30.03.2009

Hoeneß und Schindelmeiser im Interview

»TSG muss sich abnabeln«

Bis dato hatte man den Eindruck, Bayern-Manager Hoeneß und der Hoffenheimer Jan Schindelmeiser sprechen mehr übereinander denn miteinander. Doch sie können auch anders.

Interview: Sven Goldmann und Helmut Schümann Bild: Imago
Hoeneß und Schindelmeiser im Interview
Herr Hoeneß, Herr Schindelmeiser, schön, dass Sie sich beide Zeit genommen haben für dieses Gespräch. Bisher hatte man den Eindruck, dass der FC Bayern und 1899 Hoffenheim mehr übereinander reden denn miteinander, und der Ton war dabei nicht immer sehr freundlich.

Schindelmeiser: Vielleicht sollten wir das nächste Mal erst miteinander telefonieren, bevor wir uns beschimpfen.

Hoeneß:
Ich habe das gar nicht so dramatisch empfunden. Unsere angeblichen Schwierigkeiten...

…Sie haben die Hoffenheimer als linke Schauspieltruppe bezeichnet und deren Trainer Ralf Rangnick als einen Besserwisser, dem die Höhenluft nicht bekommt…

Hoeneß: …basierten auf ein, zwei Sätzen, die ich mal so dahin gesagt habe. Wir beim FC Bayern haben das Projekt Hoffenheim immer sehr positiv begleitet. Ich habe mit meinem Kollegen Karl-Heinz Rummenigge um ein Abendessen gewettet, dass Hoffenheim sich für die Champions League qualifiziert.



Wem gönnen Sie denn eher die Meisterschaft? Hoffenheim oder Hertha BSC, wo Ihr Bruder Dieter als Manager arbeitet?


Hoeneß: Sie meinen, wenn wir es nicht werden? Herr Schindelmeiser, nehmen Sie es mir nicht übel, aber in diesem unwahrscheinlichen Fall darf es ruhig Hertha werden. Mein Bruder hat in Berlin so hart gearbeitet und gekämpft wie ein Löwe, er hätte es verdient.

Schindelmeiser: Ich halte das ohnehin für eine eher hypothetische Frage. Die Gefahr, dass Bayern auch in dieser Saison Meister wird, ist sehr groß.

Wie ernst nehmen Sie Hoffenheim inzwischen, Herr Hoeneß?

Hoeneß: Der Klub hat eine sehr gute Chance, sich als feste Größe im deutschen Fußball zu etablieren. Mittelfristig muss er sich aber von seinem Finanzier Dietmar Hopp abnabeln. Ich sehe das, was er macht, als Anschubfinanzierung. Er will damit keinen Gewinn erwirtschaften und erwartet auch nicht, dass er sein Geld zurückbekommt, sondern sieht das als Investition in die Region, aus der er kommt. Das ist die angenehmste Form des Mäzenatentums, wird aber irgendwann mal beendet sein.

Schindelmeiser: Mit der Emanzipation von Herrn Hopp haben Sie völlig recht, das ist auch unsere Ambition. Aber es wird schon ein paar Jahre dauern, bis wir Ausgaben und Einnahmen in eine stabile Balance gebracht haben.

Hoeneß: Dass Sie da sind, ist jedenfalls gut für die Bundesliga. Es war ja alles ein bisschen eingeschliffen, mit dem FC Bayern an der Spitze, mal war unser großer Rivale der Hamburger SV, dann Dortmund oder Schalke, zuletzt Werder Bremen. Jetzt kommt ein völlig neuer Player in die Szene und bringt frischen Wind mit.

Vielen Fans gefällt das nicht ganz so gut, weil sie den neuen Player als Retortenklub empfinden, dem jede Tradition fehlt.

Schindelmeiser: Wir sehen uns in Hoffenheim am Anfang einer hoffentlich langfristigen Entwicklung. An einem Punkt, wo Tradition entsteht. Was haben denn die Leute, die in den Traditionsvereinen die Geschäfte führen, mit der Tradition ihrer Klubs zu tun? Nichts.

