21.09.2008

Heribert Bruchhagen im Interview

»Aus der Talsohle«

Im kommenden Heft portraitieren wir Eintracht Frankfurt, die »launische Diva«, die sich dank guter Führung im Mittelfeld der Bundesliga etabliert hat. Hier spricht Heribert Bruchhagen über seine Visionen und den »moderenen Städtekampf«.

Interview: Tim Jürgens und Jens Kirschneck Bild: Imago
Heribert Bruchhagen im Interview
Das Stadion ist voll, die Business-Seats sind ausverkauft. Das Geld, das zu generieren ist, wird eingenommen. Die logische Folge bei einem Bundesligisten ist doch, in absehbarer Zeit auch mal wieder in die Spitzengruppe vordringen zu wollen.

Ohne internationale Fernsehgelder, spielt man in der Bundesliga eben im Mittelfeld. Um diesen Kreis zu durchbrechen, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Zum Beispiel, indem man Marketingrechte veräußert. Das kann man machen, aber wir wollen das nicht.

Mit anderen Worten: Eintracht-Fans müssen sich bis auf Weiteres mit dem Mittelmaß begnügen.

Unsere Vision ist, dass Eintracht Frankfurt ein fester Bestandteil des modernen »Städtekampf Bundesliga« ist. Wir müssen dafür sorgen, dass wir zumindest zuhause auch mal in der Lage sind, gegen jeden Gegner zu gewinnen. Das heißt, wir bieten unseren Fans Spiele auf höchstem Niveau in diesem Land, ohne dass die Zuschauer schon vorher ahnen können, wie diese Spiele ausgehen. Denn das hält den Sport so attraktiv.

Ist es denn wirklich eine Vision, den Leuten zu sagen, dass Sie froh sein können, wenn Eintracht Frankfurt in der Bundesliga spielt?

Visionen in der Bundesliga sind nur etwas für Leute, die wenig Informationen haben. Die Tatsache, dass jeder Verein vor der Saison ein Ziel ausgibt, das oberhalb dessen liegt, was er in der vergangen Jahren erreicht hat, impliziert doch schon, dass von 18 Vereinen mindestens zwölf hinter den Erwartungen bleiben. Im Sport bedingt der Erfolg des Einen den Misserfolg des Anderen. Und daraus resultiert dann über Medien und Publikum eine Unzufriedenheit, die zu Dingen wie Trainerentlassungen führt.

Aber Fußball ist auch ein Spiel mit Träumen und Emotionen. Im letzten Jahr wurde Ihr Verein neunter.  Mit den Transfers von Caio und Fenin haben sie Einkäufe getätigt, die noch vor vier oder fünf Jahren undenkbar gewesen wären...

Es ist ja nicht so, dass wir nur gekauft haben. Streit und Takahara wurden uns weggekauft und wir haben 4,5 Millionen Euro eingenommen. Wir waren gezwungen, zu investieren. Und dabei haben wir uns keineswegs übernommen. Denn ich habe einen Aufsichtsratsbeschluss, der besagt, dass ich alles aus dem laufenden Geschäft bezahlen muss. Wir haben gar nicht wie andere die Möglichkeit, uns für Transfers zu verschulden.  

Und mit dieser Regelung sind Sie auch ganz glücklich.


Mit diesem Beschluss schon, aber nicht mit den Folgen. Denn Spieler, die hier etwas heraus ragen, können wir nicht halten. Die werden nach Vertragsende mit Gehaltsangeboten zu anderen Vereinen geführt. Jermaine Jones und Albert Streit würden uns doch gut tun.  Solche Spieler können dafür sorgen, dass der Verein sich weiter entwickelt. Aber diese Leistungsträger werden von den führenden Klubs nach Vertragsende weg geholt.  

Wie lange wird Ihr Plan noch aufgehen? Glauben Sie, dass Sie die Frankfurter  noch für die nächsten zehn Jahren mit dem Argument des Städtekampfes ködern können?


Das kann ich nicht beurteilen. Mit Ihren Fragestellungen setzen Sie aber schon wieder eine neue Erwartungshaltung in Gang. Die veröffentlichte Meinung wird zur öffentlichen Meinung und setzt die handelnden Personen unter Druck. Wer hat denn schon Lust, sich beim Bäcker immer wieder auf die Langeweile in seinem Verein ansprechen zu lassen. Irgendwann gibt man den Erwartungen nach.

Wenn wir uns richtig erinnern, haben Sie auch als Manager in Bielefeld schon so argumentiert. Damals sagten Sie: »Jedes Jahr Bundesliga ist für Bielefeld ein Geschenk«.


Weil die Fans von Arminia es nur schwer wahr haben wollen. Was die Standortvoraussetzungen anbetrifft, ist Bielefeld kein Bundesligist. Aber sie schaffen es immer wieder – weil sie gut sind. Aber: Die Fans erwarten zu viel und das Stadion ist noch nicht mal gegen den  HSV ausverkauft. Das ist eine Katastrophe. Die Ostwestfalen müssen sich die Frage gefallen lassen, warum das Stadion selbst bei so einem Spiel nicht voll ist. Denn sie müssen jederzeit damit rechnen, dass sie das Gut »Bundesliga« verlieren können. 

Trotz Ihres latenten Pessimismus sind die Journalisten und Fans derzeit weitgehend auf einer Linie mit der Eintracht.

Wie kommen Sie überhaupt zu dieser Fehleinschätzung, mir Pessimismus zu unterstellen? Ich gebe meine realistische Einschätzung der Fußball-Bundesliga und der Situation von Eintracht Frankfurt wieder.

Wie stellt sich Ihnen denn derzeit das Umfeld der Eintracht dar?

Es ist die Pflicht des Vorstandes unseren Anhängern eine realistische Erwartungshaltung zu vermitteln. Natürlich hatte die Eintracht um 1992 vier oder fünf gute Jahre, aber sie war vorher und nachher auch oft auf Platz 13 oder 14. Die guten Jahre kriegt man aus den Leuten aber nicht raus. Bei der Eintracht redet man immer noch von Stein, Yeboah, Gaudino, Bein oder Okocha. Aber als die hier Spieler waren, lag der Spieleretat bei 40 Prozent im Vergleich zu dem der Bayern. Heute hat der FCB einen 430 Prozent höheren Spieleretat als wir. Es ist ein Leichtes ist für die Bayern, sich jeden Spieler zu holen, den sie wollen.

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