30.03.2009

Hoeneß und Schindelmeiser im Interview

»TSG muss sich abnabeln«

Bis dato hatte man den Eindruck, Bayern-Manager Hoeneß und der Hoffenheimer Jan Schindelmeiser sprechen mehr übereinander denn miteinander. Doch sie können auch anders.

Interview: Sven Goldmann und Helmut Schümann Bild: Imago
Hoeneß und Schindelmeiser im Interview
Hätte Herr Hopp das Recht auf sportliche Mitsprache?

Schindelmeiser: Das ist eine rhetorische Frage. Er ist Investor, Mäzen und Gesellschafter in Personalunion. Wir tauschen uns regelmäßig aus. Aber Herr Hopp ist in das operative Geschäft nicht involviert. Er will es gar nicht sein.

Hoeneß: Na, ich wäre ja gerne mal bei einem Gespräch dabei, wenn ihr diese Meinung habt und er jene, und welche Meinung dann zählt.

Schindelmeiser: Herr Hopp hat dem Trainer und mir maximale Entscheidungsfreiheiten in sportlichen Fragen eingeräumt. Diesen Vertrauensvorschuss empfinden wir als großes Privileg. Gleichzeitig übernehmen wir damit auch eine hohe Verantwortung, der wir gerecht werden wollen. Er hat uns nie in Verlegenheit gebracht mit persönlichen Vorschlägen, die den sportlichen Bereich betreffen. Seine Haltung ist angenehm defensiv. Eher die eines Mentors.

Hoeneß: Aber ihr habt natürlich schon Investitionen vorgenommen, die ihr ohne sein Okay nicht hättet machen können. Und da kann ich mir nicht vorstellen, dass er sich nicht genau darüber informiert und am Ende ja oder nein gesagt hat.

Schindelmeiser: Als wir nach dem Aufstieg in der zweiten Liga unter anderem Chinedu Obasi, Demba Ba, Carlos Eduardo und Vedad Ibisevic geholt haben, für die wir nicht unerhebliche Transferentschädigungen zahlen mussten, war die Vorgehensweise selbstverständlich mit Dietmar Hopp abgestimmt. Wir bewegen uns im Rahmen eines Gesamtbudgets, das über ein Spieljahr hinausreicht. Seine Reaktion auf die damalige Vorgehensweise war: Wenn ihr von der Vorgehensweise überzeugt seit, macht es.

Hoeneß: Und wenn dann einer zwei Millionen Euro teurer geworden wäre?

Schindelmeiser:
Da ist keiner teurer geworden, Herr Hoeneß. Im Gegenteil.

Hoeneß: Das ist aber höchst ungewöhnlich, dass Spieler im Verlauf von Verhandlungen billiger werden.

Schindelmeiser: Wir haben noch nie den Preis gezahlt, der verlangt wird. Herr Hopp hat uns sein Geld anvertraut. Ich muss also noch akribischer sein, als wenn ich mein eigenes Geld verwalte.

Hoeneß: Aber wenn fünf Millionen gefehlt hätte, hätte Herr Hopp euch doch geholfen!

Schindelmeiser: Selbstverständlich. Aber die Frage hätte ich nie gestellt.

Und wenn Sie dabei mal eine Fehlentscheidung treffen, sagen Sie Herrn Hopp: Entschuldigen Sie bitte, aber ich habe jetzt gerade Ihr Geld verbrannt. Herr Hoeneß müsste sich im selben Fall seinem Aufsichtsrat und dann den Vereinsmitgliedern gegenüber verantworten. Das ist schon eine andere Situation.

Schindelmeiser: Das kann ich so nicht stehen lassen. Wir haben bisher Investitionen in Höhe von gut 20 Millionen Euro in neue Spieler getätigt. Dies sind langfristige Investitionen in sehr junge, hochtalentierte Spieler mit Wertsteigerungspotenzial. Durch den Aufstieg hat sich die Einnahmesituation von 1899 Hoffenheim ebenfalls deutlich verbessert. Es stimmt natürlich nicht, dass wir von Herrn Hopp komplett alimentiert werden und zu ihm gehen, wenn wir gerade mal wieder Geld brauchen. Wir arbeiten mit einem verbindlichen Etat, den wir bei der DFL einreichen mussten.