Der FC Bayern ist ein gewachsener Verein mit einer gewachsenen Anhängerschaft. Der TSG Hoffenheim wird nur die Zuneigung eines Eventpublikums nachgesagt. Wenn man irgendwann nicht oben mitspielt, schwinden dann nicht der Zuspruch und die Liebe der Zuschauer?

Schindelmeiser: Diese Frage ist mir zu einfach. Da muss man viel weiter zurückblicken. Wir haben vor zwei Jahren in der Regionalliga vor 4000 Zuschauern gespielt. Jetzt verkaufen wir vor der Saison 20 000 Dauerkarten. Unser Ausrüster musste die Verkaufstrikots schon einfliegen lassen, weil es per Schiff zu langsam gewesen wäre. Diese Entwicklung ist unglaublich, und das hat vor allem mit unserer Idee vom Fußball zu tun. Wir versuchen, attraktiven Fußball mit hohem Tempo zu spielen und setzen dabei auf junge, entwicklungsfähige Spieler.

Hoeneß: Aber wenn Sie mal in der Champions League spielen und da erfolgreich sein wollen, dann müssen Sie sich auch ein wenig von diesem Weg verabschieden, von diesem Fußball nach der Devise: immer schön nach vorne und alles liegen lassen. Da kriegt man schon mal fünf Stück in Liverpool oder Mailand. Wenn Sie sich oben etablieren wollen, geht es nicht nur mit jungen Leuten.

Schindelmeiser: Bayern kann nicht unseren Weg gehen, und umgedreht können wir uns nicht an den Bayern orientieren. Was ich beschreibe…

Hoeneß: …ist eine Momentaufnahme.

Schindelmeiser: Es ist unser persönlicher Fingerabdruck. Bayern muss im nationalen Wettbewerb immer Erster werden und will auch international vorne mitspielen, da kann ich natürlich nicht nur mit 20-Jährigen spielen. Das sind zwei völlig unterschiedliche Fingerabdrücke. Wir bleiben dieser Philosophie treu. Aber je weiter wir nach oben kommen, desto schwieriger wird es sein, diesem Weg treu zu bleiben. Denn wenn unsere Spieler Angebote von Spitzenklubs erhalten, werden wir finanziell nicht konkurrieren können. Wir sind nicht in der Lage, das zu zahlen, was Bayern einem Spieler bietet. Wir müssten unseren Spielern dann sagen: Wenn es Dir nur ums Geld geht, musst Du wohl gehen. Wenn du aber daran interessiert bist, weiterhin Teil dieser Story zu sein, dann bleib hier.

Hoeneß: Es sei denn, der Herr Hopp macht seine Schatulle weiterhin auf.

Schindelmeiser:
Herr Hopp wird unseren Weg weiter begleiten. Aber dass er uns dadurch in einer Größenordnung alimentieren wird, die ihn selbst in eine unkomfortable Situation bringt, ist so gut wie ausgeschlossen. Unterhalten Sie sich doch mal mit Spielerberatern, dann werden Sie erfahren, dass wir sehr viel weniger bezahlen als andere ambitionierte Klubs.

Das haben die Bayern schon mal angezweifelt.

Hoeneß: Nein, das stimmt nicht. Ich habe zu diesem Thema einen einzigen Satz gesagt: In Hoffenheim wird auch mehr gezahlt, als die Leute allgemein glauben. Gehen Sie bitte davon aus, dass das auf allgemeinem Grundwissen basierte. Damit wollte ich doch nur eines verhindern, dass nämlich hier wieder das Klassenkampfdenken anfängt.

Hätten Sie denn Ihr Supertalent Toni Kroos statt nach Leverkusen auch nach Hoffenheim verliehen?


Hoeneß: Auf keinen Fall. Wie gesagt, wir empfinden Hoffenheim als direkten Konkurrenten, und den stärken wir doch nicht mit unseren eigenen Spielern. Wir nehmen diesen Verein ernst, weil er sportlich und wirtschaftlich in der Lage ist, mit uns mitzuhalten. Wenn er will.

Schindelmeiser:
Im Einzelfall ist das richtig, da können wir uns wirtschaftlich wehren und behaupten. In der Breite aber nicht. Wir kriegen in dieser Saison rund 13 Millionen Euro aus den nationalen TV-Rechten.

