Hermann Gerland über Bayerns Trainer und seine Zukunft

»Mit Heynckes war es am schönsten«

Für seine Dokumentation »Hauptsache Fußball« sprach Regisseur Andreas Bach mit Hermann Gerland über Louis van Gaal und Bayerns Jugendarbeit – zu sehen auf der DVD (ab 25. März im Handel), zu lesen hier im Director's Cut. Hermann Gerland über Bayerns Trainer und seine Zukunft

Hermann Gerland, Sie sind ein Kind des Ruhrgebiets. Mittlerweile sind Sie aber, mal abgesehen von einigen kleineren Unterbrechungen, seit zwanzig Jahren in Süddeutschland. Wird es Sie eines Tages wieder tief in den Westen ziehen?

Hermann Gerland: Eines ist klar: Meine Frau möchte gerne hier bleiben. 

Und was ist mit Ihnen?

Hermann Gerland: Ich möchte gerne zurück. Aber ich möchte eben auch so lange bei Bayern München bleiben, wie es geht. Es ist einfach wunderbar, hier zu arbeiten. Ich habe nach wie vor einen sehr guten Draht zu meinen ehemaligen Spielern. Die werden von mir aber genauso hart angefasst wie die Spieler aus der jetzigen U23-Mannschaft. 

Wie hart ist denn Ihre Gangart im Training?

Hermann Gerland: Da habe ich mich nicht geändert. Ich verlange etwas von meinen Spielern. Ich weiß, dass es unangenehm ist, wenn man immer wieder auf Fehler hingewiesen wird. Aber ich kann eben nicht ständig sagen: »Haste gut gemacht, Junge.« Wenn ich Flachpässe sehen will und mein Spieler passt ihn halbhoch oder braucht 35 Sekunden, bis er ihn verarbeitet hat, muss man das klar ansprechen. Denn auf diesem Niveau ist der Ball im Spiel schon dreimal weg.   

Ihre ehemaligen Schüler Holger Badstuber und Diego Contento loben Ihre Art in höchsten Tönen.

Hermann Gerland: Wenn ein Spieler zu mir kommt, kriegt er von mir den Rat, den ich auch meinem Kindern geben würde. Die Jungs arbeiten eng mit mir zusammen und die Eltern haben großes Vertrauen in den FC Bayern. Dem will ich gerecht werden. 

Sie selbst haben drei Töchter. Verstehen die Ihre Liebe zum Fußball?

Hermann Gerland: Meine Töchter haben andere Sportarten für sich entdeckt. Sie spielen Volleyball, Tennis und gehen Reiten. Sie sind alle drei sehr schlau, aber das haben sie von der Mutter. Zwei studieren in Berlin, eine sogar in London. Mich stört es gewaltig, dass meine Frau und ich in München sind und unsere Kinder in ganz Europa verstreut leben. Man sieht sich kaum, kriegt nicht viel mit. Aber wir können es derzeit nicht ändern. 

Glauben Sie, dass Sie aufgrund Ihrer bodenständigen Art in fußballerischer Hinsicht unterschätzt werden?

Hermann Gerland: Ich habe oft von den sogenannten Fußballweisen gehört: »Badstuber, das ist doch ein Innenverteidiger. Ist der Gerland verrückt, ihn auf der Sechs spielen zu lassen?« Genauso war es mit Mats Hummels. 

Ist er verrückt?


