Hermann Gerland über Jugendarbeit (Teil 1)

»Es bleiben einige auf der Strecke«

Für seine Dokumentation »Hauptsache Fußball« sprach Regisseur Andreas Bach mit Hermann Gerland über Jugendarbeit und Geduld im Fußball – zu sehen auf der DVD (ab 25. März im Handel), zu lesen hier im Director's Cut. Hermann Gerland über Jugendarbeit (Teil 1)Andreas Bach

Anmerkung: Das Interview wurde am 23. September 2010 geführt. Die ungekürzte Version (»Hermann Gerland unplugged«) ist auf der DVD »Hauptsache Fußball – Junge Profis auf dem Weg ins Spiel« enthalten (ab 25. März im Handel). Weitere Infos auf: www.hauptsachefussball-film.de.

>> Den zweiten Teil des Interviews lest ihr morgen auf 11freunde.de. <<


Hermann Gerland, Sie haben vor dem Interview den Faktor Zeit angesprochen. Sprechen wir also über Ihre Zeit: Sie sind Co-Trainer in der ersten Mannschaft und haben auch noch die zweite Mannschaft übernommen – das ist viel.


Hermann Gerland: Von der Zeit her ist es aufwendig, überhaupt keine Frage. Mir macht es dennoch nichts aus. Momentan bedrückt mich nur der Tabellenstand der zweiten Mannschaft. Wir spielen ordentlich, aber wir schießen zu wenig Tore und  lassen stets eines zu. So sind wir aktuell Tabellenletzter. Und das war ich noch nie. Das bedrückt mich.

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Eben hatte die Mannschaft Training. Wie man sieht und hört, ist die Ansprache auf dem Platz recht hart. Verkraften es alle Spieler, wenn sie so direkt auf ihre Mängel angesprochen werden?

Hermann Gerland: Was soll ich machen? 14 Tage warten und sagen: »Du hast da im Training den und den Fehler gemacht«? Die wissen ganz genau, dass die Bälle flach gespielt werden müssen, die wissen, wer Links- und wer Rechtsfuß ist. Und deshalb möchte ich, dass der Linksfuß auf links angespielt wird und der Rechtsfuß auf rechts. Oder dass sie sich verschieben und dass sie genau wissen, mit welcher Geschwindigkeit der erste Ball gespielt werden muss, der zweite und der dritte. Denn die Geschwindigkeit richtet sich nach den Distanzen. Das üben wir seit vier Monaten und wenn es dann nicht klappt, bin ich natürlich unzufrieden. Ich weiß, dass das nicht einfach für die Spieler ist.

Ab wann kann man bei einem jungen Spielern denn erkennen, ob er in der ersten Mannschaft mithalten kann oder generell bundesligatauglich ist?

Hermann Gerland: Ich denke, dass ich das relativ früh erkennen kann. Bei 16-Jährigen konnte ich es immer richtig voraussagen. Zuletzt habe ich eine Prognose bei einem Zwölfjährigen gemacht, heute ist er 14. Da weiß ich noch nicht, ob ich Recht behalten werde. Aber ich bin sehr, sehr sicher, dass er es schafft.

Hier beim FC Bayern?

Hermann Gerland: Ja, auch bei Bayern. Natürlich ist da immer noch die Frage: Wie entwickelt sich der Spieler körperlich und mental? Irgendwann kommt die Pubertät, dann kommt die Freundin dazu. Bleibt er beim Fußball oder hat er andere Dinge im Kopf? Das kann ich nicht beurteilen – ebensowenig die Lernfähigkeit. Aber wenn ich sehe, was dieser 14-Jährige jetzt kann, wie er Fußball spielt, wie er den Ball behandelt, dann kann ich sagen: Das ist außergewöhnlich gut. Zudem hat er hat einen hohen Fleiß. Und er bringt die nötige Härte mit. Ich habe vor zwei Jahren ein Spiel gesehen, bei dem er einen Ball aus zwei Metern voll auf die Nase geschossen bekommt. Ich denke: »Oh! Mal sehen, was jetzt passiert!« Er hat einmal so gemacht (schnieft und schüttelt den Kopf, Anm. d. Red.) und weiter gespielt. In dem Moment wusste ich, dass der Junge auch mit Schmerzen umgehen kann. Ich hoffe, dass er ein Spieler für Bayern München werden wird.



