Hertha-Legende Granitza traurig

»Hoeneß schrieb nicht zurück«

Karl-Heinz Granitza erlebte die erfolgreiche Zeit von Hertha BSC Ende der 70er Jahre. Auch heute besucht der 58-Jährige jedes Spiel - und bloggt regelmäßig über den Verein. Ein Gespräch über das Web 2.0 und die sieche Hertha. Hertha-Legende Granitza traurig

Herr Granitza, zufällig sind wir auf Ihren Blog gestoßen. Seit wann gibt es den?

Unter www.karlheinzgranitza.com blogge ich seit rund drei Monaten über Hertha BSC und die Bundesliga. Demnächst werde ich auch auf Englisch über die amerikanische Liga schreiben, weil ich dort ja lange gespielt habe. Ich habe persönlichen Kontakt zu einigen Mannschaften und bin mindestens ein Mal im Jahr drüben.

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Wie kamen Sie als 58-Jähriger zum Bloggen?


Mein Freund Wolfgang König und seine Frau, die Autorin ist, haben mir das nahegelegt. Das Wort »Blog« kannte ich gar nicht. Zunächst habe ich gesagt, dass ich zu alt bin und mich keiner mehr kennt, aber überraschenderweise klicken erstaunlich viele Leute drauf – insgesamt schon 58.000. Dabei machen sich meine Kinder manchmal über mich lustig, weil ich den Computer so langsam bediene.

Für Ihren Blog interviewen Sie auch alte Weggefährten...


Vor allem alte Mitspieler wie Uwe Kliemann, Erich Beer oder Michael Sziedat. Ich will aber nicht nur die Vergangenheit, sondern auch junge Spieler hervorheben, die noch keiner kennt.

Betreiben Sie die Website in Eigenregie?

Für die Gestaltung und Umsetzung ist ein junger Mann zuständig. Ich schicke ihm meine Artikel per E-Mail und er baut sie dann ein.

Sind Sie dem Fußball auch noch anderweitig verbunden?

Bis Ende 2008 war ich Scout für den FC Chelsea, mein Zuständigkeitsbereich war der Osten Deutschlands. Dann kam die Wirtschaftskrise und es wurden insgesamt 40 Länder gestrichen.

Konnten Sie Chelsea einen jungen deutschen Spieler empfehlen?


Ich habe ihnen einen A-Jugendlichen von Hertha wärmstens empfohlen. Doch seine Beraterin wollte nicht, dass er nach England geht, obwohl ihm das in meinen Augen sehr gut getan hätte.

In Hertha-Kreisen sind Sie also noch eifrig unterwegs?

Ich schaue mir die C-, B- und A-Jugend an. Da gibt es sehr, sehr viele Talente. Was mich jedes Mal aufregt: Das Scouting-System von Hertha ist eine Katastrophe! Wir haben keinen vernünftigen rechten oder linken Verteidiger.

Mit Sofian Chahed und Malik Fatih gab es auf diesen Positionen Eigengewächse mit Perspektive...

... die dann verkauft wurden. Man hat ihnen anscheinend nicht das Geld zahlen können, das sich die Berater vorgestellt haben. Aber da muss man als Verein auch vorausschauend handeln. Nehmen wir das Beispiel Mesut Özil und Schalke 04: Wenn Magath damals schon dort gewesen wäre, würde der sicherlich noch in Gelsenkirchen spielen. Jerome Boateng ist der nächste Fall.

Denken Sie, diese Spieler würden Hertha aktuell weiterhelfen?

Boateng wäre sicherlich mit Friedrich in der Innenverteidigung gesetzt. Dass man stattdessen mit Bengtsson einen Abwehrspieler holt, der sich auf 30 Metern vier Meter abnehmen lässt, ärgert mich maßlos. Berlin ist kein Dorfverein wie Hoffenheim, die Stadt hat fast vier Millionen Einwohner. Dazu liegt Polen vor der Tür, wo es auch ein sehr gutes Jugendsystem gibt.

Sie haben die erfolgreichen Berliner Jahre in den Siebzigern selbst miterlebt. Wie geht es Ihnen heute, wenn Sie den Niedergang verfolgen?

Ich sitze bei jedem Spiel auf der Tribüne. Dieter Hoeneß konnte die Spieler aus den Siebzigern nicht leiden. Wenn ihn beispielsweise ein verdienstvoller Spieler wie Erich Beer um Karten gebeten hat, hieß es: »Kauf dir die selber!« Uwe Kliemann hat sich schriftlich um eine Stelle als Jugendscout beworben – und Hoeneß schrieb nicht einmal zurück! Ich hoffe, dass das mit Preetz anders wird.