Für mich haben die Jungs das Fußballspielen aber erst auf der Sechs gelernt. Wir brauchen doch heute Spieler, die aus der zentralen defensiven Position das Spiel öffnen können. Spieler, die damit umgehen können, dass sie von überall attackiert werden. Die nicht nervös werden, wenn  ein Gegenspieler nur zwei Meter von ihnen entfernt ist. Die wissen, wann man einen langen Ball schlagen muss. Die das Spiel erkennen. Das lernt man auf der Sechs. Das Kuriose ist, dass die Weisen, die einst die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen haben, hinterher eben diese Spieler unbedingt kaufen wollen.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Hermann Gerland: Ich glaube, der Holger Badstuber hatte 18 oder 19 Vereine aus dem bezahlten Fußball, die ihn wollten. Das Kuriose daran: Sein Vater Hermann und ich haben uns schon über ihn unterhalten, als der Junge noch gar nicht geboren war. Wir haben 1985 zusammen den Fußballlehrgang gemacht. Seitdem waren wir Freunde. Seit Holgers Geburt hat er mir immer berichtet, wie sich sein Junge entwickelt. Damals habe ich gesagt: »Hermann, wenn der so gut ist, kommt der zu mir. Denk daran!« 

Wie ging es weiter?

Hermann Gerland: Er hat mich oft besucht und wir haben permanent telefoniert. Eines Tages fragte ich ihn: »Hermann, wie ist dein Junge drauf?« Er sagte: „Glaub mir, der ist gut!“ Wenig später war Holger Badstuber dann Jugendspieler beim FC Bayern.

Sie haben ja seit 1990 sehr viele Bayern-Trainer erlebt. Welche Zeit war die schönste?

Hermann Gerland: Bevor Louis van Gaal kam, war ich fünf Wochen mit Jupp Heynckes bei den Profis. Jupp und mich verbindet einiges. Ich habe gegen ihn gespielt und war hinterher auch als Trainer sein Gegner. 1990 hat Jupp mich dann hier beim FC Bayern empfohlen. Ich hab seine Karriere immer verfolgt und ihm die Daumen gedrückt. Und als er vorletzte Saison wieder zurückkam, war ich wieder sein Co-Trainer. Mit dem Jupp hatte ich eine sehr schöne Zeit.

Sie arbeiten auch sehr eng mit Louis van Gaal zusammen. Was macht er anders als alle anderen?

Hermann Gerland: Seit er hier ist, hat sich einiges verändert.  Beim FC Bayern haben wir vor ihm immer gesagt: »Mia san mia!« Das heißt, die anderen sollen sich nach uns richten. Louis van Gaal hat eine ganz andere Strategie: Er richtet sich nach jedem Gegner. Der weiß über jeden Gegner alles. Es ist unvorstellbar, wie wir uns vorbereiten. Wie die Spieler beobachtet und analysiert werden und unsere Jungs dann auf jede Kleinigkeit hingewiesen werden. Das ist sensationell. Ich bin von seiner Arbeit überzeugt, denn ich hab noch nie jemanden gesehen, der es den Spielern so einfach macht. Weil er einfach erklärt, was in welcher Situation zu tun ist. Es wird in jedem Training gelehrt, warum wir das gemacht haben und jenes eben nicht.

Wie gehen die Spieler damit um?

Hermann Gerland: Louis van Gaal ist sehr direkt. Er spricht alles klar an, behandelt alle gleich. Genauso wie er mit Bastian Schweinsteiger oder Arjen Robben umgeht, so geht er auch mit Diego Contento um. Er sagt allen Spielern, wenn sie sich nicht so verhalten, wie die Situation es erforderte. Klipp und klar: »So! Das haben wir nicht so vereinbart. In dieser Situation hättest du das und das machen sollen.« Dann weiß, was er auf dem Platz zu machen hat. Das habe ich in der Form noch nie gesehen. 

Dann müssen Sie es ja wissen: Ist Fußball eigentlich ganz einfach?

Hermann Gerland: Wenn man sagt, man muss hinten nur ein Tor verhindern und vorne eins schießen, ist es einfach. Aber man muss elf Spieler zu einer Mannschaft zusammenfügen. Das ist ein riesiges Mosaik aus vielen kleinen Steinchen. Und dann muss jeder Spieler wissen, was jeder Einzelne zu tun hat. Wo muss ich helfen? Und wo muss der andere auch mir helfen? Das macht es dann schon wieder sehr komplex.  

