29.07.2013

Hermann Gerland über die schönsten Momente des FC Bayern

»Was spielen die Jungs für einen super Fussball«

Der Sieg im Supercup 2012 gegen Dortmund wäre die wichtigste Station in der vergangengen Triple-Saison des FC Bayern gewesen, meint Hermann Gerland. In unserer Ausgabe #140 trafen wir den Trainerassistenten und sprachen mit ihm über Pep Guardiola, den schwärzesten Tag seines Lebens und die Fingerkuppe von Kai Pflaume.

Interview: Christoph Biermann Bild: Imago

Hermann Gerland, Sie haben im September 1972 als Spieler in der Bundesliga debütiert und seitdem 41 Spielzeiten im Profifußball erlebt. War diese die schönste?
Natürlich, mit weitem Abstand. Es ist wunderschön, wenn man den begehrtesten Titel gewinnt, den es im Vereinsfußball gibt. Naja, ich habe die Champions League und das Triple nicht gewonnen, aber ich bin immerhin dabei gewesen.

Wo war es besonders schön?
In Barcelona! Schon unsere Spiele gegen Juventus waren überragend und das Hinspiel gegen Barcelona fantastisch, aber wie wir in Camp Nou aufgetreten sind: mein lieber Herr Gesangsverein! Wenn jemand vorher einen Euro darauf gesetzt hätte, dass der FC Bayern die beste Mannschaft der Welt mit insgesamt 7:0 schlägt, wäre er Millionär geworden. Für mich war es purer Genuss, diese Spiele zu sehen. Aber ich bin auch oft vom Training nach Hause gefahren und habe gedacht: »Meine Güte, was spielen die Jungs für einen super Fußball.«

Sie haben sich allerdings nach dem Halbfinalsieg in Barcelona beschwert, dass die Spieler nicht richtig gefeiert haben und so früh schlafen gehen wollten.
Und wir haben dann in der Hotelbar im 29. Stock auch noch weitergemacht. Ich bin eigentlich nicht so ein Feierbiest, aber da habe ich gedacht: Wenn man jetzt nicht feiert, wann will man es dann tun? Nur Jupp Heynckes hat gesagt: »Ich bin müde.« Aber das war für mich verständlich, denn von ihm ist da viel Druck abgefallen.

War Barcelona die wichtigste Station auf dem Weg zu den drei Titeln?
Nein, ich denke das war der Sieg im Supercup gegen Borussia Dortmund.

Das ist doch eigentlich nur ein besseres Freundschaftsspiel.
Aber wir hatten vorher so oft gegen Dortmund verloren, wie es das wahrscheinlich in den nächsten 100 Jahren beim FC Bayern nicht mehr geben wird. Später kam dann das Bundesligaspiel gegen Borussia dazu, das wir nicht verloren haben und der Sieg im Pokal. Aber auch dafür war der Sieg im Supercup wichtig.

Als der FC Bayern zehn Monate später auch das Finale der Champions League gewonnen hatte, wirkten alle weniger überschwänglich glücklich, sondern erst einmal nur ungeheuer erleichtert. Warum? 

In den ersten 20 Minuten in London habe ich mich gefragt: »Was ist denn hier los? Kriegen wir jetzt wieder eine geschmiert?« Hinterher haben mir die Jungs gesagt: »Hermann, wir konnten nicht laufen. Wir hatten schwere Beine, der Druck war so groß.«

Weil sie Angst hatten, weiter als »unvollendet«, »Chefchen« oder im entscheidenden Moment als Versager zu gelten?
Das weiß ich nicht. Aber ich bin Fußballer und ich weiß: Philipp Lahm spielt seit zehn Jahren in der Bundesliga, der Champions League und der Nationalmannschaft mindestens 50 Spiele im Jahr, und 45 davon auf Topniveau. Und dieser Spieler soll nicht Weltklasse gewesen sein? Wer ist denn dann Weltklasse? Karl-Heinz Rummenigge war einer der größten Spieler seiner Zeit, aber er war nicht Weltmeister. War er deshalb nicht Weltklasse?

Messen wir die Spieler an den falschen Maßstäben?
Bastian Schweinsteiger wird jetzt 29 Jahre alt, wie viele Meisterschaften hat er geholt?

Sechs.
Und wie oft hat er das Double aus Meisterschaft und Pokal geholt?

Auch sechs Mal.
Sehen Sie! Philipp Lahm und er standen in den letzten vier Jahren drei Mal im Finale der Champions League. Im letzten Jahr haben sie Chelsea an die Wand genagelt, aber alle Fußballgötter haben die schützende Hand über Chelsea gehalten. Und das sollen schlechte Spieler sein?

Aber ist es nicht der FC Bayern, der so auf Titel fixiert ist?
Klar, das Kriterium beim FC Bayern ist: Du musst alles gewinnen, was es zu gewinnen gibt. Und wir haben das Finale der Champions League verdient gewonnen. Aber es hätte auch sein können, dass der Schiedsrichter Dante vom Platz stellt und wir anschließend verlieren. Wären die Jungs, die eine so famose Saison gespielt haben, dann die Deppen? Das kann doch wohl nicht sein!

Welche Rolle hat das verlorene »Finale dahoam« im letzten Jahr für die Erfolge in diesem Jahr gespielt?
Wir haben am 19. Mai 2012 gegen Chelsea gespielt, und ich hatte gehofft, dass dieses Datum noch mal einigermaßen erfreulich für mich werden würde. Am 19. Mai 1964 ist nämlich mein Vater gestorben. Aber der Tag bleibt für mich ein schwarzer, weil unsere Leistung gegen Chelsea zwar super war, das Ergebnis aber tragisch.

Hat es die Mannschaft zusammengeschweißt?
Ich glaube schon. Jeder hat gewusst, dass es ungerecht war zu verlieren, aber im Fußball ist das Ergebnis nun mal das Wichtigste.

Und es ist nicht Bayern-like, eine ungerechte Niederlage zu beklagen.
Ist mir egal, ich bin kein Bayer, ich bin Westfale, und für mich war es ungerecht! Ich hab mir das Spiel nie wieder angeguckt. Ich brauchte Urlaub danach, weil ich total fertig war. Und im Urlaub habe ich mich dann vier Wochen lang richtig krank gefühlt.

Das dürfte Jupp Heynckes nicht anders gegangen sein.
Deshalb habe ich mich in London für ihn auch so gefreut, weil eine unvorstellbare Last endgültig von ihm abgefallen ist.

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