29.07.2013

Hermann Gerland über die schönsten Momente des FC Bayern

»Was spielen die Jungs für einen super Fussball«

Der Sieg im Supercup 2012 gegen Dortmund wäre die wichtigste Station in der vergangengen Triple-Saison des FC Bayern gewesen, meint Hermann Gerland. In unserer Ausgabe #140 trafen wir den Trainerassistenten und sprachen mit ihm über Pep Guardiola, den schwärzesten Tag seines Lebens und die Fingerkuppe von Kai Pflaume.

Interview: Christoph Biermann Bild: Imago

Hat er als Reaktion auf die Niederlage gegen Chelsea seine Arbeitsweise geändert?
Nein, das musste er auch nicht. Jupp Heynckes hat nämlich eine unvorstellbar wichtige Fähigkeit: Er vermittelt jedem Mitarbeiter, dass er wichtig ist. Den Spielern und allen drum herum. Ob für den Platzwart, den Zeugwart oder die Angestellten auf der Geschäftsstelle, er hat für sie immer ein nettes Wort. Haben Sie schon mal gesehen, dass er sich mit einem Kollegen angelegt hat? Oder mit dem Schiedsrichter? Er beschimpft auch keinen Spieler der gegnerischen Mannschaft, der einen von uns umnietet. Er ist souverän und in jeder Beziehung ein Gentleman.

Das konnte man – bei allem Respekt – früher über Sie als Cheftrainer nicht sagen.
Das stimmt schon. Ich habe oft so rumgebrüllt, dass ich hinterher gedacht habe: Hast du noch alle auf der Latte? Ich habe meinem Assistenten Gerd Müller immer gesagt, dass er mich festhalten soll, wenn ich aufspringe. Das habe ich zehn Minuten ausgehalten und bin dann wieder hoch wie ein HB-Männchen, wenn einer Mist gemacht hat.

Bei Jupp Heynckes war in dieser Saison auffallend, wie sehr ihn die Spieler immer wieder gefeiert haben.
Die Mannschaft liebt ihn, auch wenn das vielleicht ein etwas komischer Ausdruck ist.

Wofür liebt sie ihn?
Er musste viele schwere Gespräche führen. Wie schwer sie waren, das habe ich ihm angesehen, wenn er zurückgekommen ist. Wir haben zum Beispiel drei Topstürmer. Der eine ist der beste Fußballer, der andere ist am wuchtigsten, schnellsten und unglaublich dynamisch, der Dritte spielt phantastisch gegen den Ball. Meistens müssen zwei draußen bleiben, und das musste ihnen der Trainer erklären. Irgendwann habe ich mal zu Jupp gesagt: »Das ist so, als ob damals Gerd Müller, Klaus Fischer und du in einer Mannschaft gespielt hätten.« Mario Mandzukic wäre in der Torjägerliste ganz vorne gewesen, wenn er alle Spiele gemacht hätte. Mario Gomez und Claudio Pizarro auch. Das ist schwierig für Stürmer, weil sie an ihren Toren gemessen werden.

Trotzdem wirkte es nach außen, als ob kaum Konflikte entstanden wären.
Jupp hat das unvorstellbar gut gemacht. Immer den Spieler direkt geholt, ihm seine Entscheidung begründet, in einer Art, die sensationell ist. Ganz ehrlich: Ich könnte das nicht. Ich hätte Angst davor, einem Mario Gomez zu sagen, dass er heute nicht spielt. Außerdem hat er nicht nur angekündigt, dass er rotiert, sondern es auch getan. Trotzdem musste er aktuelle Nationalspieler auf die Tribüne schicken, wenn alle fit waren. Sag’ das mal einem Tymoschtschuk, der 128 Länderspiele für die Ukraine gemacht hat. Oder einem Van Buyten oder egal wem. Auf der anderen Seite braucht man diese Breite an erstklassigen Spielern, um drei Wettbewerbe erfolgreich bestreiten zu können.

Diese Mannschaft ist ein wenig auch Ihre Mannschaft, weil Sie Spieler wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, David Alaba, Holger Badstuber oder Thomas Müller über viele Jahre im Nachwuchs des FC Bayern gefördert haben. Woran erkennen Sie ein Talent?
Ich kann das nicht erklären. Der liebe Gott hat mir ein Auge dafür gegeben. Ich kann übrigens auch für meine Frau einkaufen gehen und hinterher bekommt sie Komplimente: »Was hast du ein schönes Kleid an.«

Sie kaufen also ein, ohne dass Ihre Frau die Kleider vorher anprobiert?
Ja, sie muss nicht dabei sein.

Respekt, gutes Auge!
Ich habe mal mit meiner Frau vorm Fernseher gesessen und sie gefragt: »Was fällt dir an Kai Pflaume auf?« Sie hatte keine Ahnung und wahrscheinlich fällt es auch sonst niemandem auf, aber ihm fehlt eine Fingerkuppe.

Dafür muss man aber sehr genau hinschauen. Wahrscheinlich haben Sie ein besonderes visuelles Talent?
Weiß nicht, ich wundere mich nur manchmal darüber, was die anderen alles nicht sehen.

Haben Sie schon mal einen Spieler falsch gesehen?
Wir haben nie einen weggeschickt, der dann woanders Nationalspieler wurde. Die Entscheidungen habe ich damals immer mit Werner Kern abgesprochen, der den Nachwuchs jahrelang geleitet hat oder mit Heiko Vogel, der später als Trainer zum FC Basel ging. Ich habe jedem Spieler vier Jahre gegeben. Wenn er es dann nicht geschafft hat, habe ich gesagt: »Ich bin ein zu schlechter Trainer, um dich in die Bundesliga zu führen, du musst zu einem anderen wechseln.«

Aber Sie erkennen doch auch nicht auf den ersten Blick alles.
Nein. Dazu, Paolo Guerrero in unseren Nachwuchs aufzunehmen, habe ich mich erst breitschlagen lassen, obwohl ich gesehen habe, dass er nicht schnell war. Und ein Stürmer muss bei mir eigentlich schnell sein. Dann haben wir aber gesehen, dass er die beste Reaktionszeit von allen getesteten Spielern in dem Alter hatte. Außerdem hatte er Ecken und Kanten, hat sich nichts gefallen lassen und es auch geschafft, Bundesligaspieler zu werden.

Haben Sie mit Ihren Empfehlungen innerhalb des Klubs auch selbst unter Druck gestanden?
Klar, wenn vorher andere oben bei den Chefs waren, die nicht meiner Meinung waren und ich habe mich durchgesetzt, dann habe ich ganz schön gezittert. Dann musste das erste Spiel bei den Profis klappen, denn sonst war der Spieler erst einmal drei Monate wieder draußen. Wenn einer schlecht gespielt hatte, wäre ich montags am liebsten hintenrum zur Arbeit gegangen, um keinen Spruch zu bekommen im Stil von: »Na Hermann, war das dein künftiger Schwiegersohn.«
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