Wird heutzutage vielleicht einfach zu viel über Taktik geredet?

Hermann Gerland: Am Ende kommt es auf die Qualität der Spieler an und darauf, dass man natürlich ein Wir-Gefühl haben muss, um über die normalen Leistungen hinausgehen zu können. Jeder muss sich sagen: »Ich bin zwar müde, aber ich lege mal noch eine Schippe drauf.«

Anmerkung: Das Interview wurde am 23. September 2010 geführt. Die ungekürzte Version (»Hermann Gerland unplugged«) ist auf der DVD »Hauptsache Fußball – Junge Profis auf dem Weg ins Spiel« enthalten (ab 25. März im Handel). Weitere Infos auf:www.hauptsachefussball-film.de.

»Hauptsache Fußball« läuft auch im Programm des wunderbaren Fußballfilmfestival 11mm, das vom 25. März bis zum 30. März in Berlin stattfinden wird .

Hier geht's zum ersten Teil des Interviews >>>

Eine ganz persönliche Frage: Was bedeutete Fußball für Sie in Ihrer Kindheit?

Hermann Gerland: Für mich war Fußball alles. Ich war immer sehr wild, diese Aggressivität steckt bis heute in mir. Beim Fußball konnte ich mich draußen austoben, meine Kalorien verbrennen. Ich war immer sehr mannschaftsdienlich und habe geholfen, wo ich konnte – auf dem Platz und außerhalb. Für mich ist das nach wie vor etwas Wunderschönes.

Glauben Sie, Sie würden es heute noch mal zum Profi schaffen?

Hermann Gerland: Ich denke, wenn ich Louis van Gaal als Trainer gehabt hätte, wäre ich ein ganz großer Verteidiger geworden.

Wo hätte er Sie denn entscheidend verbessern können?

Hermann Gerland: Was hat man denn früher beigebracht bekommen? Der Trainer hat dir gesagt: »Du spielst heute hier auf der rechten Seite, heute spielst du gegen Willi Lippens, morgen spielst du gegen Jupp Heynckes, übermorgen gegen Erwin Kremers oder Schorsch Volkert!« Das war es.  Und das war das Problem. Heute weiß doch jeder Spieler, was der Gegner kann: Ist der schnell? Wie schnell? Ist er Rechtsfuß oder ein Linker? 

Früher blieb Ihnen nur das Videostudium in der Sportschau.

Hermann Gerland: Da wurden die Spiele doch nur zwanzig Minuten oder eine halbe Stunde gezeigt, aber meistens nur Bayern München. In den Siebzigern kamen noch Köln, Hamburg und Gladbach. Mannschaften wie Bochum sah man doch nur, wenn es gegen die großen Klubs ging.

War der Job des Fußball-Profis zu Ihrer Zeit schöner?

Hermann Gerland: Für mich war das früher eher ein Hobby, heute ist es ein echter Beruf. Wenn ein Thomas Müller oder ein Holger Badstuber drei oder vier Jahre dabei sind, brauchen die sich um ihre Zukunft keine Sorgen mehr zu machen. Wenn sie normal bleiben! Dann haben sie schon so viel Geld, dass sie bis zum Lebensende damit auskommen können. Das war bei uns nicht der Fall. Ich kenne viele, die mit mir zusammen gespielt haben und die in große finanzielle Not geraten sind. 

Leistungszentren scheinen das Allheilmittel für eine hervorragend ausgebildete Jugend in den deutschen Vereinen zu sein. Schätzen Sie das auch so ein?

Hermann Gerland: Das kann ich nicht sagen, weil ich mich damit nicht so befasse. Ich bin auf dem Platz, das ist mein Metier. Ich weiß nur, dass wir da ein Kopfballpendel haben und ich der Einzige bin, der da dran geht. Es ist zwar Pflicht, dass jedes Leistungszentrum ein Kopfballpendel hat, aber was nützt es, wenn man eins hat und dann geht keiner dran?