Was muss sich ändern?


Das Scouting-System muss total überarbeitet werden. Dass ein Spieler wie Pejcinovic von Lucien Favres Sohn gesichtet und daraufhin verpflichtet wird, darf es nicht mehr geben. Außerdem hoffe ich, dass sich im Mai einige alte Hertha-Spieler für die Wahl zum Vorstand zur Verfügung stellen – wie beim FC Bayern.

Kann Hertha BSC überhaupt noch die Klasse halten?

Nach dem Spiel gegen Leverkusen habe ich große Hoffnungen. Ich glaube, dass alle Spieler jetzt den Knall gehört haben. Ramos hat vorne die nötige Schnelligkeit, nur die Wucht fehlt ihm noch. Wenn sich Ramos festigt und wir Gekas bekommen, ist noch was drin.

Was halten Sie von Ramos?

Der denkt ja jetzt schon wieder über seinen Urlaub und seine Hochzeit nach – da lachen ja die Hühner! Der soll sich auf seinen Sport konzentrieren. Haben Sie mal gesehen, wie dünn der ist? Der Junge muss mal Muskulatur aufbauen. Wenn er aber über den Winter nach Südamerika fliegt, kommt er platt wieder.

Sind sechs Punkte nach der Hinrunde (falls es kein Wunder in München gibt) nicht zu wenig, um es noch zu schaffen?

Selbst bei den Bayern kann es eine Überraschung geben. Warum nicht ein 0:0 oder 1:1? Am Anfang der Rückrunde müssen wir in Hannover gewinnen und die beiden folgenden Heimspiele. Mit 15 Punkten wäre die Mannschaft dann wieder auf Tuchfühlung.

Wie erleben Sie derzeit die Stimmung im Verein und im Umfeld?

Die positive Fankultur gefällt mir sehr gut. Es geht keiner auf die Barrikaden wie anderswo, sondern alle wollen nur eines: Dass Hertha die Klasse hält. Auch deshalb glaube ich noch fest an den Klassenerhalt.

Was zeichnete die erfolgreiche Hertha-Mannschaft aus den Siebziger Jahren aus?

Heute zerstreuen sich die Spieler nach dem Training in alle Winde. Damals hatten wir ein Café und ein Restaurant, in dem der Großteil der Mannschaft verkehrte. Montags und Dienstags haben sich nach dem zweiten Training immer zehn bis fünfzehn Spieler auf ein paar Bierchen getroffen. Wir haben nicht nur über Privates gesprochen, sondern auch viel über Fußball. Das hat uns zur Spitzenmannschaft zusammengeschweißt.

Beschreiben Sie den Spieler Karl-Heinz Granitza für die jüngeren Leser!

Wenn es damals schon die Scorer-Rangliste gegeben hätte, wäre ich mit Abstand Erster geworden. In den USA bin ich in dieser Kategorie bis heute mit Abstand der Beste. Neben meinen 141 Toren habe ich auch an die 130 Tore aufgelegt.

Ein spielender Stürmer wie heute Miroslav Klose?

Genau. Vor Klose habe ich große Hochachtung, er ist einer meiner Lieblingsstürmer. Louis van Gaal tut ihm großes Unrecht. Es heißt immer, er habe so und so viele Spiele nicht getroffen. Ja, aber er war dann vielleicht wieder an zwei beteiligt! Klose ist ein Weltklassemann, der bei Real Madrid oder Barcelona spielen könnte.

In ihren Augen ein wichtiger Mann für Südafrika?


Er ist spielbestimmend, anerkannt und hat in der Nationalmannschaft über Jahre immer getroffen. Er ist für mich auf der Position ohne Wenn und Aber die Nummer 1 in Deutschland. Klose hat schon zehn Tore bei Weltmeisterschaften, in Südafrika kann er in der ewigen Rangliste sogar auf den ersten Platz rücken. Das sagt doch alles!

Wer waren Ihre Vorbilder?


Ich habe mir viel von Gerd Müller und Lorenz Horr abgeschaut. Müller war zusammen mit Beckenbauer das wohl beste Doppelpass-Duo, das es je gab, seine 365 Tore werden auf ewig unerreicht bleiben. Horr kam leider zu spät von Alsenborn zur Hertha, er war aber auch ein Weltklassestürmer.

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