Hoeneß: Das stimmt, aber der Druck ist für uns schon höher. Wir haben keinen, der mal mit dem Hut rumgehen kann.Ich habe kürzlich von einer Sitzung bei Inter Mailand gehört. Da betrug das Minus 148 Millionen Euro. Da hat der Herr Moratti…

…der Öl-Tycoon und Inter-Präsident…

Hoeneß: …bei einem Abendessen den Aktionären gesagt: Sorry, das ist leider dumm gelaufen, wir sind zwar Meister geworden, aber es fehlt ein bisschen Geld. Dann hat er einen Scheck über 95 Millionen Euro gezeichnet und die anderen Herrn gebeten, ihren Anteil zu leisten.

Schindelmeiser: Der überwiegende Teil unserer Personalentscheidungen ist langfristig ausgelegt. Es sind Investitionen in die sportliche und wirtschaftliche Entwicklung der Spieler. Mit allen Chancen und Risiken.

Hoeneß: Wobei das natürlich eine gefährliche Kiste ist. Ich betrachte Spieler nie als Anlagevermögen. Die Berater sind ja klug genug, die wissen seit dem doofen Bosman-Urteil, dass irgendwann der Vertrag ausläuft, und dann beträgt der Buchwert eines Spielers null Euro. Was sind schon Marktwerte? Wenn Franck Ribéry noch zwei Jahre bis zu seinem Vertragsende wartet, dann liegt sein Wert für uns bei null. Wenn er aber jetzt sagt, dass er unbedingt gehen will und es findet sich ein Verrückter, der 100 Millionen Euro bezahlt, dann ist er 100 Millionen wert.

Schindelmeiser: Klar, ein Spieler hat immer nur den Wert, den ein anderer Klub zu zahlen bereit ist. Dann bleibt der sportliche Wert der Investitionen. Den haben die Spieler größtenteils zurückgezahlt, denn dass wir in diesem kurzen Zeitraum die erste Bundesliga erreichen und dort auch noch so eine gute Rolle spielen – damit konnte nun wirklich keiner rechnen.

Hat Herr Hopp denn schon mal Nein zu einem Investitionsvorhaben gesagt?

Schindelmeiser:
Das ist bisher noch nicht vorgekommen. Aber wir haben ihm auch noch nie Fragen gestellt, die mit Nein beantwortet werden mussten. Unsere Vorstellungen sind klar und auch für ihn nachvollziehbar. Wir haben keine fertigen 27- oder 28-jährigen Spieler mit entsprechenden Gehaltsvorstellungen geholt. Wir haben Jungs verpflichtet, die zum Teil gar keiner kannte, von denen wir aber der Überzeugung waren, dass sie ein riesiges Potenzial besitzen. Diese Spieler haben dazu beigetragen, die Marke Hoffenheim zu schärfen.

Gibt es dazu aktuelle Umfragen?

Schindelmeiser: Die fallen ausgesprochen positiv aus: Mit dem Thema Hoffenheim verbinden die Leute die Eigenschaften: sympathisch, innovativ, jung, erfolgreich, aber auch bodenständig, regional verankert und bescheiden.

Hoeneß: Im Augenblick entwickelt sich bei euch alles nach oben. Aber das wird irgendwann aufhören. Ich bin mal gespannt, wir ihr damit umgehen werdet. Der Alltag kommt, und der wird lang. Einmal Erfolg zu haben, ist die eine Sache, aber den Erfolg dauerhaft zu behaupten, ist viel schwerer. Nehmen wir mal an, Sie werden in dieser Saison Erster oder Zweiter und im nächsten Jahr nur Fünfter oder Sechster…

Schindelmeiser: …dann, Herr Hoeneß, schicke ich Ihnen sofort eine Kiste Champagner!

Dieser Artikel erschien in der aktuellen Ausgabe der Tageszeitung "Der Tagesspiegel"

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