Welche neuen Anstöße konnte Van Gaal in seiner Amtszeit im Jugendbereich anbringen?

Hermann Gerland: Ich habe die ersten sechs Wochen bei den Profis genau beobachtet und gesehen, wie wir uns verbessert haben, vor allem im Passspiel. Dann bin ich zu unseren Jugendtrainern gegangen und habe gesagt: »Pass mal auf, folgende Übungen find ich genial. Die nehmen wir in unser Trainingsprogramm auf. Ich zeig sie euch, gerne auch mehrfach.« Dann haben wir lange gefeilt, probiert und jeden Pass analysiert. Stundenlang – für eine Übung! Diese Akribie gab es vorher sicher nicht.

Viele Experten sagen, dass das Spiel, zumindest was die technische und physische Entwicklung der Spieler betrifft, heute an einem Endpunkt angekommen sei. Glauben Sie daran?

Hermann Gerland: Ich habe mal mit Arjen Robben über die Unterschiede geredet. Er war der Meinung, dass wir früher alle Zeitlupenfußball gespielt haben. Aber ich bin damals die 100 Meter auch um die elf Sekunden gelaufen und 1000 Meter in drei Minuten. Im Spiel ging es pro Halbzeit mindestens zehn Mal von hinten nach vorne – im Sprint. Natürlich war das Spiel ganz anders als heute, aber wir konnten auch laufen. Wir haben nur nicht so viel trainiert. Wir hatten keine Ahnung von richtiger Ernährung, eine ganz andere medizinische Betreuung. Nach einem anstrengenden Training bei 40°C im Schatten  durfte man ein Glas Wasser trinken. 0,2 Liter! Damit hat man seinen Mund ausgespült, also im Endeffekt vielleicht einen Schluck Wasser getrunken. Und trotzdem hatte man ein schlechtes Gewissen, weil man dachte, man könnte jetzt nicht mehr laufen. 

Das grenzte an Körperverletzung.

Hermann Gerland: Heute kann man sich das nicht mehr vorstellen. Nach zehn Minuten Training wird schon Wasser getrunken. Das ganze Thema Regeneration: Wir haben heute vier Masseure und was weiß ich wie viele Bänke, wir haben Ärzte die permanent hier sind. Früher hatten wir eine Bank und einen Masseur –  der war auch nur halbe Tage da. Daran sieht man, wie sich alles verändert hat. Aber das ist der richtige Weg.

Blicken wir am Ende in die Amateurmannschaft des FC Bayern: Gibt im Nachwuchs Spieler, die man an die erste Mannschaft heranführen kann?

Hermann Gerland:  Ich denke, das wird schwierig. Momentan traue ich mich noch nicht zu sagen, dieser oder jener wird es schaffen. Viele sind noch zu jung. Und die, die ich momentan habe, die sind nicht gut genug. Wie soll ich es sagen? Die 84er waren ein super Jahrgang: Lell, Trochowski, Rensing, Schweinsteiger – das war ein Paradejahrgang. 1985 war dann Andreas Ottl und letzte Saison kamen die ganz Jungen: 1989 Badstuber, 1990 Contento und Müller. Mal kommen drei, vier auf einmal und mal kommt zwei Jahre lang gar nichts. Das passiert. 

Anmerkung: Das Interview wurde am 23. September 2010 geführt. Die ungekürzte Version (»Hermann Gerland unplugged«) ist auf der DVD »Hauptsache Fußball – Junge Profis auf dem Weg ins Spiel« enthalten (ab 25. März im Handel). Weitere Infos auf:www.hauptsachefussball-film.de.

»Hauptsache Fußball« läuft auch im Programm des wunderbaren Fußballfilmfestival 11mm, das vom 25. März bis zum 30. März in Berlin stattfinden wird .

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