Ist diese Zähigkeit heute der wichtigste Faktor? Die jungen Spieler kriegen inzwischen viel ab – bis sie 20 oder 21 sind, hat manch einer schon eine richtige Verletzungsgeschichte hinter sich.


Hermann Gerland: Nicht nur Verletzungen. Es ist insgesamt viel schwieriger geworden als zu unseren Zeiten. Die jungen Spieler haben heute 1000 Berater und 1000 Freunde, die ihnen auf die Schulter klopfen und immer sagen, was sie alles können und wie gut sie sind. Wenn der Trainer etwas anderes sagt, dann ist der Trainer derjenige, der keine Ahnung vom Fach hat. Doch es ist einfach so, dass wir hier einen sehr hohen Anspruch haben. Wir bilden aus für den FC Bayern München. Und wenn der Spieler es bei den Bayern schafft, Stammspieler zu werden, ist er automatisch im Nationalkader. Vor drei Jahren habe ich dem Uli Hoeneß gesagt, Mats Hummels und Holger Badstuber werden in vier Jahren das Innenverteidiger-Paar für Deutschland sein. Da haben mich alle belächelt.

Nun spielt Mats Hummels in Dortmund.

Hermann Gerland: Hier waren vier Innenverteidiger und da war kein Platz für ihn. Er ist nach Dortmund gegangen und hat dort seinen Weg gemacht. Ich sehe natürlich liebend gern die Spieler, die wir hier ausbilden. Dazu muss man sagen, dass ich natürlich nicht alleine arbeite, es gibt eine gesamte Abteilung. Da sind Scouts, die kennen Sie und auch Bayern-Mitarbeiter gar nicht. Neulich fragte mich etwa Louis van Gaal: »Was macht der Mann denn da?« Und ich sagte: »Der hat den Lahm und den Schweinsteiger und den Ottl und den Müller zum FC Bayern München gebracht. Und der arbeitet im Scoutingbereich und ist sehr nett. Er kommt aus Westfalen, ist aber schon etwas über 60 Jahre. Er hat diese Spieler schon früh entdeckt.« Nicht zu vergessen sind die Jugendtrainer unter mir. Wir haben außerdem eine sehr gute medizinische Abteilung. Es ist alles perfekt. Und trotzdem erwarten wir auch, dass die Jungs ihre Ausbildung machen oder die Schule beenden. Danach können sie sich total auf Fußball konzentrieren und versuchen, Profi zu werden.

Auch Bochums Nachwuchskoordinator Frank Heinemann sagt, junge Spieler müssten einen Beruf lernen, schließlich schafft es nicht jeder in eine der 18 Bundesligamannschaften. Ein Plan B ist für die Spieler also wichtig?

Hermann Gerland: (überlegt kurz) Früher habe ich das auch so gesehen, aber ich habe selber Kinder – drei Mädchen –, die haben alle eine erstklassige Ausbildung gemacht, doch der Verdienst ist nicht so hoch. Es ist die aktuelle wirtschaftliche Lage, die Leute kriegen keinen festen Arbeitsvertrag, und viele mit einer erstklassigen Ausbildung stehen auf der Straße. Das habe ich früher anders gesehen. Wenn ich erkenne, dass ein Spieler übermäßiges Talent hat, dann sage ich: »Mach' deine Schule zu Ende und dann kümmerst du dich ausschließlich um Fußball.« Das ist aber bisher nur bei denen passiert, die hinterher auch etwas im Fußball geworden sind. Bei den anderen sage ich: »Überleg dir, ob du nur auf die Karte Fußball setzt. Mach ein Studium nebenher. Ich weiß nicht, ob deine Qualitäten im Fußball ausreichen, dass du dir später ein sorgenfreies Leben gestalten kannst.«

Sie haben die Vernetzung angesprochen. Die vielen Personen, die beim FC Bayern helfen, um Spieler zu finden und diese zu beurteilen. Mit welchem Blick gucken Sie auf diese Spieler? Was muss ein Scout…

Hermann Gerland: ...ich bin kein Scout. Ich bin hier für die tägliche Arbeit zuständig. Ich habe nicht die Zeit, dass ich einen Spieler über einen Zeitraum von zwei oder drei Monaten beobachten kann. Wenn ein Spieler hier ist, dann sehe ich ihn in einem Spiel. Und da kann ich schon erkennen, welche Fähigkeiten er hat. Aber wenn man einen Spieler beobachten will, der ja auch was kostet, dann muss man sich sicher sein, und dann muss man ihn sehr lange beobachten. Es ist auch für den jungen Spieler besser.

