16.03.2011

Hermann Gerland über Bayerns Trainer und seine Zukunft

»Mit Heynckes war es am schönsten«

Für seine Dokumentation »Hauptsache Fußball« sprach Regisseur Andreas Bach mit Hermann Gerland über Louis van Gaal und Bayerns Jugendarbeit – zu sehen auf der DVD (ab 25. März im Handel), zu lesen hier im Director's Cut.

Interview: Andreas Bach Bild: Imago
Hermann Gerland, Sie sind ein Kind des Ruhrgebiets. Mittlerweile sind Sie aber, mal abgesehen von einigen kleineren Unterbrechungen, seit zwanzig Jahren in Süddeutschland. Wird es Sie eines Tages wieder tief in den Westen ziehen?

Hermann Gerland: Eines ist klar: Meine Frau möchte gerne hier bleiben. 

Und was ist mit Ihnen?

Hermann Gerland: Ich möchte gerne zurück. Aber ich möchte eben auch so lange bei Bayern München bleiben, wie es geht. Es ist einfach wunderbar, hier zu arbeiten. Ich habe nach wie vor einen sehr guten Draht zu meinen ehemaligen Spielern. Die werden von mir aber genauso hart angefasst wie die Spieler aus der jetzigen U23-Mannschaft. 

Wie hart ist denn Ihre Gangart im Training?

Hermann Gerland: Da habe ich mich nicht geändert. Ich verlange etwas von meinen Spielern. Ich weiß, dass es unangenehm ist, wenn man immer wieder auf Fehler hingewiesen wird. Aber ich kann eben nicht ständig sagen: »Haste gut gemacht, Junge.« Wenn ich Flachpässe sehen will und mein Spieler passt ihn halbhoch oder braucht 35 Sekunden, bis er ihn verarbeitet hat, muss man das klar ansprechen. Denn auf diesem Niveau ist der Ball im Spiel schon dreimal weg.   

Ihre ehemaligen Schüler Holger Badstuber und Diego Contento loben Ihre Art in höchsten Tönen.

Hermann Gerland: Wenn ein Spieler zu mir kommt, kriegt er von mir den Rat, den ich auch meinem Kindern geben würde. Die Jungs arbeiten eng mit mir zusammen und die Eltern haben großes Vertrauen in den FC Bayern. Dem will ich gerecht werden. 

Sie selbst haben drei Töchter. Verstehen die Ihre Liebe zum Fußball?

Hermann Gerland: Meine Töchter haben andere Sportarten für sich entdeckt. Sie spielen Volleyball, Tennis und gehen Reiten. Sie sind alle drei sehr schlau, aber das haben sie von der Mutter. Zwei studieren in Berlin, eine sogar in London. Mich stört es gewaltig, dass meine Frau und ich in München sind und unsere Kinder in ganz Europa verstreut leben. Man sieht sich kaum, kriegt nicht viel mit. Aber wir können es derzeit nicht ändern. 

Glauben Sie, dass Sie aufgrund Ihrer bodenständigen Art in fußballerischer Hinsicht unterschätzt werden?

Hermann Gerland: Ich habe oft von den sogenannten Fußballweisen gehört: »Badstuber, das ist doch ein Innenverteidiger. Ist der Gerland verrückt, ihn auf der Sechs spielen zu lassen?« Genauso war es mit Mats Hummels. 

Ist er verrückt?


Für mich haben die Jungs das Fußballspielen aber erst auf der Sechs gelernt. Wir brauchen doch heute Spieler, die aus der zentralen defensiven Position das Spiel öffnen können. Spieler, die damit umgehen können, dass sie von überall attackiert werden. Die nicht nervös werden, wenn  ein Gegenspieler nur zwei Meter von ihnen entfernt ist. Die wissen, wann man einen langen Ball schlagen muss. Die das Spiel erkennen. Das lernt man auf der Sechs. Das Kuriose ist, dass die Weisen, die einst die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen haben, hinterher eben diese Spieler unbedingt kaufen wollen.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Hermann Gerland: Ich glaube, der Holger Badstuber hatte 18 oder 19 Vereine aus dem bezahlten Fußball, die ihn wollten. Das Kuriose daran: Sein Vater Hermann und ich haben uns schon über ihn unterhalten, als der Junge noch gar nicht geboren war. Wir haben 1985 zusammen den Fußballlehrgang gemacht. Seitdem waren wir Freunde. Seit Holgers Geburt hat er mir immer berichtet, wie sich sein Junge entwickelt. Damals habe ich gesagt: »Hermann, wenn der so gut ist, kommt der zu mir. Denk daran!« 

Wie ging es weiter?

