, die dazugehörten, hatten einen Fußball-Lehrer als Trainer, eigene Physiotherapeuten, Betreuer und Athletiktrainer sowie Zugang zu den Ärzten. Es wurden auch Freundschaftsspiele organisiert. Wir haben diese Spieler nicht einfach nur in den Wald zum Laufen geschickt, sondern versucht, ihnen optimale Bedingungen zu bieten. Nach Ende der Transferperiode waren es noch vier Spieler, die dann in die U23-Mannschaft eingegliedert werden konnten. Tim Wiese macht auf eigenen Wunsch Einzeltraining.

Ein Spieler, den Sie sicher nicht abgeben wollen, ist Kevin Volland. Aufgrund seiner überragenden Auftritte im 1899-Dress wird er Ihnen noch viel Arbeit machen – weil die Manager von großen Klubs um ihn buhlen werden.
(Lacht) Er hat mich jetzt schon viel Arbeit gekostet. Kevin hatte ein Vertrag bis 2015 und der wurde im Juli um zwei weitere Jahre verlängert. Das war ein tolles Zeichen.

Mit welchen Argumenten konnten Sie Volland von der Vertragsverlängerung überzeugen?
Ich musste ihn nicht dazu überreden. Entscheidend waren die beiden letzten Monate der vergangenen Saison. Kevin hat klar wahrgenommen, wie die Ausrichtung unter Markus Gisdol aussieht und wie der Kader sowie das Trainerteam zusammengestellt ist. Er hat gesehen, wohin es geht. Aber ich mache mir da keine falschen Illusionen, es wird in Hoffenheim immer wieder Spieler geben, deren Qualität sich so  positiv weiterentwickelt,  dass wir sie hier irgendwann nicht mehr halten können.

Sie sind gebürtiger Augsburger. Haben Sie noch Bezug zur Fuggerstadt?
Auf jeden Fall, ich bin in Augsburg geboren und meine Eltern wohnen in Mering. Ich bin sogar noch Mitglied beim FC Augsburg. Der FCA ist meine fußballerische Heimat, dort habe ich in der Jugend und in der 1. Mannschaft gespielt. Mein Großvater Gerhard Niklasch war Mannschaftskapitän beim BC Augsburg, wie der Klub damals hieß, und spielte mit Helmut Haller zusammen. Aber zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich bislang noch nicht im neuen Augsburger Stadion war. In drei Wochen wird es soweit sein, dann kommen wir zum Auswärtsspiel nach Augsburg. Ich freue mich schon riesig darauf.

Bei so viel Verbundenheit mit dem FCA liegt es doch nahe, dort auch mal als Manager zu arbeiten.
(Lacht) Im Fußball kann man nur wenige Dinge ausschließen. Aber derzeit ist das kein Thema. Mein Ziel ist es, hier in Hoffenheim lange Zeit eine erfolgreiche Arbeit zu leisten.

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