Inwiefern?

Wenn wir einen Jungen von außerhalb holen, wird er kontinuierlich von der Presse begleitet. Das heißt, die Reporter stehen mit einem Mal vor der Haustür und machen Interviews. Und die Familie? Die ist erstmal nur stolz. Dann wird der Junge aus seinem familiären Umfeld gezogen und er muss vielleicht in einem anderen Bundesland zur Schule gehen. Und später kommt er wieder heim, ohne Profivertrag und dann sagen die anderen: »Guck mal da, der hat's doch nicht geschafft!« Das ist bei der Arbeit zu berücksichtigen. Wenn wir also ein Talent holen, dann müssen wir felsenfest überzeugt sein, dass er zumindest den Sprung in meine Mannschaft schaffen wird. Aber das ist nicht so einfach. Da bleiben einige auf der Strecke.

Verlieren Sie dann den Kontakt oder beobachten Sie die Spieler weiter aus der Ferne?

Hermann Gerland: Wenn die einmal bei mir waren, dann schaue ich natürlich jedes Mal im »kicker« nach: Haben sie gespielt? Wie haben sie gespielt? Und dann freue ich mich, wenn sie gute Leistung bringen und ich freue mich, dass sie woanders in der Bundesliga Fuß gefasst haben. Das ist doch normal, oder nicht? 

Gab es den Fall, wo Sie sich getäuscht haben?

Hermann Gerland: Bisher nicht. Einem wie Sandro Wagner hätte ich allerdings nicht unbedingt zugetraut, dass er in der Bundesliga spielt. Der hat bei mir in 42 oder 43 Spielen zwei Tore geschossen. Das ist tatsächlich der Spieler, bei dem ich sagen könnte: »Er hat mich eines besseren belehrt.« Wobei man erst einmal abwarten muss. Schließlich ist man noch kein Bundesligaspieler, wenn man dreimal eingewechselt wird.

Sie haben Ihren Spieler Frank Heinemann einst nicht zu Arminia Bielefeld gelassen, weil Sie wollten, dass er beim VfL Bochum groß wird. Zuletzt gab es eine ähnliche Situation, als Sie Holger Badstuber und Thomas Müller nicht nach Hoffenheim geschickt haben.

Hermann Gerland: Wir bilden hier aus, auch, weil es etwas Faszinierendes für die gesamte Abteilung ist. Jeder Trainer, der Thomas Müller in seiner Mannschaft hatte, kann sagen: »Ich habe ihn gefördert und gefordert!« Und jeder von den Jungs war daran beteiligt. Es ist doch etwas Wunderbares, wenn man aus der Region kommt und Spieler ausbildet, und die später Deutscher Meister, Pokalsieger und  Vize-Champions League-Sieger werden. Daher möchte ich es natürlich lieber sehen, dass er für Bayern München spielt als für Hoffenheim. Und wenn sie das Zeug dafür haben, sollen sie hier spielen, für den besten Verein.

Wie war es bei Heinemann, den Sie in Bochum trainierten?

Bei »Funny« war es ähnlich. Der war nicht so talentiert wie Müller und Badstuber, aber vom Charakter her ein wunderbarer Junge, den man in Bochum ein bisschen veräppeln wollte (und der deswegen zu Arminia Bielefeld wechseln wollte, Anm. d. Red.). Und da hab ich gesagt: »Frank, pass mal auf, wir machen einen Deal: Du kriegst dein Gehalt von Krupp (Heinemann hatte dort seine Ausbildung absolviert, Anm. d. Red.) und das, was du bei den Amateuren verdienst. Du trainierst bei mir, bleibst Amateur. Und wenn du's schaffst, ist gut. Wenn du es nicht schaffst, kannst du ein Jahr später nach Bielefeld gehen.« Und – er ist immer noch in Bochum. Er war Cheftrainer und er hat ein Pokalfinale bestritten. Und wir sehen uns zwei oder dreimal im Jahr und freuen uns und trinken einen zusammen und erzählen uns, wie gut wir früher waren.

Whisky-Cola?

Hermann Gerland: Ich: Whisky-Cola light!

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