Hermann Gerland: Er hat mich oft besucht und wir haben permanent telefoniert. Eines Tages fragte ich ihn: »Hermann, wie ist dein Junge drauf?« Er sagte: „Glaub mir, der ist gut!“ Wenig später war Holger Badstuber dann Jugendspieler beim FC Bayern.

Sie haben ja seit 1990 sehr viele Bayern-Trainer erlebt. Welche Zeit war die schönste?

Hermann Gerland: Bevor Louis van Gaal kam, war ich fünf Wochen mit Jupp Heynckes bei den Profis. Jupp und mich verbindet einiges. Ich habe gegen ihn gespielt und war hinterher auch als Trainer sein Gegner. 1990 hat Jupp mich dann hier beim FC Bayern empfohlen. Ich hab seine Karriere immer verfolgt und ihm die Daumen gedrückt. Und als er vorletzte Saison wieder zurückkam, war ich wieder sein Co-Trainer. Mit dem Jupp hatte ich eine sehr schöne Zeit.

Sie arbeiten auch sehr eng mit Louis van Gaal zusammen. Was macht er anders als alle anderen?

Hermann Gerland: Seit er hier ist, hat sich einiges verändert.  Beim FC Bayern haben wir vor ihm immer gesagt: »Mia san mia!« Das heißt, die anderen sollen sich nach uns richten. Louis van Gaal hat eine ganz andere Strategie: Er richtet sich nach jedem Gegner. Der weiß über jeden Gegner alles. Es ist unvorstellbar, wie wir uns vorbereiten. Wie die Spieler beobachtet und analysiert werden und unsere Jungs dann auf jede Kleinigkeit hingewiesen werden. Das ist sensationell. Ich bin von seiner Arbeit überzeugt, denn ich hab noch nie jemanden gesehen, der es den Spielern so einfach macht. Weil er einfach erklärt, was in welcher Situation zu tun ist. Es wird in jedem Training gelehrt, warum wir das gemacht haben und jenes eben nicht.

Wie gehen die Spieler damit um?

Hermann Gerland: Louis van Gaal ist sehr direkt. Er spricht alles klar an, behandelt alle gleich. Genauso wie er mit Bastian Schweinsteiger oder Arjen Robben umgeht, so geht er auch mit Diego Contento um. Er sagt allen Spielern, wenn sie sich nicht so verhalten, wie die Situation es erforderte. Klipp und klar: »So! Das haben wir nicht so vereinbart. In dieser Situation hättest du das und das machen sollen.« Dann weiß, was er auf dem Platz zu machen hat. Das habe ich in der Form noch nie gesehen. 

Dann müssen Sie es ja wissen: Ist Fußball eigentlich ganz einfach?

Hermann Gerland: Wenn man sagt, man muss hinten nur ein Tor verhindern und vorne eins schießen, ist es einfach. Aber man muss elf Spieler zu einer Mannschaft zusammenfügen. Das ist ein riesiges Mosaik aus vielen kleinen Steinchen. Und dann muss jeder Spieler wissen, was jeder Einzelne zu tun hat. Wo muss ich helfen? Und wo muss der andere auch mir helfen? Das macht es dann schon wieder sehr komplex.  

Wird heutzutage vielleicht einfach zu viel über Taktik geredet?

Hermann Gerland: Am Ende kommt es auf die Qualität der Spieler an und darauf, dass man natürlich ein Wir-Gefühl haben muss, um über die normalen Leistungen hinausgehen zu können. Jeder muss sich sagen: »Ich bin zwar müde, aber ich lege mal noch eine Schippe drauf.«

Anmerkung: Das Interview wurde am 23. September 2010 geführt. Die ungekürzte Version (»Hermann Gerland unplugged«) ist auf der DVD »Hauptsache Fußball – Junge Profis auf dem Weg ins Spiel« enthalten (ab 25. März im Handel). Weitere Infos auf:www.hauptsachefussball-film.de.

»Hauptsache Fußball« läuft auch im Programm des wunderbaren Fußballfilmfestival 11mm, das vom 25. März bis zum 30. März in Berlin stattfinden wird .

Hier geht's zum ersten Teil des Interviews >>>
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