Heute vor 35 Jahren: Bayerns Europokal-Hattrick

»Die Stones gingen uns auf den Sack«

Heute vor 35 Jahren: Durch ein 1:0 gegen den AS St. Etienne gewinnt Bayern München zum dritten Mal in Folge den Europapokal der Landesmeister. Siegtorschütze Franz »Bulle« Roth erinnert sich an Cognac, Kuchen – und die Rolling Stones. Heute vor 35 Jahren: Bayerns Europokal-Hattrick

Franz Roth, heute vor 35 Jahren gewannen Sie mit dem FC Bayern München zum dritten Mal in Folge den Europapokal der Landesmeister durch ein 1:0 gegen AS St. Etienne. Die englische »Daily Mail« schrieb: »Jetzt gehört der höchste Preis dem Fußball-Parasiten.«

Franz Roth: Ach, die Engländer waren doch nur neidisch. Vielleicht war St. Etienne damals tatsächlich die bessere Mannschaft, aber das war doch ein Finale, und wir haben schließlich gewonnen, oder?

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Tatsächlich sogar durch ein Tor von Ihnen.

Franz Roth: 20 Meter vor dem Tor bekamen wir einen Freistoß zugesprochen. Der Franz (Beckenbauer, d. Red.) legte mir den Ball auf und ich zog einfach ab. Bumm – Tor!

Kein Effet, kein Freistoßtrick?

Franz Roth: Ach was! Einfach voll drauf und an der Mauer vorbei. Wenn der Keeper da die Finger hinhält, fliegen die noch mit ins Tor. Schließlich war ich der »Bulle« – Kraft hatte ich genug.

Woher kam diese Urgewalt eigentlich?

Franz Roth: Ich hatte mein Geheimnis: Vor jedem Spiel ass ich zwei Stücke Kuchen, Käsekuchen, Pflaumenkuchen, Kirschkuchen – was mir gerade über den Weg lief. Natürlich immer heimlich, wenn der Detti (Detmar Cramer, damals Trainer in München, d. Red.) das bemerkt hätte, hätte es ein Donnerwetter gegeben.

Cramer soll allerdings auch nichts dagegen gehabt haben, dass ihr Mannschaftsbetreuer Richy Müller dem 20-jährigen Endspiel-Debütanten Karl-Heinz Rummenigge vor dem Spiel zwei Cognacs gegen die Aufregung einflösste...

Franz Roth: (lacht) Die Geschichte glaube ich bis heute nicht, das kann nicht stimmen!

Rummenigge selbst hat die Posse 2001 in einem Artikel für die FAZ bestätigt und sogar gesagt: »Danach bin ich komischerweise ganz ruhig in das Spiel gegangen.« Glauben Sie es jetzt?

Franz Roth: (lacht noch immer) Nie! Der Kalle war so ein junger Hüpfer, den hätten zwei Cognacs damals doch aus den Schuhen gehauen. Der musste das Saufen doch erst noch lernen...

kalle

(Brothers in arms: Der blutjunge Kalle Rummenigge umarmt den Torschützen »Bulle« Roth nach dessen 1:0 in der 57. Minute)



Das Endspiel 1976 fand im Glasgower Hampden Park statt. Wie war die Stimmung?


Franz Roth: Sehr friedlich, sehr entspannt. Die meisten Zuschauer waren wohl für die Franzosen, aber als das Spiel vorbei war, hat man uns bei der Ehrenrunde artig applaudiert. Ganz anders, als im Jahr zuvor.

Erzählen Sie!

Franz Roth: Im Pariser Prinzenpark spielten wir gegen Leeds United, nach 81 Minuten schoss ich endlich das 1:0. Die Zuschauer sind komplett ausgerastet, sie rissen die Plastiksitze aus der Verankerung und schleuderten die Dinger auf den Rasen. Wie fliegende Untertassen sind uns die Stühle um die Ohren gezischt, das Spiel musste sogar für zehn Minuten unterbrochen werden. Einen Polizisten vor der englischen Fankurve erwischte es richtig übel, ein Sitz traf ihn mit voller Wucht an der Schläfe – er hatte einen riesigen Cut am Schädel und blutete wie Schlachtvieh. Furchtbar.

Nach dem Sieg im Endspiel um den Europapokal der Pokalsieger von 1967 gibt es das Foto, wie Sie im Hotelbett liegen und fasziniert den Pokal anstarren, der auf Ihrem Nachttisch steht...

Franz Roth: Von wegen fasziniert, ich war hundemüde! Weil ich das entscheidende Tor beim 1:0 gegen den Glasgow Rangers geschossen hatte, gab mir der Tschik (Trainer Zlatko Cajkovski, d. Red.) den Cup und sagte: »Hierrr, kannst du auf deine Nachtisch stellen!« Aber ich konnte vor lauter Aufregung gar nicht schlafen. Ich dachte, den klaut mir sonst einer unter dem Hintern weg.

Was passierte mit dem Pokal von 1976?

Franz Roth: Das war ja das Besondere an diesem Sieg: Weil wir den Pokal zum dritten Mal in Folge gewannen, durften wir ihn behalten. Deshalb steht das Original auch noch heute in der Vereinsvitrine der Bayern. Bei der Ehrenrunde wollte ihn jeder einmal halten. Aber mit aufs Zimmer habe ich ihn nicht genommen. Das war mir dann doch zu viel Verantwortung.

Sie haben doch hoffentlich eh kein Auge zutun können bei all den Feierlichkeiten...

Franz Roth: Doch, doch. Wir hatten unser Bankett, dann wurden noch ein paar Biere getrunken und dann ging es ab ins Bett. Und das, obwohl damals die Rolling Stones in unserem Hotel abgestiegen waren.

Bitte?

Franz Roth: Ja, die hatten am Tag des Finals ein Konzert in Glasgow. In den Tagen vor dem Endspiel liefen sie uns im Hotel dauernd über den Weg. Nachts konnten wir schlecht schlafen, weil sie auf ihrer Etage immer wie die Wilden feierten und tagsüber störten sie die anständige Vorbereitung. Sie gingen uns tierich auf den Sack. Als wir in einer Mannschaftsbesprechung saßen, kam plötzlich Mick Jagger in den Raum gestürmt. Aber der Detti hat ganz cool reagiert: »Mick, you have to leave the room, because I´m preparing the team.«

Und Mick Jagger hat auf Dettmar Cramer gehört?

Franz Roth: Er ist brav wieder abgezogen. Als wir dann am 12. Mai mit unserem klapprigen Mannschaftsbus in Richtung Hampden Park abfuhren, überholten uns die Stones wenige Kilometer hinter dem Hotel auf dem Weg zu ihrem Konzert. Vier weinrote Bentleys und dahinter die Bayern. Das konnte ja nur ein gutes Omen sein.

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