Hoeneß:
Wir um die 23 Millionen, für die Meisterschaft kommen noch mal vier Millionen drauf…

Schindelmeiser: …und dann kommen noch die Einnahmen aus dem internationalen Geschäft dazu. Das sind wirklich Galaxien, die zwischen uns beiden liegen. Wir haben einen Personaletat für diese Saison in einer Höhe von knapp 23 Millionen Euro. Herr Hoeneß kennt seinen Etat. Ich sage das ohne jeden Neid, ich habe allerhöchsten Respekt davor, dass man es in Deutschland schafft, einen Personaletat von 150 Millionen Euro zu stemmen, und dabei gesund zu bleiben. Aber es führt eben dazu, dass es für die Bayern in Deutschland keinen echten Wettbewerber gibt. Natürlich wird es immer mal eine Saison geben, in der den Bayern eine Mannschaft sportlich gefährlich werden kann. Aber nie auf Dauer. Darüber kann man nun trefflich streiten, kommt darauf an, ob aus nationaler oder aus internationaler Sicht. Betrachte ich aber die Liga, müsste ich fordern, dass das Fernsehgeld gleichmäßig zwischen allen 18 Klubs vereilt wird.

Hoeneß: An dem Tag, an dem das international überall gleich ist, habe ich damit überhaupt kein Problem.

Schindelmeiser: Ich weiß, Real Madrid bekommt 100 Millionen im Jahr.

Hoeneß: Die Kritiker werfen uns doch immer vor, der deutsche Fußball sei nicht wettbewerbsfähig. Nun, wenn ich international wettbewerbsfähig sein will – oder soll –, dann muss ich auch entsprechende Mittel zur Verfügung haben. Ansonsten müssen sich die Deutschen damit zufrieden geben, dass Bayern München in der Champions League in guten Jahren die erste Runde übersteht und vielleicht das Achtelfinale, aber dann ist eben Schluss. Das ist etwa so, wie wenn Freiburg Deutscher Meister wird. Das kann eben auch mal passieren, wird aber nicht die Regel sein.

Schindelmeiser: So aber haben wir ein System, in dem Sie das meiste Geld haben, sich damit die besten Spieler leisten können, dadurch den sportlichen Erfolg haben, der Ihnen wieder das meiste Geld einbringt. Mit dem können Sie sich wieder die besten Spieler leisten und so weiter. Nein, an der Vormachtstellung des FC Bayern wird sich auf der Basis der aktuellen Konstellation nie etwas ändern.

Höchstens, wenn die 50+1-Regel gekippt wird, wie das zum Beispiel der Hannoveraner Präsident Martin Kind fordert, und die Klubs so für Investoren geöffnet werden.

Hoeneß: Ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass wir diese Regelung nicht aufweichen sollten. Wenn einer glaubt, da eine Chance zu sehen, soll er die Möglichkeit haben. Es gibt ja Kritiker die sagen, in Hoffenheim ist es längst so. Wir sind uns ja wohl einig, dass Hoffenheim ohne Herrn Hopp nicht in der Bundesliga spielen würde.

Schindelmeiser: Wahrscheinlich nicht mal in der Regionalliga.

Hoeneß: Ist mir auch egal. Wenn der Herr Kind glaubt, er müsse in Hannover andere Möglichkeiten haben, um den Verein nach vorn zu bringen, dann soll man ihm diese Möglichkeiten geben. Jeder Verein muss das für sich selbst entscheiden. Wir kriegen von unseren Fans keine Möglichkeit, mehr als 50 Prozent an einen Investor zu verkaufen.

Schindelmeiser: Wir sind dem Thema gegenüber völlig offen. Man kann auch Investoren an den Klub binden, ohne das System grundsätzlich zu ändern. Das war bei uns möglich, das ist bei anderen Klubs möglich. Hannover 96 würde ohne die Investitionen von Herrn Kind und anderen wahrscheinlich nicht in der Bundesliga spielen. Es geht um eine ganz andere Frage: Ob man den Investoren die Möglichkeit gibt, direkten Einfluss auf die Vereinspolitik zu nehmen.

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